RE: On ne regrette rien! | 08.12.2017 | 15:12

Schöner wehmütiger Artikel. Das der kleine Charlie mit seinem Kulturhintergrund Integrationsprobleme haben würde. war zu erwarten. Hier ist halt immer noch Wilhelm Busch der Höhepunkt des (einverständigen) Humors. Zum Lachen und Revoluzzen glotzt man in die "Anstalt".

Heute ist ja erstmalig der Brief Bölls an Mahler vom 25. Mai 1972 erschienen (im großen Konkurrenzblatt). Was für ein hellsichtiger Text! Auch hier geht es um das Deutsche, nur ein kurzes Zitat:

"Ich habe viel von ihnen (Böll meint die Arbeiter) gelernt, vor allem von ihrer schmerzlichen Sensibilität. Ich habe keine Angst vor ihnen. ich hätte auch keine Angst vor Rosa Luxemburg, auch wenn sie es für nötig befunden hätte, mich zu beschimpfen. Vor Ihnen fürchte ich mich, vor Ihrem verfluchten deutschen Zeigefinger und der erbarmungslosen, puritanischen Kunst- und Literaturfeindlichkeit".

RE: Das falsche Richtige und das richtig Falsche | 08.12.2017 | 13:48

Nun hat ein Berliner Amtsgericht entschieden, dass die Entmietungs-Entscheidung des Babylon-Geschäftsführers unrechtmäßig war. Der "Karls"-Preis wird also im Babylon zur vorgesehen Zeit verliehen werden können. Die Szene freut sich sehr, auch über die Solidarität, die sie durch Lafontaine erfahren.

Fast simultan wird bekannt, dass der Aachener Karlspreis 2018 an einen certain Emmanuel Macron verliehen wird. Der Preis ist nach der imperialen Herrschergestalt Karl dem Großen benannt, der Kölner Preis nach dem großen Karl. Wenn der wüsste, was heute in seinem Namen gemacht wird, ...

RE: Agenda Untergang | 08.12.2017 | 08:07

Nun also wohl die große Koalition , "bätschi"! Warum auch immer.

Das Ergebnis wird sein: die Stärkung zweier populistischer Oppositionsparteien, der AfD und...nein, nicht der Linken, sondern der macron-lindneristischen Rechtsliberalen. Was dem europäischen Trend entspräche.

RE: Klartext. Haltung. SPD - Teil 2 | 05.12.2017 | 13:32

"Moderner, offener, transparenter" - das klingt gut und ist doch auch nur das, was die Reformer aller Parteien in Zeiten des Niedergangs sagen. Immerhin wird Marc Bülow etwas konkreter, wenn er ein "weiblicheres, jüngeres und kritischeres" Führungspersonal fordert.

Pierre Bourdieu hat in einem erhellenden Vortrag an der Universität Lyon (2000) die Strukturelemente des "politischen Feldes" so analysiert:

"Das politische Kapital eines politischen Akteurs hängt zuvörderst vom politischen Gewicht seiner Partei und vom Gewicht der betreffenden Person in seiner Partei ab. Die Partei ist gegenwärtig eine Art Bank von spezifischem politischen Kapital, und der Generalsekretär einer Partei (resp. in der BRD der Partei- oder Fraktionsvorsitzende, wwalkie) ist eine Art Bankier, der den Zugang zum politischen Kapital kontrolliert, bürokratisiert, garantiert und zertifiziert..."

Nun sind die "Bankiers" und die "Banquières" der SPD momentan ziemlich angeschlagen. Sie hängen in den Seilen. Sie torkeln durch den Ring. Die Bedingungen für "junges, weibliches, kritischeres" Führungspersonal sind also recht günstig. Noch einmal Bourdieu:

"Im politischen Spiel geht es um das Monopol des "Sehen-Machens" und des "Glauben-Machens". Das erklärt auch die Schlüssigkeit der religiösen Analogie. Es handelt sich um einen Kampf zwischen der Orthodoxie und der Häresie. Orthodoxie bedeutet hier eine rechte Vision von rechts. Der Häretiker hingegen ist derjenige, der eine Wahl trifft, im Gegensatz zu dem, der keine Wahl trifft, der alles selbstverständlich findet, der die Welt, so wie sie ist, als gut ansieht, meint, dass es nichts zu sagen gibt, auch nichts dagegen, dass es reicht, alles seinen Gang nehmen zu lassen. Für den Häretiker "darf es nicht so weiter gehen". Die politische Welt ist immer eine doppelte: es geht um Kämpfe für Ideen, aber diese sind nur dann vollständig politisch, wenn sie "Kraft-Ideen" (idées-forces") werden. Es geht also auch um Kämpfe um die Macht."

Und hier stellen sich die entscheidenden Fragen: Gibt es im politischen Feld der SPD genügend "weibliche, junge, kritischere" Häretiker, die ihren orthodoxen "Bankern" die Kontrolle über das politische Kapital entziehen können? Sind diese bereit, in Bourdieus Doppelsinn um die Macht zu kämpfen? Oder gelingt es letzteren wieder einmal, aus den Häretikern Billiger der Welt zu machen und so ihr "Kapital" zu behalten?

Die Erfahrung spricht für die zweite Variante. Auch bei Marc Bülow finden sich keine bahnbrechenden sozialpolitischen "Kraft-Ideen", sondern eher Gedanken zum politischen Partei-Prozedere. Aber manchmal soll es ja Überraschungen geben.

RE: Das falsche Richtige und das richtig Falsche | 02.12.2017 | 13:01

Quasi als kleiner halbernster Epilog zum Thema.

Die Kritiker der Ent-Mietung beriefen sich ja immer wieder auf das Luxemburgzitat, das sie kennen, auf die berühmte Freiheit der Andersdenkenden. Luxemburg bezog dies zwar auf die russische Revolution und meinte die Freiheit aller Revolutionäre, aber sei's drum. Man kann das Zitat auch weiter interpretieren. Die Grenze wäre dann mit der Freiheit der offenen Rassisten und Antisemiten erreicht, zum Beispiel.

Der Preisträger schmückt nun seine FB-Seite mit einem von den zwei Zitaten Voltaires, die in seinem Umfeld beliebt sind:

"Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst."

Würde noch schöner klingen, wenn das Zitat von Voltaire wäre. Ist es aber nicht (schon das "du" weist übrigens darauf hin, V. war zum plebejischen Duzen viel zu courtois). Es ist denn auch von der englischen Autorin Evelyn Beatrix Hall, die unter dem Pseudonym S.G Tallentye dem großen Aufklärer dieses in den Mund legte:

"I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say" (Friends of Voltaire, 1906).

Mal sehen, wer demnächst zitiert wird. Orwell wäre mal wieder dran. Aber dann doch bitte ein echtes Zitat.

RE: Brecht das ab | 30.11.2017 | 14:31

In der heutigen ZEIT erschien eine mehrseitige Reportage von Jana Simon über die Aktion, eine Vor-Ort-Ergänzung zu M. Angeles Kommentar. Der Begriff Aktion ist allerdings verniedlichend. Die Veranstaltung ist hypertroph. Höcke und seine Frau sind jahrelang auf Schritt und Tritt bespitzelt worden, auch im Urlaub. Eine Drohne wurde eingesetzt. Selbst im Müll der Familie wurde gewühlt. Man fasst sich beim Lesen an den Kopf. Einige scheinen sich in einem Bürgerkrieg zu wähnen, sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken. Verrückt.

RE: Brecht das ab | 29.11.2017 | 19:07

Die Aktion ist politisch einfach dumm und verhöhnt in gewisser Weise die Opfer des Holocaust. Da fehlt das Maß. Vielleicht fühlt sich Höcke sogar geschmeichelt. Die Linke hat wohl Angst vor ihm.

Probleme habe ich bei den "gemeinsamen Wurzeln mit der 68er Bewegung". Die Wurzelmetapher scheint mir zu allgemein. Es sind die Methoden linken und rechten "Widerstands", die sich manchmal ähneln und von den Identitären, die 68er abkupfernd, zur Verwirrung de Linken ziemlich simpel, aber manchmal wirksam übernommen werden, weil letztere plötzlich mit ihren eigenen damaligen "Wurzeln" konfrontiert sind. Radikal sind auf einmal die anderen.

Womit ich bei den "Waffen" der Linken bin: Back to the roots!

RE: Das falsche Richtige und das richtig Falsche | 25.11.2017 | 16:27

Danke, Columbus, für den versöhnlichen Kommentar. Ich stimme fast allem zu (vielleicht auch, weil es allgemein formuliert ist)). Was Sie an politischen Punkten anführen, wird in Frankreich zur Zeit (und wohl auch in naher Zukunft) am besten von der France insoumise vertreten, deren Europakonzeption Ihnen nicht gefallen wird und auch mir etwas zu abstrakt ist (die beschworene Solidarität der Völker widerspiegelt die naive Harmonievorstellung der Arbeiterbewegung des 19. Jh.).

Bei uns entwickelt sich jamomentan eine linke Sammlungsbewegung, ähnlich der France insoumise. Mélenchon wird demnächst mit Lafontaine, Wagenknecht u.a. in der berliner "Provinz" auftreten. Dehm hat das wohl organisiert. Das wird spannend. Mél. ist ziemlich germanophob. Wie wird er auf nationale Töne Lafontaines und Wagenknechts reagieren? Wie weit geht sie, die Solidarität, wenn der jeweils andere Partne r auf nationalen Keynesianismus setzt? Hier kommt wieder Europa ins Spiel.

RE: Das falsche Richtige und das richtig Falsche | 25.11.2017 | 16:11

Lesen Sie mal nach, was der verbal aufrüstende Autor, auf den Sie verlinken, im Blog NRhZ am 15.11. an Jauche über den berliner Kultursenator gießt. Hier sind historische Vergleiche wirklich angebracht. Wenn es nicht Kalkül ist, steckt ein unglaublicher Hass dahinter. Bei einigen anderen Reaktionen aus demselben Umfeld bin ich ebenfalls perplex. Auf Broeckers, der seinen Irrtum mal eben so erwähnt, dann aber weiterhin genau aus diesem seine Insinuationen ableitet, habe ich oben schon kurz hingeweisen. Was soll's. Er ist's zwar nicht, aber er hätte es ja sein können.

Es ist eine bekannte Methode.