Muss man wirklich dran glauben? Adorno und die Offenbarung.

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Margarete: Nun sag: wie hast du's mit der Religion?

Faust (antwortet ziemlich despektierlich)

Margarete: Das ist nicht recht, man muss dran glauben!

Faust: Muss man?

(J. W. Goethe, Faust, 1. Teil)

Zu Goethes Zeiten mussten man und vor allem frau - wenn sie denn ungebildeten Standes waren. Und woran das Gretchen glauben musste, war der reine Offenbarungsglauben, der für einen auf- und abgeklärten Gebildeten wie Heinrich Faust eigentlich schon erledigt war. Mausetot sozusagen.

Wenn er sich da nur nicht irrte. Angesichts der zahllosen religiösen Confessiones auch an dieser Stelle möchte man fast glauben, dass Margarete ihren Faust alt aussehen lässt. Ich möchte daher an einen kleinen Text, ursprünglich ein Radiovortrag, aus dem Jahre 1957 erinnern, dem Jahr, in dem Adenauer gerade weil er als Christdemokrat "keine Experimente" wagen wollte, erneut Bundeskanler wurde. Der Autor ist noch oder wieder für manche ein "rotes Tuch": Theodor W. Adorno. Der Titel lautet: "Vernunft und Offenbarung", klingt altmodisch und erscheint mir heute ungemein aktuell.

Der Streit über die Offenbarung wurde im 18. Jahrhundert durchkämpft, stellt der Autor zu Beginn fest - und endete mit einem klaren Sieg der Vernunft über die Offenbarung. Warum aber - so musste man sich damals (wie heute) fragen -bekennen so viele Menschen - gerade aus den "gebildeten Ständen" ihre Liebe zur Offenbarung? Warum offenbaren sie sich konter-aufklärerisch?

Die damalige -so Adorno - Verteidigung (der Offenbarung) musste mit rationalen Mitteln durchgeführt werden und war insofern hoffnungslos. Heute (1957, ich ergänze: auch 2010) geschehe die Wendung zum Offenbarungsglauben aus Verzweiflung ... an der ratio. Mit anderen, wie ich finde, sehr klugen Worten: die religiösen Renaissancen sind Relgionsphilosophie, nicht Religion. Wer sich die diversen Aussagen der Theoblogs der Freitagscommunity in dieser Perspektive anschaut, kann dies nur bestätigt finden. Die "Religionsphilosophie" hat als Kind der Aufklärung aber ein dickes Problem: Sie glaubt sich selbst nicht ganz. Die Vernunft lässt sich nicht wie ein Mantel ablegen, sondern nur temporär betäuben.

Andererseits sucht der "vernünftige Offenbarungsgläubige" dieses Oxymoron aufzulösen und kritisiert die aufgeklärte oder abgeklärte ratio und deren Folgen: "Mechanisierung", "Atomisierung", "Vermassung". Was Adorno nicht sieht (in der damaligen historischen Situation): Auf diesem Wege kommt der Gläubige - wie einige der Freitag-Theoblogger - eventuell mit einer gewissen Konsequenz zur Kritik von Herrschaft und deren "instrumenteller Vernunft".

Für Adorno wahrscheinlicher hingegen ist folgendes: Es liegt an der Tatsache, dass die Aufklärung zu früh abgebrochen wurde, dass angesichts der Warengesellschaft das Bedürfnis (ökonomisch der Bedarf) nach Authentizität und Bindung entsteht, Begriffe, die Adorno bekanntlich als Indikatoren des "Jargons der Eigentlichkeit betrachtet. Man wählt gleichsam aus prekärer Autonomie das Heteronome. Ich übersetze: angesichts der gesellschaftlich entstandenen Not verzichtet man auf das Recht/die Pflicht, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen, man wählt - frei nach Kant und Sartre - seine Unmündigkeit. Man erwirbt damit eine Art - um einen Begriff Marquards abzuwandeln - Kompetenzverlustkompensationskompetenz. Nach Bindungen sucht nur die Schwäche. Adorno klingt hier unbarmherzig, doch so ist es nicht gemeint. Wer kann leugnen, dass wir uns tagtäglich - 1957 wie 2010 - "als Schwache" erfahren? Wo ist die Befreiung, mit Adorno/Benjamin die "Erlösung"? Es wird nichts sichtbar, was über die höchst innerweltliche Angst hinausführt. Vielleicht sollte man in dieser Perspektive den "toten Hund" Feuerbach - jenseits der Marxkritik - neu lesen. Immerhin wurde der kurz vor seinem Tod noch Mitglied der sozialdemokratischen Partei, die damals allerdings ganz anders war als die SPD oder DIE LINKE.

Wenn man bei Adorno also durchaus "Verständnis" für die Offenbarungsgläubigen finden kann, empfindet er als Philosoph die moderne Legitimierung der Offenbarungsreligion als intellektuelle Zumutung. Er bezieht sich dabei - wie einige Jahre zuvor Bertrand Russell in einer denkwürdigen Diskussion mit dem Pater Copleston - auf Versuche, z.B. Ergebnisse der Quantenphysik in Religion zu überführen, Argumentationen, die auch heute noch gängig sind. Für Adorno steht fest: Sobald sie ihren Sachgehalt preisgibt, droht sie zur bloßen Symbolik sich zu verflüchtigen, und das geht dem Wahrheitsanspruch ans Leben. Der Soziologe Adorno sieht zudem die Tendenz zur Auflösung der Offenbarungsreligionen durch einen Bruch zwischen dem sozialen Modell der großen Religionen und der Gesellschaft heute. Im Judentum und im Christentum herrsche "Dorfluft".

Würde man also die Offenbarung an die realen sozialen Proszesse anpassen, würde man ihre Autorität verneinen. Verführe man umgekehrt, würde man die Forderungen der Offenbarung - mit Marx - "blamieren. Es bleibt also für Adorno nur eins: äußerste Askese jeglichem Offenbarungsglauben gegenüber.

Über fünfzig Jahre später mehren sich wieder einmal die Hinweise auf eine erneute Renaissance des Offenbarungsglaubens - nicht nur in der kleinen Freitag-Glaubenscommunity. Hat Adorno - hat Faust - also Unrecht? Muss man doch dran glauben? Ich glaube nicht.

Theodor W. Adorno, Vernunft und Offenbarung (1957), in: Stichworte. Kritische Modelle 2, Frankfurt 1969

17:09 30.12.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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