Frank Linnhoff
19.05.2010 | 07:59 5

Die Automatisierte Universelle Transaktionssteuer

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Frank Linnhoff

Geldgeschäfte machen ca. 85% aller weltweiten Transaktionen aus. Sie werden derzeit nicht besteuert. Durch den technischen Fortschritt der Automatisierung der Bankentransaktionen, der fehlenden Besteuerung und Regulierung ist ein Spekulationsungeheuer entstanden, welches das Funktionieren des internationalen Finanzwesens und der produzierenden, realen Ökonomie immer schneller in immer tiefere Krisen stürzt und zu einem Totalzusammenbruch der Weltwirtschaft führen kann.

Einen praktizierbaren Ausweg aus dieser Situation zeigt seit etwa 20 Jahren der deutsch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Edgar L. Feige von der University of Wisconsin-Madison auf. Er schlägt vor, in kleinen Schritten das jetzige hochkomplizierte, ungerechte Steuersystem der entwickelten Volkswirtschaften durch eine Automatische Universelle Transaktionssteuer (APT Tax = automated payment transaction tax) zu ersetzen. Eine Universelle Transaktionssteuer besteuert alle Geldtransaktionen, zum Beispiel ein Scheck, den ich bei der Bank einreiche, oder wenn Banken untereinander mit Devisen handeln, oder wenn ich Geld am Automaten von meinem Konto abhebe. Der Einzug der Steuer geschieht automatisch und anonym bei jeder Transaktion mit einem Niedrigsatz von weit unter 1%.

Hiermit würde dem derzeitigen Wahnsinn der internationalen automatisierten Finanzspekulation radikal Einhalt geboten. Derzeit wird der Produktionsfaktor Arbeit mit ca. 40% und mehr besteuert, Zwansabgaben eingerechnet, dagegen Geldtransaktionen überhaupt nicht. Dies System hat weltweit zu einer Verarmung der Arbeitenden und zu einer ungeheuren Bereicherung der Kapitalbesitzer (Spekulanten) geführt. Heute wird "Geld gemacht" mit Spekulation, nicht mit Arbeit.

Wenn sich die Banken mit dem Geld ihrer Kunden verspekuliert haben, werden sie derzeit belohnt, indem ihre Risiken und diejenigen ihrer Kunden vom Staat aufgekauft = vergesellschaftet werden (Bankenrettungspaket, Euro-Rettungspaket etc.). Mit einer Automatisierten Universellen Transaktionssteuer würden die Kapitalressourcen wieder in langfristige, produktive Investitionen geleitet zum Nutzen aller Bürger, insbesonders derjenigen, die von ihrer Arbeit leben. Eine solche Universelle Transaktionssteuer wäre auch dann wirkungsvoll, wenn sie allein in der Eurozone eingeführt würde. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die USA und Großbritannien mitziehen; denn Wallstreet und die City of London wären die großen Verlierer.

Zur Zeit beherrscht zerstörerische Spekulation die Weltwirtschaft. Wollen wir, dass dies so bleibt?

(In der Wirtschaftszeitschrift "brandeins" ist im Januar 2009 ein Interview mit Professor Feige erschienen, siehe

www.brandeins.de/archiv/magazin/wirtschaft-neu/artikel/weniger-bringt-mehr.html .

Demjenigen Leser, der sich detailliert informieren will, empfehle ich einen detaillierten Aufsatz von Edgar L. Feige in Amerikanisch unter http://ideas.repec.org/p/wpa/wuwppe/0506011.html )




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Kommentare (5)

Lukasz Szopa 19.05.2010 | 11:21

Die Idee der APT klingt gut, soweit ich verstehe ich es sogar eine Erweiterung der Tobin-Steuer.
Frage: Gibt es Studien / Berechnungen, ob die 1%-APT-Steuer tatsächlich das derzeitge Steuersystem bezüglich Einnahmen (aus MwSt, ESt, Körperschaftsst., und alle sonst. Abgaben wie KfZ, Benzin, Tabak- Alkohol) ersetzen könnte? Denn wenn die APT so wirkt, wie es sollte (also das Volumen der Finanztransaktionen radilal verringert), und Kapital vorwiegend langfristig (also seltener) verschoben wird - würde es eben viel weniger APT-Steuereinnahmen bedeuten.
Ich glaube also, dass man die APT neben anderer Steuerarten einführen müsste, und die letzteren dann vereinfachen (flat fax, keine Sondersteuern auf Benzin, Alkohol, etc.) bzw. senken sollte (MwSt trifft eher die ärmeren and die reicheren).
Inwiefern könnte die APT als Erstatz für Schenkungs- bzw. Erbschaftssteuer geeignet sein? Denn da wird zwar Kapital transferiert (wenn Sie von mir eine Immobilie bekommen), dennoch fließt nicht unbedingt Geld. Meiner Meinung nach sollte die APT nicht nur auf Geld-Transfers, sondern genereller auf Kapital- bzw. Eigentums-Transfers angewendet werden.

S.Heinel 19.05.2010 | 11:53

Eine solche Universelle Transaktionssteuer wäre auch dann wirkungsvoll, wenn sie allein in der Eurozone eingeführt würde.

Das verstehe ich nicht. Wenn ich diese Transaktionssteuer in der Eurozone einführe, verlegten doch die Devisen-Spekulanten einfach ihr Wirken an einen der nicht-besteuerten Finanzplätze und damit träfe diese Transaktionssteuer am Ende doch nur wieder den kleinen Scheckeinlöser?

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Ehemaliger Nutzer 19.05.2010 | 13:20

Bei der Finanztransaktionssteuer stellt sich mir zuvörderst die Frage, warum sie bislang noch nicht eingeführt worden ist. Die Antwort darauf, die ich mir gebe, macht mich wenig zuversichtlich, daß sie je eingeführt wird.
Die Antwort lautet nämlich: Es sind die Spenden.

Wer Geld, ich mein, so richtig viel Geld hat, der spendet an Parteien oder direkt an Ministerien, sei es in bar, sei es in Form von kostenlosen Mitarbeitern in den Ministerien. Das bolschewistische Hetzblatt "Die Welt" etwa schreibt, in den Jahren 2005 und 2006 hätten die Bundesministerien, das Bundespräsidialamt und die obersten Bundesbehörden insgesamt 82,4 Millionen Euro als Sponsorenleistungen erhalten. Ich mein, das ist eine Menge Zaster und wer so viel Geld erhält, der müßte schon ein menschliches Monster sein, wenn er dies nicht mit Freundlichkeiten gegenüber den netten Spendern honorierte.

Das ist natürlich Korruption, aber in der Bananenrepublik Deutschland ist Korruption, wie in allen zivilisierten Ländern, absolut legal.

Ich wage die Behauptung, daß Staatschef Ackermann niemals seine Bundeskanzlerin Merkel beauftragen wird, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen.

Ciao
Wolfram

Frank Linnhoff 20.05.2010 | 10:46

Zum Kommentar von Lukasz Szopa:
Edgar Feige geht davon aus, dass die Automatisierte Universelle Transaktionssteuer schrittweise bestehende Steuern ersetzt, angefangen mit Steuern, die den Faktor Arbeit verteuern. Es würde wahrswcheinlich verschiedene Transaktions-Steuersätze geben.

Zum Kommentar von S. Heinel:
Für Devisen mag der Effekt geringer sein, doch ist dies nur ein kleiner Bereich der Finanztransaktionen, z.B. der Handel mit europäischen Staatsanleihen wird durch die Transaktionssteuer nur in Europa schon stark beruhigt, der Handel mit europäischen Aktien ebenfalls.

Zum Kommentar von Wolfram Heinrich:
sehr richtig gesehen, dies ist auch die meinung von Edgar L. Feige.

Zum Kommentar von Quarktasche:
die Automatisierte Universelle Transaktionssteuer ist eine Weiterentwicklung der üblichen Finanztransaktionssteuer. Die Besteuerung des Abhebens vom Konto von Bargeld ist sozusagen der letzte Schritt, wenn schon keine Mehrwertsteuer mehr existiert. Siehe das Interview im Link zu Brandeins.