Es wird spannender als erwartet

Frankreich Emmanuel Macron hat zwar seine Kandidatur noch nicht angekündigt, trotzdem stehen alle Kandidaten fest. Mit Beginn des neuen Jahres wird der heiße Wahlkampf beginnen
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Emmanuel Macron hat mit seinem in Watte gepackten Aufstieg keine Probleme
Emmanuel Macron hat mit seinem in Watte gepackten Aufstieg keine Probleme

Foto: Ludovic Marin/Pool/AFP/Getty Images

Die erste "Tour" findet am 10 . April 2022 statt. Es gilt, den „Monarchen auf Zeit“ zu wählen, jenen Überirdischen dessen Rolle der Nachfolger De Gaulles, Georges Pompidou, so beschrieb:

Als oberster Chef der Exekutive und Hüter und Verwalter der Verfassung ist er gleichzeitig Schiedsrichter und Träger der höchsten Verantwortung im Staat.

Das entspricht nicht gerade dem Prinzip der Gewaltenteilung, aber der französische Demos hat sich daran gewöhnt, und tatsächlich gibt es auch konstitutionelle Schranken absoluter Macht. Der gegenwärtige Bewohner des Elysée-Palastes zeigt allerdings den direkt gewählten Mitgliedern der Nationalversammlung und den indirekt gewählten Senatoren mit geradezu unerträglicher Leichtigkeit, wer die politische Macht in der Republik innehat. Zur Not könnte er die Nationalversammlung sogar auflösen. De Gaulle, Mitterrand und Chirac haben dies praktiziert. Emmanuel Macron bisher noch nicht. Es gibt auch keinen Anlass. Macron verfügt über eine betonierte Mehrheit im Parlament, die es noch nicht einmal stört, dass der Präsident alle relevanten Corona-Entscheidungen mithilfe des geheim tagenden „Verteidigungsrats“ trifft. Das Parlament bleibt außen vor. Pschtt! Gehen Sie weiter! Le président règne et gouverne. Der Präsident herrscht und regiert.

Immerhin stehen jetzt die Namen der Kandidaten fest. Eric Zemmour hat sich endlich erklärt und gibt damit jenen Hoffnung, die wissen, dass Marine Le Pen im zweiten Wahlgang keine Chance gegen Macron hat (zu schlecht war ihre Performance im ersten Duell). Da muss ein echter Mann her. Valéry Pécresse hat mit dem glücklichen Händchen des Schicksals die „Primaires“ der Républicains gewonnen, Vorwahlen, in denen die Kandidaten sich einen Wettbewerb in der Disziplin „Wer ist das Rechteste unter uns Republikanern?“ leisteten. Pécresse verkündete im Fernsehen, mehr Autorität als Madame Le Pen zu haben. Dass Macron kandidiert, ist allen klar. Dass er seit über 4 Jahren im Wahlkampf ist, auch.

Mit Zemmour sind noch düstere Wolken aufgezogen, erlauben wir uns trotzdem einige Fragen: Sind sie wirklich nicht mehr möglich, die „glücklichen Tage“ der Zukunft, die die Résistance 1944 auf die Agenda nahm? Wird die bleierne Zeit der Sarkozy, Hollande und Macron fortgesetzt? Einfach so? Trotz der Gelbwesten und alledem? Nimmt nicht nur Covid kein Ende? Man mag es nicht glauben.

Bitte keine Panik. Vieles deutet darauf hin..., dass es noch schlimmer wird. Das garantieren die KandidatInnen des „Bloc bourgeois“, also die mit den größten Chancen. Und die werden – hélas! - von den Umfrageunternehmen produziert. Die Sondages sind zwar mit Pinzetten anzufassen, aber trotz ihrer wissenschaftlichen Fragwürdigkeit sind sie doppelt ernst zu nehmen. Bei allen Verzerrungen geben sie die Tendenzen von Wahlentscheidungen an, die sie gleichzeitig mit produzieren – im Interesse ihres Business und dem ihrer Auftraggeber. „Structura structurata et structurans“ (soviel Bourdieu muss sein). Und manchmal muss „man“ eben „nach-strukturieren“. Einen Tag nach ihrer Designation sprang Pécresse mit einem magischen Zuwachs von 4 Millionen Wählern auf 20 Prozent – und damit hop in den zweiten Wahlgang. Aber bleiben wir bei der ersten Tour.

sondages, sondages, sondages...

Es treten an (von rechts nach links, Umfragewerte der letzten Woche):

Marine Le Pen (RN, extreme Rechte, 15-18%)

Eric Zemmour (Bewegung „Rückeroberung“, extreme Rechte und rechtsextreme Républicains, 12-14%)

Nicolas Dupont-Aignan („Debout la France“, Rechtsgaullist, 2%)

Valérie Pécresse (Les Républicains, 14-20%)

Emmanuel Macron (LREM, noch nicht erklärt, 23-25%)

Anne Hidalgo (PS, 3-5%)

Arnaud Montebourg (Bewegung „Remontada“, 1,5-2%)

Yannick Jadot (EELV= Europe Ecologie Les Verts ,5-7%)

Jean-Luc Mélenchon (l'Union populaire, 8-11%)

Fabien Roussel (PC, 2%)

Philippe Poutou (PAC=Parti anticapitaliste, 1-2%)

Nathalie Arthaud (Lutte ouvrière, 1%)

Schockstarre. Die extreme Rechte vereinigt ein knappes Drittel der Wahlabsichten, die liberale und autoritäre „Mitte“ über 40%. Die einst so stolze Linke (inklusive Ecolos und PS) müsste sich über ein Viertel der Stimmen noch diebisch freuen. Das unerfreuliche Fazit lautet: Die übergroße Mehrheit der Franzosen ist ziemlich stramm rechts.

Bekannt ist dies schon seit langem, aber nicht immer erkannt. Die Macronie trägt dabei eine beträchtliche Mitverantwortung. In seiner Aufbruchsphase 2016/2017 verbarg sie ihren inhärenten Autoritarismus unter dem Glanz des jungen Jupiter. Er schien geradezu als antifaschistisches Projekt: (Progressismus versus Populismus). Der Praxistest fiel anders aus: brutale Unterdrückung der Gelbwesten, Ausgrenzung der Muslime und Migranten, steigende Armut. Es zeigte sich, dass der Rassismus im 21. Jahrhundert noch immer ein Herrschaftsmittel ist. Der (einst sarkozystische) Innenminister Darmanin bezeichnete Marine Le Pen öffentlich als zu „weich“. Der bourgeoise Extremismus ist ein Déjà-vu für den Historiker Pierre Serna:

Der Macronismus ist die extreme Mitte, so wie seine Vorgänger 1795, 1799, 1815,1830,1849-51. Innerhalb von 2 Jahren ist Macron vom „Heroismus“ (einer Art Wahlurnen-Bonapartismus) zur Errichtung eines Staates im permanenten Ausnahmezustand übergegangen.

Lange Zeit schien alles klar. Im zweiten Wahlgang, so das gouvernementale Szenario, sollten die braven Citoyens wieder die Wahl zwischen einem neoliberalen autoritären Rechten oder einer autoritären neoliberalen Radikalrechten haben. Der strahlende Sieger hieße dann, na klar, erneut ... . Aber: So einfach ist die Chose nun doch nicht. Auch in den Umfragen des Dezember 2016 (also vor der Wahl Macrons 2017) war die Linke mit knapp 30% nicht gerade stark (wenn man einen Manuel Valls denn zur Linken zählt). Das Zentrum erreichte knapp 50% der Wahlabsichten, (mit schwachen 13% für Macron und überragenden 27% eines gewissen François Fillon), während die extreme Rechte „nur“ bei 26,5% lag. Das heißt, die „Linke“ ist in fünf Jahren „nur“ so schwach geblieben, wie sie schon war. Die Tendenzen auf der Rechten scheinen dramatischer. Im Kandidaten Zemmour vereinen sich traditionell rechte und faschistische Ideologeme. Damit schwächt er allerdings sowohl „les Républicains“ als auch den „Rassemblement national“. Es wird wirklich kompliziert.

Ein (schwacher) Trost ist: Die Erhebungen sind nicht so repräsentativ, wie sie vorgeben (und die Medien es nachplappern). Gerade die „Classes populaires“ sind oft unterrepräsentiert, was die Institute mit dubiosen Hochrechnungen oder -schätzungen zu kompensieren versuchen. Zudem gehen sie von einer Wahlenthaltung von bis zu 50% aus und nehmen nur die sicheren Wähler in ihrer Auswertung auf. Und dies sind wiederum die Mittel- und Oberklassen, sprich die Wähler von Macron, Pécresse, von Hidalgo und Jadot, aber auch von Le Pen und Zemmour. Eine Klientel im Wortsinn (die Teilnehmer der Panels der Online-Umfragen bekommen kleine Treue-Geschenke). Von den dominierten Klassen sind sich nur die RN-Wähler sicher. Vor der Kandidatur Zemmours beabsichtigte fast ein Drittel der Arbeiter (in der weiten Bedeutung), Marine Le Pen wählen. Aber auch hier ist zu differenzieren: schon in den Hochzeiten der kommunistischen Partei wählte ein Drittel der Arbeiter bürgerlich (der Aufstieg der Le Pens erfolgte später). Übrigens kommt das interdisplinäre Meinungslaboratorium „Cluster 17“ (gegründet am 9. Nov. 2021) mit einem gänzlich anderen Ansatz am 10. Dezember zu folgenden Ergebnissen: Le Pen 16%, Zemmour 15%, Pécresse 16%, Jadot 5%, Hidalgo 3% und Mélenchon 13%. C'est un peu différent.

Sicher ist einzig der enorme Anteil der unsicheren, der gleichgültigen und der überzeugten Abstentionisten. Und das ist nach Jahrzehnten neoliberaler „Reformen“ erklärlich. Wie sollen sie denn zusammenkommen, die Kandidaten der Arbeitsplatzabbauer und die ohnmächtigen Objekte des Arbeitsplatzabbaus, die Krankenhausschließer und die Menschen, die 'zig Kilometer bis zum nächsten Hospital fahren müssen? Viele Menschen haben schmerzhaft gelernt, den Ankündigungen der Politiker zu misstrauen. Und dieses Verdikt trifft auch linke Kandidaten (oft nicht unverdient). Hinzu kommt ein für entwickelte Demokratien fast unglaubliches Defizit. Bei den Wahlen von 2017 waren über 10 Millionen Millionen Franzosen haben sich gar nicht oder falsch in die Wahllisten eingetragen, d.h. zum Beispiel: 37% der 26-29jährigen sind von der Wahl ausgeschlossen. Die Eintragung ist relativ einfach (Internet). Aber anders als bei der (fast) obligatorischen Impfung unternimmt die Regierung diesbezüglich nur sehr wenige "pädagogische" Maßnahmen.

Aber schauen wir uns die Bewerber genauer an. Wollen sie alle wirklich eine möglichst große Wahlbeteiligung?

Enarques, Berufspolitiker und ein Malocher

Der gegenwärtige Champion ist bekanntlich einer wohlhabenden Medizinprofessor-en-Familie der Provinzhauptstadt Amiens entsprossen. Das garantierte den Genuss von Privatschulen, intensiven Klavierunterricht, Rhetorikwettbewerbe beim Rotary-Club, Theater-AGs, Vorbereitung für die „Grandes Ecoles“, SciencePo, Besuch der prestigiösen ENA (Ecole nationale d'Administration): Der gut vernetzte und noch besser protegierte junge Mann ging seinen Weg, „Inspecteur de finances“, Bankier (mit einem Festgehalt von 600.000 Euro und einer millionenstarken Provision für einen erfolgreiche „Deal“ - den Verkauf von Teilen des Nestlé-Imperiums an ... Pfizer), Regierungsberater und Wirtschafts- und Finanzminister Hollandes. Macron hat mit seinem in Watte gepackten Aufstieg keine Probleme: Für ihn ist es ein erfolgreiches Beispiel der „verdienten Selektion“. Seine erste Maßnahme als Präsident war die Rücknahme der (geringen) Vermögenssteuer. Es folgten Restriktionen des Arbeitsrechts, die (vorerst auf Eis gelegte) Rentenreform, kürzlich die Reform der Arbeitslosenversicherung. Macrons Beitrag zum Klimawandel ist neuerdings das „Projekt“ eines neuen „Nuklearparks“. Geht es noch „bourgeoiser“als Macron? Vielleicht.

Valérie Pécresse, die Kanditatin von "Les Républicains", kam in Neuilly, einer der reichsten Städte Frankreichs zur Welt. Ihr Vater hatte den bescheidenen Posten des Generaldirektors von Bolloré-Télécom inne. Pécresse ist mit dem Bankier und späteren Generaldirektor von Alsthom (heute „GE Renewable Energy“) verheiratet. Auch sie absolvierte die besten Privatschulen und - natürlich - die ENA. Die streng katholische Politikerin diente ihrem Vaterland als Beraterin, Deputierte, Hochschulministerin unter Sarkozy und ist seit längerem Präsidentin der Region Ile-de-France) . Fest wie ein Atommeiler steht sie für die Umwandlung der Universitäten in Unternehmen und die Reduktion des Öffentlichen Dienstes zugunsten privater Anbieter. Diesmal möchte sie in den 5 Jahren ihrer erstrebten Präsidentschaft 200.000 Stellen abbauen. Die Kandidatin besteht – ihren Worten zufolge – aus „zwei Dritteln Merkel und einem Drittel Thatcher“. Ihre „Marke“ ist die meisterhafte Beherrschung der „Lingua Capitalismi Neoliberalis“ (Frédéric Lordon) und ihre völlige Intransigenz. Ein kurzes Beispiel: In einer Fernsehdiskussion zu den Primaires der Républicains verweist sie auf ihre Erfolge als Ministerin:

Ich habe der Straße 9 Monate widerstanden. Und ich habe mich durchgesetzt.

Dann kommt sie zum neoliberalen Dauerläufer Schulden:

Die Regierung hat 8 Milliarden Neuschulden gemacht und...

Der Moderator wagt eine kleine Unterbrechung: „Wegen Covid!“. Pécresse fährt unbekümmert fort:

Das rechtfertigt keine Milliarden Schulden.

Eine „eiserne Lady“, „une Dame de fer“ . Und eine „Feministin“:

Ich bin eine Frau, eine Gewinnerin und Macherin. Haben Sie den Mut, eine freie Frau zu wählen!

Das erinnert natürlich an das Diktum ihres VorbildsThatcher:

Wenn Sie in der Politik eine Rede haben wollen, fragen Sie einen Mann. Wenn Sie Taten wollen, fragen Sie eine Frau.

Als „freie Frau“ sieht sich auch die Rechtsanwältin Marine Le Pen, erneute Kandidatin des Rassemblement national. Sie und ihr Bruder im Geiste und Konkurrent Eric Zemmour müssen hier nicht mehr detailliert vorgestellt werden. Beide sind in kulturellem und ökonomischem Kapital weit von den „Classes populaires“ entfernt.Zemmour kann allerdings den Habitus des Aufsteigers nicht ganz ablegen. In der Regel entspricht das Wirtschaftsprogramm der Rechtsextremen den Forderungen der Unternehmerverbände. So wie die dünnen wirtschaftspolitischen Aussagen Zemmours: Abbau des Schuldenbergs, Senkung der Steuern und der Sozialbeiträge, weniger Kollektivverträge, längere Arbeitszeit, späterer Renteneintritt. Le Pen gibt sich weniger marktradikal. Für viele extreme Rechte ist sie jedoch mit der „De-Diabolisierung“ des Front national und dem Verzicht auf den Frexit zu weit gegangen. Zemmour springt in dieLücke. Seine Zielgruppen sind explizit die „rechte Bourgeoise“ und die rechtsaffinen Teile der „Classes populaires“. Zu seinen Unterstützern zählen mittlerweile auch zwei prominente Gelbwesten – zum Entsetzen anderer Gilets jaunes.


Nicolas Dupont-Aignan ebenfalls ENA-Absolvent. Der Vertreter eines „sozialen Gaullismus“ war lange Zeit in den rechten Präsidialparteien tätig, bevor er „Debout la France“ gründet. Im letzten Wahlkampf noch mit Le Pen verbündet, näherte sich der Parlamentsabgeordnete in den Regionalwahlen 2021 wieder den Republikandern an. Angesichts der Konkurrenz hat er trotz (sehr) konservativer Positionen noch nicht einmal eine Außenseiterchance (um im Pferdewettenjargon zu bleiben).

Die linken Kandidaten stehen eher für die progressive Fraktion (der Großstädte), deren kulturelles Kapital größer als ihr ökonomisches ist. Anne Hidalgo ist Tochter einer Näherin und eines Elektrikers. Sie ist erstes „Akademikerkind“ der Familie, hat ein Diplom in Arbeitsrecht und arbeitete als Arbeitsinspektorin. Ihren langen Aufstieg bis zur Bürgermeisterin von Paris verdankt sie ihren Funktionen und Netzen in der Sozialistischen Partei. Yannick Jadot ist Lehrerkind. Nach seinem Studium (internationales Handelsrecht) engagierte er sich in NGOs und wurde schnell Direktor bei Greenpeace. Der einstige Sozialist (er verteilte mit seinem Vater Flugblätter für den PS) trat im Gefolge Cohn-Bendits 1999 den Grünen bei,und brachte es als Abgeordneter des europäischen Parlaments zum Vizepräsidenten der Kommission für internationalen Handel. Jadot gilt als ehrgeizig und eigensinnig. In der Welt der Medien ist er auch durch seine Lebensgefährtin, einer prominenten (Ex-)Journalistin von RTL, gut vernetzt. Gegen das Votum seiner Partei EELV nahm er im Mai 2021 an einer von rechten Polizeigewerkschaften organisierten Demonstration teil. Auch Aussagen, wie „Ökologie ist weder rechts noch links“ oder die Klarstellung vor dem Unternehmerverband Medef, es sei eine Karikatur,

die Ökos, Hippies und Träumer den Patrons, Ausbeutern und Raubtieren gegnüberzustellen... Die ökölogische Transition wird es nicht gegen, sondern mit den Unternehmen geben … oder gar nicht,

verstören nicht wenige Grüne in Frankreich, die sich – anders als ihre deutschen Pendants eher antikapitalistsich sehen. Bezüglich der sozialen Frage bleibt er – von einigen Direktmaßnahmen abgesehen – vage. Es ist nicht verwunderlich, dass Jadot sich in den EELV-Primaires nur knapp gegen die Ökosozialistin und Feministin Sandrine Rousseau durchsetzen konnte.

Jean-Luc Mélenchon muss den Lesern des Freitag nicht mehr ausführlich präsentiert werden. Es ist die letzte Kandidatur eines der „letzten Sozialisten“. Bis heute kann (oder will) der langjährige Berufspolitiker seinen Lehrerhabitus nicht ablegen. Als „Tribun du peuple“ ist er der Meister der Großversammlungen. Covid hat ihm diesbezüglich ein echtes Handicap beschert. Mélenchon scheut vor provokanten Aussagen nicht zurück und ist auch vor kleineren und größeren Affekten nicht sicher. Dies wird ihm immer wieder vorgeworfen, zunächst von den bürgerlichen Medien und im Netz. Das Image macht der France insoumise schwer zu schaffen. Mélenchon selbst betont, dass das Programm der „Union populaire“ wichtiger ist als seine Person. Und dies beinhaltet- unter vielem anderen die Bildung einer Konstituierenden Versammlung als Fundament einer demokratischen Sechsten Republik, Volksabstimmungen, Revokationsrecht, realer Abbau der enormen Ungleichheiten, eine „grüne Regel“ in der Klimapolitik und die Abschaffung der Atomkraftwerke bis 2045, eine Forderung, die im Land der 56 AKWs noch immer Stimmen kostet. Man könnte diesen Mut als Zeichen von Ernsthaftigkeit deuten.

Der Kommunist Fabien Roussel ist kein zorniger Sprecher der Arbeiterklasse wie einst Thorez, Duclos oder Marchais, auch wenn er seinen Vornamen dem kommunistischen Résistanceführer „Colonel Fabien“ verdankt. Roussel arbeitete– wie sein Vater – als Journalist.Seit 2017 ist er Abgeordneter.der Nationalversammlung (sein Gegenkandidat war Mitglied des FN). Ein Jahr später wurde er Generalsekretär der FKP. Seine kleine Fraktion hat oft mit der France insoumise kooperiert, vor allem in der parlamentarischen Abwehrschlacht der Rentenreform. Nicht wenige waren deswegen über seine Kandidatur überrascht, die andere Motive haben muss, als die Divergenzen in der Ordnungs- und Nuklearpolitik. Roussel weiß, dass er mit seiner Kandidatur Mélenchon dringend benötigte Stimmen nimmt. Versucht er, seine Partei vor dem endgültigen Ende zu bewahren? Liegt es daran, dass die France insoumise bei den Regionalwahlen 2021 eine andere Kandidatin vorzug? Es ist wohl bezeichnend für das allgemeine politische Klima, dass auch Roussel auf die sicherheitspolitische Karte setzt. Viele politische Freunde hat seine Präsenz auf einer sehr rechten Polizeidemonstration befremdet.

Bleiben die beiden trotzkistischen Kandidaten. Sie leben nicht in und von der Politik und tragen wirklich ihre Haut zum Arbeitsmarkt. Arthaud ist Lehrerin und Poutou ist tatsächlich – entlassener – Arbeiter in der Automobilindustrie. Die Medien nehmen sie so gut wie nicht zur Kenntnis.

Es kann nur eine(n) geben

Die heiße Wahlkampfphase hat also schon vor Weihnachten begonnen. Spieltheoretiker werden das Ganze mit Vergnügen verfolgen. Wer hat die besten Karten? die übelsten Tricks? Wer beherrscht die Kunst des Instrumentalisierens am besten? Vor allem: Wer mobilisiert die Reservearmee der Unentschlossenen und bewussten Abstentionisten? Wer verfügt über welche Medien? Es deutet sich ein Medienkrieg zwischen CNEWS (Bolloré, 7,5 Mrd. schwer) und BFMTV (Arnault, ungef. 200 Mrd. superschwer) an. Wie entwickeln sich die Umfragewerte? Wie reagieren die Kandidaten auf diese?). Erst ab 5% der Wählerstimmen gibt es eine Erstattung der Wahlkampfkosten. Werden also Dupont-Aignan auf der Rechten und Arnaud, Poutou und sogar Roussel auf der Linken noch aufgeben? Wer bekommt eigentlich die notwendigen 500 Patenschaften zusammen? Wie verlaufen die Duelle im jeweils „eigenen“ Feld: Le Pen – Zemmour, Zemmour – Pécresse, Pécresse – Macron, Jadot – Mélenchon?

Am 4. Dezember konnte eine frisch designierte Valérie Pécresse ihren Handschuh in den Ring werfen. Einen Tag später hielt Mélenchon sein erstes großes Meeting in Paris ab. Wichtiger als seine Rede war diesmal vielleicht die Gründung eines „Parlements de l'Union populaire“ , das zur Hälfte aus zum Teil prominenten Nicht-Insoumis besteht. Zu letzteren gehören der bekannte Schauspieler Bruno Gaccio, die ehemalige Attac-Chefin Aurélie Trouvé , die Schriftstellerin Annie Ernaux und die Philosophin Babara Stiegler.

Am selben Tag hatte auch Zemmour seine erste Großveranstaltung (vor über 10.000 ziemlich begeisterten meist jungen männlichen Zuhörern, darunter Mitglieder faschistischer Gruppen. Zemmour hielt quasi die Gründungsrede für seine Bewegung „Reconquête“ (Wiedereroberung), ein Begriff, der an die katholische „Reconquista“ die Spaniens erinnern soll, die 1492 bekanntlich mit der Vertreibung der Muslime und Juden endete. Natürlich hat Zemmour nicht die Führerstatur des „Cid“, aber seine Rede hatte viele Elemente des faschistischen Diskurses im Frankreich der 30 und 40er Jahre, auch, wenn er vor der Parole Vichys „Arbeit-Familie-Vaterland“ (noch?) zurückschreckte. Vielleicht wird der Wahlkampf ihm die Hemmungen nehmen. So wie den Mitgliedern der „Génération identitaire“, die im Saal einige Demonstranten von „SOS-Racisme“ ziemlich brutal verprügelten, unter dem Applaus des zemmouristischen Publikums.. Auch vor dem Saal gab es Proteste. Hier räumte die Polizei auf.

Nur vier Tage später sorgten zwei linke Kandidaten für eine Sensation. Zunächst kündigte der Sozialist Arnaud Montebourg (mit 1,5% ohne jede Chance) seinen Rücktritt von den Wahlen an, falls sich die „Linke“ doch noch zu Primaires zusammenfinden würde. Wenige Stunden später schloss sich Anne Hidalgo dem Aufruf an und suspendierte ihre Kandidatur. Sie stehe zu ihrer Verantwortung, erklärte sie. Hat auch sie die Aussichtslosigkeit ihrer Kandidatur erkannt? Rettet sie sich in ihr gegenwärtiges Bürgermeisteramt, um als strahlende Gastgeberin der Olympiade 2024 ihre Kandidatur für 2027 vorzubereiten? Wie auch immer, Roussel , Jadot und Mélenchon winkten dankend ab. Würde kein sozialistischer Kandidat antreten, wäre dies für den PS der GAU (Ségolène Royal hat indes schon angekündigt, „disponible“ zu sein). Im Fall des endgültigen Rückzugs des Parti socialiste hätte Jadot wohl stärkere Zugewinne als Mélenchon, aber auch Macron könnte profitieren. Das schlanke Elektorat Hidalgos besteht halt nicht nur aus Sozialisten.


Jupiter droht übrigens das erste Mal Ungemach: Kämen er (was sicher scheint) und Pécresse (was man nicht so recht glauben mag) in den zweiten Wahlgang, hätte Frankreich ihre erste Präsidentin. Das behauptet wenigstens das Umfrageinstitut Elabe, beauftragt vom „Parisien“ und „France-Info“. Gut, dass das Konkurrenzunternehmen Odoxa das schnell korrigiert hat. Nach einer vom „Nouvel Observateur“ beauftragten Umfrage würde würde wohl doch Präsident bleiben. Sehr knapp allerdings. Ist das real? Wer weiß? Aber die Botschaft bleibt: Jupiter ist ein Sterblicher. Ist das Leben nicht schön?





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