Was ist mit Kim Jong-Un?

Ist er krank oder tot? CNN meldete am 20. April eine schwere Krankheit des nordkoreanischen Führers, eine Quelle in Hongkong sogar seinen Tod. Ist da was dran?
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Noch ist er ja offiziell gar nicht tot. Auch über eine eventuelle Krankheit schweigen sich die nordkoreanischen Staatsmedien eisern aus.

Mir ist allerdings schon im Dezember 2019 aufgefallen , dass seit September weder über Kims Tätigkeiten noch über Aussagen geschrieben wird, die er gemacht haben könnte. Die letzte Rede, die abgedruckt wurde, stammt vom August 2019. Zwar wurden noch einige Fotos veröffentlicht, die Kim beim Besuch irgendwelcher Schreine oder Fabriken zeigen. Das könnten aber auch frühere Aufnahmen aus dem Archiv sein. Bis heute hat er keine Neujahrsansprache für 2020 gehalten. Über Kim Jong-Un wurde seit September 2019 nur noch in der Passivform berichtet und zwar belanglose Sachen wie "Der große Führer hat ein Blumenbouquet aus Brasilien erhalten". Zunehmend erschienen in den Staatsmedien Berichte über Begebenheiten, die Kim Il-Sung oder Kim Jong-Il zugeschrieben werden. Beim flüchtigen Hinsehen dachte ich erst, es handele sich um Berichte über Kim Jong-Un. Aber es waren tatsächlich Revivals über seinen verstorbenen Großvater und verstorbenen Vater.

Meine Nachfrage Ende Januar 2020 bei der Deutschen Botschaft in Pyeongyang ergab, dass dort nichts Ungewöhnliches um Kim Jong-Un bekannt sei. Auf die "Weihnachtsüberraschung", die Kim Jong-Un im August der Welt angedroht hatte, falls bis Weihnachten nicht die UN Sanktionen gegen Nordkorea bis Weihnachten 2019 gelockert würden, warten wir heute noch. Auch als Anführer im Kampf gegen das Corona Virus tat Kim sich - anders als Xi Jing-Ping in China - nicht hervor. Alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in Nordkorea wurden von nachgeordneten Chargen angeordnet.

Erst am 17.März tauchte Kim Jong-Un wieder in der Öffentlichkeit auf und zwar bei der Grundsteinlegung für ein supermodernes Krankenhaus, das in Pyeongyang in Rekordzeit errichtet werden soll. Es muss nämlich bis Mitte Oktober 2020 fertig sein, wenn der 75. Jahrestag der nordkoreanischen Arbeiterpartei gefeiert wird. Am 29. März 2020 veröffentlichte die nordkoreanishe Nachrichtenagentur KCNA zwei Reden Kims, in denen er die Arbeiter und Ingenieure zur Arbeit antreibt, damit das Krankenhaus wirklich im Oktober fertig wird. CNN berichtete dann, dass Kim nicht am 15. April 2020 an der Feier zum Geburtstag seines Großvaters Kim Il-Sung teilgenommen habe, weil er mutmaßlich am Herzen operiert wurde und sich in einem lebensgefährlichen Zustand befinde. Gerüchte besagen, der Herzchirurg habe beim Einsetzen eines Stents in die Herzarterie seines prominenten Patienten so gezittert, dass etwas schief gegangen ist. Daraufhin sei ein 50-köpfiges Ärzteteam aus China eingereist. nach einer zweiten Operation sei Kim in sein Ferienhaus in der Küstenstadt Wonsan gebracht worden. Sein oberster Leibwächter sei dort an COVID-19 erkrankt. Ob Kim sich in Wonsan gerade erholt und ins Fäustchen lacht über die westlichen Verschwörungstheoretiker, ob er im Koma liegt oder bereits tot im Sarg, ist nicht bekannt. Glaubhaft erscheint, dass Kim wegen seiner Fettleibigkeit, seinem Bewegungsmangel und seinem Kettenauchen für Herz-Kreislauf Krankheiten anfällig sein dürfte. Schon 2014 war er monatelang von der Bildfläche verschwunden und konnte danach nur am Stock gehen. Sein Vater Kim Jong-Il verstarb 2011 an Herzversagen, und zwar so überraschend, dass der damals 27-jährige Kim Jong-Un überstürzt seine Nachfolge antreten musste.

Falls Kim Jong-Un doch schon jetzt von uns geht: Die Suche nach einem Nachfolger hat keine Eile, denn Kim Jong-Uns Großvater Kim Il-Sung wurde nach dessen Tod zum 'ewigen Präsidenten' Nordkoreas ernannt. In seinem Namen könnte also von der nordkoreanischen Nomenklatura eine Weile weiter regiert werden. Nordkorea verfügt zwar mit Kim Yong-Nam über einen "lebendigen" Staatspräsidenten. Aber der hat nur protokollarische Aufgaben. Wichtig am "ewigen Präsidenten" ist, dass er ein echter Kim ist, ja sogar der Begründer dieser Herrscher-Dynastie.

Irgendwann wird man Kims Arbeitsplatz als" Führer der zentralen Militärkommission" wieder mit einem warm body besetzen müssen. In die engere Wahl käme seine Schwester Kim Yo-Jong. Sie ist ein hohes Tier in der Propaganda-Abteilung und Mitglied des Zentralkommitees der Partei. Sie hatte bereits während der Winter-Olympiade 2019 im südkoreanischen Pyeongchang ihren Bruder vertreten und dort mit dem südkoreanischen Staatspräsidenten Moon Jae-In gesprochen. Außerdem ist sie das einzige bekannte Mitglied der Kim Familie, welche das passende Alter für eine Nachfolge ihres Bruders hat. Da aber noch nie eine Frau den Posten des Leiters der zentralen Militär-Kommission bekleidet hat, könnte es durchaus sein, dass die greisen Generäle einen der ihren auf den Schild heben. Dann könnte Nord-Korea mittelfristig das gleiche Schicksal drohen wie der UdSSR, nachdem dort die Tattergreise Tschernenko und Andropow die Macht übernommen hatten. Allerdings sind kürzlich im Politbüro der nordkoreanischen Partei der Arbeit noch einige Personaländerungen vorgenommen worden. Ob danach jüngere Funktionäre eine Chance zur Machtübernahme bekämen, ist unklar.

Der worst case wäre, falls in Nordkorea Chaos ausbricht, z.B. falls Teile der Bevölkerung eine Wiedervereinigung fordern oder Kämpfe zwischen Generälen ausbrechen. Dann müsste man um den sicheren Verbleib der Atomwaffen besorgt sein. Außerdem kann Südkorea eine Wiedervereinigung derzeit überhaupt nicht verkraften. Südkoreas Wirtschaft ist von der Corona Krise bereits schwer angeschlagen. Wenn jetzt noch 1 Billion Dollar für die Organisation einer Wiedervereinigung dazu kämen, wäre das Land total überfordert.

17:25 26.04.2020
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Geschrieben von

Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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