Das Boxerherz des Christophe Dettinger

Gelbwesten Am 5. Januar 2019, während des achten Akts der Gelbwesten-Demonstrationen in Paris, blitzt auf der Fußgängerbrücke Léopold-Sédar-Senghor die Revolution auf
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Das Boxerherz des Christophe Dettinger
Christophe Dettinger auf Gelb

Foto: imago images / Le Pictorium

Auf der Brücke

Es sind emblematische Bilder: Ein hochgewachsener Mann treibt mit pugilistischer Perfektion eine Linie mobiler Gendarmen vor sich her. Einem der martialisch gerüsteten Polizeikrieger nützt auch ein schwacher Lufthieb mit seiner plötzlich zum Stöckchen gewordenen Matracke nichts mehr. Zu seinem Glück verzichtet sein Gegner auf den Knockout. So wie er kurz zuvor von einem auf dem Boden liegenden Polizisten abgelassen hat, weil er, wie er später aussagen wird, die Angst in dessen Augen sah. Schnell macht der Name des Pugilisten die Runde: Christophe Dettinger, ehemaliger französischer Meister im Leichtschwergewicht.

Ein ganz anderes Boxen zeigt noch am selben Nachmittag in Toulon ein käftiger älterer Uniformierter, der einem offensichtlich wehrlosen jungen Mann mehrmals seine rechte Faust ins Gesicht hämmert. Er wird von Kollegen weggezogen, allerdings haut er kurze Zeit später erneut auf einen Gegner ein. Diesmal trägt dieser eine gelbe Weste. Auch sein Name wird schnell bekannt: Kommandant Andrieu, seit drei Tagen Ritter der Ehrenlegion.

Es ist, als ob Clio unserer Erkenntnis auf die Sprünge helfen wollte. Der Boxnachmittag des 5. Januar 2019 beleuchtet schlagartig die Konstellationen der genannten Gelbwestenkrise. Die unerwartete Aktion eines Einzelnen bringt schwer bewaffnete Beschützer des Establishment ins Taumeln, ein Divisionskommandant, Chef von 400 Ordnungskräften, läuft Amok, wider jede Vorstellung von „Ordnung“. Die Krise ver-rückt die Maßstäbe. Der in letzter Zeit (wieder)entdeckte heterodoxe Katholik und Anarchist Jacques Ellul schrieb 1972 (also auch in gewalttätigen) Zeiten:

Der Staat entsteht durch Gewalt. Er wird legitim, wenn andere Staaten ihn anerkennen. Und wie behauptet sich die Regierung? Nur durch die Gewalt. Sich der Gegner zu entledigen, neue Strukturen zu etablieren, all dies ist eine Sache der Gewalt. Welche Grenze besteht zwischen der Polizeibrutalität und jeder anderen? Die Tatsache, dass estere legal ist? Weiß man denn nicht, in welchem Maße die Gesetze zur Rechtfertigung der Gewalt gemacht sind? (1).

Laurent Nunez, gegenwärtiger Staatssekretär des Inneren (und ehemaliger Polizeipräfekt) weiß dies natürlich. Im Fernsehen verkündet er ohne Wimperzucken:

Wenn eine Hand abgerissen wurde, bedeutet das nicht, dass eine (polizeiliche) Gewaltanwendung illegal war.

Das Kantsche „moralische Gesetz in uns“ gilt bekanntlich nur am Sonntag.

Illegal und als Verletzer einer sakrosankten göttlichen oder irdischen „Ordnung“ verhielten sich im 17. Jahrhundert die Bauern gegen die Steuereintreiber, die cevenolischen Protestanten gegen die plündernden und vergewaltigenden Dragoner, die Erstürmer der Bastille, die Revolutionäre von 1848, die Kommunarden, die Résistants. Mit ihren Taten bewiesen sie die Hohlheit einer sich als legitim begreifenden Herrschaft. Die reagierte mit Brutalität und verwies auf die heilige Ordnung, die es zu bewahren gelte. Dafür gibt es bis heute (mehr denn je) die "forces de'Ordre", die Ordnungskräfte.

A working class hero

Am 5. Januar 2019 versetzt der unerwartete Einsatz eines boxenden Freiheitskämpfers die Macronie in Alarmbereitschaft. Dabei schien die Zeit zwischen den Jahren den Elan der Gelbwesten gebrochen zu haben. „Der Atem geht aus“, hieß (und heißt) die Parole der Mediokratie. Und nun taucht „aus der Mitte des Volkes“ ein Kämpfer auf, der seine Kompetenz für die Armen und Entrechteten gegen die hochgerüsteten Kämpfer des Systems einsetzt. Dettingers Coups sind symbolische Gewalt gegen die Gewalthaber. Indem er die Gendarmen vor sich hertreibt, zeigt er blitzartig die Stärke des Volks, die zugleich eine moralische Stärke ist. Eine Zeugin berichtet:

Ich lag auf dem Boden. Ein Polizist schlug mit de Schlagstock auf mich ein und versetzte mir Fußtritte. Ein anderer versuchte ihn aufzuhalten: „Hör auf, sie zu schlagen!“ Doch sein Kollege machte weiter, wie entfesselt. Da kam Herrr Dettinger, nahm den Polizisten und zog ihn von mir weg. Er hat mich gerettet. Er hat mein Leben gerettet.

Der Journalist Antoine Peillonbeschreibt Dettinger als eine Art „working class hero“ und stellt ihn in die Reihe antiker Helden (2). Deutsche Leser denken (vielleicht) an die Interpretation des Herakles-Mythos durch Peter Weiss. Herakles fing den schrecklichen Höllenhund ein und

zeigte den Knechten und Mägden , den Taglöhnern und Handwerkern, den herbeiströmenden Bauern und Fischern Kerberos, den schäbigen Köter, der, in Anbetracht der zahlreichen Versammelten, den Schwanz einzog und zu winseln begann (3).

Dettinger ist Fan des Films „Der Gladiator“. Seine Devise „Kraft und Ehre“ mag die Bobos verunsichern (sprechen so nicht die Rechten?), auf der Brücke „Léopold Sédar-Senghor“ materialisiserte sie revolutionäre Sprengkraft. Dass der Präsident zum Abschlussjahrgang Léopold Sédar-Senghor der Ecole Normale d'Administration gehört, ist natürlich Zufall, aber in bestimmten Situationen bekommt fast alles Symbolkraft. Für kurze Zeit scheint der Übergang zu den "neuen Ufern" für die demonstrierenden Massen frei zu sein. Für einen Moment verwirklicht sich die Parole "Macron démission".

Zwarlieben auch die Herrschenden ihre „Helden“, doch verprügeln diese keine Polizisten, sondern erschießen islamistische Terroristen, verletzen Gelbwesten, sterben außerhalb der douce France für ihr Vaterland, löschen Kathedralenbrände oder spielen Fussball. Der ehemalige Boxchampion, jetzige Kommunalangestellte und brave dreifache Familienvater ist jedoch ein Held der, wie man im 19. Hahrhundert sagte, "gefährlichen Klassen". Ein Mann, der als „Repräsentant“ des Volkes den im Beusstsein der Legalität agierenden Organen des Staats anzeigt: Es reicht! Ich warne euch! Wir warnen euch! Ein einfacher Mann, der demonstriert, dass die Legitimität der Herrschenden auf reiner Macht beruht. Und der diese Macht buchstäblich ins Wanken bringt.

Für die Regierenden gilt nur ein (wahrlich nicht moralischer) Imperativ: Der Boxer muss nach allen Regeln der politischen Kunst demontiert werden. Ein Exempel ist zu statuieren. In einer Koproduktion von Medien, Polizei und Regierung wird folgerichtig das Bild eines gewalttätigen Schlägers entworfen, der die selbstlosen pflichtbewussten Polizeihelden in blinder Wut angreift. Der Boxer wird zum Paradigma der Demonstrationsgewalt. Er ist es, der - auch moralisches - Un-Recht begeht. Ihn zu bestrafen, ist in dieser Logik die Erfüllung des Gesetzes, ein Akt der Legalität. Und der Staatsraison sowieso. Dazu eine kleine Textauswahl.

Die (ziemlich rechtslastige) Gewerkschaft der Kommissare (SCPN) eröffnet am Abend des 5. Januar die Jagd mit einem Tweet. Unter einem Kampffoto des Boxers textet sie:

Monsieur, Sie haben einen Polizisten zu Boden geschlagen. Als Boxer respektieren Sie wohl nicht die Regeln. Wir (!) werden Ihnen die des Strafgesetzes beibringen.

Der Generalsekretär der (noch rechteren) Gewerkschaft „Synergies-Officiers“ verlässt sich auf altes Polizei-“Wissen“:

Es handelt sich um Christophe Dettinger, einen ehemaligen Boxer, Mitglied der Gemeinschaft des fahrenden Volkes („gens de voyage“).

Der führende Nachrichtensender BFM TV zeigt - wie alle anderen bürgerlichen Medien - die Kampfszenen in Dauerwiederholung und weiß:

Als Opfer der Schläge hat der Gendarme gegen seine Aggressoren Klage erhoben. Sie riskieren bis zu 5 Jahren Gefängnis.

Der Innenminister tweetet – wie jeden Samstag - seine (?) Sicht der Dinge. Der Boxeinsatz stellt für ihn – wie jeder Widerstand -

eine Attacke dar, ebenso feige wie unerträglich.

Und als patriotische Seele empfindet er

Dankbarkeit gegenüber diesen Gendarmen, für ihre beispielhafte Kaltblütigkeit.

Selbst der französische Boxverband sieht sich zur Verurteilung

solcher Handlungen von extremer Gewalt , die völlig den Werten unserer Disziplin entgegenstehen,

verpflichtet.

Dass die deutschen Öffentlichkeits(be)arbeiter ihr Handwerk verstehen, zeigen übrigens BILD („Brutaler Attacke! Boxer prügelt auf Polizisten ein!“) und Consorts, aber auch das Neue Deutschland, das den Titel „Gelbwrestler“ tazt – übrigens unter peinlicher Missachtung von Roland Barthes' klassischer Unterscheidung zwischen Catchen und Boxen (4).

Dettinger selbst erklärt sich am Abend des folgenden Abends per Video:

Liebe Gelbwestenfreunde,

Voilà, ich stelle mich vor, Dettinger Christophe. Ich bin die Person, die am Samstag, den 5. Januar gegen die CRS gekämpft hat.

Der Ex-Boxer berichtet von seiner Teilnahme an den bisherigen acht Demonstrationen und spricht über seine Aktionen:

Ich habe die Repressionen gesehen, die Gaseinsätz, die Schmerzen, die die Polizei den Leuten mit den Flashballs zufügte, die verletzten Leute. Ich habe gesehen, wie Rentner mit Gas besprüht wurden... Voilà. Ich bin ein Gelbwestenträger. Ich habe den Zorn des Volkes in mir. Ich sehe alle Präsidenten, alle Minister, ich sehe, wie der Staat sich mästet, sich aufpumpt. Sie können noch nicht einmal ein Beispiel geben... Wir sind immer die kleinen Leute, die bezahlen müssen...Der Zorn ist mir hochgestiegen, und ja, ich habe schlecht reagiert, schlecht reagiert, aber ich habe mich verteidigt, und das wollte ich euch sagen...

Antoine Peillon interpretiert die Haltung Dettingers als Ausdruck der „Common decency“ des Volkes. Der Begriff geht auf Orwell zurück und ist in den letzten Jahren durch die Philosophen Michéa und (kürzlich) Onfray ins Bewusstsein gerückt worden. Er steht für eine sowohl für eine moralische, i.e „dezente“ Ökonomie, aber auch für die spontane Fraternité gegenüber den Bedrängten. Auch wenn es „strafbar“ ist, in bestimmten Situationen muss man eingreifen. Dettinger selbst spricht von der Selbstverständlichkeit, Menschen in Not und Bedrängnis zu helfen.

Am 7. Januar stellt Dettinger sich der Polizei und wird sofort in Gewahrsam genommen. Bei der Vorführung (Dettinger ist von 5 Polizisten umgeben) überbieten sich die Anwälte der Polizisten und der Staatsanwalt. Ein (wieder ziemlich rechter) Anwalt einer nebenklagenden Polizeigewerkschaft wird staatstragend:

Die Gewalttaten, die am Samstag gegen die zwei Polizisten begangen wurden, sind schwere Gewalttaten, methodisch, kalt, wiederholt. Sind sind bis an die Grenze der Mordabsicht gegangen. Die Antwort muss schlagend sein. Es geht um die Stabilität unseres Staates, der kurz vor einem Drama steht.

Immerhin wird - im Unterschied zu anderen festgenommenen Demonstranten - ein Schnellgericht verworfen. Man will die Situation beruhigen. Dettinger bekommt das Recht auf einen regulären Strafprozess. Es besteht keine Fluchtgefahr, aber anders als etwa Benalla muss er die Zeit bis zum Prozess in der Zelle verbringen. Der „Protégé du Prince“ nutzte bekanntlich seine Freiheit für Geschäftsreisen mit Diplomatenpass. Dettinger muss „sitzen“. Sein Antrag auf Freisetzung wird am 28. Januar zurückgewiesen, denn – so der Staatsanwalt – Dettinger sei

eine extrem beunruhigende und gefährliche Persönlichkeit, völlig impulsiv und entschlossen, Gewaltakte zu begehen.

Die Schaffung eines unberechenbaren Monstrums dient natürlich der weiteren De-Legitimierung des Volkshelden. Schon am 7. Januar wird in den seriösen öffentlichen Medien die Falschnachricht verbreitet, der Boxer habe sich bleibbeschwerter Handschuhe bedient. Diese seien bei einer Hausdurchsuchung gefunden worden und – so die „hidden message“ - könnten das momentane Kneifen der so ritterlichen Ordnungskräfte erklären.

Im übrigen geht Commandant Andrieu, der hochgradige Polizeischläger, währenddessen weiter seiner verantwortungsvollen Arbeit nach.

Allerdings wirken die juristischen und medialen Vorverurteilungen Dettingers den Demontageabsichten entgegen. Das soziale Netz vibriert unter einer großen Solidaritätswelle. Eine „Cagnotte“, eine Solidaritätskasse, sammelt in 48 Stunden über 145000 Euro für den Ex-Boxer. Sie wird auf Veranlassung der Regierung, vor allem nach den lautstarken Forderungen der Gleichstellungsministerin Marlène Schiappa, eingestellt. Die Familie muss bis heute gerichtlich um das Geld streiten. Mittlerweile verfügt die Polizei über die Namen der Spender. Einige sind schon vorgeladen worden.

Das Künstlerkollektiv Blacklines schafft ein 300 Meter langes Fresko an der Rue d'Aubervilliers mit dem Titel „Der gelbe Winter“, darunter ein Konterfei des Boxers vor einer stark befestigten Stadt, über deren Himmel in roten Lettern Liberté geschrieben ist. Das Riesenkunstwerk wird schnell eine Touristenattraktion … und darum von der Obrigkeit mit grauer Farbe zum Verschwinden gebracht. Kein Medium spricht von der „Vandalisierung“ eines Kunstwerks, wie im Fall der Molestierung eines riesigen Gipskopfs im Innern des Triumphbogens durch demonstrierende Gelbwesten (resp. Casseurs).

"Nicht die Worte eines Zigeunerboxers"

Vor allem die Solidarität im Netz scheint den angeschlagenen Präsidenten zu beunruhigen. Am 31. Januar, nach einer „conversation libre“ mit auserwählten Chefredakteuren, vertraut er diesen seine Sicht der Dinge an:

Zum Boxer und dem Video, das er gemacht hat, bevor er sich stellte. Er ist von einem Anwalt der extremen Linken gebrieft worden. Das sieht man! Der Typ hat nicht die Worte eines Zigeuners („Gitan“). Er hat nicht die Worte eines Zigeunerboxers...

Nach diesem Ausflug in die Ethnolinguistik versucht er sich in Mediensoziologie:

Die Faschosphäre, die Extrem-Linkssphäre („gauchosphère“), die Russosphäre repräsentieren 80 Prozent der Internet-Bewegungen.

Diese Äußerungen sind enthüllend: sie zeigen den Komplottismus und Rassistismus eines Mannes der Upper class, den die interessierte Öffentlichkeit als einen hoch-komplex denkender Président-philosophe verkauft. Der „Typ“ muss beeinflusst worden sein, denn sonst würde er ja „Gitan“ (also nicht „richtig“ Französisch) sprechen! Es stimmt, dass Dettingers Kampfname „le Gitan de Passy“ war. Er ist jedoch kein „Gitan“, sondern gehört der Gruppe der Jenischen an, die sich vor allemin den oberrheinischen Regionen aus großen Familien „fahrender Leute“ unterschiedlicher Herkunft bildete, eine Variation des Rotwelsch benutzt(e) und – wie alle als „Tsiganes“ Eingestufte - unter dem Régime Pétain interniert und zum Teil deportiert wurde. Die Vorurteile lebten (und leben) weiter. Antoine Peillon zufolge musste Dettinger als Kind Diskriminierungen erleiden. Heute muss er sich vom Präsidenten als "Gitan" essentialisieren und - natürlich subtil - sein Französisch-Sein anzweifeln lassen. Von einem Staatschef, der Pétain als "großen Soldaten" bezeichnet.

Der „Zigeunerboxer“ und „Jojo die Gelbweste“ - bezeichend ist, dass diese skandalösen „kleinen Sätze“ des Präsidenten toleriert werden, so wie die kolonialrassistische Demütigung aufmüfiger Schüler in Mantes-la-Jolie und – während langer Monate – die unzähligen Polizeibrutalitäten. Dafür wird jede echte oder vermeintlich rassistische Äußerung eines Gelbwesten-Demonstranten als Ausdruck des „wahren Charakters“ der Bewegung dargestellt – mit allen Mitteln des audiovisuellen Empörungsjournalismus. Die rassisierte Klassenverachtung des Präsidenten ist als ostentative symbolische Gewalt nicht zu trennen von der polizeilichen und juridiktiven Gewalt. Alle drei Formen werden auf Dettinger angewandt. Aus der Sicht der Macronie geschieht dies im Einklang mit den Gesetzen, in völliger Legalität.

Immerhin darf Karin Dettinger auf France 3 reagieren:

Es ist demütigend, völlig demütigend. Mein Mann hat eine Ausbildung. Er ist verantwortlich. Er arbeitet. Wir zahlen Steuern. Wir sind französische Staatsbürger, und man erniedrigt uns. Man vernichtet uns und unsere Kinder.

Der Dettingerprozess findet am Nachmittag des 13. Februar statt. France Info hat sein Publikum informiert:

Dettinger riskiert 7 Jahre Gefängnis.

Am Vormittag sind dem Gericht zwei Kisten mit Solidaritätsbriefen übergeben worden. Dettinger gibt eine Erklärung ab und entschuldigt sich bei den (sehr leicht) verletzten Polizisten:

Mein ganzes Leben, seit meiner Kindheit, versuche ich ein Guter zu sein: ein guter Vater, ein guter Freund, ein guter Ehemann, ein guter Angestellter. Wenn ich helfen kann, tu ich dies... Ich erkenne die Taten an, aber die Person, auf die man mit dem Finger zeigt, bin nicht ich, Ich bin kein schlechter Mensch.

Der Anwalt der Polizeigewerkschaften (die als Nebenkläger auftreten) zeichnet ein anderes Bild:

Im Fall von Monsieur Dettinger handelt es sich nicht um einfache Gewalttaten, sondern um Barbarei. Wir sehen hier den bewussten Willen, das Chaos zu provozieren. M. Dettinger hat ganz einfach die Bullen kaputtmachen wollen („casser du flic“)... M. Dettinger, Sie haben nicht nur die Welt des Boxens beschmutzt, sondern auch die Bewegung der Gelbwesten.... Das Demonstrationsrecht ist nicht das Recht zu verletzen oder zu töten.

Die Frage nach dem Polizeirecht stellt er – wohlweislich – nicht. Die nach dem Kommandanten Andrieu sowieso nicht.

Der Staatsanwalt fordert 3 Jahre Gefängnis ohne Bewährung. Die Richterin entscheidet auf 30 Monate Gefängnis (davon anderthalb Jahre auf Bewährung und 1 Jahr in Halbfreiheit). Die beiden Polizisten müssen mit 2000 und 3000 Euro entschädigt werden. An jenem 13.Februar, quasi synchron, wird dem Ex-Finanzminister Cahuzac, der im Mai 2018 wegen Steuerhinterziehung zu vier Jahren Haft verurteilt worden ist, Haftbefreiung gewährt (dank der elektronischen Fußfessel). Auch hier gibt es ein „Immerhin“: im Juni wird auch Dettinger diese Gnade gewährt.

Mittlerweile fanden dreißig Demonstrationsakte statt. Die Beteiligung ist schwächer geworden. Die konkreten Ziele der Gelbwesten wurden nicht erreicht. Nach den Europawahlen sitzt der Präsident scheinbar sicherer denn je im Herrensattel. Die "Gelbwestenkrise" hat deutlich gemacht: Der liberale Staat kämpft mit allen Mitteln. Was bisher illegal war, wird mit der ganzen unerträglichen Leichtigkeit, die die Verfassung der 5. Republik erlaubt, legal gemacht. Das Demonstrationsgesetz ("loi anticasseurs") ist eindeutig "ein Gesetz zur Rechtfertigung der Gewalt", wie Ellul schrieb. Die Justiz und die Medien lassen es zu, instrumentalisiert zu werden.

Und illegales Handeln des Staates und seiner Organe (Lügen, bewusstes Verletzen verfassungsrechtlicher Regeln, willkürliche blutige Polizeigewalt, überlanges Gewahrsam, Schikanen, Beleidigungen) ist auch egal. Die Macronie zeigt sich als autoritär geführtes Security-Unternehmen, dessen Zweck ("Réformer la France") fast jedes Mittel zu heiligen scheint. Das Innenministerium hat gerade neue Waffen bestellt: 10000 Gasgranaten, Hunderte von Flashballgewehren sowie – warum auch immer – 25 Millionen Patronen für Sturmgewehre. Keine guten Aussichten für Demonstranten.

Man wünscht Christophe Dettinger, wie allen Demonstranten mit den gelben Westen, dass sich ihre Kämpfe wenigstens etwas lohnen werden. Der Historiker Gérard Noiriel weist darauf hin, dass Forderungen sozialer Bewegungen oft nach einer gewissen Zeit „gewährt“ werden, quasi als Demonstrationsprävention. Und sicher ist: Die Klassenkampfbilder des Boxers sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Dass die Herrschenden damit leben müssen, ist kein geringer Trost.

Eine kurze Aktualisierung

Der Journalist David Dufresne registriert und archiviert auf Mediapart die Akte polizeilicher Gewalt. Bisher gab es eine Tote, 307 schwere Kopfverletzungen, 24 Demonstranten verloren ein Auge, fünf Menschen eine Hand etc. etc. Gestern stellte die "Inspection générale de la police nationale" (IGPN), an die sich die Verletzten wenden können (so fast unisono die Medien und die Polizei), ihren Bericht für 2018 vor. Von den 1180 Untersuchungen wurden 7 zu Ende geführt. Ergebnis: keine Sanktion. Die Leiterin der Behörde weist entschieden den Begriff Polizeigewalt zurück.

Libération findet dazu den schönen Titel: "L'Etat en illégitime défense", der Staat in illegitimer Notwehr. Allerdings entscheidet der Staat, was illegitim ist.

1) Jacques Ellul, Contre les violents (1972)

2) Antoine Peillon, Coeur de boxeur. Le vrai combat de Christophe Dettinger. Paris 2019 (Les liens qui libèrent)

3) Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands. Bd.1, Frankfurt 1975

4) Roland Barthes, Mythologies, Paris 1958

14:54 13.06.2019
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