Die Erfindung des jüdischen Volkes. Das neue Buch Shlomo Sands.

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Auszug aus dem Sitzungsprotokoll der französischen Nationalversammlung vom 6. Juni 1936:

M. Xavier Vallat: Ihre Machterlangung, Herr Ministerpräsident, stellt unbestreitbar ein historisches Datum dar. Zum ersten Mal wird unser altes gallo-römisches Vaterland regiert von ...

Präsident: Achten Sie auf Ihre Worte, M. Vallat!

M. Xavier Vallat: ... von einem Juden.

Xavier Valat war das Muster eines nationalistischen und antisemitischen Politikers. Sein Opfer, der Regierungschef des Front populaire Léon Blum, kannte solche Exklusionen aus der französischen Nation zur Genüge. Schon 1923 hatte ihm der Schriftsteller Léon Daudeteinein kalkuliertes Nach Jerusalem! zugerufen. Auch den Hassruf Schmutziger Jude! hatte er sich anhören müssen. Er antwortete auf Vallat: Die Absicht dieser Unterbrechung war, mich zu verletzen. Aber sie hat mich nicht verletzt, weil ich in der Tat Jude bin. Man beleidigt mich nicht, wenn man mich daran erinnert, dass ich zur jüdischen Rasse gehöre, die ich nie verleugnet habe. Ich bin in Frankreich geboren, meine Kameraden sind Franzosen. Ich besitze das Französisch ohne jeden fremden Akkzent. Ich habe das Recht, mich als vollkomen assimiliert zu betrachten. Trotzdem habe ich nicht weniger das Gefühl Jude zu sein. Zwischen den beiden Bewusstseinsphasen gibt es nicht den geringsten Gegensatz.

Die "Erfindung der französischen Nation" als "gallo-römisch" und deren hirnpraktische Implementierung zeigt hier im Jahre 1936 ihre häßliche Fratze. Heute findet sich diese Auffassung höchstens noch auf der Le Pen-Rechten. Und in deutschen Landen möchte man auch nicht mehr unbedingt von den Teutonen abstammen. Anders sieht es in Osteuropa aus, wie die letzten Wahlergebnisse zeigen. Und auch in Israel ist die Staat-V olk-Nation-Ideologie (noch) hegemonial.

In diesem Monat erschien bei Propyläen endlich die deutsche Übersetzung eines bahn- und tabubrechenden historischen Werkes: Shlomo Sand, Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Der Autor, der obwohl auch schon in den Sechzigern, der neuen Historikergeneration Israels zugerechnet wird, präsentiert mit diesem Werk Geschichte at its best: nüchtern und leidenschaftlich, nah und distanziert, objektiv und parteilich. Er verdeutlicht beeindruckend, dass das Private immer politisch und das Politische immer historisch ist.

Der Beginn ist fesselnd. Sand erzählt repräsentive Biographien israelischer Bürger. Da sind Cholek, sein Vater, der sich weniger als Jude denn als Kommunist sah, als er nach Israel auswanderte, und Bernardo, sein Schwiegervater, der Anarchist, der glaubte, in Israel seinen politischen Traum realisieren zu können. Bernardo war kein Jude. Er bekommt seine Papiere von einem Beamten mit großer Kippa:

- Welcher Nationalität sind Sie?

- Dov (Bernardo) zögerte: "Israelischer?"

- Unmöglich! ... Wo sind Sie geboren?

- In Barcelona.

- Also sind Sie Spanier?

- Aber ich bin kein Spanier! Ich bin Katalane! Dafür habe ich gekämpft!

- Also schreibe ich: Katalane?

- Perfekt!

-Und jetzt, welche Religion haben Sie?

- Ich bin Atheist!

- Kann ich nicht schreiben. Der Staat hat das nicht vorgesehen. Welche Religion hatte Ihre Mutter?

- Katholisch.

- Also schreibe ich: "christliche Religion".

Ich kürze ab. Als Bernardo (Dov) das Amt verließ, stand auf seinem Ausweis: Religion: katalanisch. Besser als mit dieser Anekdote kann man das Dilemma eines religiös dominierten Staatsverständnisses nicht beschreiben. Und auch nicht den liberalen Geist mancher Beamter.

Da ist aber auch Sands Freund Mahmoud, ein berühmter palestinensischer Dichter, der unter Druck schließlich auswandern muss und bis heute Einreiseverbot in Israel hat. Diese Erfahrungen motivieren Sand, mit dem Instrumentarium des Historikers der Frage der jüdischen Nation nachzugehen. Dazu gehört zunächst die ausführliche kritische Analyse der bisherigen Arbeiten zum Nationbuilding (Balibar, Deutsch, Gellner, Anderson, Hobsbawm). Er macht sich Auffassung von Karl Deutsch zu eigen: Eine Nation ist eine Personengruppe, die mittels eines gemeinsamen Irrtums über ihre Vorfahren und eine gemeinsame Aversion gegen ihre Nachbarn geeint wird.

Akribisch zeichnet der Autor die Konstruktion eines jüdischen "Volkes" aus dem Geist des 19. Jahrhunderts nach: von Isaak Markus Jost über das immense Werk des Heinrich Graetz bis zu den frühen und späten Zionisten. Auch für die deutsche Geschichte interessant ist die Analyse des "Historikerstreits" von 1879: die rassistische Radikalisierung des Historikerpapstes Treitschke (die unmögliche Assimilation des Judentums), die ihrerseits wiederum Graetz radikalisiert (die jüdische "Nation" als "Volksrasse" und dazwischen die aufgeklärte Vernunft eines Theodor Mommsen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ideologisiert sich der Diskurs weiter. Zum Meisterdenker wird Yitzhak Baer, der 1936 in Berlin sein Buch Galout (Exil) veröffentlichen darf. Folgende Diskurselemente werden hegemonial: Jede Nation hat nach Gott ihren natürlichen Ort, die Juden bilden eine nationale Einheit, das jüdische Nationalbewusstsein existierte vor der europäischen Geschichte. Nach Sand finden wir alle Elemente einer "erfundenen Nation": der so genannte Ursprung definiert das Wesen, das Ziel ist also das Zurück zu den Wurzeln. "Teutonisch oder hebräisch" - wie Sand bitterböse bemerkt. Dies hindert den Autor aber nicht daran, die historischen Verdienste Baers, des Mitbegründers der israelischen Historiographie und dessen enormes Wissen zu würdigen. Aber im Konflikt zwischen Wissenschaft und Mythologie behält letztere zumeist die Oberhand.

Ausführlich beschäftigt sich Sand mit der "Erfindung des Exils" nach der Zerstörung des zweiten Tempels. Seine These: Nie haben die Römer ein ganzes Volk ins Exil getrieben, die Zahlen des "Kronzeugen" Flavius Josephus sind zeitgeistentsprechend maßlos übertrieben. Interessant erscheint mir Sands Hinweis auf die Interdependenz des jüdischen mit dem christlichen Mythos der Vertreibung der Juden wegen der Kreuzigung Christi. Anhänger der jüdischen Religion waren im gesamten Imperium Romanum vertreten, darunter eine erstaunlich hohe Zahl von Konvertiten. Für das Mittelalter erläutert Sand detailliert und zustimmend die schon von Ibn Khaboun 1396 vertretene These, dass große Teile der Berber zum jüdischen Glauben übergetreten waren und diese also auch an der Eroberung Spaniens teilgenommen haben müssen. Auch die von Arthur Koestler vertretene und oft kritisierte These des 13. Stammes, nämlich des mittelasiatischen Reichs der Khasaren findet der Autor historisch plausibel, auch wenn "letzte Beweise" fehlen (müssen).

Dass Geschichte auch Politik ist - und umgekehrt -, zeigt das Kapitel über die identitäre Distinktionspolitik in der neueren Geschichte Israels. Sand findet hier Spuren des völkischen Denkens, einen Diskursapparat, der mit dem Dogma "Die biblische Epoche dient als Vorbild und Beispiel für alle folgenden Epochen" arbeitet. Damit avanciert die Bibel zur historischen Quelle der "jüdischen Nation" par excellence, als nicht hinterfragbares Dokument für Historiker und Archäologen. Bei der Ideologieproduktion mittels Archäologie spielen Ben Gurion und Moshe Dayan themselves eine treibende Rolle. Genüßlich beschreibt Sand die Dilemmata der zeitgenössischen Archäologie angesichts der Fakten: keine Mauern von Jericho, zeitliche Widersprüche en masse, Kanaan war zu Moses Zeiten ägyptisch, von Salomons Tempel gibt es keine Überreste, geschweige denn von der Person - und die Bibel? Sie kann auch nicht vor dem siebten Jahrhundert v. Chr. geschrieben worden sein.

Verzweifelt nimmt man Rekurs auf die Genetik. Es ist aber eine Mission impossible, genetisch einen "Ethnos" zu rekonstruieren, der realiter aus einer Myriade 'ethnischer' Einheiten, kulturell und sprachlich unterschiedlicher Gruppen" besteht. Mit Ironie (die aus der Verzweiflung stammt) kommentiert Sand die Widersprüche der genetischen Untersuchungen in Israel. Er nimmt das berühmte Bild des Schachautomaten aus Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen auf: Der Automat der Genetik spielt nur scheinbar. In Wirklichkeit ist es der verborgene Zwerg, d.h. die traditionelle Rassenidee, die weiterhin das Spektakel der Chromosomen spielt.

Die politischen Aussagen sind schlüssig. Aus dem bisher Erarbeiteten ergibt sich für den Autor die bittere Erkenntnis der negativen Auswirkungen der Idee einer "jüdischen Nation", wodurch eine große Minorität in Israel selbst kulturell und wirtschaftlich ausgeschlossen wird. Sand erkennt den liberal-demokratischen Charakter des Staates Israel und würdigt ihn. Er konstatiert aber auch "ethnokratische" Elemente, die zu einer sich vergrößernden Entfremdung von jüdischen und arabischen Bürgern in Israel führten und weiterhin führen. Die einfache Forderung nach einem binationalen Staat Israel erscheint ihm wünschenswert, aber angesichts der schmerzhaften Geschichte utopisch, aber es ist für den Autor (und jeden Vernünftigen) not-wendig, dass die Gesellschaft sich "israelisiert, d.h. sich plurikulturell demokratisch entwickelt. Dafür muss sich die jüdisch-israelische Gesellschaft Sand zufolge von ihrem wissenschaftlich nicht haltbaren Gründungsmythos befreien. Der Autor gesteht allerdings, in dieser Frage eher pessimistisch zu sein. Eine beunruhigende Aussage am Ende eines fakten- und lehrreichen Buches. Andererseits war das Werk kurz nach Erscheinen 2008 ein Bestseller in Israel.

15:30 25.04.2010
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