Ich zitiere, also habe ich recht

Falsche Zitate Nicht wenige in Debatten eingesetzte Zitate sind falsch oder deplaziert. Selbst ein Philosoph wie Descartes wird nicht immer richtig zitiert. Mit Folgen.
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Quelqu'un m'a dit... (Carla Bruni Sarkozy)

Fragen Sie einen Kollegen aus linksalternativen oder friedensbewegten Kreisen doch mal nach seinem Lieblingszitat. Mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit und noch geringerer Nachdenkzeit kommt dieses:

Ich bin nicht mit dem einverstanden, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Letzten dafür kämpfen, dass Sie es sagen können.

Ist von Voltaire, wird dann noch nachgeschoben. Dem Aufklärer. Wenn ich entgegne, dass Voltaire dies nie gesagt hat, auch nicht so ähnlich, ernte ich erstaunte Blicke. Steht doch im Internet.

Da findet sich aber auch das englische Original:

I disapprouve of what you say, but I will defend to the death your rignt to say it.

Mit diesem Satz versuchte Evelyn Beatrice Hall das Denken ihres Idols in "Friends of Voltaire"(1906) zusammenzufassen. Übrigens irrte sie sich gewaltig. Voltaire hätte nie sein Leben für Fanatiker riskiert. Auch nicht das anderer.

Nun könnte man schulterzuckend über das falsche Zitat hinweggehen. Es vermittelt ein nicht ganz richtiges Bild von der Aufklärung, aber implementiert immerhin den Toeleranzgedanken. Ärgerlicher , ja widerlich wird es beim zweiten Beispiel.

Gib mir die Macht über die Währung eines Landes, und es interessiert mich nicht mehr, wer dessen Gesetze macht.

Amsel Mayer Rothschild soll der Urheber dieses zynischen Zitates sein. Man findet es fast täglich bei rechten und linken Kritikern des Finanzkapitalismus. Die antisemitische Konnotation ist evident. Eine Quellenangabe allerdings sucht man bei ihnen vergeblich. Sie wollen es nicht wissen: Das angebliche Zitat findet sich erstmals bei einem sehr rechten und verschwörungsideologischen amerikanischen Politiker. Der Republikaner Peter David Beter präsentierte es 1973 in seinem Werk "Conspirancy Against the Dollar". Es hat gewirkt.

Das richtige Zitieren ist also ziemlich politisch, das falsche sogar gefährlich. Und überhaupt. Schulden wir uns nicht zitierliche Korrektheit? Der Descartesspezialist Denis Kambouchner hat ein schönes Büchlein über das, was Descartes nicht gesagt hat, geschrieben, ein Repertoire der falschen Ideen über den Autor des "Discours de la méthode" (1). Die Rezeption Descartes' sei ein Musterbeispiel für konstante Vereinfachung zwecks Polemik und Unterricht.

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Descartes und die Schulen

Aus der Fülle falscher Zitate seien drei hervorgehoben.

Jeder französische Schulkritiker, ob jung oder alt, liebt ihn, diesen Satz: In den Schulen lernt man nichts Nützliches.

Im Discours lesen wir allerdings:

Nach Beendigung meines Studiums änderte sich meine Meinung vollständig. Ich fand mich verstört durch so viele Zweifel und Irrtümer, dass es mir schien, als ob ich aus meinen Bildungsversuchen keinen Lohn gezogen hatte, es sei denn die Entdeckung meiner Ignoranz.

Descartes beschreibt hier seine "skeptische Krise". Und die, so Kambouchner, war damals ein Gemeinplatz. Nirgendwo sagt Descartes, dass seine Studien "unnütz" gewesen seien. Im Gegenteil: sie haben seine Suche nach den wahren Prinzipien initiiert. Descartes empfiehlt in einem Brief aus dem Jahre 1638 seine eigene von Jesuiten geführte Schule:

Ich glaube, es sehr nützlich, deren vollständigen Philosophiekurs studiert zu haben, bevor man seinen Geist über die Pedanterie zu erheben wagt.

Naturbeherrschung

Gravierender ist ein anderer Vorwurf, der von links bis rechts mit schöner Regelmäßigkeit erhoben wird - auch von eminenten Geistern:

Derselbe begriffliche Apparat, der zur Bestimmung der toten Natur bereitsteht, dient auch zum Einordnen der lebendigen... Die heute verbreitete Vorstellung vom Wesen der Theorie pflegt sich aus den Anfängen der neueren Philosophie (also Descartes) herzuleiten... Die Ableitung, wie sie in der Mathematik üblich ist, sei auf die gesamte Wissenschaft anzuwenden.

So urteilt Horkheimer in einem bekannten Aufsatz. Auch Heidegger kam immer wieder auf dieses Motiv zurück. Die "Entzauberung der Welt", die Kontrollgesellschaft, die mathematische Modellierung aller gesellschaftlichen Bereiche - all dies scheint bei Descartes vorgezeichnet. Wirklich? Ist die "mathesis universalis" ein Instrument der Herrschaft über Mensch und Natur? Hat Descartes nicht lebende Tiere seziert?

In der Tat spricht Descartes im Discours von einer "praktischen Philosophie", dank derer

wir so wie (comme) die Herren und Besitzer der Natur werden könnten... was wegen der Fülle an Erleichterungen zu wünschen ist.

Allerdings ist auch hier der Kontext zu beachten, der engere zunächst: die dem Satz folgende Passage zeigt, dass es Descartes zum Beispiel um die menschliche Gesundheit geht. Darüber hinaus ist zu der Zeit die Idee der Naturbeherrschung mit Bacon banalisiert worden. Und man muss, wie Kambouchner betont, die Rezeption bedenken: wir "verdanken" dem Neukantianer Paul Natorp dieses einseitige Verständnis der "mathesis cartesiana". Mal bezeichnet sie die Mathematik, mal als "mathesis abstracta" eine auf alle Naturphänomene anwendbare Wissenschaftsmethode. Die "mathesis universalis" kommt nur einmal bei Descartes vor, als Begriff für die Wissenschaften, die sich mit Ordnung und Maß beschäftigen, für den Philosophen "ein alter und gebräuchlicher Begriff", eher ein Hilfsmittel. Von der industriellen Verwüstung der Erde sind wir Jahrhunderte weit entfernt. Unter Naturbeherrschung, so Kambouchner, versteht Descartes eher die Selbstberrschung des Menschen - durch Gedankenklarheit zum Beispiel. Für die Rezeptionsgeschichte kann er nichts. Auch nicht dafür , dass man im inkriminierten Satz das "so wie" (comme) gerne überliest.

Ich denke

Dies gilt noch mehr für den berühmtesten aller cartesischen Sätze: Cogito ergo sum. Je pense donc je suis. Ein Satz des bürgerlichen Selbstbewusstseins. Ein Satz alseine Einladung zu Wortspielen. Schön, wenn auch alpenbewohnerfeindlich (weshalb er hier nicht übersetzt wird) ist z.B. Je panse donc je suisse. Das Cogito ist natürlich keine Fälschung, aber wird es richtig verstanden? Im Discours beschreibt Descartes seine Entscheidung, so zu tun, als ob alles, was je in seinen Geist getreten, nicht wahrer als seine Träume wäre, und stellt fest:

Aber sogleich merkte ich, dass, während ich alles als falsch denken wollte, das dies denkende Ich notwendigerweise etwas sein müsse. Und als ich bemerkte, dass diese Wahrheit, dieses "Ich denke, also bin ich" so fest und abgesichert war, dass auch die skeptischsten Einwände sie nicht erschüttern konnten, da urteilte ich, dass ich sie ohne Skrupel als erstes Prinzip der Philosophie, welches ich suchte, annehmen konnte.

Das ist - natürlich - keine neue Idee. Kambouchner weist sie bei Augustinus nach, dem wiederum die mittelalterlichen Philosophen folgten. Auch diese Formel ist zur Zeit ein Gemeinplatz. Descartes selbst meint, jeder habe darauf kommen können. Die Frage ist, welches "Ich" Descartes meint. Kambouchner stellt fest: das cartesische "Ich" ist "meine Existenz als Seele, Geist oder "etwas, das denkt". Eine Art Seelenbeweis also. Und indem sich "die Sache die denkt" examiniert, stellt es die Existenz bestimmter Ideen fest, vor allem die Gottes, für Descartes das wahre Prinzip aller Dinge.

Und damit sind wir bei jener höheren Macht angekommen, von der wir gar nichts wissen. Und bei der Frage, ob die Propheten, die ihre Botschaften verkünden, richtig zitieren.

Von Voltaire gibt es dazu ein verifizierbares Zitat:

Die Intelligenz der Propheten ist eine Leistung des menschlichen Verstandes. Mehr werde ich dazu nicht sagen.

Wenn schon ein eher unpolitischer und vor langer Zeit gestorbener Philosoph falsch oder mißverständlich zitiert wird, sind wir in heutigen politischen Debatten zu großer Vorsicht aufgerufen. Immer gilt es Kontext und Rezeption zu bedenken. Descartes hat uns übrigens im Discours eine Mindestregel gegeben:

Niemals eine Sache für wahr anzunehmen, ohne sie als solche genau zu kennen.

(1) Denis Kambouchner, Descartes n'a pas dit. Paris 2015 (Les Belles Lettres)

16:32 25.04.2015
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