RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 09.01.2019 | 14:30

"Es könnte sich also tatsächlich eine Mehrheit rechts bis sehr rechts von Macron entwickeln", schrieb ich im obigen Beitrag.

Ein Zeichen setzt heute Thierry Mariani, bisher Mitglied der Républicains, ab sofort aber des Rassemblement national und wahrscheinlicher Kandidat für die Europawahlen. Mariani war von 1993 bis 2010 Abgeordneter für den sehr konservativen Wahlkreis Vaucluse und von 2010 bis 2012 Transportminister Sarkozys.

Die Umfragen zeigen weiterhin die große Beliebtheit Marion Maréchals in rechtskatholischen Kreisen. Sie könnte schon bald als große Retterin, als Jeanne d'Arc des 21. Jh., als nationale Versöhnerin Frankreichs nach dem Chaos des Konflikts zwischen Macronie und Gilets jaunes auftreten.

RE: Das herrschende Maskulinum | 07.01.2019 | 16:33

In normalen Zeiten breche ich meine Lektüre ab, wenn ein Text mit "Das Jahr neigt sich dem Ende, doch das Patriarchat mit all seinen Ausprägungen waltet voran". Vielleicht war es die poetische Wucht des "Voranwaltens", die mich zum Vorsatzbruch trieb. Jedenfalls habe ich es nicht bereut. Die Autorin hat die in bestimmten Milieus herrschende Sprache, die immer auch die Sprache der das Milieu beherrschenden Sprecher und/oder Sprecherinnen ist,so kunstvoll verfremdet, dass das komplizierte Verhältnis von Sprache und Bewusstsein etwas klarer wird.

Danke für die zahlreichen Blüten, darunter Flores wie

"Dass die Aufklärung bedingt durch die Französische Revolution die Ungleichheit zentralisiert erst ermöglichte, wird geflissentlich ignoriert",

"Die maskuline Sprache ist Ausdruck des herrschenden Duktus über das weibliche Geschlecht",

"Sprache formt und schafft Bewusstsein, Hand in Hand mit dem gesellschaftlichen Sein."

Gerade die scheinbare Unklarheit der Aussagen regt die eigene Erkenntnisarbeit an. Fragen werfen sich auf:

Wie bedingt die Französische Revolution die Aufklärung? Wie ermöglicht sie Ungleichheit zentralisiert? Zum Beispiel in russischen Reich? Was ist der herrschende Duktus? Und wie schafft die Sprache als "reaktionäres Subjekt einer sich noch behauptenden Klasse", Hand in Hand mit dem gesellschaftlichen Sein (was die interessante Frage nach der Materialität des Bildes aufwirft), das Bewusstsein für den reaktionären Charakter des generischen Masculinums? Fragen über Fragen.

Apropos Fragen. Die Kommentatoren und Kommentatorinnen der französischen Medien fragen ja schon seit 7 Wochen nach der Essenz der Gilets jaunes. Sie sie "anti-écolos"? Oder Antisemiten? Zumindest doch Fremdenfeinde, oder? Homophob? Stets gewaltbereit? Ja doch, wenn man sieht, wie ein viriler Boxer einen armen Polizisten ausknockt. Choquant!

Seit gestern wissen sie noch Genaueres. Anlässlich der Demonstration der Frauen mit den gelben Westen stellten sie fest - und es war despektierlich gemeint: Diese Frauen sind keine Feministinnen. Gibt es Schlimmeres?

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 29.12.2018 | 14:47

"Der anspruch, klar zu bleiben, verhindert klärung"

Der Satz trifft es. Die "konsensuelle" Scheinklarheit (des Positivismus) verhindert die Klärung der widersprüchlichen gesellschaftl. und ökon. Beziehungen. Auch bei dem berühmten RIC besteht die Gefahr, dass die Politik auf das Voting über eine bestimmte Folge lösbarer Problemchen reduziert wird (demokratisches Merkeln). Die Bewegung des Peuple wäre dann zu einem demokratisch-neoliberalen Pendant des Macronismus geronnen.

Der Historiker Samuel Hayat hät es für notwendig, "den Dissens zu demokratisieren" (wie 1848). Die politische Praxis muss den gesellschaftlichen Widersprüchen eine Sichtbarkeit geben und diese nicht hinter irgendeinem partizipativen Dispositiv zu verbergen. Also: mit den Gelben Westen gegen die Oligarchie, aber, wenn nötig, für den Ausdruck ("expression") des Konflikts gegen den Konsens (S.H., Les Gilets jaunes et la question démocratique).

Andererseits: da ist sie wieder, die Einmischung "von oben".

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 29.12.2018 | 10:01

Zur Frage einer eigenen GW-Liste zu den Europawahlen. Die Idee tauchte im Dezember auf, wird jetzt aber etwas weniger diskutiert. Viele glauben, dass sie (von wem auch immer - oder von wem wohl?) bewusst lanciert wurde, um die Bewegung zu desorientieren unddurch Institutionalisierung zu schwächen.

Die Macronie hat - und das zeigt, wie akribisch sie arbeitet - das Institut Ipsos mit einer doppelten Umfrage zu den Europawahlen beauftragt (die allerdings veröffentlicht wurde).Es wurde nämlich auch nach der Wahlpräferenz im Falle einer Liste der GW gefragt. Ergebnis (der Listenfall in Klammern):

France insoumise 12% (9%)

EELV (Ökol., Grüne) 14% (13%)

PS 4% (3%) LRM/Modem 21% (21%)

Les Républicains 12,5% (11%)

Debout la France 6% (4.5%)

Rassemblement national 17% (14%)

(Gelbe Westen 12%)

Auch wenn es methodische Bedenken gibt (die verstärkt werden durch eine Ifop-Umfrage, die dem RN 24% und der Macronie nur 18% geben), wird das Interesse (aber auch das Risiko) einer GW-Liste für die Macronie recht deutlich.

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 28.12.2018 | 14:50

"Ach nee, wwalkie, das liest sich dann wirklich so, als seien die Menschen nur Marionetten".

Ich glaube, das Beispiel der Gelben Westen (warum werden die hier immer "Gelbwesten" genannt, ist so pejorativ, wie "Rothäute"?) zeigt das Gegenteil: sie schneiden die Fäden einfach ab, funktionieren nicht mehr, sie solidarisieren sich über soziale und politische Schranken hinweg. Sie müssen aber auch buchstäblich den kalten Wind der Freiheit ertragen. Und sie müssen die Unsicherheit (ohne Anleitung) und die Irrtümer (auf dem freien Feld) leben. Das ist unheimlich schwer. Irgendwann kommt die Sehnsucht nach den Fäden zurück. Die Stunde der Le Pens.

Auf der anderen Seite die Macronie. Sie starrt völlig konsterniert und zu Beginn hilflos auf die Fäden, versucht dann die Marionetten zu bestrafen, zu verhauen, oder zu locken.Es funktioniert nicht. Und schon geht ihr Blick ängstlich nach oben. Wie reagieren sie auf ihr Versagen, die wirklich großen Puppenspieler?

Sorry für den Ausflug in den Metaphernwald.

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 28.12.2018 | 14:32

Der neoliberale Autoritarismus der EU-Kommissare wird sich durch die zahlreicher werdenden nationalen Ausbruchsversuche (ob von rechts oder links) noch verstärken. Die Lösung ist so banal wie einsichtig: die Schaffung eines sozialen demokratischen Europa mit entsprechender Verfassung, durch Referenden legitimiert. . Die Initiative muss aber wiederum von den Einzelstaaten ausgehen, natürlich von Frankreich, aber in erster Linie vom bisherigen Zuchtmeister Europas, Deutschland. Hier liegt der Schlüssel. Wenn man nur wüsste, wo.

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 28.12.2018 | 14:22

Das Beunruhigende, Verstörende, Unbekannte, Unerhoffte - wie auch immer - in der gegenwärtigen Situation ist jedoch, dass die traditionelle Mitte aus Republikanern und Sozialisten schrumpft, dafür treten Bewegungen statt Parteien auf den Plan: die Faschisten (um sie wie Palheta beim Namen zu nennen), die Macronie und die France insoumise - und jetzt die nicht klassifizierbaren Gelben Westen, die, da sind sich alle Interpreten einig, ein Ereignis darstellen.. Wenn Jupiter weiterhin so absehbar unflexibel reagiert (so unfelxibel wie Matraques, die seine Ordnungskräfte schwingen), können die Steine ins Rollen kommen, und zwar in eine unangenehme Richtung. Darum geht es mir in diesem Beitrag.

RE: Ein nervender Zeitgenosse | 28.12.2018 | 11:10

Danke für den Beitrag.

Ich habe Pohrt fast immer mit Vergnügen und Erkenntnisgewinn gelesen. Er war zu Beginn der einzige Linke, der die großen Friedensdemos in den 80ern, die alternative Szene kritisierte, als "Wiedergeburt der Nation", und zwar gnadenlos. Gerne hätte ich gelesen, wie Pohrt die plötzliche Entdeckung der "Heimat" in fast allen politischen Lagern aufgespieß(er)t hätte.

Sein "Kapitalismus for ever" hat mich geärgert. Das war für mich Pohrtismus auf die Spitze getrieben, kalt, ohne jede Perspektive, eine Abrechnung, vor allem mit den dogmatischen und den gewendeten Linken, aber auch mit all den Hoffnungen, die die Menschen je hatten und die - notwendig - weiterleben müssen.. Heute würde ich es als Quelle über den Zustand frankfurter Intellektueller im 5. Jahrzehnt nach 68 lesen.

Ich habe gerade seine "Brothers in Crime" (1997) hervorgekramt. Der Untertitel passt zur "postmodernen" Gegenwart: "Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs". Im Vorwort die düstere Prognose

"Wenn es zum Kampf kommt, kämpft keiner für Freiheit oder Sozialismus. Jeder kämpft gegen jeden, jeder kämpft für sich". Ich hoffe, dass das unerwartete Ereignis Gilets jaunes das Gegenteil beweist. Sicher bin ich mir nicht.

RE: Arbeit, Familie, Vaterland | 27.12.2018 | 20:08

Danke für den Kommentar.

Die ambivalente Beziehung liberalistischer und faschistischer Theorie und Praxis deute ich mit dem Hayek-Zitat an (sehr schön im neuen Buch von Chamayou über die "Société ingouvernable" ausgegraben), auch Macrons Maître und langjähriger Esprit-Spiritus Mounier hatte faschistische Anmutungen. Ja, sogar der untadelige Paul Ricoeur, mit dessen Bekanntschaft sich der Präsident schmückt, war Anfang der 40er nicht gerade ein Antifaschist.

Die nahe Zukunft wird also spannend sein. Wird es Liberale geben, die die Weste wenden?