Der alte Fuchs

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Aus dem Tagebuch eines Flaneurs

29. Januar 2015

Heute erster Tag mit Sonnenstrahlen nach vier Wochen arktischer Kälte. Darum in den Stadtpark gegangen. Heißt seit neuestem "Schäuble-Erlebnis-World". Der Investor lässt zum Vergnügen der Kinder große Tierfiguren auftreten. Sitze also auf der Bank und beobachte die große Giraffe, den Bären und den Schlauen Fuchs. Sehe, wie letzterer sich den Kopf aus Pappmaschee abnimmt. Aber, das ist doch! denke ich und höre mich rufen: "Hey, Sie da! Ich kenne Sie doch! Sie sind der ..." - "Ja," entgegnet der Schlaue Fuchs ohne Kopf. "Der bin ich." Er wirkt etwas beschämt, wie einer, der sich ertappt fühlt. "Kommen Sie," rufe ich. "ruhen Sie sich etwas aus."

Er nimmt schnaufend neben mir Platz. "Ich weiß nicht, ob ich das darf," murmelt er. Ich stelle fest, dass er immer noch hesselt und immer noch schnell spricht. Ich betrachte verstohlen sein verklebtes weißes, viel zu langes Haar. Gerötete Augen starren durch die verschmierten Brillengläser, Marke Fielmann rustikal. "Sie sind aber gealtert!" entfährt es mir. Der Satz tut mir sofort leid. "Sie haben ja Recht," seufzt er. "Wo waren Sie so lange?" frage ich. "Seit vier Jahren gelten Sie als verschollen!" - "Verschollen? Ich?" lacht er bitter. Es riecht nach Bier.

Und dann bricht es aus ihm heraus. Er beginnt zu erzählen - atemlos. Von seinem Interview mit der BILD, in dem er ankündigte, im Selbstversuch und inkognito vier Wochen lang zu "hartzen", um zu zeigen, dass man von der Stütze mehr als gut leben könne. Und wie er mit vom LKA gefälschten Papieren untertauchte. "Sollte ja echt wirken! So wie bei Wallraff. Wollte die Schmarotzer endlich entlarven - als Undercover-Hartzer." Doch dann nahm man seinen falschen Namen ernst. Man glaubte ihm nicht, hielt ihn für einen Bummelanten und Simulanten. Ein bekannter hessischer Gutachter diagnostizierte "unterschichtsspezifische Abzockermentalität und Hartz-Hochstapelei." Er wurde zu Ein-Euro-Jobs herangezogen. "Und in den Medien wurde nur noch von meinem Verschwinden berichtet."

Er erzählt mir, dass er jeden Morgen in der BILD - für die FAZ fehlte das Geld -Überschriften lesen konnte wie "Neue heiße Spur? Ist er es diesmal?" - "Ich bin's doch, schrie ich," sagte er, "doch keiner glaubte mir." Ich sehe inzwischen, wie sich ein Uniformierter der Bank nähert.

"Und irgendwann galt ich nur noch als vermisst. Der Kellner wurde mein Nachfolger. Die BILD hatte ihn gepusht mit : Kellner fordert BAD!" - "Ja, ja," bestätige ich. "Das gibt's jetzt flächendeckend, den BundeArbeitsDienst." - "Und dann ging's erst richtig los," berichtet er weiter. "Die von der Leyen - die ist jetzt Kanzlerin, die Kuh - legte ihr WGGH-Programm auf: Wir-Gucken-Genau-Hin, das hieß im Klartext: Einer wie ich - alternder Mann, unverheiratet, keine Kinder, schlechte Sozial- und Arbeitsverhaltensprognose - wird zum Fifty-Fifty-Worker: 50 Cent pro Stunde für mich, 50 Cent für die Leihfirma. Dazu noch Riester-Retour-Hartzer: 10 Euro pro Monat bei 1 Prozent Verzinsung an den Staat zurück. Als Gegenleistung. Tja, und jetzt gebe ich hier den Alten Fuchs." Er beginnt zu schluchzen.

Der Uniformierte kommt näher und schaut ihn an. Er steht auf, gibt mir die Hand und sagt: "Danke!" Er nimmt seinen Fuchskopf, setzt ihn auf, ächzt ein wenig und läuft etwas hopsend davon. Kinder springen hinter ihm her.

"Alles Gute, Herr Dr. Koch!" rufe ich ihm nach.

15:29 20.01.2010
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