Feigheit, Mut, Versöhnung

Beleidigungen Ab dem 14. Mai ist der neue französische Präsident ein junger, sanfter Mann. Er will Frankreich versöhnen. Rückblick in eine Zeit, als Politiker noch "echte Kerle" waren
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Feigheit, Mut, Versöhnung
Nicolas Sarkozy (l.) und Dominique de Villepin (r.) im französischen Parlament – zu einer Zeit, in der Politiker noch "echte Kerle" waren
Foto: BERTRAND GUAY/AFP/Getty Images

20 Juni 2006. Nationalversammlung. Der Premierminister ist außer sich: Monsieur Hollande, ich sage es Ihnen ins Gesicht. Was ich hier öffentlich mache, ist Ihre Feigheit, ja die Feigheit in ihrer Haltung!“ Ein sehr kurzer Moment der Stille, dann bricht es los. Abgeordnete der Linken stürmen in Richtung des Redners. Hollande schüttelt den Kopf. Sechzehn Mal bittet der Parlamentspräsident um Ruhe. Dann schließt er entnervt die Sitzung. Draußen erklärt Hollande den Journalisten, der Premierminister Dominique de Villepin „brutalisiere“ die öffentliche Debatte. Der Fraktionsvorsitzende der KPF fordert Neuwahlen, ebenso wie der ewige Zentrist François Bayrou. Selbst Mitglieder der Partei des Premierministers, darunter Vertraute eines gewissen Nicolas Sarkozy fordern eine Regierungsumbildung.

Hundert Jahre zuvor wäre die Öffentlichkeit Zeuge eines Duells geworden. Clemenceau oder Jaurès hätten nicht einen Moment gezögert. Doch Duelle sind 2006 schon lange Geschichte (das letzte Parlamentarierduell gab es 1967). Wahrscheinlich ein Glück für Hollande, der gegen den schneidigen Aristokraten de Villepin keine Chance hätte, auch wenn man ihn immer wieder unterschätzt. Und so tritt de Villepin am 21. Juni noch einmal vor die Versammlung, um seine Aussagen zu „bedauern“und „zurückzunehmen“. Es sei ihm um die „Haltung“ gegangen. Aber was hat den Diplomaten alter Schule, der 2003 vor der UNO so mutig wie souverän sein Nein gegen den Irakkrieg begründete, seine Raison verlieren lassen? Was brodelt unter der Oberfläche?

Turbulenzen

Dominique de Villepin ist erst ein Jahr im Amt. Der Präsident Jacques Chirac hat ihn als Nachfolger des erfolglosen Premiers Raffarin ernannt – auch um den ehrgeizigen Nicolas Sarkozy auszukontern. Nicht verhindern kann er jedoch dessen starke Position als Innenminister im Kabinett Villepin. Doch anfangs überrundet der neue Premier in den Umfragen seinen omnipräsenten Rivalen. Doch die „Rentrée“ im Herbst 2005 ist ungewöhnlich heiß: bürgerkriegsähnliche Zustände in den Vorstädten, Streiks und Blockagen gegen Privatisierungen, zum Beispiel von Gaz de France, Massendemonstrationen gegen den unternehmerfreundlichen Plan „Erste Anstellung“. Die Werte de Villepins sinken rapide.

Ein Riesenskandal folgt dem andern. Leitende Manager von Airbus und EADS unternehmen zwischen 2005 und 2006 betrügerische Börsengeschäfte. Wusste die Exekutive davon? Noch mehr strapaziert die Clearstream-II-Affäre die Nerven. Schon 2004 erfährt der damalige Außenminister Villepin von einer angeblichen Verwicklung seines Rivalen Sarkozy in dunkle Geschäfte. Es gibt sogar eine Liste mit illustren Namen. Villepin beauftragte eine geheimdienstliche Untersuchung, angeblich im Auftrag Chiracs. Schnell wird klar, dass die Liste eine plumpe Fälschung ist. Anfang 2006 erhebt Sarkozy Zivilklage. De Villepin seinerseits verklagt die Journalisten, die seine Instrumentalisierungsversuche dokumentiert haben. Dies wiederum hat Hollande vor dem Parlament kritisiert. Und dann lehnt die Nationalversammlung die Zusammenlegung von SUEZ mit Gaz de France ab. Ein explosiveres Gemisch ist kaum denkbar. Vielleicht ist der Zornesausbruch aber auch ein „kontrollierter“ Ausbruch? Schließlich kennt er Hollande schon lange. Beide sind Absolventen der Eliteschule ENA, des legendären Jahrgangs „Voltaire“ von 1980, so wie Ségolène Royal.

Wahre Männer

Warum wählt de Villepin den Begriff Feigheit? Diese Beleidigung hat spätestens seit der Dreyfusaffäre Tradition. Der Premierminister weiß dies (oder hat es „im Blut“). Der Sprössling einer geadelten großbürgerlichen Familie und Bewunderer Napoleons teilt die Menschen in Feiglinge und Mutige ein. „Feigheit“ ist ein Mangel an Virilität. Frankreich ist eine Frau, die auf den wahren Mann wartet. De Villepin deutet also an, dass Hollande ein impotenter Politiker ist, unfähig zur Präsidentschaft. Und als Sozialist unfranzösisch: Der Volksfrontführer Léon Blum wurde in den rechten Karikaturen oft als Frau dargestellt. Der Schriftsteller Léon Daudet nannte ihn „Mamzelle Blum“. Misogynie und Antisemitismus treffen nicht selten zusammen. Noch Ende des letzten Jahrhunderts sind offen sexistische Beleidigungen von Frauen im Parlament üblich. Die sehr konservative Christine Bourtin muss sich 1998 in ihrer Rede gegen die "Ehe für alle" Zurufe anhören wie Madame Bourtin denkt nur an Sex (linker Abgeordneter) oder ironische Aufmunterungen wie Du schaffst es, Christine! (rechter Abgeordneter). Diese Misogynie kann sogar Stimmen bringen. 2007, ein Jahr nach dem Parlamentsskandal, punktet Sarkozy in der Fernsehdebatte gegen Ségolène Royal. Sie habe ihre Nerven verloren. Präsident zu sein, heißt ruhig zu sein.

Nicolas Sarkozy darf dann auch ab 2007 „ruhig“ sein. De Villepin allerdings muss in den nächsten Jahren Verhöre, Durchsuchungen, Prozesse über sich ergehen lassen. Ihrer Feindschaft bleiben die beiden Heroen treu. De Villepin sagt 2010 im Interview, seine Maman habe ihn gelehrt, Kleinere nicht zu schlagen. Der „Kleinere“ kontert im ordinären Stil (er hat die ENA nicht besucht), de Villepin habe „eine große Schnauze und kleine Eier“. Und 2012 tritt Hollande an und lässt dem Emporkömmling keine Schnitte – in gewisser Weise die Rache des Jahrgangs „Voltaire“.

Und heute?

De Villepin beleidigt nicht mehr. Er unterstützt in blumigen Worten den neuen Retter Macron (ENA-Sprössling und aus gutem Hause), so wie - eher indirekt - Ségolène Royal und -ganz indirekt - François Hollande. Und Sarkozy? Er hat auch zur Wahl Macrons aufgerufen. Allerdings berichtet „Femme actuelle“, dass bei der Beerdigung Michel Rocards Macron Sarkozy zur Seite genommen habe. Angeblich sei der Satz gefallen, Ich weiß, dass jemand aus Ihrer Umgebung Gerüchte über mein Privatleben gestreut hat. Wie auch immer, „Le Point“ hat kurz vor der Wahl festgestellt, es gebe eine mimetische Annäherung zwischen Macron und Sarkozy: dieselben Gesten, dieselben Posen, dasselbe Vokabular.

Und so versöhnt sich die „Classe politique“ im neuen Präsidenten, diesem "Magneten, der das Glück anzieht" (Jacques Attali). Wenn das mal nicht an einen gewissen Bonaparte erinnern soll.

14:48 14.05.2017
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