Anmerkungen zu Juli Zehs Corpus Delicti

Ein Prozess Nachdenken über verbotenes Denken oder was wir dafür halten
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Vorab eine gattungsgetriebene Anmerkung: Corpus Delicti ist nicht als Roman annonciert, auch nicht als Novelle (was eh kaum jemand verstehen würde) sondern ausdrücklich als Prozess. Zu verstehen als ein juristischer, der in Corpus Delicti ja auch stattfindet, wie auch als Leseangebot, man kann seine eigenen Vorstellungen einem Diskussions-Prozess unterziehen, und als Prozess einer Persönlichkeitsveränderung. Diese Anmerkung erscheint mir wichtig für eine Annäherung an Juli Zehs Werk.

Ohne die Art der gesellschaftlichen Krise, in der wir uns gerade wiederfinden, wäre Corpus Delicti immer noch Teil nicht mehr rezipierter jüngerer Literaturgeschichte. Aber die Krise allein hätte nicht ausgereicht, Corpus Delicti aus dem Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft zu holen. Erst ein Statement, zusammen verfasst mit „namhaften“ Persönlichkeiten, das die Sinnhaftigkeit der Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens in Frage stellte, schob Corpus Delicti ins Rampenlicht. Der Apell Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich, gedacht als Gegenentwurf zur aktuellen Strategie der Politik, und die sich daran anschließende Diskussion, führten zur Wiederentdeckung von Corpus Delicti.

Nicht zum Apell werde ich mich äußern, sondern zu Corpus Delicti. In diesem Text geht es um Widerstand, rein persönlichen. Ausgehend von einem persönlichen Schicksalsschlag stellt Mia Holl ihr bisheriges Leben in Frage. Die herrschende „Methode“, so nennt sich die Ideologie eines nicht genauer bezeichneten Systems Mitte des 21. Jahrhunderts, garantiert allumfassende Gesundheit seiner Bürger, bei genauso umfassender Unterwerfung aller unter die Regeln der „Methode“. Die „Methode“ hält widerständige Gedanken, Verhaltensweisen nicht aus, stellt die Unangepassten kalt, im wahrsten Sinn des Worts.

Was interessiert uns ein Text aus dem Jahr 2009? Der Text interessiert als Utopie. Utopie gedacht, in Anlehnung an Ernst Bloch, als Vor-Schein dessen, was sein könnte. Utopie und nicht Dystopie deshalb: weder der Staat noch eine Gemeinschaft ist ins Unglück gestürzt. Lediglich eine Person, dazu noch gezeichnet durch einen persönlichen Schicksalsschlag, stürzt aus der Wohlfühlblase. Und so funktioniert Literatur: in der Annäherung an einen fremden Text finde ich mich mit meinem Erfahrungshorizont wieder einer fremden Welt. Und das können wir am Besten in der Auseinandersetzung mit einzelnen Personen. Verfassung und Funktion des Staatswesens, politische Ausrichtung, das alles ist nur angedeutet, nichts ist ausgearbeitet. Die individuelle Entscheidung steht im Mittelpunkt. Sich Fragen zu stellen, die die „Methode“ als systemkritisch, zersetzend betrachtet und nicht tolerieren kann, nonkonformes Verhalten als Attentat auf das Gemeinwohl – Rebellion des Individuums als Weg zurück zur Selbstachtung:

>>Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet. Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll. Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert. Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität definiert. Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf Zirkelschlüsse stützt. Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet. Ich entziehe einer Philosophie das Vertrauen, die vorgibt, dass die Auseinandersetzung mit existentiellen Problemen beendet sei. Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen und sich lieber an »funktioniert« oder »funktioniert nicht« hält. Ich entziehe einem Recht das Vertrauen, das seine Erfolge einer vollständigen Kontrolle des Bürgers verdankt. Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. Ich entziehe einer METHODE das Vertrauen, die lieber der DNA eines Menschen als seinen Worten glaubt. Ich entziehe dem allgemeinen Wohl das Vertrauen, weil es Selbstbestimmtheit als untragbaren Kostenfaktor sieht. Ich entziehe dem persönlichen Wohl das Vertrauen, solange es nichts weiter als eine Variation auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ist. Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt. Ich entziehe einer Wissenschaft das Vertrauen, die behauptet, dass es keinen freien Willen gebe. Ich entziehe einer Liebe das Vertrauen, die sich für das Produkt eines immunologischen Optimierungsvorgangs hält. Ich entziehe Eltern das Vertrauen, die ein Baumhaus »Verletzungsgefahr« und ein Haustier »Ansteckungsrisiko« nennen. Ich entziehe einem Staat das Vertrauen, der besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Ich entziehe jenem Idioten das Vertrauen, der das Schild am Eingang unserer Welt abmontiert hat, auf dem stand: » Vorsicht! Leben kann zum Tode führen.«
Ich entziehe mir das Vertrauen, weil mein Bruder sterben musste, bevor ich verstand, was es bedeutet zu leben.<<
(aus: Juli Zeh, Corpus Delicti S. 186 f)

Um den Zentralbegriff „Vertrauen“ geht es. Wie kann ich einer Regierung, einem System, einer „Methode“ vertrauen, in dem mir jede Selbstverantwortung entzogen wurde, wo es nur um Verantwortung geht und Verantwortung definiert wird als Befolgen von Regeln?

Corpus Delicti ist selbstverständlich eine Verkürzung, ein Herunterbrechen komplexer Vorgänge auf ein Thema, das der Gesundheit und eine Reduktion auf ein Einzelschicksal. Nun ja, nur so funktioniert realistisches Schreiben. Damit kann der Text abwandern in die Schatzkammer schöner, guter Lesefrüchte. Zu kurz gegriffen, weil zwei Worte des Titels vergessen: Ein Prozess. Wenn wir uns nicht auf den Prozess des Verstehens einlassen, dann ist Corpus Delicti belanglose Unterhaltung. Ich bekenne mich der Hermeneutik, verstanden als Prozess der Annäherung, dem Verstehenwollen unter der Voraussetzung eigener Erfahrung. Wir erfahren täglich, wie schnell eine andere Meinung als die unsere abgetan wird als bestenfalls unwahr, besser noch aber als verschwörungstheoretisch verseucht und damit nicht tolerierbar. Und wir selbst? Noch Erinnerungen an den militärisch-industriellen Komplex, der für alles verantwortlich ist, was nicht so ist, wie wir uns das vorstellen? Schwer aushaltbar die Staatsfeindlichkeit der „Neuen Rechten“ im Wissen um die Ablehnung des Staats durch die Anarchisten Mühsam und Landauer. Und alle Diskussionen enden dann in einer Hufeisen-Querfronttheorie (bestenfalls) oder schlimmer noch im Zirkelschluss?

Nein, natürlich müssen wir von den Wurzeln reden, von den Bedingungen. Und da beginnt das Denken – staatsfeindlich heißt bei den Neuen (und alten) Rechten immer „dieser bestehende Staat“ um dann eine neue Gemeinschaft auszurufen, eine autoritäre Gemeinschaft als ideologisch konnotierter Staat. Und wenn wir von Krankheit sprechen, körperlicher wie seelischer, so ist manchem von uns nichts ferner als der staatlich verordnete Reparaturbetrieb. Wir müssen also davon reden, wie Gesundheitsindustrie funktioniert, wie Krankheit stigmatisiert wird und der Tod immer mehr dem Bild eines Schrottplatzes sich angleicht, auf dem prekär bezahlte Menschen hart arbeiten an der Beseitigung ausdienten Materials.

Stellung beziehen heißt nicht, zu wissen was wahr oder unwahr ist! Es bedeutet aber auch kein „alles geht“! Es geht nicht um Zustimmung sondern um Wahrnehmung im Wortsinn: Was mein Gegenüberüber äußert, ist erstmal wahr – für ihn. „Corona nicht schlimmer als Grippe“ – wer heute, Mitte Mai 2020, das äußert hat das Brandmal des Verschwörungstheoretikers sichtbar auf der Stirn. Ende März 2020 äußerten sich viele Fachleute, Wissenschaftlich gleich oder ähnlich (also nicht viel schlimmer als Grippe) – sie wussten es nicht besser. Wissenschaftlichem Fortschritt nicht blind zu trauen, das ist keine verschwörungstheoretisch getriebene Fehlleistung, es kann ja auch Skepsis sein. Wir haben es immer weiter in unsere Köpfe sickern lassen, dass ein gutes Leben nicht gleichbedeutend mit sorgenfreiem Leben ist. Wir haben es zugelassen, dass Skepsis mit „der hat was zu verbergen“ gleichgesetzt wird. Wir sind der Ideologie der Machbarkeit aufgesessen. Wir brauchen einen Diskurs, der den Herrschaftsbereich sichtbar macht, um daraus Utopien zu denken und utopisches Denken in Handeln einfließen zu lassen.

„Mit dem notwendigen ‚Gang‘ des Ganzen (der Weltuhr oder Weltmaschine) versöhnt nur der Wille zur Freiheit, die zur Abwehr von Resignation und Melancholie ‚prätendiert‘. (Goethe 1771) „postuliert“ (würde Kant sagen) „bei Strafe des Untergangs“ (so Ernst Bloch).

Und so ist Juli Zeh zu danken für Corpus Delicti und für uns zu hoffen, dass wir nicht steckenbleiben in der verordneten Konformität. Dieses Hoffen wird bestärkt durch den Schluss von Corpus Delicti -durchtrieben, wahrhaftig und dialektisch mit reitendem Boten?

16:08 22.05.2020
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