RE: 200 Jahre Wartburgfest und Perspektive der EU | 13.10.2017 | 07:25

Und erinnert sei an Heinrich Heines Bewertung des Wartburgfestes:

"Der Geist, der sich in Hambach aussprach, ist grundverschieden von dem Geiste, oder vielmehr dem Gespenste, das auf der Wartburg seinen Spuk trieb. Dort, auf Hambach, jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder und mit der ganzen Menschheit ward Bruderschaft getrunken; hier aber auf der Wartburg, krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren!... Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichs anderes war als der Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste als Bücher zu verbrennen..." (Ludwig Börne, Viertes Buch)

RE: Das Phänomen | 09.10.2017 | 15:46

Danke, iDog! Ich fürchte, für die Start-up-Welt Makroniens wäre ich nicht gerade "employable"

RE: Das Phänomen | 09.10.2017 | 12:24

Einen wunderbaren Beitrag zur wunderlichen Wirtschaftswelt in Macronien liefert (wieder einmal) Frédéric Lordon in seinem Blog der Monde diplo oct. 2017. Liegt bisher leider nur in Französisch vor: Au service de la classe

RE: Das Phänomen | 05.10.2017 | 09:08

Wie man so denkt und spricht:

Der Präsident besuchte am 4. Oktober eine Berufschule im Corrèze. Er weigerte sich, die um ihre Zukunft fürchtenden Arbeiter des Autozulieferers GM&S anzuhören, die "en revanche" von den Ordnungskräften mit Tränengas besprüht werden.

Kurze Zeit später berichteet der Regionalpräsident dem Nationalpräsidenten, dass eine Eisengießerei in der Nähe verzweifelt Facharbeiter suche. Der antwortete so:

Für manche wäre es besser, statt Krawall zu machen, hinzugehen um zu sehen, ob es dort nicht Arbeitsplätze für sie gibt.

Mir fällt dazu Zolas "Germinal" ein.

RE: Das Phänomen | 03.10.2017 | 14:56

Macron, "der französische Schröder, nur eleganter und geschickter" trifft es. Gleichzeitig aber auch so aufdringlich, dass es irgendwann nicht mehr funktionieren kann. Interessant ist die Frage, ob eine so jugendlich elegante wie eloquente Erscheinung (in des Wortes mehrfacher Bedeutung) als Kanzlerkandidat in Germanien eine Chance hätte. Wenn ich die deutschen Regierungschefs so Revue passieren lasse, kommen mir Zweifel.

RE: Das Phänomen | 02.10.2017 | 15:16

Eine kurze Ergänzung zum Thema Kapital und Herrschaft:

Im "Journal du Dimanche" von gestern, der einzigen überregionalen Sonntagszeitung, freut sich die Nr. 2 des Unternehmerverbandes Medef über die Politik seines Präsidenten. Frankreich sei ein "normales Land" geworden, wo es "gut tut, Unternehmer zu sein". Er ruft die Unternehmer "im Exil", also die milliarden und millionenschweren Steuerflüchtlinge, auf, zurückzukehren: "Jetzt ist der Moment zu investieren". Apart ist folgende Drohung:

Alle Länder, die die Intelligenz und das Kapital besteuern, werden aus der Geschichte verschwinden.

Geoffroy Roux de Brézieux, vielleicht im nächsten Jahr die Nr. 1 des Medef, Sprössling einer von Louis XV. geadelten Familie, hat sein Vermögen in der Telekommunikation gemacht. Er ist zudem Chef des mittleren Unternehmens "Oliviers&Co.", das den urbanen dynamischen Mittelschichten hochwertiges Olivenöl u.ä. verkauft, ein Wohltäter der Provence.

RE: Das Phänomen | 02.10.2017 | 13:29

Danke für Ihre Kritik, Columbus.

Ich glaube aber, dass Sie Macron etwas falsch einschätzen.

Innenpolitisch ist er der Exekutor der Vorgaben des Médef, des Verbandes der Großunternehmer. 3-4 Mrd. Steuergeschenke für die Reichsten, gleichzeitig Belastung der Alten und Armen (die sich ja kaum wehren werden/können), die weitere Entrechtung der Arbeiter und Angestellten, die Verrechtlichung des Ausnahmezustands auf Dauer, die Herablassung gegenüber den "Nichtstuern", den "Nichtsen", die permanenten oft peinlichen Inszenierungen sprechen für sich.

Er vertritt seine Klasse so virtuos, dass man manchmal den Eindruck hat, er teste (schau)spielend die Grenzen seiner Macht aus. Der zitierte Pierre-André Taguieff schreibt bitterböse zu dem gerne genommenen Vergleich mit Balzacschen oder Stendhalschen Figuren:

Man muss sich Macron als einen possmodernen Rastignac, der seine Ziele erreicht hat, als einen Julien Sorel, zu geschickt, um unterzugehen, als einen sehr aufgeweckten Lucien de Rubempré, dem alles gelingt, vorstellen. Der selbstsichere und megalomane Heranwachsende ist an sein Ziel gekommen.

Die Europarede scheint mir das Bild zu bestätigen. Er spricht pathetish von einer "Refondation (?) d'une Europe souveraine", um dann aber bald eine für ihn typische doppelte Zielsetzung zu formulieren: den gleichzeitigen Bezug auf die Marktökonomie und die soziale Gerechtigkeit. Was er meint, wenn er postuliert: In Europa müssen wir die Grammatik (?) eines erneuterten Sozialmodells, nicht das des 20. Jahrhunderts, rekonstrieren, das erfahren die Franzosen zur Zeit. Was den "europäischen Sockel" angeht, bleibt der Präsident ja auch ziemlich vage.

Er will "ein Europa der Verteidigung". "Gegen wen?" fragt Mélenchon suffisant. "Um was zu tun?" "Mit welcher Bewaffnung?"

Derselbe "Insoumis" geht übrigens heute auf die Wahlen in Deutschland ein. D. werde ein ernstes Problem für Europa. Nach den auch auf die europäischen Länder abgewälzten Einigungskosten, des Arbeitskraftdumpings durch Schröder und der "schrecklichen Periode" der Merkel und Schäuble (Spardiktate), werde die CDU/CSU nun nach rechts marschieren, und die französischer "Kaste" werde folgen. Man muss sagen, Mélenchon hat D. gegenüber so etwas wie ein Ressentiment, auch wenn das alles so falsch auch nicht ist. Es ist wenig vorstellbar, dass Macron gegenüber Merkel mehr Rückgrat hat als Hollande.

Wie Mélenchon präsidieren würde, ist schwer zu sagen. Laut umfangreichen Wahlprogramm würde er flugs die Fundamente einer Sechsten Republik einleiten. Die Präsidialmonarchie würde einer echten parlamentarischen Demokratie mit Verhältniswahlrecht weichen, mit der Möglichkeit, Deputierte abzuwählen und mit relevanter Partizipation der Bevölkerung. Der Präsident Mélenchon würde sich quasi selbst entmachten und zum französischen Steinmeier diminuieren, eine sympathische Vorstellung, zumal er als glänzender Redner ein würdiger Repräsentant wäre. Ein bisweilen arg patriotischer, was angesichts der französischen Geschichte noch verständlich sein mag. Wenn ein deutscher Linker Mélenchon diesbezüglich kopieren wollte, wäre das aber schon ärgerlich.

RE: Das Phänomen | 02.10.2017 | 09:06

Danke für den Hinweis. Der Wiki-Artikel ist alles andere als eine x-te langweilige endgültige Theorie zur Kapitalismus-Entwicklung. Das ist auch der Rahmen für die ideologiegeschichtliche Entwicklung des "blog bourgeois", den ich kurz skizziere.

RE: Das Phänomen | 02.10.2017 | 07:19

So sehe ich es auch. Eine alternative Europapolitik ist wohl nur mit einer superstarken französischen Linken möglich. Wie mit einer starken deutschen. Von Mélenchon - und vor allem den jungen erwähnten Politikern - können sich unsere Linken mehrere Scheiben abschneiden, aber bitte nicht alle. Der republikanische Patriotismus des frz. Volkstribun läuft in unseren Landen immer Gefahr, nach rechts zu kippen. Aber Geduld ist weiterhin eine revolutionäre Tugend.

RE: Das Phänomen | 01.10.2017 | 14:11

Nein.Der Charme eines Mélenchon ist der eines echten Vokstribuns in der Tradition eines Jaurès, der wiederum die Revolutionen des 18./19. Jahrhunderts verkörperte. Ich fürchte aber, mit den guten 19,4 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen im ersten Wahlgang hat er fast sein Maximum erreicht. Die Gretchenfrage Europa muss in der gesamten Linken gelöst werden. Nur dann kann die Hegemonie zurückerlangt werden. Übrigens: In der Fraktion, auf der Straße und in dem Medien leisten viele junge "Insoumis" eine klasse Arbeit: Alexis Corbière, Clementine Autain, Adrien Quattenens u.v.a. gehen - wie der alternde Mélenchon - aber auch an ihre physischen Grenzen.