Ist Systemkritik erlaubt?

Medialer Beschuss. Darüber, warum Xavier Naidoo die falsche Zielscheibe ist.
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Ist Xavier Naidoo das Problem?

Medien beschießen seit Wochen im zusammengefassten Feuer aller zur Verfügung stehenden Geschütze diesen Sänger Xavier Naidoo ob seiner Systemkritik. Sie ziehen über ihn her - sie verdrehen, verzerren, verkehren ihn im besten Stile eines medialen Zerstörers bis zur Unkenntlichkeit. Ist Naidoo so weltbewegend? Was erhoffen sie sich? Mehr Leser?

Ich meine, wenn Medien - die vierte Gewalt im Staat(?) - in einer Front gegen die schießen, die Systemkritik betreiben, ist was gewaltig faul am Konstrukt Demokratie! Gerade diese Medien sollen ja die Gesellschaft unterstützen und dafür sorgen, dass Demokratie in der Spur bleibt. Gestatte man mir in der Folge die Frage - und fasse es nicht als Medienhetze, sondern als Kritik auf:

Tun sie das?

Das Verbrechen

Aktuell sehen wir meines Erachtens ein totales Versagen der Medien - allein am Beispiel von Naidoo, ohne andere Beispiele zu bemühen. Der Mann übt massive Systemkritik.

Systemkritik ist sein »Verbrechen«.

Nur - was sehen wir bei den Medien? Statt sich mit Naidoo's Thesen auseinanderzusetzen, entledigen sie sich Seiner. Im kurzen Prozess schieben sie ihn in die rechte Ecke, ohne bei ihm gefestigte, klare rechtsextremistische Positionen oder Taten auszumachen. Das war's? Wie im Kindergarten - arme Medien!

Unvoreingenommen (ohne Post-Fakten) ist dem gegenüber Folgendes sichtbar

Es sind genau diese Medien, die uns Tag für Tag das Feindbild Russland liefer(te)n.

Es sind diese Medien, die uns vorgaukel(te)n, die Massenüberwachung sei nötig zur Terrorbekämpfung.

Es sind diese Medien, die uns wieder und wieder einrede(te)n, die NATO müsse im Waffenpotential und in der Ausdehnung wachsen.

Es sind diese Medien, die Tag für Tag von Kriegsursachen sprechen, aber nicht ausreichend die Schuld der Regierenden Deutschlands, Europas, der USA bei diesen hausgemachten Kriegsursachen klarstell(t)en.

Es sind diese Medien, die uns einreden, in der Bundeswehr steck(t)e keine Wehrmacht - die sich nicht wundern, dass ein MAD-Offizier, der gleichzeitig AfD-Politiker in Köln ist, über die Verfassungsmäßigkeit von Soldaten befindet(e).

Es sind diese Medien, die wenig darüber zu berichten hatten, wie Naidoo in vielen zurückliegenden Jahren für Toleranz eintrat, sich aktiv gegen Rassismus und Fremdenhass einsetzte.

Es sind die Medien, die dem geduldeten Missbrauch durch Lobbyisten u. a. der Pharmaindustrie und Rüstung keine Aufmerksamkeit widme(te)n.

Es sind diese Medien, die sich kaum oder selten oder garnicht frag(t)en, warum unsere Regierung Massenüberwachung duldet(e), warum sie Waffenlieferungen genehmig(t)en, warum sie Soldaten in Kriege sende(te)n, warum sie soziale und globale Ungerechtigkeiten dulde(te)n.

Es sind diese Medien, die uns überwiegend einen heilen NSU-Prozess liefer(te)n - die es einfach nicht schaff(t)en, offensichtliche institutionelle Verstrickungen und Verbrechen im Hintergrund des NSU-Geschehens zu entlarven - die es nicht auf die Reihe bekommen, Gründe für das massenhafte Verschleppen der Behandlung "kleiner" bis gewalttätiger rechtsextremistischer Straftaten zu hinterfragen, zu analysieren und darzustellen.

Es sind diese Medien, die unter dem Deckmantel der Aufklärung mehr und mehr journalistische Prinzipien vergessen und stattdessen vorgegebene Denkweisen statt Fakten transportier(t)en.

Es sind diese Medien, die es nicht schaffen, aufzudecken, wie falsch es ist, die Ressourcen dieser Welt in den Händen Weniger zu konzentrieren - die den Energiemultis zu Publicity verhelfen, statt den dezentralen Lösungen erneuerbarer Energien, die allen Menschen der Welt von Nutzen sein könnten.

Es sind diese Medien, die uns täglich regelrecht auf den Sack gehen mit ihren egozentrischen Börsenberichten arroganter Berichterstatter - Berichten, die wohl nur dem äußerst geringen Bevölkerungsanteil »Hochvermögender« nützen - Berichten, die nur das entmenschlichte System derer widerspiegeln, die mit der eigentlichen Wertschöpfung der Menschen verantwortungslos spekulieren.

Es sind die Medien, die systemkritischen, aber konstruktiven Initiativen, wie »Attac«, die sich u. a. für streng regulierte Kapitalmärkte und Steuergerechtigkeit einsetzen, kaum Beachtung schenk(t)en. Siehe in dem Zusammenhang auch den Attac-Bericht "Schäuble-Ministerium behindert Gemeinnützigkeit von Attac".

Wie kann das sein?

Jetzt aber übt Naidoo Systemkritik! Um Gottes Willen - er beschimpft Marionetten. Das Schlimme dabei, diese Marionetten gibt es tatsächlich.

Marionetten - um es kurz zu definieren. Eine Marionette ist im politischen Dasein ein das Volk vertretender Demokrat - oder besser gesagt ein »Lobbykrat« -, der den Willen des Lobbyisten über den Willen der Mehrheit, des Souveräns stellt. Über viele solcher Entscheidungen zu berichten - das wäre ein weiteres Thema, zuerst aber eine Funktion der Medien.

Ich will an dieser Stelle gar nicht über Naidoo richten. Das steht mir nicht zu. Ich stecke nicht in seinen Schuhen - ich habe nie seine Mokassins getragen, sein Bewusstsein nie gelebt.

Nur - Was ist an Systemkritik so schlecht?

Wissen wir denn nicht den Grund für diese berechtigte Systemkritik? Ist es nicht die maßlose Profitsucht Weniger, die Diktatur des Geldes und letztlich die »Sucht« und das Verbrechen Weniger, dieses Diktat zu betreiben?

Die Root-Course - die Wurzel des Übels ...

... ist es nicht die uneingeschränkte Diktatur des Finanzkapitals, die das Werkzeug des (in Teilen sicher nötigen) Lobbyismus in den Parlamenten massiv missbraucht, die den Menschen unter der Überschrift »Demokratie« die Sicht auf die erschütternde Wahrheit verkleistert?

Sind es nicht die vorgegaukelten demokratischen Standards, die selbst der Staat in Übertretung eigener Rechtsgrundlagen negiert - siehe u. a. Rechtsverstöße gegen nationale und internationale Regularien bzw. Verstöße gegen Privatsphäre, widerrechtliches Führen von Kriegen, Kriege von deutschem Boden aus, Modernisierung von Atomwaffen, statt Beseitigung ...?

Ist es nicht der aktuell kollabierende Kapitalismus, der seinen Wohlstand historisch auf dem Rücken der Dritten Welt - der Welt, die heute so blutet - begründete, ...

... der ein NACHDENKEN ÜBER DIESES SYSTEM so dringend erforderlich macht?

Medien des Totalitarismus

Der Totalitarismus schwebt nicht als Damoklesschwert über uns, er hat die Gesellschaft bereits vereinnahmt. Und die Medien spielen nicht nur im Falle Naidoo in seltener Übereinstimmung »das Lied der betörenden Sirene«.

Die Doppelmoral der übergroßen Mehrheit deutscher Medien und auch der Politik (z. B. im Verhältnis zu Trump) ist einfach nur Ausdruck dieses Zustands.

Alle sehen es und Niemand schreitet ein - möchte man meinen. Nein - es gibt auch wenige Ausnahmen unter den Medien. Wenige Medien nur zeigen auf, wie auch der Neoliberalismus, die bisherige Moderne versagt(e) und nicht nur die Politische Klasse.

Bestes Beispiel sind solche Berichterstatter und Gremien wie Jakob Augstein, Jürgen Todenhöfer und »Der Freitag«. Natürlich - auch Sie sind diskussionswürdig hier und da - wer ist bzw. sollte das nicht sein. Wir sind von Intelligenz geleitet, wenn wir das auf Sachebene schaffen und daraus Nutzen ziehen.

Nur, wir stehen überwiegend vor einer bitteren Wahrheit.

Es mangelt an guten Medien! Wir brauchen wieder Medien, die vor journalistischen Prinzipien Respekt haben, die vor Allem aber vor ihren Konsumenten Respekt haben.

Wir brauchen dabei auch die Systemkritik! Nichts ist in der Lage, eine ständige Verbesserung zu erhalten, wenn es keinem ständigen Hinterfragen unterliegt.

Nebenbei - wir brauchen Medien, die zuerst investigativ arbeiten. Warum sind es eigentlich nicht zuerst die Öffentlichen - sie hätten doch das nötige Kleingeld?

Macht der Medien

Medien als vierte Gewalt (Säule) im Staat? Natürlich - kein Instrument hat ihnen diese Macht faktisch verliehen. In diesem Sinne ist diese Diversifizierung unzulässig.

Es liegt aber nicht in unserem Ermessen, den allgemein gebräuchlichen aktuellen Stand der Bewertung der »4. Säule im Staate«, die praktische Wirkung, die reale Macht der Medien zu negieren. Diese Wirkung ist ihnen trotzdem und tatsächlich machtvoll - wenn auch nicht institutionell - neben Exekutive, Legislative und Judikative gegeben.

Beste Beispiele einer praktizierten Macht der medialen Rolle in der Geschichte gab es immer wieder bei der Eröffnung von Kriegen. Oft genug ganz bewusst konstruierte, ja generalstabsmäßig erfundene kriegseröffnende Anlässe medial in die Massen injiziert, gaben den Kriegstreibern immer noch die entscheidende Legitimation, ihre Kriege zu eröffnen(!). Das lässt sich in einer langen, unheilvollen Liste nachvollziehen. Aus so einer verhängnisvollen, letztlich staatstragenden Rolle bzw. Situation heraus wurde sogar 1917 der Pulitzer-Preis gestiftet.

Menschen lassen sich nun mal von Informationen und Gefühlen leiten. Das ist eine Frage der Psyche des Einzelnen, der Gruppe und der Masse. Das ist auch eine Frage der Gesetze der Kommunikation - dessen was ankommt und nicht dessen, was gesagt wurde. Mit medialen Berichten und deren Gehalt an Wahrheit, Unwahrheit, »Post-Fakten« etc. lassen sich Segel beeinflussen, die die Richtung ändern, die den Lauf der Dinge auch manipulieren, die der gefährlichen Demagogie Tür und Tor öffnen können - wir wissen das.

Daraus ergibt sich auch die enorm hohe Bedeutung und gesellschaftliche Verantwortung der Medien.

Wer oder was das Problem ist

NAIDOO ist nicht das Problem - das Problem ist das System - meine Damen und Herren der deutschen Medien!

Russland und seine Menschen sind nicht das Problem - das Problem sind die, die am Krieg verdienen wollen.

Die Flüchtlinge sind nicht das Problem - das Problem sind die, die an Destruktion im Mittelmeerraum und Nahen Osten partizipieren, meine Damen und Herren der konservativen Medien und »nazi-freundlichen Querfrond-Medien«.

Der US-Präsident als Person ist nicht das Problem - EGAL, wer am Ruder sitzt, ob Trump oder Clinton - das Problem ist das System, das einem maßlosen Hegemoniestreben behaftet ist, das explizit in diesem Sinne die herrschenden Regularien des Präsidentschaftsdaseins schuf.

Wer das anders sieht, der kann im Umkehrschluss nur meinen, die Massen, die Menschen wären das Problem.

Was für eine Vorstellung, zu glauben, dass die Unfallopfer das Problem wären - werte Medien!

Was für eine Vorstellung, zu glauben, die Opfer hätten kein Recht auf Kritik - werte Medien!

Wer das Recht auf Systemkritik negiert, ist kein Demokrat.

Abschließend möchte ich auf eine bemerkenswerte Reflexion über das Versagen der Medien am Beispiel von Xavier Naidoo verweisen - siehe Beitrag des Heise-Verlages "Medienhetze gegen Systemkritik".

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Wolle Ing - folgen unter

13:23 19.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolle Ing

Jahrgang 1961; Offizier/Kommandeur, System Integration Engineer (Nanotech., IT, QM); Interessen: Militärgeschichte, Religionen, Physik, Bloggen, Web
Wolle Ing

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