RE: It‘s structural, stupid! | 30.07.2020 | 12:01

Interessant ist für mich die Feststellung, dass die Autoren irgendwann beginnen zu psychologisieren. Ich habe das Buch nicht gelesen, vermute aber, dass dies die Grenzen seines Ansatzes erklärt. Wer einmal versucht hat, den so genannten Terror der (?) französischen Revolution zu "verstehen", gar zu "begreifen" und darüber verzweifelt ist, weil er angesichts der Komplexität der Sache, die durch die riesige Quellenlage noch vergrößert wird, verzweifeln muss, wird das verstehen. Und etwas demütig (hoffentlich nicht vor Fürstenthronen).

RE: „Das freie Frankreich“ | 19.06.2020 | 08:39

Akualisierung.

Jetzt war der Präsident am 18. Juni doch in London, hielt eine kleine Rede, hörte sich in gebührendem Abstand die von Charles an, nahm die Stadt London in der Ehrenlegion auf und schaute dann den farbigen Luftnummern der französischen und britischen Kunstflieger zu. Die Medien waren begeistert. Wie schaffen die das nur?

Interessant ist ein Aufruf einiger gaullistischer Abgeordneter, der sich ironisch mit der Instrumentalisierung de Gaulles durch Macron und Le Pen auseinandersetzt. Auszüge:

"Mon Général, die Franzosen sind verloren.

In einer Art dialektischem "Blitzkrieg" haben sich die beiden Finalisten der letzten Präsidentschaftswahlen entschlossen, das Match 2022 zu wiederholen, indem sie sich Ihres Erbes bemächtigen...

Wenn zwei so gegensätzliche Kräfte gaullistisch sind, was sind wir dann?

Was Emmanuel Macron betrifft, ein Mann, der wegen seines Glaubens an die Wirtschaft gewählt wurde, der glaubt, dass die nationale Souveränität passé ist und dass man unser Land in ein gewöhnliches Start-up verwandeln müsse, so haben wir Schwierigkeiten, auch nur irgendein gaullistisches Gen zu finden. Der europäische Föderalist, der Freund der Banken und Brüssels, scheint uns eher der Nachfahre Jean Monnets, Ihres unbelehrbaren Gegners, zu sein...

Die Problematik des Rassemblement national ... ist die völlige Abwesenheit von Inhalt. Er ist ein "trunkenes Schiff"...

Mein General, seit dem 18. Juni 1940 gehören Sie zu den Riesen der Geschichte, an der Seite von Jeanne d'Arc, Bonaparte, Clemenceau...Man hat das Recht (oder die Pflicht), sich von Ihnen ohne Ostentation inspirieren zu lassen (der Sinn des Staates, die Vision der Geschichte, der Respekt des Volkes und der Demokratie). Aber, Ihr Bild zu verdrehen, es so grob und ostentativ für Wahlzwecke zu benutzen, wie es Emmanuel Macron und Marine Le Pen tun, diese beiden Gesichter derselben Lüge, die Erinnerung an Sie mit dem Rennen zum Elysée-Palast zu vermischen, das ist eine Provokation..." (erschienen in "Marianne", 18. Juni 20)

Übrigens haben die Einwohner der bretonischen Ile de Sein gezeigt, wie man auf die Instrumentalisierung reagieren sollte: Als Marine Le Pen die Männer der Insel, die sich bekanntlich als erste de Gaulle anschlossen, "ehren" wollte, buhten sie die Frontfrau aus und drehten ihr den Rücken zu. Ostentativ. Résistance 2020.

RE: „Das freie Frankreich“ | 05.06.2020 | 12:28

Noch eine kleine Ergänzung (da der Geburtstag des 18. Juni naht).

Natürlich ließen sich die echten 68er den Appell nicht entgehen. Es gibt ihn natürlich, den "Appel Du 18 Juin 1968":

"An alle Franzosen

Frankreich hat eine Schlacht verloren!

Frankreich hat nicht den Krieg verloren!

Die Mandarine des Syndikalismus und der Politik konnten kapitulieren, der Panik nachgebend, die Ehre vergessend, das Volk der Knechtschaft ausliefernd. Doch nichts ist verloren...

Der GEIST ist in Todesgefahr!

Kämpfen wir, um ihn zu retten!

Vive La Rage!

La Révolution

Le comité de l'information libre"

(aus Alain Weill, Affiches. Montreuil 2010)

RE: „Das freie Frankreich“ | 04.06.2020 | 09:46

Für die Situation im Sommer 1939 ist die Frage "Was wäre gewesen, wenn...?" wirklich erkenntnisfördernd.

Was hinderte Frankreich und England zu handeln? Mittlerweile weiß man, dass es nicht unbedingt der so genannte Pazifismus oder Defaitismus war. Die Bevölkerung wollte (so eine Umfrage, schon damals) zu 76% eine starke Antwort auf Hitlers geplanten Angriff auf Danzig. Der "Drôle de guerre" war kein zauderliches Zurückschrecken, sondern Ausdruck der Strategie eines langen Krieges. Die franz. und brit. Stäbe gingen von "realen und aktuellen Kräfteverhältnissen" aus, die Deutschland im Vorteil sahen (was wohl z.T. eine falsche Einschätzung war). Die "Potentiale" sprächen jedoch für Engl./Frkr.: Kolonialreiche, Herrschaft auf den Meeren, die Stärke der Ökonomie, die Unterstützung der USA, deren Kriegseintritt Daladier (MP bis März 1940) exakt für 1941 voraussah. "Wir werden siegen, weil wir die Stärksten sind", so der im Beitrag erwähnte MP Reynaud. Und so argumentiert ja auch de Gaulle im Appell.

Verständlich schwer wog die Erfahrung des 1. Weltkriegs, die entsetzlichen Schlachtereien. Auf beiden Seiten des Kanals gab es Überlegungen zur "unblutigen Waffe": ökonomischer Druck, Unterbrechen der Handelswege, Verminung des Rheins, sogar die Bombardierung der Ölfelder von Baku u.ä..). Die entscheidenden Politiker u. Strategen präferierten den "Drôle de guerre" bei gleichzeitigem Ausbau von Kriegsökonomie, Blockagemaßnahmen, "Mondialisierung" des Krieges (USA, "cash and carry" ab Nov. 1939) und Aufschub der Verluste an "Menschenmaterial" (demographisches Defizit nach dem 1. WK). Denn dass es Krieg geben würde, war fast allen "Entscheidern" klar. Und tatsächlich gab es ja im berühmten Panzerbereich, der theoretischen Spezialität de Gaulles erste Erfolge (wenn ich die Militärdenke übernehme) - trotz der defensiven alten Männer im Generalstab.

Dass die Pétains und Weygands im Kabinett vertreten waren, liegt sicherlich am Einfluss großer Teile der herrschenden Eliten, die am Syndrom der Volksfront "litten" und, wie Marc Bloch berichtet, "lieber Hitler als Blum" oder "lieber Hitler als Stalin" murmelten. Schließlich hatte Hitler Franco gegen die Frenta popular unterstützt. Ein Pétain hatte seinen Kollegen schon im Rif-Krieg schätzen gelernt.

Hätte der Regierungschef Paul Reynaud im Juni 1940 energischer handeln sollen? Sicherlich. Hätte er es auch gekonnt?

Um die berühmte Lehre aus der Geschichte zu ziehen. Bei all dem Reden und Schreiben über Strategie und Taktik übernimmt man nolens volens die Denkweise der wahrlich nicht immer sympathischen Militärs, man ist in der "Monde-Guerre" (und vergisst ihre Schrecken). "Quelle connerie la guerre", schrieb Prévert über die Bombardierung Brests durch Alliierte (um Frankreich zu befreien). Diese "Connerie" zu verhindern, gelang damals nicht. Heute sind wir hoffentlich klüger.

RE: „Das freie Frankreich“ | 03.06.2020 | 12:11

"... würden glatt noch Wahlkampf für Trump machen"

Der erwähnte "Appell des 18. Joint" von 1976 hatte zahlreiche Unterschreiber, die heute genau dies für Macron tun - so sie noch leben. Und zwar mit der gleichen Selbstsicherheit, das Richtige zu tun, wie damals. De Gaulle war sich bei allen taktischen Manövern inhaltlich (ziemlich) treu. Old military school statt New management school.

RE: Im Tumult der selbstgewissen Antworten | 24.05.2020 | 12:04

Ich weiß nicht, ob es einen "Verfall" der Diskussionskultur gibt. Grobschlächtig ging es eigentlich schon immer zu - vor allem wenn um Positionen im politischen Feld gekämpft wurde. Und immer litt die Diskussionskultur daran, dass Teilnehmer entweder die diskussionswürdigen Texte nicht lasen oder aber jagdeifrig nach kurzen Sätzen mit dem Potential öffentlicher Empörung suchten.

Mbembe des Antisemitismus zu bezichtigen, ist einfach absurd. Der Historiker (einer der ersten, der sich mit dem antifranzösischen Befreiungskampf in Kamerun beschäftigte) arbeitet heute vor allem über die Transformationsprozesse, die aus den westlichen parlamentarischen Demokratien im vermeintlichen oder wirklichen Kampf gegen den Terrorismus eine Inversion bewirken: indem "wir" die Schmittsche Freund-Feind-Definition übernehmen, machen wir aus der "Schmittschen "Welt" die unsere.

Am Beispiel der israelischen Besatzungspolitik schreibt er (in der Tradition Saids und Fanons):

"Mittels ihres High-Tech-Charakters werden die Wirkungen des israelischen Projekts der Separation auf den palästinensischen Körper deutlich schrecklicher als die relativ primitiven Praktiken des Apartheidregimes in Südafrika."

Das ist nicht so leicht zu widerlegen. Und ist wahrlich nicht antisemitisch. Genausowenig wie die folgende Aussage:

"Trotz der Schrecken des Slavenhandels, des Kolonialismus, des Faschismus und Nazismus, des Holocaust und der anderen Massaker und Völkermorde, mobilisieren insbesondere die westlichen Nationen Rassismus ... und Erzählungen von fremden Migrantenhorden, denen man die Türen vor der Nase zuschlagen muss, von Stacheldrahtzäunen, die hastig aufgebaut werden müssen, weil wir ansonsten von der Flut er Wilden ertränkt werden..."

Ist es diese Kritik, die einen NRW-Landtagsabgeordneten dazu brachte, "Mbembe"als Antisemiten zu denunuzieren? Einem FDP-Politiker, dem es anscheinend nichts ausmacht, im Kuratorium des Gerhart-Hauptmann.Hauses" zu sitzen, das bis 1992 noch "Haus des deutschen Ostens" hieß? Mag sein, dass sich das Haus geändert hat. Aber Fragen bleiben.

RE: Doppelte Rendite für Klima und Konjunktur | 20.05.2020 | 09:25

Endlich! Wer so schreibt:

"Die Tiefe der wirtschaftlichen Krise erfordert neben den bereits sehr umfassenden Soforthilfemaßnahmen ein darauf aufbauendes Konjunkturprogramm. Verschiedene Autor*innen (Horn, DIW u.a.) weisen darauf hin, dass die generellen Anforderungen an ein solches Programm in den sogenannten drei oder vier Ts, die aus dem Englischen stammen, bestehen. Sie sollten

timely (frühzeitig) ,targeted (gezielt), temporary (zeitweilig) und angesichts der klimapolitischen Herausforderung transformative (umgestaltend)"

sein,"

denkt und handelt wohl auch so.

Die "3 oder 4"Ts" (gut geschätzt) stammen also aus dem Englischen (man lernt doch nie aus) und sind als Adjektive die Bestandtteile der generellen Anforderungen eines solchen Programmes. Also: timely Anforderungen, targeted Anforderungen, temporary Anforderungen, transformative Anforderungen?

Ich hab's schon immer geahnt: die Revolution beginnt in Thüringen.

RE: „In Krisen werden Mythen mächtiger“ | 18.05.2020 | 11:43

Zunächst ist es erfreulich, dass der Begriff "Verschwörungstheorie" sich langsam verdrückt und durch "Verschwörungsmythen" ersetzt wird, was die Sache aber nur wenig besser macht, denn "der Mythos wird nicht durch das Objekt seiner Botschaft definiert, sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht" . So Roland Barthes, der zudem wußte:

"Es gibt keine ewigen Mythen; denn nur die menschliche Geschichte lässt das Wirkliche in den Stand der Aussage übergehen, und sie allein bestimmt über Leben und Tod der mythischen Sprache".

Interessanter als psychologische Fragebogen-Interpretationen wären also sozialwissenschaftliche, historische oder ideologische Analysen (in ihrem Zusammenhang) der Verschwörungsideologie, oder besser: des "Komplottismus". Im Interview werden - mit Verlaub - (fast) nur Banalitäten und nicht hinterfragte Präsuppositionen geliefert (vielleicht ist das Buch ja besser). Noch nicht einmal die bequeme Win-Win-Situation kommt in den Blick: die Herrschenden (die natürlich auch ihre "Verschwörungsmythen" haben) profitieren offensichtlich von dem VT-Anathema. Ihre Herolde verkünden es landauf und -ab und schweißen damit die Verdammten noch stärker zusammen. Die fühlen sich in ihren Vorurteilen bestätigt (und dabei sauwohl): Seht ihr? Sie nehmen uns nicht ernst!. Und so verweist jeder auf jeden, aber nicht unbedingt auf die zu verändernde gesellschaftliche Realität. Sehr praktisch.

Nun, immerhin habe ich durch das Interview erfahren, dass ein bestimmter Berliner Journalist immer noch Anhänger findet. Wie ist das möglich? Wer oder was steckt bloß dahinter?

RE: Das Ende vor dem Anfang | 17.05.2020 | 17:24

Heute ist wieder Memory-Tag. Frankreich gedenkt der Schlacht von Moncarnet vom 17. Mai 1940, während der Oberst de Gaulle eine Panzerdivision gegen ein deutsches Pendant führte ... und unterlag. Ganz Frankreich gedenkt? Nicht ganz. Es ist eigentlich nur der schwer angeschlagene Präsident, der in Moncarnet vor einem Minister, einem Präfekten, einigen Abgeordneten, Senatoren und Bürgermeistern, wenigen Veteranen und den Kameras seine Version der Schlacht liefert:

Mit der "mutigen Niederlage" de Gaulles zeigt sich, so der Präsident, der "französische Geist". In dieser Niederlage, so de Gaulle selbst "hat sich meine Entscheidung geschmiedet". Davon findet man zwar nichts in den privaten Dokumenten, dafür aber in seinen Kriegsmemoiren. Wie auch immer, der Mythos des "magischen Verlierers" durchzieht die französische Geschichtsschreibung und Politik seit über hundert Jahren. Manche lassen ihn bekanntlich mit Vercingetorix beginnen.

Macron hat sich für dieses de-Gaulle-Jahr viel vorgenommen. Wahrscheinlich wieder einmal zu viel.

RE: „Licht und Staub“ | 09.05.2020 | 11:10

Remerci, monsieur Gutschke. Die Historikerin Ludivine Bantigny ist Vertreterin einer bei uns fast inexistenten Konzeption von Geschichte, der "histoire engagée". Mit Mathilde Larrère, Laurence de Cock, Guillume Mazeau, Sophie Wahnich, Nicolas Offenstadt (der ein schönes Buch über die DDR-Überreste geschrieben hat (Le pays disparu. Sur les traces de la RDA) zeigt sie, dass Geschichtswissenschaft und Engagement sich nicht ausschließen.

Beispiel Triumphbogen: Im Unterschied zu den Mainstream-Journalisten von BFM bis Le Figaro (und natürlich der NZZ) haben sie sofort die kolossale Missinterpretation der molestierten Gipsfigur als "Marianne" erkannt und im sozialen Netz verbreitet.