Die Krise - eine intellektuelle und politische Bankrotterklärung

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dies ist meine Übersetzung aus dem Französischen eines Textes, den Christian Gomez am 22.10.2008 unter dem Eindruck des Fastzusammenbruches des internationalen Finanzsystems veröffentlichte. Er war Professor der Nationalökonomie und ist leitender Manager einer großen internationalen Investment-Bankgruppe:

In diesen Zeiten ist man nicht gern gesehen als Bankier. Aus Geiz und Habgier seien wir zu große Risiken eingegangen und hätten das Finanzsystem in den Bankrott geführt. So schreibt man die Geschichte schon jetzt recht einseitig; denn die wahren Verantwortlichen sind in erster Linie diejenigen, die das System geschaffen haben, welches den "Raubtiergelüsten" der Investmentbanker und "Trader" von Wall Street und anderen Orten und den vielen Mitläufern freien Lauf gelassen hat... Sehen wir genau hin, wer die Verantwortlichen für diesen Bankrott sind!

Bankrott Nr. 1: die dominierende Wirtschaftswissenschaft

Seit 20 Jahren bearbeiten uns dieselben Gurus, die in der Nationalökonomie die Stellung der Medizinmänner in der traditionellen Heilkunst einnehmen, mit "Wahrheiten", denen ein empirischer Unterbau fast gänzlich fehlt: Geldmengen und Kreditmengen sind unwichtig; die Marktteilnehmer bilden sich ihre Erwartungen in die Entwicklung des Marktes unabhängig von ihren Erfahrungen aus der Vergangenheit in ganz rationaler Weise; die Märkte sind effizient; die wirtschaftliche Konjunktur läßt sich durch Variation der Realgeld-Leitzinsen allein regeln; den Märkten geht es immer dann am besten, wenn sie sich völlig selbst überlassen sind...

Man hat diese Theorien schon am Werk gesehen in der größten Katastrophe der Geschichte der Ökonomie (dem Übergang Rußlands in die Marktwirtschaft). Sprechen wir es frei aus: diese Nationalökonomen haben zu einem Großteil das Denken der Eliten und das intellektuelle Klima geprägt, die uns gemeinsam schon andere Pleiten beschert haben.

Bankrott Nr. 2 : die Politik

Hier haben wir es mit einem mehrdimensionalen Versagen zu tun. Eine ungeregelte Globalisierung mit verheerenden Konsequenzen: aufgebaut auf einer korrekten, aber unpassenden Theorie, der "Theorie des komparativen Kostenvorteils" von Ricardo, dabei das "drunter und drüber" des heutigen internationalen Geldsystems außer Betracht lassend. Der Prozeß der Globalisierung, der in Wirklichkeit zu Anfang der 90er Jahre begonnen hatte, hat zu einer beschleunigten Auflösung der Industrie in den hochentwickelten, reichen Industrieländern geführt und die Einkünfte der Haushalte stark unter Druck gesetzt, besonders diejenigen der sozial schwächsten Haushalte. Um das Wachstum zu erhalten, meinten die politischen Meinungsführer, einen Ausweg in einer Politik der expandierenden Geldmenge und wachsenden Verschuldung der Haushalte gefunden zu haben, einer Politik deren Vorzüge sie bis vor kurzem lobpreisten.

Ein internationales Währungssystem, das den Bach runter treibt: mit einem Dollar auf Abwegen, der den Unwägsamkeiten der Innenpolitik der USA unterworfen ist. Dies im Angesicht der aufsteigenden Volkswirtschaften der zweiten Welt, die ihre Produktionskostenvorteile mit extremen Währungsabwertungen zu festigen versuchen, bevor sie sich an den Dollar binden. Keine der internationalen nationalökonomischen Institution hat die Konsequenzen aufgezeigt, welche diese Entwicklung für den internationalen Handel und für die Umlauf-Geldmenge hat. Die dominierende Politik hat es vorgezogen, wohlwollend die Augen zu schließen (benign neglect); wofür sie ganz allein die Verantwortung vor der Geschichte trägt.

Ein völlig zügelloses Banksystem: die Banken haben in dieser Zeit enorme Gewinne realisiert (mehr als 50% der ausgewiesenen Gewinne in den USA) mit unglaublich hohen Kapitalrenditen nach Steuern (über 20%), wobei sich nur ab und an kritische Stimmen erhoben, welche den Lebenswandel und die Selbstbereicherung der Bankmanager durch extravagante Bonusauszahlungen nicht billigten. Aber zu keinem Zeitpunkt haben sich die Staatsführer die Frage gestellt, welches die realen Gründe für diese Entwicklung sind und welche Risiken dabei eingegangen werden.

So haben sie es hingenommen, dass sich riesige Bank-Konglomerate gebildet haben, deren Rettung die Möglichkeiten der Staaten überfordert (too big to save); die politischen Instanzen haben nicht darauf geachtet, die Konkurrenz im Bankwesen zu fördern. Sie haben es zugelassen, dass sich Oligopole zwischen den Mastodonten gebildet haben, deren älteste und bekannteste die Banken der Wall Street sind; die Regierenden haben kritiklos alle Reformen der "Liberalisierung" geschluckt, welche die Banken forderten. Dies alles geschah, ohne dass man sagen kann, dass die internationale Finanzbranche, so wie sie sich entwickelt hat, das Wirtschaftswachstum fördert. Nicht ohne Grund kann man sogar das Gegenteil behaupten...

Bankrott Nr. 3 : die Geldpolitik

Es hat sich seit 1995, ohne Zweifel im Zusammenhang mit den ersten Auswirkungen der Globalisierung, ein Bruch in der Geldpolitik vollzogen. Indem man auf jegliche Kontrolle der Bankreserven verzichtete, wurde eine neue Politik mit dem Namen "auf die Inflation ziehlen " (inflation targeting) auf den Weg gebracht.

Diese besteht darin, die Teilnehmer am ökonomischen Geschehen davon zu überzeugen, dass sie den Zentralbanken voll vertrauen können in ihrer Politik das "Inflationsziel" einzuhalten, welches auf einem Indikator mit Namen "core inflation" basiert (Preisentwicklung ohne Nahrungsmittel- und Energiepreise).

Deswegen haben die Zentralbanken den Markt zu überzeugen versucht, dass sie allein durch die Steuerung des Leitzinses jede Abweichung von der 2% "core inflation" beherrschen. Tatsächlich ist diese Politik absurd. Absurd, seitdem man weiß, dass die Inflation ein Indikator ist, der zeitverspätet auf die konjunkturelle wirtschaftliche Entwicklung reagiert, und seitdem man weiß, dass man durch jede Aktion, welche auf diesem einen Kriterium basiert, das Risiko läuft, die Entwicklungstendenzen zu verstärken statt sie zu dämpfen (die Situation von Herrn Trichet seit Beginn der Krise). Absurd, denn während sich die Zentralbank hinter ihrer neuen "Maginotlinie" bedeckt hielt, drückten aufstrebende Teilnehmer am Markt der Produktionsgüter (China) den Indikator "core inflation" in großem Maßstab in die Schräglage nach unten, währenddessen die Welt mit neuem Geld überflutet wurde und alle Vermögens- und Warenmärkte explodierten (Immobilien, Aktien, Obligationen, Rohstoffe für Nahrungsmittel und Energie).

Bankrott Nr. 4 : die Kontrollbehörden

Sie werden heutzutage geschmäht, jedoch nicht immer mit gutem Grund. Ihre Verfehlungen sind sicherlich schwerwiegend: Leichtfertigkeit in Bezug auf das Liquiditätsrisiko durch das maßlose Wachstum der Bankbilanzen; komplizenhafte Blindheit vor der Entwicklung der "Schattenbanken" (shadow banking system); mangelhafte Kritikfähigkeit in Bezug auf die "neuen" Produkte mit eingebauter "tadelloser" Wahrscheinlichkeitsmathematik, welche von den glänzendsten jungen Abgängern der Ingenieurhochschulen entwickelt wurden. Trotz allem kann man ihnen keine Vorwürfe machen für Entwicklungen, die eher Angelegenheit der Zentralbanken sind. Indem sie einzeln nacheinander die Qualität der Aktivposten der Banken beschauten, indem sie die Kapitaldeckung entsprechend der Natur der Transaktion bewerteten, waren sie verständlicherweise nicht in der Lage das Resultat all dieser Vorgänge zu erkennen, nämlich das Risiko einer Systemkrise. Jeder einzelne Hypothekenkredit kann für sich betrachtet gesund erscheinen. Aber eine Anhäufung derselben Kredite, die das Preisniveau der Immobilien 40% über den langfristigen Gleichgewichtspreis drückt, muß zwangsläufig die Solidität des Ganzen in Frage stellen. Doch leider ist die Kontrolle einer solchen Situation außerhalb des Blickfeldes der Kontrollbehörden. Und dies ist der springende Punkt, wenn man die heutige Krise erklären will.

Zusammenfassung

So enthüllt uns diese Krise eine schwerwiegende Problematik, die weit über die sichtbaren Effekte hinausgeht. Dies ist die vollständige Entwertung der Denkschemata, welche die Leitlinien der Ökonomie des vergangenen Jahrzehnts begründet haben. Selbstverständlich muß man in einer akuten Krisenlage kurzfristig handeln, aber vor allem anderen sollte man sich auf eine grundsätzliche Reform unseres Finanz- und Wirtschaftssystems vorbereiten und die Gestaltung der Zukunft mit Neuem Denken angehen, zumindest mit einem Denken, welches auf solideren Fundamenten steht, als das, welches uns in die Katastrophe geführt hat.

Christian Gomez im Interview:

Ist die Finanzkrise beendet?

Nein, ich glaube nicht daran. In den USA? Nichts spricht dafür, dass die 700 Milliarden Dollar des Paulson-Planes ausreichen werden, weil die Entwertung der Immobilienpreise weitergehen wird. Dies kann in den USA nur auf mehr Zahlungsausfälle hinauslaufen. Niemals wird ein amerikanischer Bürger akzeptieren einen Hypothekenkredit für ein Haus abzuzahlen, welches weniger Wert ist als die Hyphothek; denn der Schuldner hat in den USA allein das Haus als Sicherheit für den Kredit hinterlegt. Der Gläubiger kann nicht darüber hinaus den Schuldner persönlich belangen. Außerdem wird das Platzen der Kreditblase, welches ein weltweites Problem war, zu schwerwiegenden Konsequenzen führen. Dies wird sich auf das gesamte Finanzsystem auswirken. Wer haben das Tal der Tränen noch nicht durchschritten...

Haben die Subprimekredite eine umfassendere Krise ausgelöst?

Absolut. "Subprimes" sind Kredite für Leute, die man als "NINJNA" bezeichnet (No Income, No Job, No Asset). Sie sind nur die Spitze der ungeheuer großen Pyramide an faulen Krediten, welche sich im Laufe der vergangenen Jahre aufgetürmt hat, sowohl in den hochentwickelten Industrienationen, in erster Linie den angelsächsischen, als auch in den sich entwickelnden Staaten der zweiten Welt.

Wie konnte dies geschehen?

Als Hintergrund all dieser Unordnung darf man nie die chaotische Globalisierung vergessen, welche wir erlebt haben. Dies führt zu folgenden zwei hauptsächlichen Konsequenzen: ein Druck auf die Haushaltseinkommen in den traditionellen Industrienationen, deswegen der Druck auf die Politik, das Wirtschaftswachstum mit expandierenden Mitteln aufrecht zu erhalten. Zweitens der Abfluß von Kapital in die aufsteigenden Nationalökonomien der zweiten Welt. Wenn man diese zwei Entwicklungen betrachtet versteht man die drei Hauptfaktoren, welche für die jetzige Krise verantwortlich ist.

Welches sind diese Faktoren?

Zuerst einmal ein vollständiges Versagen der Geldpolitik der vergangenen 15 Jahre, die sich überhaupt nicht mehr um die Ausweitungen von Geld- und Kreditmenge gekümmert hat, die von den Privatbanken selbst geschaffen wurde. Dieses Versagen ist der Bankrott der Denkschulen der Nationalökonomie, welche die vergangenen 20 Jahre dominiert haben, und welche das rationale Verhalten der Marktteilnehmer und die Effiziens der Finanzmärkte postuliert hatten.

Und die Banken ?

Das Verhalten der Banken ist völlig selbstmörderisch gewesen. Geldüberfluß macht euphorisch und Euphorie verleitet zu immer mehr Kreditvergaben... Sie sind "einfach so" in eine reine Expansionspolitik gesprungen, haben Kredit- und Spekulationsgeschäfte aller Art entwickelt und ihre Bilanzen bis ins Extreme ausgedehnt. Indem sie alle Möglichkeiten, welche der gesetzliche Rahmen zuließ, voll ausnutzten, haben sie eine "Kredithebelung" weit über dem Rahmen des Vernünftigen praktiziert. Diese Krise ist auch der Bankrott der Überwachungsbehörden, die ihre Inkompetenz und Ineffizienz unter Beweis gestellt haben. Es ist Realität, dass die Banken grenzenlos ausleihen konnten und dabei bis zum Äußersten ihre Möglichkeit der Geldschöpfung aus dem Nichts genutzt haben. Dies ist umso schlimmer, als unsere "internationale Pseudo-Geldordnung" das Problem noch verstärkt hat.

Warum Pseudo-Geldordnung?

Weil es keine internationalen Regeln mehr gibt. Die Welt-Leitwährung US-Dollar hängt von den Unwägsamkeiten der amerikanischen Geld- und Wirtschaftspolitik ab, die wiederum allein innenpolitische Ziele verfolgt. Die USA haben so Außenhandelsdefizite aufbauen können, ohne sich im geringsten über den Wechselkurs ihrer Währung Gedanken zu machen. Die Staaten mit Handelsbilanzüberschüssen, die von der strukturellen Schwäche des Dollar profitiert hatten, haben sich nach starken Abwertungen ihrer Währungen gegenüber dem Dollar danach an den Dollar gebunden, wie z.B. China. Sie haben so ihre "natürlichen" Wettbewerbsvorteile in Bezug auf die Produktionskosten noch mit einer satten Zusatzprämie, nämlich durch Manipulation ihres Währungskurses, kumulieren können. Das konnte nur deswegen funktionieren, weil die Europäische Union sich sehr verständnisvoll gezeigt und das Spiel eines "naiven Liberalismus" mitgespielt hat, dabei die Zerstörung der eigenen Industrie beschleunigend.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Alle Vorschläge, die derzeit gemacht werden, bleiben in der Backform früherer Regulierungsvorschläge aus den Basler Verträgen 1986 gefangen: das Eigenkapital erhöhen, mehr gesetzliche Reglementierungen etc. Alles Maßnahmen, welche sich als ineffizient herausgestellt haben, da nicht dazu gemacht, das Risiko einer Systemkrise zu unterbinden. Aufbauend auf den Gedanken des Nationalökonomen Maurice Allais sind zwei Reformen durchzuführen. Zum Einen muß das Bankwesen radikal umgebaut werden, indem Geld und Kredit voneinander zu trennen sind. Heute ist es so, dass die Banken, indem sie Kredite geben oder nicht geben, die Umlaufgeldmenge und damit das Wirtschaftsleben beherrschen. Es muß das Staatsmonopol zur Geldschöpfung wiederhergestellt werden. Maurice Allais hatte vorgeschlagen, das Bankwesen aufzuspalten. Zum Einen in Girobanken, die ganz allein die Echtgeldeinlagen der Bürger verwalten. Diesen Banken ist untersagt, Kredite zu vergeben. Zum anderen Kreditinstitute, welche das ihnen zu festen Terminen geliehene Vollgeld mit kürzerer Laufzeit weiterverleihen. Ein derart strukturiertes Bankenwesen eliminiert gänzlich die bekannten Systemkrisen. Ein harmonisches Wirtschaftswachstum würde gefördert. International müßten als erstes die Weltbank und das FMI verschmelzen und ein neues internationales Währungssystem beschlossen werden. Dabei ist eine neue Leitwährung zu definieren, die an die Stelle des Dollar tritt. Die Wechselkurse der verschiedenen Währungen sind festzulegen, wobei Anpassungsänderungen möglich sein sollen.

Hat es solch ein internes Regelsystem schon einmal gegeben?

Nein, trotz dahingehender Vorschläge von eminenten Nationalökonomen, wie z.B. Irving Fisher und Milton Friedmann, wurde dies noch nicht realisiert. Der Grund sind Denkblokagen, Vorurteile und Interessenkonflikte. Die Geldschöpfung und die Gewinne hieraus den Staatsbürgern zu überlassen liegt nicht in jedermanns Interesse, besonders nicht im Interesse der Banken...

Nachtrag

Dem am Thema Geldreform interessierten Leser empfehle ich die Website www.monetative.de und für diejenigen, die Französisch verstehen, osonsallais.wordpress.com/

10:24 28.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Frank Linnhoff

Taugenichts im Ruhestand
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