"So sieht es aber im Weltraum nicht aus!"

Science-Fiction Üblicherweise wurden Zukunftsromane mit plakativen Motiven verziert, vorweg das „grüne Männchen“. Eyke Volkmer aus München brach mit diesem Klischee.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Zukunftsroman war nicht nur ein Lieblingskind der Science-Fiction-Fans. In den 50er Jahren boomte jener Seitenzweig der Literatur, der sich mit der Zukunft, dem Weltraum, phantastischer Technik und fremden Spezies befasste. Üblicherweise wurden diese Romane schon damals mit plakativen Motiven geziert, vorweg das „grüne Männchen“, Sinnbild des Außer- und Unirdischen. Verleger Wilhelm Goldmann wollte für seine neue Reihe „Zukunftsromane“ „nichts mit grünen Männchen darauf“. Das hatte sich für ihn 1960 bereits erschöpft. Der Leser sollte mit anderen Motiven gepackt werden. Nur hatte der genialisch-autokratische Kopf des Verlages keine genaue Vorstellung davon, wie das aussehen könnte. Eines Tages kam der Grafiker Eyke Volkmer ins Spiel. Der 1934 in Istanbul geborene Grafiker teilte Goldmanns Abneigung gegen plakatives Einerlei. Volkmer gestaltete ab 1960 Jahre bis 1973 die Bucheinbände der Goldmann-Taschenbuchreihen „Weltraum-Taschenbücher“ und „Zukunftsromane“ auf eine nie nachgeahmte, gleichermaßen ästhetische wie geistreiche Weise. Mal verrätselte er die Buchinhalte, mal arbeitete er sich mit orientalisierenden Motiven an die Fantasie des Betrachters heran. Mit für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich reduzierter Farbpalette schuf Volkmer kristallin-durchsichtige Ansichten fremder Stadtkulissen; Planeten schwebten geheimnisvoll vor gelbgrün-leuchtenden Himmeln. Raketen und Explosionen bildeten ebenso die absolute Ausnahme wie zugespitzte Horrormotive. Oftmals glaubt man in Volkmers Motiven sogar die subtilen Anklänge eines Menschen wahr zu nehmen, der mit Humor und nonchalantem Witz gerade so viel Distanz zur Welt eingenommen hat, dass ihm nichts zu ernst gerät.

Die fast vergessene Zukunft

Der Blick auf diese schon fast vergessenen Zukunftsträume wäre um ein Haar für immer dem Vergessen preisgegeben, hätte nicht Sammler und Künstler Tommi Brem den einstigen Goldmann-Gestalter in München ausfindig gemacht: „Damals gab es bei Google genau zwei Eintragungen zum Thema Eyke Volkmer. Einer dieser beiden Einträge war seine Adresse“. 2006 suchte Brem den Künstler auf, berichtete von seiner Idee, Volkmers Arbeit für die Goldmann-Taschenbuchreihen „Weltraum-Taschenbücher“ und „Zukunftsromane“ durch eine Ausstellung aufzubereiten. Volkmers lapidare Reaktion: „Das interessiert doch niemanden!“ Volkmer ist ein Münchner wie man ihn sich vorstellt: Gelassen, selbstironisch, humorvoll. Brem zeigte ihm einige der rund 160 Bücher, die mit Volkmers Coverkunst von 1960 bis 1973 erschienen waren. Das meiste von dem, was er gemacht hat, habe er vergessen, sagte Volkmer. Er mag Brems Bemühungen, nicht nur alle Bücher mit Volkmer-Titeln, sondern auch die Originale oder zumindest die Druckfahnen ausfindig zu machen, mit einem amüsierten Lächeln betrachtet haben. „Er besitzt zwei Präsentationsmappen mit einigen Beispielen seiner Arbeit. Mehr nicht“ weiß Tommi Brem. Volkmer zog irgendwann um; die alten Entwürfe und Arbeiten waren, sofern sie nicht ohnehin in Verlagsarchiven verstaubten, ein Fall fürs Altpapier.

Buchcover als Kunstschatz

Seit 20. September 2014 sind im Kabinett des Stadthauses die Buchcover des Münchner Grafikers Eyke Volkmer zu sehen. Chronologisch sortiert, in eigens konstruierten Hängevitrinen wie Kunstschätze einer vergangenen Epoche gezeigt. Als der Künstler diese Ausstellung sieht, schwankt er sichtlich zwischen Rührung und Entgeisterung: „Dass ich so viel gemacht habe – das habe ich ganz vergessen“. Erst will ihm zu den Arbeiten wenig einfallen. Er habe das eben gemacht um Geld zu verdienen. „Pro Motiv bekam ich 120 D-Mark. Ich brachte immer nur einen Entwurf. Den zeigte ich vor, es wurde immer akzeptiert, was ich machte. Danach durfte ich zur Kasse und wurde bar bezahlt“. Pro Monat gestaltete Volkmer im Schnitt zwei bis drei Buchcover. Gut gelaunt spaziert der Meister der Airbrush-Technik durch die Räume, staunt selbst über die Vielzahl der in 13 Jahren entstandenen Motive. Ja, etwas besonderes seien die schon, diese Bilder. Zwischen Frühstück und Sportschau entstanden die subtilen Airbrush-Motive. Beim Verlag gab er immer nur ein Motiv ab; das brachte er persönlich ins Lektorat. Gleich zu Beginn des Arbeitsverhältnisses stand Verleger Goldmann vor einem Motiv und meinte: „So sieht es im Weltraum aber nicht aus“. Volkmers schlagfertige Reaktion: „Dann sagen Sie mir, wie es da aussieht, und ich setze es entsprechend um.“ Damit war die Sache entschieden und Volkmer gestaltete bis 1973 nicht nur Science-Fiction-Buchcover, sondern auch für Krimis und andere Reihen mit seinem luftigen, oft rätselhaften Stil.

Was uns heute so reizvoll und handwerklich authentisch erscheint, war für den Künstler selbst ein Mittel zum Broterwerb. Immerhin war mit dem Honorar für ein Cover (anfangs noch) die Miete für die Schwabinger Wohnung bezahlt. 1973 endete die Zusammenarbeit mit dem Münchner Verlag. Volkmer orientierte sich beruflich um, kehrte der Grafik eine Zeit lang den Rücken. Mit seinem Dackel arbeitete er in Salzburg als Vertreter. Eine, wie er in der Rückschau selbst sagt, „Schnapsidee“.

Er kehrte zurück in die Branche. Bei Goldmann kam er nicht mehr unter; dort war er längst durch einen Kollegen ersetzt worden, der einen „moderneren“ Stil einführte. Die Motive von Eyke Volkmer wurden in den Zweitauflagen ersetzt.

Detektivarbeit am künstlerisch Übersehenen

Für Sammler Brem war die Volkmer-Werkschau ein wahres Stück Detektivarbeit. Fast ebenso lange wie der Grafiker Volkmer für Goldmann arbeitete hatte es den in Neu-Ulm lebenden Kurator gekostet, alle Bücher mit Volkmer-Cover über Internet, Flohmärkte, Auktionen und Sammlerkontakte aufzutreiben. Zuletzt zeigt er doch so etwas wie Rührung, der Münchner Grafiker: „Das ist schon toll, dass der Herr Brem das alles ausfindig gemacht hat“. Ob es nun jemals im Weltraum so aussah wie in Volkmers Imaginationen oder nicht – einer ganzen Generation von Zukunftssüchtigen hat er das Tor zur eigenen Bildwelt aufgestoßen. Am Ende des Rundgangs kommt es schließlich noch zu einer Überraschung: Da steht auf einmal der Kollege Dieter Klama, ein bekannter Zeichner und Karikaturist – und Freund aus gemeinsamen Münchner Studientagen. „Ich musste Klama immer meinen Radiergummi leihen“, erinnert sich Volkmer mit herzlichem Lachen.

Sonst sprechen die beiden alten Herren nicht viel.
Dass er jetzt im Allgäu lebe, erzählt Klama.
Volkmer erstaunt: „Allgäu?“
Ja, bestätigt Klama: „Ostallgäu“.

KÜNSTLER
Eyke Volkmer wurde 1934 in Istanbul geboren. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges zog die Famile nach Berlin und Anfang der 40er nach Bayern. Nach Kriegsende zog die Familie erneut um, diesmal nach Bremen. Auch dort konnte Volkmer keine Wurzeln schlagen: Die Familie beschloss nach Istanbul zurück zu kehren. Volkmer blieb zurück und studierte in München Grafik Design.
In den Sechzigern und Siebziegern hat Eyke Volkmer 162 Buchcover der Reihe Goldmanns Weltraum Taschenbücher gestaltet. Sein Stil war für die damalige Zeit und für dieses Genre in Deutschland einzigartig. Auch wenn Herr Goldmann der Ansicht war, es sähe im Weltraum ganz anders aus.

DAS BUCH
Sammler Tommi Brem editierte einen 116seitigen Katalog zur Ausstellung von Eyke Volkmer. Dieses Buch vereint erstmals alle Werke der Reihe in einem Band und kann hier bestellt werden: http://weltraumtaschenbuch.de/book.html

Florian L. Arnold (www.florianarnold.de)
20:17 08.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wortknecht

Autor, Schreiberling, Tuschfederzeichner, Satireschreiber, Widerständler gegen Realitäten.
Schreiber 0 Leser 2
Wortknecht

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community