Kunst, Kunst, verfluchte Kunst!

Satire Die Familie ist zu nichts nütze. Sie verwirrt, demoralisiert, lästert, klumpt, meckert und schwängert die Gedanken der jüngeren Generation mit düsteren Ahnungen.
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Ich würde gerne etwas Besseres über meinen Großonkel Hugo sagen als daß er ein Schurke, ein Gauner und ein Halsabschneider ist, aber ich kann es nicht. Gestern stand er mit einem Schmetterlingsnetz vor meinem Bett und erklärte, er habe meine Träume eingefangen und werde sie, sauer eingelegt, auf dem Markt meistbietend verkaufen. Was erdreistet du dich, rief ich, meine Träume sauer einzulegen?

Weil ich, sagte er treuherzigen Augenaufschlages, diese Träume nicht in Hefeteig konservieren kann. Außerdem: Hast du eine Ahnung, was ein gut abgehangener Traum auf dem Markt bringt?

Nein, gestand ich.

1200, sagte mein Großonkel. Das macht abzüglich Steuern netto 1000!

Er ist ein Gauner, mein Großonkel, ein großkotziger Gauner. Letztes Jahr versuchte er die Großmutter unserer Nachbarn dazu zu überreden, sich von ihm auf dem Markt als persische Hure verkaufen zu lassen. Das funktionierte natürlich nicht. Er konnte sich mit den Nahcbarn nicht über die Anteile des Erlöses einigen. Später malte der Großonkel unsere Hunde gelb an und versuchte, sie als Postkästen verkaufen. Das sei praktisch, sagte er, man werfe vorn den Brief ein und hinten komme er gut verdaut wieder heraus, das spare viel Porto!

Dann versuchte Hugo, in den Kunsthandel einzusteigen, indem er das Grab Salvador Dalis plünderte und aus den Barthaaren des toten Meisters Spezialpinsel für unbegabte Maler flocht – diese Spezialpinsel freilich verkauften sich auch nicht besonders, die Haare brachen ständig ab. Und überhaupt, erklärte ich dem Großonkel damals, was weißt denn du von Kunst!

Mehr als du denkst, sagte der Großonkel, zerrte mich vom Sofa hoch und schob mich vor sich her zu jener Seitengasse, deren kleinstes Haus, wie ich mich erinnere, das Ziel unseres Weges war. Auf dem Briefkasten steht in forscher Schrift: „BIN NICHT DA!“, was, wie mir der Onkel erklärt, bedeutet, daß der große Künstler im Hause ist.- Welcher Künstler, frage ich. Das wirst du schon sehen, sagte Hugo und bugsierte mich steile Holztreppen aufwärts. Ewigkeiten, so scheint es mir, gingen wir aufwärts. Auf jeder Etage türmten sich alte Prospekte und Telefonbücher. Im Winter ist es kalt, erklärte Hugo.

Der Meister wohne ganz oben, das sei Kalkül, sagte der Großonkel, denn so weit nach oben verschlägt es nur die ganz Entschlossenen.

Die Wohnungstür war ausgehängt. Auf einem Podest stand eine Badewanne, darin der Meister. Er lag schlaff in der Wanne, zuckte jedoch hoch, als er uns erblickte. Wie schön, rief er, immer herein. Er habe soeben, erklärte er, den TOD DES MARAT geübt. Das sei seine Kunst. Große Werke der Kunstgeschichte nachzubilden. Letzte Woche habe er die LAOKOON-Gruppe nachgebildet – ganz allein, nur mit einem Gartenschlauch als Schlange – und die Woche davor sei es ihm gelungen, englische Landschaftsmalerei darzustellen. Nun aber, führte er uns näher, arbeite er an etwas, das meinen ungeübten Augen wie verschimmeltes Spiegelei erscheint: Sein Alterswerk. Er habe sich soeben die Aufgabe gestellt, Salvador Dalis zerlaufende Uhren darzustellen – ja, er selbst werde die Uhr sein! – und er brauche dazu unsere Hilfe. Großonkel Hugo war begeistert und legte sich sofort nieder. Der Meister drehte, schob und wendete den Großonkel, übergoß ihn mit einer zähen, nach Wurst riechenden Brühe und wars zufrieden. Dann wandte er sich mir zu: Sie, sagte er triumphierend, sind der Hintergrund!

Wie soll ich das machen, sagte ich, da ist ein Meer und mehrere Hügel darzustellen!

Leichteste Übung, wunderte sich der Meister und merkte an, er schätze Feigheit in der Kunst überhaupt nicht.

Das mache ich nicht, sagte ich. Meer UND Hügel, nein, das ist mir zu viel!

Dann will ich nicht mehr leben, rief der Meister und öffnete das Fenster, zog sich die Pantoffeln von den Füßen und machte sich bereit zu springen. Das nimmt er sich aber sehr zu Herzen, dachte ich und bereute meine harten Worte schon.

Also gut, ich bilde den Hintergrund, sagte ich.

Der Meister drapierte mich rund um den zerlaufenden Onkel, der, ich gestehe es ungern, schon erstaunlich wie eine weiche Taschenuhr aussah. Auch ich wurde mit der nach Wurst riechenden Brühe übergossen. Wir lagen den halben Tag so da, ich glaube, es waren mindestens fünf Stunden. Der Meister sprach von abstrakten Wasserhähnen, futuristischen Badewannen und der Freude, die es bereite, mit nackten Knien auf rohem Knödelteig zu beten. Ich war etwas einsilbig, muß ich gestehen, so sehr hat mir der Kopf von all dem geschwirrt.

Auf dem Heimweg kamen wir schlecht voran. Immer wieder mußten wir uns vor marodierenden Hundemeuten in Sicherheit bringen, die, vom Wurstgeruch verrückt gemacht, an uns knabbern wollten. Ich fürchtete um mein Leben. Meine Schuhe hingen in Fetzen von meinen kalten Füßen.

Während wir wieder einmal auf einem Baum saßen, fragte Großonkel Hugo: Und? Hast du jetzt begriffen, worum es in der Kunst geht?

Textauszug aus dem Buch "A biß Z! Handwörterbuch zur Beseitigung der modernen Ratlosigkeit", Geheimsprachenverlag, ISBN 978-3-939211-46-4. Das Handwörterbuch „A biß Z“ berichtet aus der seltsamen Menschenwelt von A wie „Abgasflöte“ bis Z wie „Zwiderwurzn“ Fantastisches, Merkwürdiges, frei Erlogenes und Urkomisches.

13:01 26.08.2013
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Geschrieben von

Wortknecht

Autor, Schreiberling, Tuschfederzeichner, Satireschreiber, Widerständler gegen Realitäten.
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