Bildung spricht anders

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Seitdem ich ab und zu an dieser Stelle Beiträge schreibe, versuche ich dem Thema Bildungspolitik und Neoliberalismus auszuweichen. Zu sehr stecke ich mit "Herz und Hand und (da war doch noch was! ach ja!) Hirn" in dem Schlamassel, den die Reformzickzackdialektik des formalen und des realen Bildungsministeriums und seine Abteilungen angerichtet hat und noch anrichten wird. Ich reagiere mittlerweile allergisch und mit Bluthochdruck auf die Orwellsche Sprache der Brainökonomen und ihrer Medienzuarbeiter. Die Entscheider scheinen uns mal wieder für dümmer zu halten, als sie selber sind.

Nun hat der Freitag in seiner letzten Ausgabe einen Firstpageartikel "eines der besten Kenner des Bildungssystems" abgedruckt. Christian Füller ist Bildungsredakteur der einst libertären TAZ und "bekannt aus Funk und Fernsehen" - wie man früher sagte. Besagter Artikel - neoliberal höchstmarkiert - hat die entsprechenden Reaktionen von Freitaglesern ausgelöst, denen es genauso geht wie mir: wenn man seit Jahrzehnten mit den ewiggleichen "Argumenten" und der immergleichen Lexis gepiesackt wird, fährt man schnell aus seiner sonst so polierten Haut.

Es ist dieser Füllersche Diskurs, der den Bildungsarbeitern seit über einem Jahrzehnt stündlich in die Ohren gehauen wird. Die nervige Mediamarktreklame ist eine Wohltat dagegen. Wer ist Mitglied im Chor "Die Schulreformer"? Die Schulminister (ach, wie lieblich die Stimme der très blonde et high heeled und dauerlächelnden Schulministerin von NRW klingt!), die Wirtschaftsverbände, die IHKs, zahlreiche Betriebswirtschaftler, das Ifo-Institut, versteht sich, die Medien, jetzt auch der Freitag, die Qualitätsinspektoren, die Schulleiter, die vielen Zaunkönige in den Schulen, Gewerkschaften, selbst die, Eltern, auch Lehrer, Referendare sowieso, die müssen nämlich mitsingen. Und wer dirigiert wohl? Ich bin aber auch ein Verschwörungstheoretiker! Es ist immer derselbe Rhythmus, irgendwie ganz lauter Techno, der jede Gegenstimme, jedes Flehen um Ruhe übertönt. Totalitäre Musik halt.

Dabei geht es um nichts weniger als die Definitionsmacht. Was bitte schön ist BILDUNG? "Employability" sagen die Neoliberalen mit Unterstützung der OECD (Pisa!). Die Kinder "fit für die Zukunft" machen - sagen sie alle, auch Füller im besagten Text. "Fit" heißt "angepasst". Sie produzieren nolens volens eine Welt der Halb- und Unbildung (Liessmann), bestehend aus kleinen individualisierten Cleverchen, die in den Tag hinein lebend und arbeitend, sich bei Bedarf schnell einige Informationsbitchen "Wissen" einverleiben können, um sie nach Gebrauch wieder zu löschen. "Fitte" Arbeitskräfte und unkritische Konsumenten also.

Dass man auf diese Zumutung auch mit zarten Argumenten ad personam - wie im Fall Füller - reagiert, ist zumindest verständlich. Auch dass der "Demaskierte" sich touché fühlt und in deutscher Tradition nach der Obrigkeit (dem Administrrratorrr) ruft, war zu erwarten. Und die eilt ja dann auch flugs herbei. Es gehe doch nur um den Diskussionsstil. Nein, meine Herren, es geht um die Macht! Um die Macht eines Diskurses der hohlen Phrasen, der totalitär daher kommt. Und der bildungskatastrophale Auswirkungen hat.

Jacques Prévert, den dank Bildungspolitik bald niemand mehr kennen wird, schrieb vor über siebzig Jahren (etwas frei übersetzt):

Gegen Ende eines extrem wichtigen Diskurses/stolpert der staatstragende Mann/in die Höhlung einer schönen Phrase...

Und so passiert es dem bedauernswerten Herrn Füller. Um nicht in die Phrasenhöhlung zu fallen, greift er nach der nächsten ... Phrase.

Schulen fit für morgen machen. Aha, was heißt das? Äh. Schlüsselfragen beantworten. Und welche? Wie sieht modernes Lernen aus? Ja, wie denn? So wie bei den Schulpreisträgern. Hab ich in meinem neuen Buch geschrieben. Zum Beispiel wie bei Enja Riegel. Ach, wirklich. Das ist aber sehr esoterisch und sehr kapitalistisch zugleich. Bitte? Wir leben schließlich in Zeiten des Kinderschwunds und der Überalterung. Was hat das mit Bildung zu tun? Bitte? Es haben sich schließlich exzellente Schulen entwickelt. Das sagten Sie schon. Eine wohlhabende Stiftung vergibt Prämien. Die haben wir auch schon. Sie Verschwörungstheoretiker! Ich meine nicht die Bertelsmäuse.Warum haben Sie übrigens Angst davor? Und was macht die Stiftung noch? Sie finanziert Führungsakademien für die Rektoren. Meinen Sie das so, wie Sie es sagen? Die Rektoren sind nämlich die pädagogischen Köpfe. Alles in Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Gouvernance-Schools. Sagt Bertelsmann auch. Ich meine das aber nicht ganz so. Ah ja. Und dann weg mit dem Frontalunterricht à la Feuerzangenbowle. Sondern? Freiarbeit, Lernbüros, Werkstätten und .... Ja und? Ich sag Ihnen jetzt was ganz Neues: große Projekte. Aber das gibt es doch schon alles! Sie beschreiben doch den Istzustand! Wir müssen Schulen fit für morgen machen, modernes Lernen, Kinderschwund, Projekte, Führung, exzell...

Ich höre plötzlich ein Kinderstimmchen. Der Herr ist ja nackt! Und dann verschwand auch Herr Füller in der Höhlung seiner Phrasen.

Der Sprachnebel lichtet sich. Die Landschaft, die plötzlich in hellem Licht erscheint, ist trostlos. Menschen tauchen auf, sie bewegen sich mechanisch. Alle lächeln, aber in ihren Augen ist unendliche Traurigkeit. Da hört man sie wieder, die Stimme: Schlüsselfragen beantworten...


Nachtrag, 2.9.2009

Unter pisaversteher.de reagiert Christian Füller auf die Kritik an seinem Freitagtext. Er stellt die "Schulreformer" als Weltkinder in der Mitten dar, zwischen dem Hammer der "konservativen Kamerilla" der Landesbürokratien und dem Amboss der "verstockt-dogmatischen Linken". Füller scheint sich selbst dermaßen mit seinem neoliberalen Opium kontaminiert zu haben. dass er die Realität nur schief wahrnehmen kann. Erstens ist es schon abenteuerlich, die Schulministerien als "konservative Kamarilla" zu bezeichnen. In NRW z.B. ziehen CDU und FDP eine rigide belegbare "Reformpolitik" à la Bertelsmann durch. Wie ihre SPD-Vorgänger. Er rennt einmal mehr mit pseudorevolutionärem Gestus offene Türen ein (Scheunentore). Zweitens kräht kein Hahn nach den "verstockt dogmatischen Linken". Schön wär's!

Ansonsten tut er das, was er ad perfectionem kann: "speechen": "150 Jahre etatistische Preußenschule müssen Spuren hinterlassen" , "staatstreue Ohnmacht" etc. etc.

Und denunzieren, was er als beleidigte Blutwurst seinen Kritikern vorwirft: "kennen das Wort individuelles Lernen nicht". Oh, si tacuisses! Dieses "Wort" und seine fatalen Folgen kenne ich nur zu gut.

Am Ende ein Vorschlag zur Güte. Es gibt mittlerweile auf dem Buchmarkt einige - wie ich finde - sehr gute Bücher von Reformkritikern. Wie wäre es mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung, Herr Füller? Ohne Luftwörter.

14:52 29.08.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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meisterfalk | Community
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