RE: Männerfußball wird nicht besser | 12.07.2019 | 14:36

Interessanterweise gilt in der Imagination der Autorin das einstige eherne Linecker-Law ("Und am Ende siegen die Deutschen") weiterhin, auch für die Mixed-Mannschaft des Deutschen Fussballbundes:

„Neuer schießt einen langen Ball ins Mittelfeld, Gwinn nimmt den Ball gekonnt an, Pass an Draxler, der dribbelt die gegnerische Verteidigung aus, passt den Ball zu Popp und ... Tor! Tor des deutschen Nationalteams!“

Selbst die Sprache erinnert an Zimmermann und das "deutsche Fussballwunder".

Im Ernst: Einsätze bewaffneter deutscher (oder europäischer) mixed Truppen im Irak, in Syrien oder am Horn von Afrika erscheinen mir wahrscheinlicher. Noch ernster: es gibt allerdings einen gewissen Zusammenhang mit der Forderung nach gemischten Nationalmannschaften.

RE: Einer gegen Alle | 03.07.2019 | 08:17

Dass das erste deutsche Porträt Juan Brancos im Freitag erscheint, ist erfreulich. Mir ist es schleierhaft, dass sich die großen Medien einen so interessanten Intellektuellen, eigentlich den idealen "Anti-Macron". entgehen lassen. D.h., so schleierhaft nun auch wieder nicht. Brancos Bücher sind keine leichte Lektüre, seine Aussagen nicht selten widersprüchlich (weil die Sache widersprüchlich ist!). Da ist das Invest in Eribon und Louis lohnender. En passant: das wunderbare Event einer parodistischen Gerichtsverhandlung über Macron, organisiert von dem Online-Medium Lá-bas si j'y suis, mit prominenten Zeugen und einem genialen Staatsanwalt (verkörpert von Fréderic Lordon) ist in Bundesrepublikanien so gut wie nicht zur Kenntnis genommen worden.

Das Porträt selbst finde ich gelungen, aber (etwas Mäkelei muss sein) ich hätte mir mehr politische Aussagen Brancos gewünscht (auch seine Privatbeziehungen interessieren mich nur als politische) und nicht unbedingt einen Satz wie den folgenden:

"Dass er noch nach dem richtigen Grad zwischen Aufregung und Souveränität sucht, kann man an den wilden Handbewegungen erkennen, die seine Erzählungen begleiten, an den vielen Sätzen, die er anfängt, um dann mittendrin umzuspringen und einen neuen zu beginnen".

Das ist mir zu sehr Entwicklungsroman, à la "Der Junge wird noch vernünftig werden. Er sucht sich noch." Hoffentlich wird er nicht so schnell "vernünftig.

RE: Das Boxerherz des Christophe Dettinger | 17.06.2019 | 20:26

Dettinger schlägt zunächst und tritt dann ... den Polizisten, der kurz zuvor wie von Sinnen eine am Boden liegende Frau geprügelt und getreten hat ("Er hat mir das Leben gerettet"). Das ärztliche Gutachten verweist auf einen Bluterguss am Oberschenkel des prügelnden und tretenden Ordnungshüters. Das ist angesichts seiner Taten wohl zu verschmerzen, zumal es mit 2000 Euro, die Dettinger zu zahlen hat, "vergolten" wird. Nicht zu eruieren war, was aus dem jungen Mann geworden ist, der die Prügelattacke des Kommandanten in Toulon zu erleiden hatte.

Der Antitziganismus des Präsidenten überrascht einen schon nicht mehr. Da mag man auch keine sarkastischen Bemerkungen machen. Diese als "kleine Sätze" verniedlichten Rassismen machen einen ratlos.

RE: Das Boxerherz des Christophe Dettinger | 15.06.2019 | 13:30

Das gezwitscherte Zitat stammt aus einer Rede, die Edouard Philippe am 8. Juni aus Anlass der nationalen Ehrung der "für Frankreich in Indochina Gestorbenen" gehalten hat. Die ist so strohdumm pathetisch wie skandalös. Beachtet wurde sie allerdings (oder deswegen?) kaum. Im Zusammenhang mit den Gelbwesten ist ein kleiner Passus interessant:

"Im Schlamm von Dien Bien Phu, unter dem Dauerbeschuss der Artillerie der Vietnimh, angesichts nicht enden wollender Angriffe, beweisen (Präsenz!) die Franzosen Professionialismus, Kaltblütigkeit und Pflichtgefühl, was einem großen Respekt abnötigt."

Die Verteidiger des Abendlandes in Dien Bien Phu verfügten für den Premier über die gleichen "Qualitäten", die die Regierenden samstag abends immer den Polizisten in ihrem Kampf gegen die Gelbwesten zusprechen. Dass der Ministerpräsident hier eine Analogie im Sinne hat (vielleicht halbbewusst), scheint nicht ganz überinterinterpretiert. Da sitzt etwas ganz tief im Innern des zweitmächtigsten Mannes.

RE: Das Boxerherz des Christophe Dettinger | 14.06.2019 | 12:02

Und auf dem Weg zu dieser "finalen Form" feiert man die Kolonialsoldaten, so wie gestern auf Twitter Edouard Philippe, nichts Geringeres als Premierminister:

"Diese Soldaten sind nicht für den Imperialismus gestorben. Sie sind weder für eine Ideologie noch für diplomatische Verwicklungen gestorben. Sie sind für Frankreich gestorben. Und am heutigen Tag ist das alles, was zählt."

RE: Das Boxerherz des Christophe Dettinger | 14.06.2019 | 09:36

Eine kurze Aktualisierung:

Der Journalist David Dufresne registriert und archiviert auf Mediapart die Akte polizeilicher Gewalt. Bisher gab es eine Tote, 307 schwere Kopfverletzungen, 24 Demonstranten verloren ein Auge, fünf Menschen eine Hand etc. etc. Gestern stellte die "Inspection générale de la police nationale" (IGPN), an die sich die Verletzten wenden können (so fast unisono die Medien und die Polizei), ihren Bericht für 2018 vor. Von den 1180 Untersuchungen wurden 7 zu Ende geführt. Ergebnis: keine Sanktion. Die Leiterin der Behörde weist entschieden den Begriff Polizeigewalt zurück.

Libération findet dazu den schönen Titel: "L'Etat en illégitime défense", der Staat in illegitimer Notwehr. Allerdings entscheidet der Staat, was illegitim ist.

RE: Das Boxerherz des Christophe Dettinger | 13.06.2019 | 19:50

Diese "Ereignisse, die aus der Fassung bringen" zeigen neben vielem anderen:

- die Durchlässigkeit der sehr dünnen ideologischen Haut der Herrschenden. Man kratzt ein wenig, und schon bricht die reine Gewalt hervor. Das hat etwas Archaisches,

und

- (leider) die unfassbare Macht und Herrschaft des Großkapitals und seiner politischen (freien) Mitarbeiter der Partei der Alternativlosigkeit.

Die Gelbwesten sind (oder waren?) eine ungemein starke Bewegung. Die Macronie musste sich echt anstrengen, aber - im Nachhinein (?) - stand der "Winner" wieder einmal fest.

RE: Und trotzdem muss man schreien | 08.05.2019 | 16:51

Kleine Ergänzung aus aktuellem Anlass.

Heute,am 8. Mai 2019, begeht das politische Frankreich den Tag der Kapitulation Nazideutschlands, den Tag der Befreiung. Camus war einer der ersten Journalisten, der auf das Massaker von Setif hinwies, das am selben Tag begann und mit dem Tod von bis zu 10000 Algeriern endete. Erwähnt wird es bis heute kaum. Passt auch nicht in die Inszenierung militärischer Wellness.

Traditionell begrüßt der französische Präsident bei der Feier vor dem Triumphbogen ausgesuchte "Anciens Combattants", so auch heute. Das Problem: Die allermeisten Anciens Combattants aus der Zeit der Befreiung leben nicht mehr. Man greift also auf Kämpfer neuerer Kriege zurück, Kombattanten der Kolonialkriege, wahrscheinlich auch aus dem algerischen.

Alles kein Problem?

RE: Am Lügentropf | 08.05.2019 | 08:48

Das "Mea culpa" Castaners war scheinheilig, wie jeder weiß, aber nur wenige sagen, und zudem eine Beleidigung für die Gilets jaunes. Er nimmt das Wort "Attacke" zurück, "gewaltsames Eindringen" sei angemessener. Selbst die Zurücknahme ist falsch: es fand kein gewaltsames Eindringen statt. Die 32 Gilets jaunes (keine "Casseurs") sind auf eine Treppe vor dem (Neben-)Eingang zur Reanimationsabteilung geflüchtet, aus Angst vor brutaler Polizeigewalt (Gasgranaten, Schlagstöcke). Nur ein offensichtlich verwirrter älterer Mann will ins Gebäude, was die Pflegerinnen verhindern und der Mann akzeptiert. Die "gewalttätigen" Geflüchteten lassen sich schließlich ohne Gegenwehr abführen. Einige von ihnen müssen sich auf den Boden legen und sich demütigend-gründlich abtasten lassen. Anschließend müssen sie 30 Stunden Haft ertragen, unter unwürdigen Bedingungen.

Was Castaner betrifft: Er wäre eine wunderbare Figur für einen Politthriller. Ein ehemaliger Pokerspieler als skrupelloser Innenminster, stets von seinem Staatssekretär und dem Pariser Polizeipräfekten in operettenhafter Uniform begleitet. Die "Attacke" war bei weitem nicht die erste Lüge, die er inszenierte.

RE: Warum Le Pen erntet | 28.04.2019 | 08:23

Das Problem: aktuelle Texte über historische Ereignisse nur eine Momentaufnahme und in Gefahr, schnell zu veralten. Was ist in der letzten Woche nicht alles geschehen!

Die als Pressekonferenz getarnte Verkündungsschow im Präsidentenpalast (zur Primetime, mit den Primetime-TV-Präsentatoren), die die gesamte "Große Debatte" posthum zur Farce machte, der Akt 24 mit der teilweise gelungenen Vereinigung der CGT-Mitglieder und den GW - und die Niederlage von Paris Saint Germain im Pokalfinale. Wer redet noch von Notre-Dame?

Und selbst die Tagesschau berichtete gestern über die Demos. Aber sie ist nun einmal nicht schlauer als die Polizei erlaubt: Zumindest übernimmt sie die (politisch-strategisch eingesetzten) Zahlen der Polizei und behauptet mit der ganzen Autorität eines Anti-Fakenews-Senders, in ganz Frankreich hätten 23.600 Menschen demonstriert. Die ziemlich zuverlässige Seite "Le nombre jaune" kommt auf über 60.000.

Das sind weniger als am letzten Wochenende. Aber wir haben ja auch bald den 1. Mai.