Wie du mir – so es dir

Südkoreas Wirtschaft schwächelt. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden traditionsreiche deutsche Firmen durch japanische und südkoreanische Wettbewerber vom Markt gefegt.
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Der Grund für den Tsunami, dem wichtige deutsche Industriebranchen ausgesetzt waren, lag darin, dass die Konkurrenten aus Japan und Südkorea viel billiger und zunehmend auch mit ähnlicher Qualität produzieren konnten, wie die Deutschen. Obwohl die Sonderkonjunktur der deutschen Wiedervereinigung den Prozess der De-Industrialisierung im Westen vorübergehend verlangsamen konnte, verschwanden deutsche Industriegrößen, die sich teilweise zu den Weltmarktführern zählen durften, schleichend aus unserer Wahrnehmung. Ihren Platz nahmen u.a. diese koreanischen Firmen ein:

LG statt Grundig, Samsung statt Telefunken, Hyundai Heavy Industries statt Bremer Vulkan. Siemens als das europäische Telefonbauunternehmen hat sich aus dieser Sparte völlig zurückgezogen. Thyssen und Krupp konnten sich gegen Posco nur behaupten mit Hilfe einer feindlichen Übernahme von Thyssen durch die kleinere Firma Krupp. Lufthansa und Korean Airlines liefern sich im Welt-Frachtverkehr seit Jahren ein spannendes Rennen um den ersten Platz. Hapag-Lloyd, Kühne und Nagel und weitere Containerschiff-Reedereien gerieten in finanzielle Schwierigkeiten, als die koreanische Hanjin alles unterbot.

Die PKW-Hersteller Hyundai und Kia litten bei ihrem Markt-Debüt in Europa an einem Image- und Qualitätsproblem, setzten aber die deutschen Massenhersteller Opel, Ford und VW unter erheblichen Kostendruck. Andererseits verkaufen sich Daimler, BMW und Audi in Südkorea prächtig. Muss das so bleiben? Vor wenigen Tagen eroberte der Kia Genesis G90 im US amerikanischen Qualitätsranking von JD Power erstmals in der Geschichte dieses Verbraucherbarometers den ersten Platz im Premium Autosegment, vor dem 7er BMW und der Mercedes S-Klasse. Befragt wurden 75.000 Neuwagenkäufer. Der Porsche Panamera landete auf Platz 4. Wann wird das Ergebnis auf Deutschland durchschlagen?

Der Verlust so vieler Industrie-Arbeitsplätze in Deutschland ging einher mit sozialem Niedergang und einer rapide steigenden öffentlichen Verschuldung in den betroffenen Regionen. Insbesondere in Bremen und im Ruhrgebiet sind diese Folgen noch immer nicht überwunden, obwohl West-Deutschland insgesamt den Umbau zu einer Dienstleistungsgesellschaft mit Spezialtechnologie-Produktion erstaunlich gut hinbekommen hat.

Aber die Karawane der Billigheimer zieht weiter, wie zurzeit auch Südkorea schmerzlich erfahren muss. Wir Europäer haben den Eindruck, das wirtschaftliche Leben in Südkorea konzentriere sich auf die Mega-City Seoul. In der Tat, im hippen Stadtteil Gangnam (Sie erinnern sich an den Hit Gangnam Style des südkoreanischen Popsängers Psy?) steigen die Wohnungspreise und Mieten weiterhin in astronomische Höhen. Aber das Herz der südkoreanischen Industrie schlägt woanders.

Zuerst musste Hanjin, die damals fünftgrößte Container-Reederei der Welt, im Jahr 2017 Konkurs anmelden. Jetzt zieht sich Hyundai aus der Millionenmetropole Ulsan zurück und hinterlässt dort Industriebrachen, Arbeitslose und einen Absturz der Immobilienpreise. In den 70er Jahren war Ulsan noch eine schläfrige Mittelstadt von 80.000 Einwohnern. Der Containerschiffbau und die Autoproduktion von Hyundai haben die Stadt aufblühen lassen. Jetzt sind gerade diese Branchen chancenlos gegen die Konkurrenz aus China.

Der Zusammenbruch des Immobilienmarktes ist für die soziale Stabilität besonders gefährlich. Denn die meisten Menschen haben ihr Geld in Immobilien angelegt. Bisher konnten sie sich darauf verlassen, dass die Immobilienpreise im überbevölkerten Südkorea nur eine Richtung kennen, nämlich nach oben. Anders als in Deutschland, kann man in Südkorea eine Wohnung meist nicht einfach zu einer monatlichen Miete mieten. Sondern der Mieter muss eine Art Baukostenzuschuss in Form einer unverzinslichen Kaution an den Vermieter zahlen, die bis zu 70% des Baupreises der Wohnung betragen kann. Wir reden hier nicht von Peanuts, sondern von Beträgen zwischen 80.000 und 300.000 Euro! Je höher die Kaution, desto niedriger die monatliche Miete, die sogar ganz entfallen kann. Bis der Mieter auszieht, kann der Vermieter mit dem Geld machen, was er will. Viele kleine Leute haben ihr Wohnungsproblem dadurch gelöst, dass sie ein Zweifamilienhaus gebaut, die erste Wohnung selbst bewohnt und die zweite Wohnung vermietet und mit der Kaution finanziert haben.

Wenn der Mieter seinen Arbeitsplatz verliert und deshalb woanders hinziehen muss, dann muss ihm der Vermieter die gesamte Kaution auf einen Schlag zurückzahlen, was kein Problem war, solange sofort ein Nachmieter gefunden werden konnte. Jetzt aber kommt der Vermieter in die Bredouille, der ja sein Häuschen noch abbezahlen muss und dem sozusagen ein großer Teil seines „Eigenkapitals“ über Nacht abhanden kommt. Oder der bisherige Mieter kommt in die Bredouille, weil ihm der Vermieter die Kaution nicht zurückzahlen kann, die der Mieter dringend für eine neue Mietwohnung benötigt.

80 Kilometer weiter nördlich kämpft die Großstadt Pohang einen verzweifelten Kampf gegen den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg. Auch Pohang wuchs in kurzer Zeit von 50.000 auf 800.000 Einwohner an, denn dort ist die Heimat von Südkoreas Stahlerzeugung. POSCO (Pohang Steel) leidet sehr unter dem Marktdruck aus der chinesischen Überproduktion von Stahl, dessen Preis vom chinesischen Staat manipuliert ist. Da hilft auch nur begrenzt, dass die Technische Universität Pohang im weltweiten Ranking mittlerweile den dritten Platz einnimmt.

In Gumi befindet sich das Herz der südkoreanischen Halbleiterproduktion. Die 470.000 Einwohnerstadt ist auf der grünen Wiese als Industriepark entstanden, gefördert vom damaligen Militärdiktator Park Jung-Hee, dem Vater der letzten konservativen Präsidentin Park Geun-Hye, die zur Zeit vor Gericht steht. Park hatte 1970 dekrediert, dass Südkorea 10% des Welt Hifi Marktes beherrschen müsse. Damals stellte nur ein kleines Joint Venture von Lucky Goldstar und Siemens Radios und Schwarz-Weiß Fernseher in Korea her. Wenn sie die Anordnung von Präsident Park überhaupt mitbekommen haben, werden Grundig und Telefunken über diese Ankündigung herzlich gelacht haben. Heute kaufen wir unsere Farbfernseher von LG. Wer von der Bildfläche verschwunden ist, der kann jetzt nicht mal mehr lachen!

In Gumi betreiben LG und Samsung ihre Werkshallen für LED-Fernseher und Smartphone-Displays. Die werden immer noch hergestellt, aber jetzt in Vietnam, wo Arbeitskraft (noch) so billig ist, dass sich die Koreaner gegen die Billigkonkurrenz aus China behaupten können. Jetzt rächt sich, dass die südkoreanische Wirtschaft im wesentlichen von zehn Chaebols beherrscht wird. Das sind große Gemischtwaren-Kombinate, die in der Vergangenheit vom Staat gepampert worden waren und sich durch Begünstigung korrupter Politiker bedankt haben. Die Chaebols können leicht ihre Produktion ins Ausland verlagern. Als Begründung für diesen Schritt wird angeführt, dass die „linksliberale“ Regierung von Präsident Moon Jae-In gerade den südkoreanischen Mindestlohn erhöht hat.

Was kommt, wenn der Kostenvorteil Vietnams ausgelutscht ist? In freudiger Erwartung einer Annäherung oder sogar Wiedervereinigung mit Nord-Korea, entstehen gerade neue Werkshallen nahe der innerkoreanischen Grenze. Nordkoreaner sind bereit, für noch weniger Geld zu schuften als es in Vietnam üblich ist.

Gumi wird von den Südkoreanern mittlerweile „Detroit von Südkorea“ genannt. Die Stadt verlottert, die Infrastruktur bröselt, die Immobilienpreise sind um 45% eingebrochen. Hier, in der Herzkammer der südkoreanischen Konservativen, ist jetzt ein Sozial-Liberaler zum Bürgermeister gewählt worden. Hinzu kommt die Nähe zur Viermillionen-Stadt Daegu, wo noch eher Arbeitsplätze zu finden sind als in Gumi.

Der wirtschaftliche Abschwung trifft Südkorea zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Annäherung an Nordkorea ist mit unkalkulierbaren Kosten verbunden. Zurzeit wird z.B. mit Hochdruck an einer neuen Eisenbahnlinie gearbeitet, welche die Industriezentren Pusan, Ulsan und Pohang im Süden mit den Städten an der nordkoreanischen Ostküste verbinden soll.

Südkorea ist auch teilweise von Trumps Zollerhöhungen betroffen. Sollte Trump die US Armee aus Korea abziehen, geht weitere Kaufkraft verloren und muss Südkorea mehr in seine Verteidigung investieren.

Korea hat kaum eigene Bodenschätze und ist vor allem für seine Energieversorgung zu 100% von Importen abhängig. Als Land mit der höchsten Dichte an zivilen Atomkraftwerken (derzeit sind 28 AKW am Netz), wird die Versorgung mit Uran zu einem großen Problem, denn China kauft die Produktion aller Lagerstätten auf, die in Afrika und Australien noch zu kriegen sind.

Die koreanische Babyboomer Generation geht jetzt in Rente. Es gibt jedoch nur eine staatliche Minirente, von der keiner leben kann. Arbeitnehmer erhalten bei ihrem Ausscheiden einen Einmalbetrag als Firmenrente. Der muss dann bis zum Lebensende reichen, wobei mancher nicht der Versuchung widerstehen kann, den auf den ersten Blick stattlichen Einmalbetrag (wir reden hier von Hunderten Millionen – allerdings koreanischen Won, nicht Euro) mit Aktienspekulationen oder Bitcoins zu vermehren, was meist im vollständigen Ruin endet. Diese Menschen trifft man dann in „Senioren-Hotels wieder, wo sie in einem Verschlag von 4 qm Grundfläche hausen. Damit ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt, fahren sie tagsüber mit Bus und U-Bahn kreuz und quer durch die Stadt. Immerhin sind die öffentlichen verkehrsmittel in Südkorea für Senioren kostenlos.

Die Eltern der heutigen Jungrentner konnten noch damit rechnen, dass sie von ihren zahlreichen Kindern alimentiert und gepflegt werden. Darauf kann die jetzige Rentnergeneration nicht hoffen. Nicht nur die Kinderzahl ist drastisch zurückgegangen, sondern auch die Bereitschaft junger Frauen, überhaupt zu heiraten. Die jungen Männer wiederum können die horrende Kaution für eine gemeinsame Wohnung nicht aufbringen. Immer mehr Ehen werden geschieden.

Die ganz Alten, also die über 80-jährigen, bewirtschaften noch ihren eigenen Acker. Ihre Dörfer sterben mit ihnen aus. Wer soll dann die Grundnahrungsmittel für die städtische Bevölkerung anbauen? Die jetzigen Jungrentner konnten auch nichts für den Lebensabend zur Seite legen. Denn die Ausbildung der Kinder und vor allem ihre Hochzeit kosteten die Eltern ein Vermögen. Die teure Ausbildung nutzt den jungen Leuten allerdings nichts, wenn ihre Arbeitsplätze nach Vietnam verlagert werden. In ihrer Not gründen viele junge Arbeitslose (mit dem geliehenen Geld ihrer Eltern) kleine Unternehmen, insbesondere Imbissbuden und Restaurants, die früher oder später Pleite gehen. Diese Menschen tauchen dann unter, während sich der Berg der unbezahlten privaten Schulden immer mehr erhöht.

Verglichen mit Südkorea leben wir in Deutschland immer noch auf einer Insel der Seligen. Ich würde mich nicht wundern, wenn bei uns über kurz oder lang wieder gut ausgebildete junge Arbeitskräfte aus Südkorea auftauchen (Krankenschwestern, Ingenieure, Techniker, Bauarbeiter) wie schon einmal Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie gehörten zu der Ausländergruppe, die sich am besten in Deutschland integriert hat.

20:04 30.07.2018
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Geschrieben von

Querlenker

Zu den Problemen unserer Zeit stelle ich funktionierende Lösungen vor, die aber aus Gründen der Konvention, der Moral oder Faulheit niemand anpackt.
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