Die zweite Wahl - Hindenburgs Wiederwahl

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Zweimal musste er 'ran, der alte Herr. Kein Wunder, dass er sich bitten ließ. Aber wenn "Not am Mann" ist, kann man als ostpreußischer Generalfeldmarschall nur "Jawoll!" sagen.

1925 war der Reichspräsident Ebert überraschend gestorben. Im ersten Wahlgang zur Wahl des neuen Reichspräsidenten hatte keiner der Kandidaten (darunter Ludendorff für die NSDAP) die notwendige absolute Mehrheit erhalten. Erst im zweiten Wahlgang stellten die rechten Parteien den "Sieger von Tannenberg" auf und so zog der in Hannover (schon wieder Hannover!) Residierende am 26. April 1925 48,3 Prozent der Stimmen auf sich, das waren drei Prozent mehr als der Kandidat der "Weimarer Parteien", der Zentrumsmann Marx, erhielt. Der Kandidat der KPD, Thälmann, kam auf gerade einmal 6,4 Prozent der Stimmen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen, 'Besser ein Zero als ein Nero'. Leider zeigt die Geschichte, dass inter einem Zero immer ein zukünftiger Nero verborgen steht, schrieb in scharfsichtiger Verzweiflung Theodor Lessing über die Wahl Hindenburgs. Pessimistisch auch Kurt Hiller: Unter der schwarzweißroten Fahne erkoren - auf die schwarzrotgoldene vereidigt; der Gegengötze des Sozialismus - von einem Sozialdemokraten. Komisch, wenn es nicht tragisch wäre ..., die Nation hat wieder, was sie siebenundsiebzig bittere Monate entbehren musste: den militärischen Vorgesetzten.

1932 - der Reichspräsident fungierte jeweils sieben Jahre -wurde er immer noch als Vorgesetzter gebraucht - auch mit vierundachtzig Jahren. Gebraucht vor allem vom Reichskanzler. Schließlich musste Brüning mit den "Notverordnungen" des Präsidenten regieren, um "einen unbarmherzig konsequenten Deflationskurs" (Wehler) auf Kosten der lohnabhängigen und in der Krise zunehmend arbeitslosen Bevölkerung zu exekutieren. Allein 1931 hatte es 44 Notverordnungen gegeben. Der Reichstag hingegen hatte nicht mehr als 41 Mal getagt.

A propos unbarmherzige Konsequenz: Wie verzahnt Regierungspolitik und sozialökonomische Interessen waren, zeigen die Subventonen, die anti-deflationär, aber ganz im Sinne Hindenburgs an die Großagrarier flossen. Und dass das Reichswehrbudget nicht angetastet wurde,versteht sich von selbst. Zumindest in den damaligen Zeiten. Zumal alle staatstragenden Weimarer Parteien (inklusive SPD) die Brüningsche Austeritätspolitik tolerierten. Wenn ein Sparkurs nun einmal notwendig ist, ...

1932 sollte das Hauptkrisenjahr werden. Im Durchschnitt 5,6 Millionen Arbeitslose mussten sich zum "Stempeln anstellen", wie Ernst Busch sang. Und Brüning musste sich der Frage stellen, wie er ein zweites Mandat Hindenburgs erreicht. Plan A: Wenn eine Zweidrittelmehrheit des Reichstages den Präsidenten abwählen kann, darf eine solche ihn auch wählen. Was sich in dieser Frage zwischen Anfang Januar und Mitte Februar 1932 vor und hinter den Kulissen abspielte, ist ein politisches Lehrstück und Tag für Tag in Brünings Memoiren nachlesbar.

Der Reichskanzler wusste natürlich um die Borniertheit seines politischen Herrn,und er war sich der Brüchigkeit der Hindenburglegende voll bewusst. Doch gerade deswegen brauchte er ihn. Er bemühte sich folgerichtig als erstes, die politischen Parteien zu gewinnen - mit Ausnahme der bekanntlich nicht satisfaktionsfähigen Kommunisten. Die Parteiführer gaben sich im Hause Brüning die Klinke in die Hand. Am pflegeleichtesten erwiesen sich - für Brüning sicher ein déjà vu - die Sozialdemokraten (mit den liierten Gewerkschaftsführern). Sie sahen quasi ohne Widerrede die Notwendigkeit des "kleineren Übels" ein. Ähnlich reagierten DDP und - natürlich - das Zentrum. Die Weimarer Parteien verzichteten also - im Gegensatz zu 1925 - auf einen eigenen Kandidaten.

Kopfschmerzen bereiteten Brüning die ihm eher affinen Rechten, vor allem der Medienimperator und Intimfeind des Präsidenten, Hugenberg (DNVP), und die NSDAP, die, wie die letzten Landtagswahlen gezeigt hatten, ein politischer Faktor geworden war. Bezeichnend ist das Gespräch zwischen Brüning und Hitler am 9. Januar. Beide versicherten sich ihrer Verachtung für das Reichspräsidentenamt der Republik - Hitler postulierte einen "Reichsverweser auf Lebenszeit", Brüning war bekennender Monarchist. Doch kam es zu keiner Einigung. Schließlich hielt Hitler die Zeit reif für eine eigene Kandidatur.

Damit musste Blan B in Kraft treten - die verfassungsmäßig vorgesehene Wahl des Präsidenten durch den Souverän. Brüning initiierte ein Komitee unter Leitung des Berliner Oberbürgermeisters Sahm, welcher am 1. Februar darlegte, Hindenburg sei deutsche Pflichterfüllung und Überwindung des Parteiengeistes. Nur ließ sich Brüning zufolge der alte Herr mal wieder bitten. Die Minister Groener und Schleicher wurden als Emissäre eingesetzt, Groener, weil er die Fähigkeit hatte, Hindennburg militärisch anzumuten, und Schleicher, weil er in Brünings Augen ein genialer Intrigant war - was dieser am eigenen Leibe erleben sollte. Zu überreden war natürlich auch der Kronprinz, den Tucholsky mit den Worten Ick bin dick und blase auf die Republick charakterisiert hatte. Auch dies erwies sich als schwierig. Die Brüningsche Idee einer preußisch dominierten Monarchie mit Zustimmung der Linken (!) wollte dem Hohenzollern so gar nicht zusagen. Das Ja der SPD zur Hindenburgwahl war jedenfalls erheblich leichter zu erhalten.

Am 15. Februar geruhte Hindenburg, die Kandidatur anzunehmen. Eine Woche später war die Aufstellung perfekt. Es traten an:

Hindenburg, Duesterberg (DNVP, Stahlhelm), Hitler (mittlerweile in Braunschweig verbeamtet) und der Transportarbeiter Thälmann (KPD).

Der Wahlkampf war kurz und bezeichnend für die politische Situation. Hindenburg selber trat kaum auf. Er hatte sich am 1. März positioniert und es als alte Soldatenpflicht bezeichnet, auf meinem Posten zu verharren, um das Vaterland vor Erschütterungen zu bewahren. Umso rühriger war Brüning. So bei einer Großveranstaltung im Sportpalast: Es war schwierig, vor einer Versammlung zu reden, die massenhaft aus Anhängern der SPD bestand, in deren vorderen Reihen aber Generale, hohe Beamte des alten Regimes und die Familie des Reichspräsidenten saßen. Aber die Rede gelang. Frau von Hindenburg ... weinte. Die vorderen und die hinteren Reihen, die Kriegstreiber und die "vaterlandslosen Gesellen" gemeinsam für den Feldmarschall - symbolischer geht's kaum.

Und so verkündete Otto Braun im Vorwärts, Hindenburg sei die Verkörperung von Ruhe und Festigkeit, von Mannestreue und Pflichterfülllung für das Volksganze. Das "Volksganze" hat in Germany bekanntlich immer eine besondere Anmutung. Kautzky - senil wie sein neues Idol - beteuerte gar: Hoffen wir, dass es am 13. gut geht und der Marxismus seine feste Hindenburg behauptet, unser Wehr in Waffen. Posttraumatischer Burgfriedenschaden? fragt man sich heute angesichts dieser Aussagen. Oder frühes Political Crossover? Auf der anderen Seite der Rechten versuchten die Wahlkampfmanager Hitlers, den Marschall als Mondkalb der Novemberverbrecher darzustellen.

Dass die Wahlkampfkosten generös von den üblichen Unverdächtigen übernommen wurde, von Krupp, Flick, Wolff und anderen Honoratioren, versteht sich für die damalige Zeit fast von selbst. Allerdings steuerten bündnisgemäß auch die Gewerkschaften und die Reichswehr ihr Scherflein dazu bei. Und auch Hitler hatte schon seine Gönner, nachdem er im Januar 1932 im Düsseldorfer Industrieklub das Eis gebrochen hatte.

Die Wahlen am 13. März ergaben bei 86,Prozent Wahlbeteiligung 49,6 Prozent der Stimmen für Hindenburg. Hitler erhielt, 30,2 Prozent,Duesterberg 6,8 Prozent und Thälmann 13,2 Prozent. Damit war ein zweiter Wahlgang notwendig. Am 10. April wurde also erneut gewählt. Duesterberg hatte verzichtet. Das Ergebnis war klar. Hindenburg kam auf 53,1 Prozent, Hitler immerhin auf 36,7 Prozent und Thälmann wurde mit 10,1 Prozent abgeschlagen. Die sozialdemokratische Wählerschaft hatte geschlossen für Hindenburg votiert. Sie hatte wohl wirklich geglaubt, damit Hitler verhindern zu können.

Ein nicht nur aus heutiger Sicht deprimierendes Ergebnis. Neun Zehntel der deutschen Wähler hatten für einen adligen Militärstiefel oder einen antisemtischen Faschisten gestimmt. Das andere Zehntel hatte seine Stimme einem bündnisunfähigen Stalinisten gegeben. Kurt Hiller schrieb: Während die Republikaner von 1925 dem Marschall immerhin einen untauglichen Kandidaten entgegenstellen ..., stellen sie ihm 1932 überhaupt keinen entgegen - eine wahre Orgie der Selbstentmannung! Und Walter Mehring ahnte: Pflanzt jedes Rosenbeet im Hakenkreuz! Wenn es der Osaf fordert, dass es lenze, Lasst keine Sonne über Deutschlands Grenze! Vernichtung rings! Zum Heil der Mannen Teuts!

Doch zunächst schien der Staat wieder einmal gerettet. Da störte es nicht (oder kaum), dass Hindenburg zwischen den Wahlgängen das Gnadengesuch Ossietzkys (Haft wegen des "Soldaten-sind-Mörder"-Zitats) verwarf. Da schien es fast selbstverständlich, dass der wieder gewählte Präsident am 30. Mai seinen Wahltrommler Brüning fallen ließ. Da nahm man fassungslos, aber rechtsgläubig zur Kenntnis, dass die preußische Regierung abgesetzt wurde. Da wurde die Schmittsche Unterscheidung von Legalität und Legitmität schon (fast) akzeptiert. Die Folge ist bekannt.

Und heute? Eure Sorgen möchte ich haben, würde ein Bürger der Weimarer Republik angesichts der Diskussionen um die Bundespräsidentenwahl am 30. Juni sagen. Mit Recht. Die Situation ist anders. Zum Glück hat der Bundespräsident nur repräsentative Funktionen. Und zum Glück wird er nicht vom Volk gewählt. Im letzten Freitag hat Werner Reutter überzeugend dargelegt, dass sich in dieser Forderung das verbreitete Unbehagen der Eliten gegenüber der parlamentarischen Demokratie (spiegelt). Und folgerichtig verweist er auf die Kontinuität der Schmittsche Methode, die Parteienrepublik zu denunzieren.

Es ist schon auffallend, dass der taktische (!) Kandidat der SPD-Grünen bei seinen zahlreichen medialen Auftritten die immergleiche simple und in der Tat (entfernt) an Hindenburg erinnernde Botschaft an die Männer und Frauen aller Klassen bringt: Gerade in Zeiten der KRISE kommt es auf Vertrauen, Aufrichtigkeit, Verantwortung, Pflichtbewusstsein, Unabhängigkeit vom Parteienstaat an. Dafür sei Gauck mit seiner heldenhaften Biographie der richtige Mann. In einem lesenswerten Aufsatz in den neuen "Blättern" analysiert Karin Priester diese "Konjunktur der Simulation". Gauck ist geradezu ein Paradebeispiel für die "Inszenierung der Authentizität".

Das kann einem schon Sorgen machen. In Maßen.

16:01 26.06.2010
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walter-ter-linde | Community