Digitalisierung – Rationalisierung

Zukunft der Arbeit Digitalisierung – der Hype! Digitalisierung ist gut – wirklich?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kritische Anmerkungen zum allumfassenden Drang alles zu digitalisieren, wird schnell kommentiert „die Zukunft kannst Du nicht aufhalten“. Das ich richtig. So genau kann niemand sagen, was die Zukunft bringt. Die Zukunft zu verändern und nicht allen vermeintlich „heilbringenden“ Trends hinterher laufen, dies kann man aber versuchen.

Als Beschäftigter in der Versicherungsbranche, die jetzt den „Zwang“ zur Digitalisierung erkannt haben will, stell ich mir noch mehr die Frage „wollen wir das als Gesellschaft überhaupt?“. Was dient dem Wohle von uns, dem Volk, also unserer Gemeinschaft überhaupt? Der Begriff „Digitalisierung“ wird für alles verwendet, was moderne Computertechniken zu bieten haben.

Ich denke hier vor allem daran, möglichst viele Tätigkeiten vom Menschen auf die Maschinen zu verlagern. Dies reduziert Kosten – Personalkosten, dies freut den Aktionär. Mehr Gewinne, die man über Steueroasen an den Kosten für eine Gesellschaft (z.B. Rentenkasse) vorbeischiebt. Die Maschinen zahlen keine sozialversicherungspflichtigen Abgaben. Maschinen können 24/7 arbeiten, Maschinen haben kein Burn-Out und Maschinen streiken schon gar nicht.

Konzerne, die Tätigkeiten durch die Rationalisierung sprich Digitalisierung einsparen, führen dann immer weniger Steuern und Abgaben ab. Der Kostendruck der Kostendruck hört man nur zu oft. Aber sind wir daran nicht zum Teil selber schuld? Nur zum Teil, der Spruch „Geiz ist geil“ kommt nicht von ungefähr. Vergleichsportale bieten die Chance den möglichst „geilsten Beitrag“ zu ermitteln. Das Leistungspaket, welches der Verbraucher kauft, ist auch hier nicht immer transparent. Der Preis zählt! Gekauft! Der Shareholder strebt grundsätzlich nach Gewinnmaximierung. Nichts neues, nachhaltige Unternehmer, die auch eine soziale Verpflichtung für ihre Belegschaft sehen, werden leider immer weniger. Ein Grund sein eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen. Die „Soziale Marktwirtschaft“ wird durch Digitalisierung nicht gestärkt. Dies muss jetzt der Verbraucher tun.

Alles hat einen Wert – wie die Milch! Wenn der Preis unter die Lebensgrenze von Landwirten gedrückt wird, ist es dann die Lösung, die Milch von dort zu importieren, wo die Roboter die Kühe melken?

Ist dies die Zukunft, wenn durch alle Branchen nicht nur die einfachen Tätigkeiten, sondern auch hochwertige Jobs durch Maschinen ersetzt werden?

Artikelauszug (Quelle: http://versicherungswirtschaft-heute.de/maerkte/der-digitale-wandel-wird-niemals-wieder-langsam-sein-wie-heute/)

210.000 Beschäftigte im Innen- und Außendienst (ohne Externe) finden Lohn und Brot in der Versicherungswirtschaft. Von diesen wird im Rahmen der Digitalisierungsstrategien in den Unternehmen kurz- bis mittelfristig ein Drittel bis die Hälfte entfallen, wenn man Aussagen der Vorstände Thomas Buberl (Axa), Markus Rieß (Ergo) und Manfred Knof (Allianz Deutschland) glauben darf.

Jetzt sind wir schon bei kurzfristig.

Die Interessensausgleiche bzw. Sozialpläne, die kürzlich abgeschlossen wurden, scheinen nur die Vorboten der nächsten Rationalisierungsstufe zu sein. Die nächste Stufe wird dann wohl den Innendienst treffen. Digitale Standbeine (www.nexible.de) werden schon aufgebaut. Vollmundig wird dem Verbraucher vermittelt „die Zeit ist reif für eine volldigitalisierte Versicherung. Nur weil etwas technisch möglich ist, muss es nicht gut sein und auf das allgemeine Wohl der Gesellschaft einzahlen. Man kann nur hoffen, dass es in der Bevölkerung zu einem Umdenken kommt. Tätigkeiten, werden auf den Verbraucher abgewälzt, dann nennt man wohlklingend „Self-Service“ und der Rest auf die Maschinen. Das mit immer besseren Logiken der Computer auf das Leitungsrisiko einer Versicherung immer mehr minimiert wird, ist ein gewinnbringender Nebeneffekt. Wiederspricht allerdings dem „Gründungsgedanken“ aus den Anfängen der Versicherungsvereine.

Der Blog von Elisabeth Biedermann „Wie ich digital-transformatorischen Fanatikern den Rücken kehre“ spricht für mich Bände. Auf alle Plattformen wird der „Digitale Gott“ gebetet. Eine gesellschaftspolitische Diskussion über „was brauchen wir für die Zukunft“ bzw. „wie wollen wir in der Zukunft leben“ findet kaum Beachtung. In der Politik scheint dieses Thema nicht angekommen zu sein. Vielmehr wird die Investition in die Digitalisierung gelobt. Frage nur zu welchem Zwecke und wohin genau? Gegen schnellere Datenautobahnen ist wenig einzuwenden.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie weit er Digital mitmacht, nur das Billigste konsumiert oder sich aktiv in die Diskussion einbringt – Zuschauen und Meckern kann jeder, dies verändert nichts. An meine Generation gewandt, die schon am „WAA-Zaun“ (Wiederaufbereitungsanlage – Nein Danke) stand, es ist Zeit wieder aufzustehen. Politiker muss man „drängen“. Flagge zeigen und seine Meinung kundtun (geht ja heute auch ohne nasse Füße *g*).

by WorldWideWolff

19:23 13.10.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare