Ein Querkopf der Literatur

Autor Josef Feistle Er lästerte noch vor "WikiLeaks" gegen die NSA, er geht zu Fuß über die Alpen und schreibt hinreißende Reisebücher: Portrait Josef Feistle aus dem bayerischen Weißenhorn.
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An einem wie diesem Josef Feistle hätte die US-Spähbehörde NSA ihre helle Freude – er reist gerne und viel, er hält mit seiner Meinung nicht hinterm sprichwörtlichen Berg und ein begabter Spötter ist er auch noch. Aber er ist fast unerreichbar, zumindest für die digitale Gegenwart: Feistle lebt in einem pittoresken Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert, das er selbst renovierte. Er besitzt zwei Oldtimer aus den 50er Jahren, er besitzt kein Handy, keinen Computer, nicht mal ein Fax-Gerät. Der einzige Schlupfwinkel für die Gegenwart ist ein moderner Herd in der ansonsten stilecht-historischen Küche. Zu seinen Lesungen reist er in einem Lada aus den 1980ern an, in dem alles verstaut ist, was ein fahrender Schriftsteller benötigt: Schreibmaschinen, Ersatzfarbbänder, Schreibpapier, Notizblöcke und eine Kamera – analoge Spiegelreflex, stilecht Leica, was sonst. Josef Feistle wirkt wie einer, der nicht so recht in diese Zeit passen will. Und genau so sind auch seine Gedichte, seine Reise-Erzählungen, seine geistreichen Spötteleien, seine witzigen, gleichwohl fordernden Bonmots. Auch bei seinem Literaturabend im Theater Neu-Ulm läßt er dem Publikum keine geistige Verschnaufpause. Mitdenken ist gefordert. Wer sich billig amüsieren will, ist hier falsch.

Kein Interesse am irr summenden Literaturmarkt

Die veritable Bühnenshow mit subversiven Einlagen und nonchalantem Sprachwitz macht es auch an diesem Abend einem nach Schnelligkeit und Videoclip-artiger Rasanz dürstenden Publikum nicht leicht. Da sitzt Feistle in seinem Bühnenarrangement – einem Lesetischen in Biedermeier-Manier, davor turmartig aufgestapelt Bücher, hinter sich eine Leinwand, auf die ein meditativ summender Tageslicht-Projektor (!) Schwarzweißfotos von seinen Reisen wirft. Sieben Bücher schrieb Feistle, keines davon erschien in einem Massenverlag, obgleich durchaus Interesse da wäre. Aber Feistle mag sich nicht in seine literarische Arbeit dreinreden lassen. Und die Geschichten in den Büchern gibt es nur im Doppelpack mit seinen Tuschzeichnungen. Gedruckt wird auf bestes Papier, und sein Lyrikband „Ich fress‘ mir aus der Hand“ ist ein „Leer-Buch“, wie Feistle mit leicht sardonischem Lächeln meint. Ein Buch wie aus der Hand der Design-Legende Willy Fleckhaus, weiß wie das legendäre Beatles-Album, die Seiten kleinteilig beschrieben, mit viel freier Fläche zwischen den manchmal rapselkurz-knappen Gedankensprüngen. „Überall: Hier ist NICHTS. Und gleich so herrlich viel davon“ schreibt er als Anmerkung von einer Reise in die Dolomiten. „Bin ich auf Reisen bin ich nur bei mir zuhause“.

Der Stille Worte geben, den Worten die Stille

In Rußland, in England, in Frankreich war er, immer mit seinem Mercedes Benz von 1955. Reparaturen am Auto macht er selber, hat dem Auto sogar den Ölverbrauch abgewöhnt, wie er sagt. Zu Fuß ging er von Oberstdorf nach Venedig, „ich hätte auch weiter gehen können, aber ich war zu faul, bis Venedig reichte es erst mal“. Das Ergebnis ist das Buch „Über die Berge“, aus dem er im Neu-Ulmer Theater ebenfalls liest. Kurze Passagen, die seinen feinen Blick für Details preisgeben. Das wird nie langweilig, wie er sich selbst in völlig fremder Umgebung zu skizzieren versteht. Wie er der Stille Worte gibt. Und dabei selbst fast unsichtbar bleibt. Am amüsantesten wohl sein England-Buch, hinreißend darin der Vergleich der Universitätsstädte Cambridge und Oxford: „Cambridge ist wie ein Sonntagmorgen bei Sonne, Oxford ein Donnerstagabend im Nieselregen“. Der Schreibstil ist impressionistisch, das Aufsuchen von Touristenfallen findet nicht statt. Zu Fuß oder im Oldtimer umfährt Feistle die britische Insel und entspinnt dabei eine ähnlich geistreich-stille Beschreibung des Landes wie einst Wolfgang Hildesheimer in seinem leider fast vergessenen Prosaband „Zeiten in Cornwall“.

Auch den Satiriker Josef Feistle bekommt man an diesem Abend: Da sitzt er grinsend hinter einem altmodischen Aufnahmegerät aus den 70ern, das riesenhafte Mikrofon ist auf ihn gerichtet, er behauptet kühn: „Alles, was heute abend gesagt und gedacht wird geht direkt an die NSA“. Neu ist in dieser Satirenummer nur der Name „NSA“ – die „Selbstabhörung“ ist seit 10 Jahren Bestandteil seiner Literaturshow. Ebenso der Vortrag von eher unbekannten John-Lennon-Songs, die er auch mal auf gregorianische Choräle aus dem Kassettenrekorder prallen läßt. Im Publikum sitzen viele junge Leute, Schüleraustausch mit Neu-Ulms Partnerstadt. Manche hören zu, andere twittern, albern herum, vertiefen sich ins Smartphone. Feistles freches „Prüderiebarometer“ holt einige der digital Verseuchten wieder zurück an die Bühne. Und schlägt den Bogen zu den USA, wo nicht nur das Ausspähen professionalisiert, sondern auch eine Prüderiewelle auf neue Liberalisierungsgedanken stößt. Ob Feistles Frage „stört es sie auch, daß sie nackt in den Schlafanzug steigen?“ in den Vereinigten Staaten verstanden würde? Man darf zweifeln.

Die Heimat ignoriert ihn höflich

Feistle gehört zu einer anderen Zeit, das merkt man seiner Show, seinen Büchern, seiner Erzählweise an. Unaufgeregt, reflektiert, leise, niemals gehässig. Der Antipode aktueller Comedy-Lautstärke. Sein Unbekanntsein genießt er förmlich. Und ist, kaum daß der Schlußapplaus verhallt ist, auch schon wieder in seinem Lada auf dem Heimweg in seine Heimatstadt, die nicht viel über ihren besonderen Sohn weiß. Schwäbisch-lethargisch ist er dort nur „D’r Feischtle-Sepp“, von dem man nicht viel mehr weiß als daß er „Gedichtla“ schreibt. Mehr will man auch gar nicht wissen. Wenn Feistle liest, kommen aus der Heimatstadt kein halbes Dutzend Zuhörer. Sein wachsender Fankreis indessen erkennt ein Erzähler-Talent, das selten geworden scheint: Ruhig, reflektiert, intellektuell.

Bücher von Josef Feistle gibt es nur beim Heimatmuseum Weißenhorn, in dessen Verlag die Bücher erschienen sind:
Verlag HM Weißenhorn
Beim Satiremagazin TOTPUNKT ist Josef Feistle Co-Autor und Ideengeber:
TOTPUNKT

WORTKNECHT Florian L. Arnold ist Schriftsteller, Zeichner und Galerist.
14:13 25.10.2013
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Geschrieben von

Wortknecht

Autor, Schreiberling, Tuschfederzeichner, Satireschreiber, Widerständler gegen Realitäten.
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