Klappern gehört zum Handwerk

Porträt "Laura Newman" Früh entwickelt sie eine Vorliebe für fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählungen. Heute veröffentlicht Laura Newman im Selbstverlag und wirbt auf allen Kanälen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

http://www.kunststoff-interactive.de/images/derfreitag/newman/lauranewman.jpg

http://www.kunststoff-interactive.de/images/derfreitag/newman/coherent.jpg© Laura Newman

Aufgeregt sei sie gewesen, sagt Laura Newman, als sie im Juni ihr neues Buch „Coherent“ in die freie Wildbahn entlässt. Es ist ihr sechster Roman. Sich deshalb als Schriftstellerin zu bezeichnen, komme ihr nicht in den Sinn. „Es steht mir nicht zu, da ich keine Verlags-Schriftstellerin bin“, meint die 32-Jährige. Sie trägt Jeans und ein mintfarbenes T-Shirt mit eigens entworfenen Aufdruck „WIR SIND BOOKTUBE“.

Booktube ist eine gemeinschaftliche Aktion all jener, die ihre Bücher-Leidenschaft in Form von YouTube-Videos verbreiten. Diese Liebe verbindet sie mit Selbstverlegern. Eine Symbiose, aus der jeder seinen Nutzen zieht. Ohne diese Art der Werbung ist das Verbreiten eines selbstverlegten Buches kaum möglich, denn in den Feuilletons finden Rezensionen selbstpublizierter Bücher keinen Platz. „Einen professionellen Anspruch auf Literaturkritik haben Booktuber nicht.“

Als Selbstverlegerin gehört sie einer aufstrebenden Autoren-Generation an, die ihre Bücher in Eigenregie veröffentlicht. Unterschiede zwischen traditionellen Verlagsautoren und selbstverlegenden Autoren stören sie nicht übermäßig.

Es ist Mittagszeit in Bremen, Newman´s Revier. Hier wohnt und arbeitet sie in einer Altbauwohnung mit angenehm knarzenden Dielenboden. Ihr Arbeitszimmer, ein wahrer Kreativraum, erstrahlt in Pastelltönen. Das Mobiliar im „Shabby Chic Syle“ ist eine gekonnte Mischung aus Erbstück, Flohmarkt-Schnäppchen und Selbstgemachtem. Eine große Fensterfront mit Balkon lädt zum kurzweiligen Erholen ein, der Schreibtisch zum kreativen Chaos. Vollgestopft mit Technik, Werkzeugen und Schubladenregalen inspiriert er zum Bruch mit gewohnten Denkmustern, Traditionen und Konventionen.

Für die gelernte Mediengestalterin die richtige Atmosphäre, um kreativ zu sein. Neben dem Schreiben betreibt sie den YouTube Kanal „The Loony Life“ und stellt handgemachten Schmuck her. „Ich bin ein Kreativjunkie!“, sagt die quirlige Brünette lachend.

„Zehn Jahre habe ich als Mediengestalterin in der Werbebranche gearbeitet. Mit Kreativität hatte das nichts zu tun.“ Fließbandarbeit trifft es eher. „Am Ende war es nur noch schrecklich“, meint Laura rückblickend. Frustriert und unglücklich sucht sie nach neuen Aufgaben. „In der letzten Phase als Mediengestalterin habe ich alles Mögliche probiert“, erzählt sie, „eben auch ein Buch zu schreiben.“ Acht Monate später ist ihr erster Roman fertig. Das war 2010. Blauäugig schickt sie das Manuskript an potentielle Verlage, ohne Erfolg.

Jahre später stößt sie beim Lesen eines Kindle eBooks auf unabhängige Autoren, die im Selbstverlag veröffentlichen. Der Traum vom Schriftstellerdasein rückt in greifbare Nähe. Als Werbeprofi stellt sie ihre Strategie um, informiert sich und veröffentlicht kurzerhand ihre ersten zwei Romane der Serie „Time Travel Inc.“ über die Kindle-Direct-Publishing-Plattform KDP.

Im Gegensatz zu vielen Selbstverlegern bindet sich die Autorin nicht exklusiv an Amazon. „Ich veröffentliche meine Bücher grundsätzlich über verschiedene Plattformen. Dazu gehören Amazon KDP, Neobooks der Verlagsgruppe Droemer Knaur und BOOKS on DEMAND BoD.“ Ob es sich um Hardcover, Taschenbücher oder eBooks handelt, spielt dabei keine Rolle. Sich zu binden bedeutet, die Fangemeinde zu vergrämen. Umsatzeinbußen wären vorprogrammiert.

Neben dem Schreiben hat Laura Newmann sich um die Leser zu kümmern, ihre „Fanbase“, wie sie sie nennt. Das Veröffentlichen ihrer Manuskripte, das Hochladen der Dateien kostet nichts, nur Zeit. Zeit, die sie in ihren YouTube Kanal und die Pflege potentieller Leser investiert. Selbstverleger bedeutet auch Selbstvermarkter zu sein. Diese Rolle fällt der Mediengestalterin leicht. Sie zieht alle Register, ist Regisseurin ihres eigenen Lebens und macht sich selbst zur Marke. Hilfreich ist auch hier die Erfahrung aus der Werbung.

Ihre Bücher plant Laura generalstabsmäßig. Buchsatz, Illustration und Covergestaltung heben sie von der Masse der selbstverlegten Titel ab. Medienwirksam setzt sie ihre Geschichten in Szene, produziert Videotrailer für das Internet, denkt sich Werbeaktionen aus und steht fast täglich für ihren YouTube Kanal vor der Kamera.

Der persönliche Kontakt zu den Lesern ist ihr wichtig. Facebook, Twitter, Instagram, Laura Newman funkt auf allen Kanälen, ist dem Trend immer auf der Spur. „Ohne Fanbase ist das gar nicht möglich!“, bemerkt sie an ihrem Strohhalm nippend. „Nur eine öffentliche Marktpräsenz generiert auch neue Leser.“

Es sei schwierig gedruckte Bücher in den stationären Buchhandel zu bringen, für Selbstverleger beinahe unmöglich. „Immerhin werden meine Bücher durch BoD bei den Großhändlern und in dem Verzeichnis lieferbarer Bücher gelistet“, sagt sie, „so kann zumindest jeder meine Bücher im örtlichen Buchhandel bestellen.“ Aufmerksamkeit erzeugen, sichtbar werden, das geht nur mit viel Engagement. Klappern gehört für Laura Newman unbedingt zum Handwerk.

Sie ist extrem engagiert, kündigt ihren Job in der Agentur, wird 2014 hauptberufliche Selbstverlegerin und stürzt sich kopfüber ins kalte Wasser - ein hohes finanzielles Risiko. Endlich glücklich zu sein, sei ihre Motivation gewesen, sagt Laura rückblickend. „Geld spielte bei diesem Schritt keine Rolle.“

Zeitgleich veröffentlicht sie die „Nachtsonne“-Trilogie, eine dystopische, fiktionale und zukunftsorientierte Erzählung einer Gesellschaft, die sich am Rande ihrer Existenz befindet. Anders als andere Autoren dystopischer Geschichten, will sie keine Botschaft einer bedenklichen Gegenwart vermitteln. Sie schreibt, was sie gerne liest - Unterhaltungsliteratur, und nennt es: „Young Adult Fiction für Erwachsene und Jugendliche.“

Im Juni 2015 folgt „Coherent“, ein Gegenwarts-Thriller mit Fantasy-Einschlag. Für Anfang Oktober steht „Another Day in Paradise“, ein Zombie-Thriller, in den Startlöchern. „Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse“, wie Laura Newman verschmitzt betont.

© Laura Newman

© Laura Newman

Auf die Frage, ob sich ihre Vorstellung einer Selbstverlegerin erfüllt habe, antwortet sie: „Ich mache, was mir Spaß macht und mich erfüllt. Mein alter Beruf war langweilig und das Schreiben allein macht es auch nicht. Die Kombination aus allem ist definitiv der Fun-Faktor. Ich schreibe für eine Zielgruppe, die sich ergeben hat. Und nur, wenn ich Lust habe. Solange sich der Verkauf im gesunden Mittelfeld befindet, am Tag fünf bis sechs Bücher pro Titel, verfüge ich über ein sicheres Einkommen.“

Laura Newman argumentiert ehrlich und solide, ist auf dem Boden der Tatsachen geblieben. Sie macht sich nicht zu viele Gedanken über den großen Durchbruch, arbeitet hart an ihrer Zukunft und überlässt nichts dem Zufall. Noch für dieses Jahr plant sie eine Hörbuch-Adaption ihres Romans „Coherent“, natürlich im Selbstverlag.

Laura Newman: "Another Day in Paradise". Roman. Selbstverlag, Oktober 2015. 369 Seiten, E-Book 1,99 Euro.

Laura Newman: "Coherent". Roman. Selbstverlag, Juli 2015. 408 Seiten, 12.99 Euro. E-Book 2,99 Euro.

Laura Newman: "NACHTSONNE". Roman. Selbstverlag, 2014.

wortHeldbloggt auf freitag.de

14:58 09.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

wortHeld

Diplom Designer | Journalist (FJS) | Multimedia Producer | Alltagsphilosoph
Schreiber 0 Leser 0
Avatar
Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare