„Das freie Frankreich“

18. Juni 1940 Der „Appell des 18. Juni“ jährt sich zum 80. Mal. Er gilt als Gründungsakt des Widerstands. Ein Rückblick auf das Dreiecksverhältnis von Geschichte, Politik und Mythos
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„Das freie Frankreich“
Charles de Gaulle

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Er hatte seit dem frühen Morgen des 18. Juni 1940 an seinem Text gearbeitet, Passagen gestrichen, durch neue ersetzt, wieder gestrichen, Korrekturen an den Rand geschrieben, Unmengen von Zigaretten verbraucht, nun ja, das zumindest gehörte zum Habitus eines Offiziers, der den Ersten Weltkrieg erfahren hatte. Die Nervosität war verständlich. Spontan, ohne militärischen oder politischen Auftrag, fast mittellos, war Brigadegeneral de Gaulle nach London geflogen, für den wertkonservativen Karriereoffizier eine geradezu existenzielle Entscheidung. Ähnlich der des Radikalsozialisten Jean Moulin. Der Präfekt von Chartres, 1936 im Auftrag Léon Blums Organisator heimlicher Waffentransporte ins republikanische Spanien und künftiger Repräsentant de Gaulles in der französischen Résistance, unternahm an eben diesem 18. Juni 1940 nach stundenlanger Folter durch deutsche Soldaten einen blutigen Suizidversuch, um ein Lügendokument nicht unterzeichnen zu müssen.

Mit dem Rücktritt des Ministerpräsidenten am 16. Juni hatte Charles de Gaulle sein junges Regierungsamt als Unterstaatssekretär verloren. Die Niederlage, dieser „schrecklichste Zusammenbruch unserer Geschichte“ (Marc Bloch), der Exodus von mindestens acht Millionen Flüchtlingen in den Süden, die Odyssee der Regierung nach Bordeaux, die Dauerkonflikte im Regierungskabinett, all dies hatte Paul Reynaud zermürbt. Der 84jährige Vize-Regierungschef Philippe Pétain, unantastbarer Held von Verdun, und der 73 Jahre alte Militärchef Weygand, beide Mitglied der Académie francaise, hatten sich für das Ersuchen um Waffenstillstand entschieden. Unbeirrt bekämpften sie den Plan Reynauds (und de Gaulles), nach der nicht zu verhindernden Kapitulation den Kampf aus dem nordafrikanischen Exil fortzusetzen. Dabei hatten gerade die Pétains und Weygands die katastrophalen strategischen Fehler der Militärführung in diesem Krieg mit zu verantworten. Der deutsche Vorstoß im Mai war – unerwartet – über die Ardennen erfolgt. 1934 hatte der damalige Kriegsminister Pétain es nicht für nötig befunden, auch diese durch die Maginotlinie zu decken. Noch 1940 hatte die Militärführung herablassend diesbezügliche Besorgnisse von Parlamentariern zurückgewiesen. Jetzt scheute Weygand im Kabinett sogar nicht vor Gespenstergeschichten zurück. Der Kommunist Maurice Thorez hätte sich im Pariser Präsidentenpalast installiert und die Telefone gekappt. Marschall Pétain las einen vorbereiteten Text ab, in dem er einen schnellstmöglichen Waffenstillstand forderte und statuierte, keine Regierung habet das konstitutionelle Recht, das nationale Territorium zu verlassen. Er hingegen werde

beim französischen Volk bleiben, um dessen Mühen und Leiden zu teilen... Der Waffenstillstand ist die notwendige Bedingung für das Überleben Frankreichs.

Der „Waffenstillstands-Clan“ (de Gaulle) setzte sich durch. Am Abend des 16. Juni traf in Bordeaux eine Note der britischen Regierung ein. Ein letzter Versuch: Churchill schlug eine einheitliche britisch-französische Union vor, mit gemeinsamer Verteidigung, Außen- und Wirtschaftspolitik, einem einzigen Regierungskabinett und einem vereinigten Parlament. Die Vorlage stammte vom Christdemokraten Jean Monnet, der in London die alliierten Waffenkäufe koordinierte. De Gaulle, auf kurzfristiger Militärmission in London, hatte sich bei Churchill für diese Idee eingesetzt. Allein, das französische Kabinett reagierte kühl. Frankreich als „Dominion britannique“? Jamais! Ahnten die Regierungsmitglieder nicht, was eine deutsche Besatzung bedeuten würde? Zogen die Pétains diese gar vor? Um 22 Uhr erklärte Reynaud seinen Rücktritt. 12 Stunden später war de Gaulle auf dem Flug nach London, im kleinen Flieger des britischen Sonderbeauftragten General Spears. Noch am Nachmittag empfing ihn der Prime Minister.

Der Appell

Churchill sagte mir Unterstützung zu und stellte mir als erstes die BBC zur Verfügung. Wir kamen überein, dass dies nach der Bitte um Waffenstillstand durch die Pétain-Regierung geschehen würde. Noch am Abend kam die Nachricht, dass dies geschehen sei. Am nächsten Tag, um 18 Uhr, las ich vor dem Mikrophon den Text, den jeder kennt,

berichtete de Gaulle in seinen Kriegsmemoiren, mehr als 10 Jahre nach dem Ereignis. Die Wirklichkeit war etwas anders. Die Bitte um Waffenstillstand war schon erfolgt. Um 12Uhr20 hatte Philippe Pétain der Nation über Radio mitgeteilt:

Franzosen! Der Aufforderung des Präsidenten der Republik folgend, übernehme ich heute die Führung der französischen Regierung... Des Vertrauens und der Unterstützung des gesamten Volkes sicher, stelle ich Frankreich meine Person zur Verfügung (wörtlich: „mache ich Frankreich meine Person zum Geschenk“), um sein Unglück zu mildern... Schweren Herzens muss ich Euch heute sagen, dass wir den Kampf beenden müssen... Ich habe mich in dieser Nacht an den Gegner gewendet, um ihn zu fragen, ob er bereit ist, zusammen mit mir, wie unter Soldaten üblich, nach dem Kampf und unter Bewahrung der Ehre, die Mittel zu suchen, den Feindseligkeiten ein Ende zu setzen.“

Pétain nannte die Militärführung nun „Gegner“, nicht mehr „Feind“.

Dass die BBC-Rede de Gaulles erst am Abend des 18. Juni gehalten wurde, lag sicherlich am abwartenden Verhalten der britischen Regierung, die nicht alle Brücken abbrechen wollte und fast stündlich an die Pétain-Regierung appellierte,die französische Kriegsflotte vor Abschluss des Waffenstillstands in englische Häfen zu schicken. Auch de Gaulle schien sich nicht ganz sicher zu sein. Einerseits fragte er im französischen Kriegsministerium nach, ob er weiterhin in London verhandeln sollte. Andererseits verschreckte er die Frau Jean Monnets beim Dîner mit einem lauten:

Ich bin ich nicht auf irgendeiner Mission. Ich bin hier, um die Ehre Frankreichs zu retten!

Auf der mittäglichen Sitzung des britischen Kriegskabinetts am 18. Juni, die ohne Churchill stattfand, wurde zunächst beschlossen, de Gaulle als „persona non grata in Frankreich“ keinen Zugang zur BBC zu gewähren. Während dieser am Nachmittag noch letzte Veränderungen an der Rede vornahm, erreichte General Spears die Zusicherung Churchills, die Rede zu genehmigen, wenn sich doch noch eine Kabinettsmehrheit fände. Schließlich sollte die gewichtige Stimme des Außenministers Lord Halifax den Ausschlag geben. All dies wusste de Gaulle nicht, als er um 18 Uhr im BBC-Haus die Rede aufnahm. Ein BBC-Mitarbeiter hatte ihm zunächst eine Stimmprobe vorgeschlagen. De Gaulle entschied sich für ein klares „la France“.

Gesendet wurde der Appell um 22 Uhr abends (20 Uhr in Frankreich). Am nächsten Tag gab es vier Wiederholungen. Es war allerdings nicht ganz „der Text, den jedermann kennt“. Die ursprüngliche Version beginnt mit diesen Sätzen:

Die Führer, die seit vielen Jahren an der Spitze der französischen Armeen sind, haben eine Regierung gebildet. Diese Regierung hat sich, die Niederlage unserer Armeen vorschützend, mit dem Feind in Verbindung gesetzt, um den Kampf zu beenden.

In Wirklichkeit sagte der General allerdings folgende Sätze (wahrscheinlich auf Bitten der britischen Regierung):

Die französische Regierung hat den Feind gefragt, unter welchen ehrenwerten Bedingungen ein Schweigen der Waffen möglich sei. Sie hat erklärt, dass, falls diese Bedingungen der Würde und der Unabhängigkeit Frankreichs widersprächen, der Kampf weitergehen müsse.

Damit wurde die harsche Kritik an der Pétainregierung abgemildert. Der Handlungsspielraum (auch der Briten) erschien offener, als er angesichts der Situation war. De Gaulle wusste nicht, dass am 18. Juni drei britische Delegationen in Bordeaux (vergeblich) Einfluss auf die Entscheidungen Pétains zu nehmen suchten. Natürlich vergeblich. Der Rest der Rede wurde allerdings unverändert gehalten. Die Struktur ist klassisch und klar:

Die Situation:

Sicherlich wurden wir, sind wir von der mechanischen Kraft des Feindes, zu Lande und aus der Luft, überrannt worden... Die Panzer, die Flugzeuge und die Taktik der Deutschen haben unsere Militärführer überrascht und sie dahin geführt, wo sie heute sind...

Die Hoffnung:

Aber ist das letzte Wort gesprochen? Muss die Hoffnung schwinden? Ist die Niederlage endgültig? Nein! Glaubt mir, der ich in Kenntnis der Sache spreche und euch sage, dass nichts für Frankreich verloren ist...

Der Weg:

Frankreich ist nicht allein! Es ist nicht allein! Es ist nicht allein! Es hat ein riesiges Imperium hinter sich. Es kann mit dem britischen Imperium, das das Meer beherrscht, einen Block bilden und den Kampf fortführen. Es kann, wie England, grenzenlos die immense Industrie der Vereinigten Staaten nutzen. Dieser Krieg ist nicht auf das Territorium unseres unglücklichen Landes beschränkt... Dieser Krieg ist ein Weltkrieg...

Der Aufruf:

Ich, General de Gaulle, momentan in London, lade alle französischen Offiziere und Soldaten auf dem britischen Territorium ein, mit oder ohne ihre Waffen, ich lade die Ingenieure und die Arbeiter ein..., sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Die Beschwörung:

Was auch geschieht, die Flamme der französischen Résistance darf nicht erlöschen und wird nicht erlöschen. Morgen werde ich wieder, wie heute, im Radio London sprechen.

Damit sprach de Gaulle zum ersten Mal das Schlüsselwort aus: „Résistance“. Es ging ihm zunächst vor allem um militärischen Widerstand durch eine eigenständige französische Armee, die er in Großbritannien und in den Kolonien konstituieren wollte. In der Rede vom 22. Juni (sie wird in Dokumentationen oft eingespielt, wenn vom 18. Juni die Rede ist) griff de Gaulle die neue Regierung schon direkter an. In Erinnerung an den jedem französischen Offizier bekannten Spruch François I. („Alles ist verloren, außer der Ehre“) ging es um den richtigen Weg:

Ich sage Ehre, denn Frankreich hat sich verpflichtet, die Waffen nur in Übereinstimmung mit den Alliierten niederzulegen... Die Regierungen von Polen, Norwegen, Belgien, Holland, Luxemburg, die alle von ihrem Territorium verjagt worden sind, haben verstanden, was ihre Pflicht ist.

Und daraus folgte die Perspektive:

Dieser Krieg ist kein deutsch-französischer Krieg, den eine einzige Schlacht entscheiden kann. Dieser Krieg ist ein Weltkrieg. Niemand kann vorhersagen,ob die neutralen Völker es auch morgen noch sein werden oder ob die Verbündeten Deutschlands immer seine Verbündeten bleiben werden.

Mit dieser Vision reagierte der General auf ein bestimmtes Ereignis des 22. Juni: in Rhétondes unterzeichneten französische und deutsche Militärs den Waffenstillstand – im selben Wagon, in dem am 11. November 1918 die deutsche Niederlage besiegelt worden war. Das deutsche Reich hatte sich damit für die Demütigung von 1918 „revanchiert“. Die Okkupation des größten Teils Frankreichs, inklusive „Anschluss“ von Elsass und Lothringen, hatte begonnen. In der südlichen „Zone libre“ sollte sich das Vichy-Régime installieren dürfen, benannt nach seiner „Hauptstadt“, einem verschlafenen Kurort, in dem das französische Militär seit hundert Jahre seinen Leberleiden zu kurieren pflegte.

„Der Krieg der Wellen“

„Das Radio ist eine schreckliche Waffe “, so de Gaulle zu seinem Gefährten Gaston Palewski. Es war das Agitationsmedium der Zeit (neben den Wochenschauen). Roosevelt verdankte seinen politischen Erfolg seiner „golden Voice“ während „Fire-side-talks“. Viele demokratische und – natürlich - faschistische Politiker nutzten das Medium in den dreißiger Jahren. Pétain und de Gaulle lieferten sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 eine Art „Krieg der Wellen“. In seinen Reden vermied es Pétain tunlichst, de Gaulle beim Namen zu nennen. De Gaulle war aggressiver, so am 25. Juni:

Monsieur le Maréchal, in diesen Stunden der Scham und der Angst um das Vaterland, muss Ihnen eine Stimme antworten. Heute Abend wird es die meine sein...Um diesen Akt der Versklavung zu akzeptieren, brauchten wir nicht Sie, M. le Maréchal, brauchten wir nicht den Sieger von Verdun. Jeder andere hätte das geschafft.

Die „France libre“ de Gaulles bekam 5 Minuten Sprechzeit in der BBC-Sendung „Honneur et Patrie“ Bis 1944 hielt er insgesamt 67 Reden. Sein Sprecher, der Journalist Maurice Schumann kam auf über 1000 Beiträge. Alle Texte mussten einer Abteilung des Außenministers vorgelegt werden. Die britische Regierung selbst vermied bis Mai 1941 frontale Attacken auf den Sieger von Verdun. Die Pétain-Regierung versuchte auf ihre Art, den General mundtot zu machen: Aberkennung des militärischen Rangs, Entzug der Nationalität, schließlich – im August 1940 - Verurteilung zum Tode (in absentia) wegen Fahnenflucht. Satiriker spotteten über den „General-Micro“, der von Juden finanziert werde. In der besetzten Zone konnte das Abhören mit Zwangsarbeit, je mit der Todesstrafe belegt werden, in der „Zone libre“ mit Gefängnis- und Geldstrafen. Tausende Radiogeräte wurden konfisziert.

Aber auch die Einrichtung eines Gegensenders konnte die langzeitige Wirkung der Appelle de Gaulles nicht verhindern. Gegen den Reiz, auf dem verbotenen Feindsender BBC und vor rauschendem Hintergrund die militärisch kurzen und klaren Vorträge des Generals zu hören, des Mannes mit der ungewöhnlichen Silbenbetonung, war Vichy ziemlich machtlos. Einfluss hatte auch die tägliche Sendung „Les Français parlent aux Français“. Politisch unabhängige Journalisten mit dem hohen Anspruch, immer die Wahrheit zu senden, brachten Reportagen, Chansons und witzige Parolen, darunter das Wortspiel Jean Oberlés:„Radio Paris ment. Radio Paris ment. Radio Paris est allemand“ (Radio Paris lügt. Radio Paris lügt. Radio Paris ist deutsch), gesungen nach der Melodie von „La Cucuracha“ (wer's einmal singt, merkt die Wirkung und weiß, warum das Bonmot auch heute noch verwendet wird).

1940 war die Wirklichkeit allerdings wenig ermutigend. Ende August verfügte die Armee der „France libre“ über gerade einmal 7000 Freiwillige. Beim Versuch, die Kolonien Westafrikas zu gewinnen, war de Gaulle gescheitert. Churchill musste enttäuscht feststellen, dass zwar 145 polnische, 88 tschechische und 28 belgische Piloten am Luftkrieg über England teilnahmen, aber nur 13 Franzosen. In Frankreich selbst wurde zwar schon am 11. November während einer Studentendemonstration am Triumphbogen „Vive de Gaulle!“gerufen. Insgesamt gab es aber nur wenige „Résistants der ersten Stunde“, die erkannten, dass der Kampf gegen die Deutschen nur über den Kampf gegen das eigene Kollaborationsregime ging. Und dessen Chef war ein Nationalheld, den selbst ein Léon Blum als den „nobelsten und menschlichsten Soldaten“ bezeichnet hatte (noch heute nennt der gegenwärtige Präsident Pétain einen „guten Soldaten“). Der Historiker Robert Frank analysiert die Situation in Herbst 1940 :

In Wirklichkeit erschien die Silhouette des kaum bekannten Generals de Gaulle, dessen „Comité national“ selbst die Briten nicht als Regierung anerkannten, sehr schwächlich im Vergleich zur Statur des Marschalls. Der „Maréchalismus“, diese mächtige affektive Bindung an die Person Pétains als Retter, Beschützer und Thaumaturg, ist vom „Pétainismus“ zu unterscheiden. Das „Vichy-Regime“ fand in der öffentlichen Meinung bedeutend weniger Anhänger.

Mit großer Mehrheit hatte die Nationalversammlung Juli 1940 dem Marschall alle politischen Vollmachten gegeben. De Gaulle seinerseits stand für viele Konservative im Ruch des Deserteurs, verbündet mit dem „perfiden“ England, das am 4. Juli vor Mers-el-Kebir gar die französische Flotte bombardiert hatte. Für die Linken war de Gaulle ein erzkonservativer Katholik, der zu viel Maurras gelesen hatte. Die Kommunisten plakatierten 1940 „Weder Pétain noch de Gaulle!“ und sahen beide als Vertreter der einen plutokratischen Bourgeoisie. Und die arrangierte sich ziemlich profitlich mit dem Regime.

Eine Rede de Gaulles in der Albert Hall am 11. November 41 zeigt, dass sich die Situation wesentlich verändert hatte. Zum ersten Mal verband er die Parole „Ehre und Vaterland“ mit der alten revolutionären Triade „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Strategisch reagierte er mit diesem Schwenk nach links auf den Einmarsch der Wehrmacht in die UdSSR. Die Prognose der Rede vom 22. Juni 1940 war eingetroffen: die große Sowjetunion wurde tatsächlich Verbündeter der „France libre“. Die französischen Kommunisten, vom lähmenden Hitler-Stalin-Pakt befreit, begannen ihren massiven Widerstand gegen die deutschen Besatzer. De Gaulles „Delegierter für die unbesetzte Zone“, der charismatische Jean Moulin wurde wurde zum „Chef eines Volkes der Nacht“ (André Malraux), der 1943 tatsächlich die Aktionseinheit der großen Bewegungen der Résistance unter der Führung de Gaulles zustande brachte. Damit wurde, in den Worten des „Général-Rebelle“ die „nationale Erhebung“ Grundlage der „nationalen Befreiung“. Nicht allen gefiel dieser „Flirt“ mit den Kommunisten.

Der Mythos

Nur wenige Franzosen hatten den Appell des 18. Juni 1940 gehört. Nach dem Krieg hatte wirklich jeder von ihm gehört. Der Dichter Pierre Jean Jouve behauptete in einem 1944 verfassten Text, die Rede im Genfer Exil gehört zu haben (mit den nicht gesprochenen Eingangssätzen!). Sie sei wie „ein erstes Atmen nach der Asphyxie“ gewesen. Die andere Seite: Der General der Befreiung war untrennbar an seinen Mythos gebunden. In seinen „Kriegsmemoiren“ beschrieb er dies so:

Ich stellte fest, dass der General de Gaulle eine lebende Legende geworden war, dass man sich ein bestimmtes Bild von ihm machte. Es gab diese Person namens de Gaulle, die in den Köpfen anderer Leute existierte und die wirklich eine von mir getrennte Persönlichkeit war. Von diesem Tag an hatte ich es mit diesem Mann zu tun, diesem General de Gaulle... Ich wurde fast sein Gefangener.

De Gaulle, war „Gefangener“ dieses disziplinierten Stabsoffiziers aus monarchistischer Familie, ein patriotischer, hochintelligenter Mann von schwierigem Charakter, der als prophetischer Außenseiter für die „moderne“ d.h., offensive Panzerstrategie gekämpft hatte, von den vergreisten Marschällen aber verachtet wurde, die die mutige Offensive der feigen Defensive opferten, der Rebell, der wusste, das „Gehorchen ein Verrat“ sein konnte und darum sein geliebtes Vaterland und seine Familie verlassen hatte, der aus dem Exil unermüdlich zum Weiterkämpfen für das „wahre“ Frankreich aufrief, das Frankreich der Jeanne d'Arc und Clemenceaus, der Rechten und der Linken, der die Interessen des Vaterlandes auch gegen die Egoismen der Verbündeten (vor allem der USA) vertrat und in dessen Zeichen, dem Lothringer Kreuz, Frankreich gegen die Mächte des Hakenkreuzes siegen würde.

Der Appell vom 18. Juni wurde – durch de Gaulles wiederholte „memorative“ Akte zum Initialereignis, zyklisch abrufbar, flexibel und, zumindest im Krieg, ohne Gefahr, den Mythos instrumentell zu überspannen.

Am 18. Juni 1941 machte der General in einer Rede in Kairo (die von der BBC aufgezeichnet und gesendet wurde) den 18. Juni 1940 zum Geburtsdatum des freien Frankreich. Am selben Tag wurde der Appell im Cambridge Theatre vorgetragen, vor dem Absingen der Marseillaise und des God save the king. Ein Jahr später hielt der General eine Rede in der Albert Hall, der größten Halle Londons. Am 18. Juni 1943 legte er am Monument der Toten in Algier einen Kranz nieder. Gerade war das „Comité français de la Libération nationale“ (CFLN) als „alleinige französische Zentralmacht“ gegründet worden, mit den Generälen Giraud und de Gaulle als Kopräsidenten. Der pétainistische, aber antinazistische General Giraud, auch er durch seine abenteuerliche Flucht aus einer deutschen Festung mit einer mythischen Aura versehen war als Favorit Roosevelts ein ernsthafter Konkurrent de Gaulles. Durch die Parteinahme des von Jean Moulin geleiteten "Comité national de la Résistance" (CNR) für de Gaulle wurde er jedoch auf seine militärische Rolle reduziert. Am 18. Juni 1944, 13 Tage nach dem D-Day, sprach de Gaulle als unbestrittener Chef der „provisorischen Regierung der französischen Republik“ vor der „Assemblée constituante“ von Algier, der „Hauptstadt der France libre“:

Der Appell vom 18. Juni 1940 hat seine Bedeutung nur bekommen, weil die Nation hat es für gut erachtet hat, ihm zuzuhören und ihm zu antworten.

Am 26 August 1944 erfolgte die Apotheose. Nach dem Entzünden der Flamme unter dem Triumphbogen ging der General die Champs-Elysées hinunter, schweren und gleichzeitig schwebenden Schrittes, alle um einen Kopf überragend. Hunderttausende jubelnde Menschen sahen erstmalig den Mann, den sie nur als Stimme kannten. Völlig vergessen schienen die Ausschreitungen des 8. Juli als auf den Champs vorgeführte amerikanische und englische Kriegsgefangene von der Menge bespuckt und geschlagen worden waren. Schon hier wurde deutlich: Der De-Gaulle-Mythos wurde das Gegenbild zum Vichy-Syndrom. Den General zu feiern, konnte auch bedeuten, die eigene Kollaboration zu vergessen. Die "nationale Erhebung" des kommunistischen Widerstandes wurde in den Hintergrund gerückt. Am 23. August - noch während der Straßenkämpfe in Paris - hatte de Gaulle, der den Kommunisten nicht den alleinigen Triumph der Befreiung der Hauptstadt überlassen wollte, seinem General Leclerc befohlen:

Handeln Sie schnell. Wir können uns den Luxus einer zweiten Commune nicht leisten.

Ab dem Jahr 1946 (de Gaulle war als Regierungschef zurückgetreten) überließ er die Zeremonie des 18. Juni am Triumphbogen den Politikern der 4. Republik. Stattdessen entzündete er die Flamme auf dem Mont Valérien (wo über 1000 Geiseln und Résistants ermordet worden waren). Eine Art Parallelzeremonie mit der Botschaft: Ich bleibe präsent. 1958, in der außergewöhnlichen Situation der Algerienkrise, wurde de Gaulle nach den Regeln der neuen Verfassung erster „präsidentieller Monarch“ der 5. Republik. Am 18. Juni 1960 weihte er er dort das „Mémorial für für die Toten 1939-1945“ ein, in dem die sterblichen Hüllen von 12 Soldaten und 4 Résistants ruhen. Das Zahlenverhältnis hat politische Bedeutung.

Das Fernsehen, die neue „schreckliche Waffe“, übertrug die Zeremonie. Der General wusste auch dieses neue Massenmedium virtuos zu nutzen, strategisch und taktisch. Die Fernsehbilder der Panthéonisierung Jean Moulins am eiskalten 19. Dezember 1964 sind im kollektiven Gedächtnis gespeichert und jederzeit abrufbar. Charles de Gaulle zeigte seinen zahlreichen Kritikern, wem sie die Freiheit verdankten. Der Präsident, im Uniformmantel des Generals und dekoriert mit dem Orden des Großmeisters der Libération, mit seinen 74 Jahren noch immer alle überragend, hatte die Totenrede vor dem Katafalk seinem Kulturminister André Malraux überlassen. Mit schwer erträglichen Pathos pries dieser den Märtyrer der Résistance und entwickelte eine Art Syllogismus: Ohne de Gaulle, dessen Anweisungen Moulin folgte, hätte es keine Résistance gegeben. Résistance und „Gaullismus“ sind identisch. Frankreich und „Gaullismus“ sind identisch. Der wahre Widerstand ist der einer kleinen heroischen Elite. De Gaulle selbst hatte dies in seinen "Kriegsmemoiren" vorgegeben: Die Résistance, die alltägliche zumal, erscheint marginal. Hervorgehoben werden die militärischen Führer (auch die einstigen Pétain-Generäle).

Der Philosoph Vladimir Jankélévitch kommentierte damals bitter:

Morgen wird sich der Widerstand dafür rechtfertigen müssen, widerstanden zu haben.

Ein Grund für diese evidente Überstrapazierung des Gedenkens war die bevorstehende Präsidentenwahl im Jahr 1965, der erste Fernsehwahlkampf à l'américaine. Der Hauptgegner de Gaulles war ein gewisser François Mitterand, eine Art Intimfeind de Gaulles, zunächst Vichy-Anhänger, dann entschiedener Résistant. Seine Kandidatur wurde von den Sozialisten und Kommunisten gestützt. Es galt also, mit der Heiligsprechung des gaullistischen Widerstandes einen Schatten auf Mitterand zu werfen. Der Mythos de Gaulle wirkte noch. Im zweiten Wahlgang nahmen selbst Widerstandskämpfer und „Compagnons de route“ des PCF (Astier de la Vigerie, André Chamson) für den ersten Résistant der Nation Partei, während andere andere Linke den Gaullismus als Variante des Pétainismus bezeichneten (Jean Guéhenno).

Es zeichnete sich aber ab, dass das pathetische Gedenken der Appelle und Heldentaten nicht mehr ganz zeitgemäß war. Zweieinhalb Jahre nach der Präsidentenwahl, 1968, während des Generalstreiks und der Studentenrebellion, gab der General im Militärjargon zu Protokoll: „Les Réformes, oui, la chienlit non.“ („Bettscheißerei nein“). Die Antwort kam prompt, in Form eines berühmten Plakats: „Le Chienlit, c'est lui“. Eine offensichtliche Heldenbeleidigung. Aber für manche schon selbstverständlich. Die Zeit der Helden schien passé. 1969, nach einem verlorenen Referendum, trat der General zurück. Ob die Nachfolger diese Größe gezeigt hätten, mag man bezweifeln. Anhänger sahen hinter dem Rücktritt Machenschaften von Verrätern. Zum Mythos gehört, dass der Heros am Ende geopfert wird. Oder sich selbst opfert.

Er selbst wusste jedenfalls schon 1948, dass es so kommen musste:

Der Herzog von Saint-Simon schrieb über den Prinzen Eugen: „Es geschieht den großen Männern, dass sie viel zu lang leben.“

Zumindest politisch mag das stimmen. De Gaulle war der große Mann für außergewöhnliche Kriegssituationen, wie sie nicht all zu oft vorkommen. Zum Glück. Und man sollte de Gaulle - mit einer gewissen Rührung - zugestehen, dass er und sein General, "dieser Mann", kaum zu unterscheiden waren.

In diesem Jahr 2020, dem „Année de Gaulle“, wird Emmanuel Macron also den 18. Juni 1940 zelebrieren, und als Zugabe den hundertdreißigsten Geburts- und den fünfzigsten Todestag de Gaulles. Der Bewunderer des Generals wird es sich nicht entgehen lassen (können). Schließlich verdankt er der Verfassung de Gaulles seine fast monarchischen Freiheiten. Die Umgebung des nach drei Jahren Dienst nicht mehr ganz jugendfrischen Präsidenten verspricht „große Überraschungen“. Der geplante Flug nach London am 18. Juni wird wohl ausfallen. Das Schicksal war dagegen. Nun muss sich der Präsident mit der Flamme am „Mémorial“ und einer Zeremonie in der britischen Botschaft zufrieden geben. Vielleicht klappt es mit dem 9. November, dem Geburtstag de Gaulles. Dafür gibt es das Projekt eines großen Vortrags. Ein neuer Appell? On verra.

Epilog

Vielleicht erinnern sich einige seufzend an „bessere Zeiten“, an einen anderen „Appell“. Just am 18. Juni 1976 erschien in der (damals) radikalen „Libération“ ein „Appel du 18 joint“. Er begann so:

Zigaretten, Pastis, Aspirin, Kaffee, Rotwein gehören zu unserem täglichen Leben. Aber ein simpler Cannabis-„Joint“ bringt Euch ins Gefängnis oder zu einem Psychiater...

Unterschrieben von allen, die damals in der linken Szene Rang und Namen hatten (und heute nicht selten den Präsidenten unterstützen). De Gaulle war damals fast 6 Jahre tot, und dieser Appell hätte dem sittenstrengen Offizier sicher nicht gefallen. Aber funkelt in ihm nicht ein wenig desselben Widerstandsgeistes, der auch den General bewegte – an jenem 18. Juni 1940?

Sébastian Albertelli u.a., La lutte clandestine en France, Paris 2019 (Seuil)

Alya Aglan/RobertFrank (Hrsg.), La guerre-monde. 2 Bände. Paris 2015 (Gallimard)

Julian Jackson, De Gaulle, Cambridge Massachusetts 2018 (hup)

Olivier Wieviorka, Histoire de la Résistance, Paris 2013 (Perrin)

10:13 02.06.2020
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