Radikal für die Ordnung

Pariser Kommune Die Commune de Paris stellt die Schriftsteller vor eine große Probe. Mancher intellektuelle Verächter der „Bourgeois“ erweist sich als klassenbewusster Bürger
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Radikal für die Ordnung
Auf den Barrikaden?

Bild: Édouard Manet/Wikimedia (Public Domain)

Wer liest heute noch Louise Colet? Wird sie überhaupt wahrgenommen, dann als (ältere, was man stets betont) Geliebte und Muse des großen Gustave Flaubert. Wir genießen die Zynismen des Meisters in ihrer Korrespondenz, von der zahlreiche Briefe Flauberts und wenige Briefe Colets publiziert sind. Louise Colet erlebt die Tage der Commune in Paris, eine Ausnahme, fast alle ihre männlichen Kollegen haben die Hauptstadt verlassen. Sie sympathisiert sogar mit den Revoluzzern. In April 1871 schreibt sie besorgt:

Die Feigheit der Regierung und der Nationalversammlung in Versailles überziehen unser armes Vaterland mit Unglück und Schmach. Seit drei Wochen wird Paris von den Generälen des Empire beschossen, mit einer größeren Grausamkeit, als es die Preußen taten ... Die Nationalgarden kämpfen mit großem Mut, und die Versailler Armee wird Paris nur betreten können, wenn sie Ströme von Blut vergisst.

Eineinhalb Jahre nach der „Blutwoche“ des Mai 1871 schreibt Colet ihre „Wahrheit über die Anarchie des Geistes in Frankreich“. Das Buch findet in Paris keinen Verlag. Belagerungszustand. Es wird in Italien gedruckt. Das Buch ist autobiografisch. Spätsommer 1871. Louise Colet erholt sich auf dem Land. Sie beschreibt ein Idyll: spielende Kinder auf einer Wiese. der blaue Himmel, die Erzählerin im Sessel, Zeitungen auf den Knien. Ihre Augen fallen auf eine erste Seite, ein Prozessbericht.

Zu jener Zeit verurteilte man gerade die Pétroleuses, Ich las die Anklage, die Verhöre, in denen sie sich so zeigten, wie das Elend sie gemacht hatte. Aber ihre Antworten zeigten ihre menschlichen Gefühl.e. Aus wie viel Verzweiflung und Zerreißung besteht eigentlich ein Verbrechen?

Colet beschreibt ihre Zweifel an der Schuld und ihre Entsetzen über die Todesurteile. Und sie imaginiert „dunkle Stimmen“ :

Wir hungerten, wir froren, lebten auf der Straße, ohne Familie, ohne Asyl, fast ohne Kleidung. Man schlug, kränkte und erniedrigte uns. Wir sind Schicksale, und man vernichtet uns wie Monstren. Und unsere Kinder, unsere Kinder!“...Furien eines Tages blinder Raserei, riefen die Verurteilten in mir das unzählbare Inferno anderer unbekannter Frauen hervor ... Unsere Frivolität ist Komplizin der Nachlässigkeit der Herrschenden und der Gnadenlosigkeit der Richter.

Die Mutter der spielenden Kinder bemerkt, dass die Autorin weint. Sie wirft einen Blick auf die Zeitung:

Sie beweinen diese Monstren! sagte sie mir und lachte. Von denen kann man nicht genug töten. Wir wollen doch Ruhe haben.

Mademoiselle Papavoine

Das alles mag ziemlich konstruiert und sehr sentimental klingen. Wir wissen heute, dass die „Pétroleuses“ keine Verbrecherinnen, geschweige denn „Furien“ waren. Bemerkenswert ist aber, dass Colet fast als fast einzige „arrivierte“ Schriftstellerin ihrer Generation frei von Hass auf die Commune ist. Die allermeisten Kollegen sind entschiedene „Anti-Communeux“. Und in der Avantgarde der literarischen Armee des Hasses marschiert Colets ehemaliger Geliebter Gustave Flaubert. Der zieht in seinen Briefen regelrecht vom Leder. Kein Wort über die massenhaften Kriegsverbrechen an der Pariser Bevölkerung und den Nationalgarden, dafür aber kleinbürgerliche Verhöhnung . Sein Spott gilt z.B. einer von den Versaillern so genannten „Pétroleuse“, der während der von Colet erwähnten Gerichtsverhandlung eine Mitangeklagte 18 Liebhaber an einem Tag nachgesagt hat. Die Zeitungen nahmen es allzu gerne auf. Und Flaubert?

Heute morgen habe ich mich über die Geschichte von Mademoiselle Papavoine, einer Pétroleuse, gefreut. Mitten in den Barrikaden hat sie die Huldigungen von 18 Citoyens erlitten, an einem einzigen Tag! Das ist einfach stark und überragt bei weitem das Ende meiner armen „Education sentimentale“, wo die Helden sich auf das Schenken von Blumen beschränken, eine Passage, die man als zynisch bezeichnet hat … Haben Sie übrigens den Artikel von Madame Sand über die Arbeiter gelesen?... Zum ersten Mal in ihrem Leben nennt sie die „Canaille“ bei ihrem Namen. (Brief an die Princesse Mathilde, 6.9.1871).

Im Brief an die „chère maître“ George Sand vom selben Tag benutzt er fast dieselben Worte. Nein, keine Empathie, die Communarden liebt er noch weniger als die „Bourgeois“, die er unendlich hasst. Sie greifen sogar, wie er Sand am 31. März 1871 schreibt, ins Naturrecht des Eigentums ein, weil sie den Parisern per Dekret die Mieten stunden. Der Brief endet mit einer typischen Flaubert-Formel:

Ah! Welch unmoralisches Tier ist doch die Menge, und wie entwürdigend ist es, Mensch zu sein!

Vor allem, wenn die Menge proletarisch ist. In der zweiten Juniwoche – Paris ist „befreit“ – kann er endlich nach in die Capitale fahren. Seiner Nichte schreibt er:

Welche Kälte! Welcher Regen! Die Luft von Paris ist überhaupt nicht ungesund. Aber du wirst schöne Ruinen sehen. Es ist unheilvoll und wunderbar ... Man müsste flanieren und 14 Tage lang Notizen machen.

Das erinnert ein wenig an seinen Helden Frédéric aus der „Education sentimentale“:

Frédéric war hingerissen und äußerst erregt. Die Verwundeten, die fielen, und die Toten, die hingestreckt lagen, sahen gar nicht wie wirkliche Tote aus, es mutete ihn an, als ob alles nur ein Schauspiel wäre.

Flauberts Freund Edmond de Goncourt nimmt die „Blutwoche“ immerhin zur Kenntnis, wenn auch mit folgenden Worten:

Es ist gut so. Weder Versöhnung noch Transaktionen. Die Lösung war brutal, es war die reine Kraft. Die Lösung hat unserer Armee das Vertrauen zurückgegeben; im Blut der Communeux hat sie gelernt, dass sie noch kämpfen kann.

Flaubert selbst hält es nicht lange in Paris aus. Schon nach einigen Tagen schreibt er erneut an seine Nichte:

Ich komme gerade aus Paris. Ich ersticke... Der Gestank der Kadaver ekelt mich weniger als Ausdünstungen des Egoismus, die aus allen Mündern strömen...

Noch im Herbst 1871 formuliert er Sätze, die in seinem eigenen „Wörterbuch der Allgemeinplätze“ stehen könnten:

Ich finde, man hätte die ganze Commune zur Galeere verurteilen und diese blutigen Dummköpfe zum Aufräumen der Ruinen zwingen müssen, die Kette am Hals, als einfache Zuchthäusler. Aber das hätte ja die Humanität verletzt. Man geht sanft mit den tollwütigen Hunden um, nicht aber mit den Gebissenen. (Und einmal im Schwung:) Das wird sich solange nicht ändern, wie das allgemeine Wahlrecht ist, was es ist. Jeder Mann, so unendlich klein er auch sein mag, hat das Recht auf eine Stimme, die seine. Aber er ist seinem Nachbarn nicht gleich, der hundert Mal wertvoller sein kann ... Ich habe den Wert von 20 Wählern in Croisset! Geld, Geist, selbst die Rasse müssen mitgezählt werden, kurz, alle Kräfte (Brief an Sand, 12.10.1871).

Misogyn gefärbte Klassenverachtung, kleinbürgerliches Denken in Vermieter-Kategorien, Abwertung von Menschen, antirevolutionäre und antidemokratische Überzeugungen, Animalisierung der politischen Gegner, Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden, ja dem massenhaften Sterben, dafür aber spätromantischer Ruinen-Ästhetizismus, Strafphantasien – das alles ist nicht damit zu erklären, dass Flauberts Informationsquellen die Versailler Presse und die Depeschen und Briefe seiner gleichgesinnten Korrespondenten sind. Es ist ein spezifischer Klassenhabitus, der in diesen Briefen manifestiert.

„Was nützlich ist, ist hässlich“

Pierre Bourdieu erklärt diese Indifferenz, diese „desillusionierte Sicht auf Politik und Gesellschaft“ der Vertreter des „L'Art pour l'Art“ mit der generationellen politischen Erfahrung. Die „Education sentimentale“ spiegelt das Scheitern der Revolution 1848. Mit dem Staatsstreich Napoleons, des späteren III., derstrikten Kontrolle der Presse (bis 1868) und der Buczensur stehen die anti-bourgeoisen Autoren vor der Alternative Exil oder politisches Schweigen. Die Folge kann nur Anpassung sein. Um zu überleben, arbeiten viele Autoren für die pro-gouvernementale Presse, die zugleich einen ungeheuren Boom erlebt. Das zweite Kaiserreich fördert bewusst die Beziehungen zwischen den Regierenden, Pressebesitzern und Autoren. Die Familie des Empereurs unterhält „Salons“ unterschiedlicher Richtungen. In dem der liberalen Prinzessin Mathilde verkehren Gautier, Flaubert, die Brüder Goncourt, Ernest Renan. Dieses Beziehungsnetz hilft Flaubert übrigens bei seinem Bovary- Prozess 1857. Mathilde sorgt auch für den Preis der Académie française für George Sand , das Kreuz der Ehrenlegion für Flaubert und eine schöne Pension für Théophile Gautier. Das Resultat ist die Ruhigstellung der Schriftsteller, ihr „politischer Quietismus“, wie Pierre Bourdieu es nennt. Ende der 1860er sind die Sand, Barbey, Gautier, de Lisle und auch Flaubert „Fossilien“. Out of time. Ihre Revolte gegen die „Bourgeois“ ist nie eine Revolte für die Arbeiter gewesen. Das Volk ist „stupide“ (Leconte de l'Isle) oder „eine andere Rasse“ (Edmond de Goncourt). „Alles, was nützlich ist, ist hässlich“, dekretiert Theophile Gautier. Und Flaubert träumt von einem Buch über nichts.

Aber da ist mehr als nur „Desillusion“. In der Ablehnung der Commune wird der erklärte „Anti-Bourgois“ Flaubert den so verachteten Spießern, deren Sottisen er selbst so genial seziert hat, zum Verwechseln ähnlich. Sein verfeinerter Stil, seine subtile Ironie verschwinden, die Platitüden sind ernst gemeint. Es ist, als ob er im „Ausnahmezustand“ des sozialen Krieges in den Schoß der eignen Klasse zurückkehrt.

Entsprechend unerbittlich ist das Gericht, das Jean-Paul Sarte in seiner Präsentation der „Temps Modernes“ im Februar 1945 über Flaubert und Goncourt hält:

Wir bedauern die Gleichgültigkeit Balzacs gegenüber den Tagen von 1848 und das verängstigte Unverständnis Flauberts gegenüber der Commune... Der Schriftsteller ist in seiner Epoche „in Situation“. Jedes Wort hallt nach. Auch jedes Schweigen. Für mich sind Flaubert und Goncourt verantwortlich für die Repression, die der Commune folgte, weil sie auch nicht eine Zeile geschrieben haben, um sie zu verhindern.

Natürlich ist dies ein Urteil „en situation“, ohne Maß. Sartre visiert die „Flauberts“ der Kollaborationzeit. Dass Flaubert „verantwortlich“ für die blutige Repression sei, ist „en contexte“ falsch (die Schlächter haben andere Namen) und überdies aus der privaten Korrespondenz nur haarspalterisch abzuleiten. Wie hätte denn Faluberts Schreibkunst den Mördern in Uniform in den Arm fallen können, wenn schon ein Victor Hugo kein Gehör findet? Wie kann man denn folgende von Maxime Du Camp überlieferte Anekdote interpretieren? Im Juni 1871 betrachten Du Camp und Flaubert von einer Terrasse am Seineufer aus die verkohlte Karkasse des Louvre. Flaubert ruft plötzlich aus: „Wenn sie nur die Education sentimentale verstanden hätten!“ Er bezieht sich wohl auf die Szene, in der die Protagonisten des Romans der Revolution von 1848 von einer Terrasse aus die zusammengepferchten Gefangenen des Juniaufstandes beobachten, deren Leiden empathisch wiedergegeben werden, dieses eine Mal.

Aber die Verantwortungsfrage bleibt trotzdem, „en Situation“, wenn man sie auf die „Monde littéraire“ von 1871 insgesamt anwendet. Und da sieht es düster aus. Der Romancier Lucien Descaves listet in seinem Roman „Philémon vieux de la vieille“ (1913) die Kommune-Hasser unter den Autoren auf, eine trotz ihrer Länge unvollständige Liste, darunter Maxime Du Camp, Théophile Gautier, Leconte de Lisle, Edmond de Goncourt, Ernest Renan, Alphonse Daudet, Dumas fils, Catulle Mendès, Paul de Saint-Victor, Hippolyte Taine, Barbey d'Aurévilly, George Sand. Flaubert fehlt hier. So wie Emile Zola (dazu später).

Nur wenige Autoren sind echte „Communeux“: Jules Vallès, natürlich, die Schriftstellerin André Léo, die Poeten Rimbaud, Verlaine und Vermersch sowie die „Arbeiterdichter“ Jean-Baptiste Clément („Le temps des cérises“) und Eugène Pottier („L'Internationale“). Autoren mit kommunalistischen Sympathien wie Louise Colet und - vor allem – Victor Hugo sind rar. Der große Autor setzt in den 70er Jahren sein ganzes Gewicht für die Amnestie der Communarden ein, letzten Endes erfolgreich.

Konzentrieren wir uns aus lese-ökonomischen Gründen auf keinen Geringeren als Emile Zola. Er gehört nicht zu der Gruppe der „Fossilien“. 1871 steht der Einunddreißigjährige am Anfang seiner literarischen Karriere. Seit den 60er Jahren verdient er sein Leben als Journalist, auch für radikale republikanische Zeitungen. Während der Commune de Paris schreibt er für die republikanische „La Cloche“ und den monarchistisch-liberalen „Sémaphore de Marseille“. In einem Brief an Flaubert (1874) wird seine Chronik im „Sémaphore“aus den Jahren 1871/72 als „eine meiner kleinen versteckten Schandtaten“ bezeichnen.

Die Artikel im „Sémaphore“ sind nicht signiert. Das Anonymat ist in diesem Kontext bedeutsam. Es passt sich ideal dem Kollektivbewusstsein der Lesern an, und umgekehrt. Es erlaubt dem Autor Freiheiten. Und es birgt Probleme: Wer ist der „wahre“ Zola im Jahr 1871? Schreibt er, was er wirklich denkt oder das, was Zeitungsdirektor, Geldgeber und Leser von ihm erwarten? Angesichts des Folgenden möchte man das zweite hoffen. Aber das würde es auch nicht besser machen. Wie auch immer, zunächst gibt sich Zola neutral:

Möge man morgen den legitimen Stolz von Paris befriedigen, der Stadt die Freiheit und das Vertrauen ins Land zurückgeben, und Sie werden sehen, wie Paris, das wahre Paris, die Aufsässigen vertreiben und wieder die große Stadt des gesunden Menschenverstandes und des Patriotismus sein wird (La Cloche, April 1871)

Schnell passt er sich jedoch dem Versailler Mainstream an, und zwar dessen extremer Fraktion. Die Communards werden ihm zu „elenden Irren“, „verrückten Köpfen“, Diktatoren“, „agitatorischen Zwergen“, „Pygmäen“ und „Banditen“ ,sowieso. Die Bevölkerung besteht aus ignoranten Alkoholikern. Das ganze reaktionäre antirevolutionäre Besteck, das sich seit 1793 bewährt hat, kommt zum Einsatz.

Das Blutbad: „schrecklich, aber notwendig“

Zola führt seine Leser durch die so genannte „Blutwoche“. Jeden Tag erscheinen im „Sémaphore de Marseille“ seine „Lettres de Paris“. Die „Befreiung“ von Paris durch „unsere ruhmvolle Armee“ wird nach allen Regeln der (manipulativen) Kunst beschrieben. Und der Autor beherrscht sein Métier. Das Publikum des „Juste Milieu“ wird perfekt bedient, der heutige .Leser ist (hoffentlich) peinlich berührt. Interessant sind die auch den damaligen Lesern unbekannten Entstehungsbedingungen der „Lettres de Paris“. Am 10. Mai hat Zola die Hauptstadt verlassen. Mit einem preußischen Pass. Nach dem Dekret über die Geiseln fühlt er sich bedroht. Und er fürchtet die Aufhebung seines Anonymats. Täglich lässt er sich von einem Sonderkurier informieren. Seine journalistische Arbeit besteht im kunstvollen Bearbeiten dieser Berichte. Es sind also Artikel aus zweiter Hand. Erst am 28. oder 29. Mai kehrt Zola nach Paris zurück. Die Commune ist zu diesem Zeitpunkt vernichtet.

In den „Lettres“ verkündet er schon am 23. Mai, dass die „Armee sich um das Vaterland verdient gemacht hat“. Nun gelte es noch, Montmartre zu erobern. Er befindet:

Der Aufstand (Zola spricht kaum von der „Commune“, sondern von „Insurrection“, Insurgés“ , „Emeutes“, also von Erhebung, Aufständischen, Unruhen/Ausschreitungen) muss in seiner Wiege zerschmettert werden... Wenn man dieses elende Viertel mit Kanonen zusammenschießen würde, beweinen würde dies nur wenige Pariser ...

Bedauernd konstatiert der Autor, dass manche Communarden, diese Feiglinge, sich verstecken:

Man fragt sich, in welchem Kamin wohl der Citoyen Félix Pyat vor sich hinzittern mag.

Erfreulich hingegen (auch aus finanziellen Gründen) ist die militärische Besetzung der Banque de France:

So können diese Herren der Commune sich nicht mehr das kleine Vermögen besorgen, mit dem sie ruhig im Ausland leben könnten.

Am folgenden Tag (Titel: „Das Werk der Reinigung möge sich vollenden!“) weiß er:

Die Soldaten werden begeistert gefeiert. Damen verteilen auf der Straße Wein, Brot und Würste an die Befreier. Es ist ein echter Triumphmarsch.

Und die zahllosen Leichen auf den Straßen? Zola beschreibt sie en détail. Die Exekutionen seien das Werk „erzürnter Soldaten“. Eine bange Frage beschäftigt ihn und seine Leser jedoch mehr: Was ist das Schicksal der Geiseln?

Am 25. Mai beschreibt er den Marseiller Bürgern (die ja noch ihre eigene Commune "in den Knochen" haben) die Apokalypse:

Ich schreibe Ihnen aus dem Schrecken eines entsetzlichen Brandes. Paris brennt. Niemals hat ein so fürchterliches Verbrechen eine so große Stadt verwüstet. Oft habe ich Ihnen meine Ängste mitgeteilt. Ich lebte inmitten von Banditen. Ich wusste, wessen sie fähig sind. Ich witterte irgendein feiges Verbrechen ...

Überall sei nach der gleichen Zerstörungsmethode vorgegangen worden. Petroleum sein von Männern, ja auch von Frauen und Kindern verschüttet und auf eine Parole hin angezündet worden. Zola bemüht Motive des Bildungsbürgertums:

In diesem Schrecken kämpfte man weiter, unter diesem diabolischen Himmel, der an alle Schrecken der dantesken Hölle denken ließ, an Pompei, als der Vesuv einen Flammenstrom ausspie.

Die Leichenberge nehmen nicht ab. Das ist traurig, aber verständlich und gerecht:

Die Soldaten sind wütend. Ich sagte Ihnen schon gestern, man muss Gottes Urteil annehmen. Diejenigen, die verbrennen und massakrieren, verdienen keinen anderen Richter als die Kugel eines Soldaten.


Die Toten lassen ihn (und die Leser) nicht mehr los. Am 27. Mai zum Beispiel (er lebt immer noch außerhalb von Paris)

Ich will nur von den Kadavern sprechen, die man auf den Brücken gestapelt hat. Niemals werde ich vergessen, wie sich mein Herz zusammenzog, als ich diesen Haufen blutenden menschlichen Fleisches sah, wie zufällig auf den Weg geworfen (Zola beschreibt en Détail die Verrenkungen der Glieder und Köpfe) Aus dem Haufen tauchen verzerrte Gesichter auf, höhnisch lachend aus offenen schwarzen Mündern.Oh! Welch düsteres Massengrab und welche Lektion für eitle kriegslüsterne Völker!

Diese Passage ist keine Kritik der militärischen Gewalt. Der Autor kombiniert in seinen Tableaus die kollektive Erinnerung der mittelalterlichen Zurschaustellung öffentlich Hingerichteter, modernes Tötungspotential und patriotischen Stolz auf „unsere“ Armee, die dem Feind (dem inneren und dem äußeren) die Instrumente zeigt. Die hat das Grauen zwar angerichtet, aber „wir“ schulden ihr für diese „Lektion“ Dank.Der Topos der Lektion findet sich übrigens schon am 25. Mai in einer Depesche Adolphe Thiers', Chefder Exekutivregierung, an die Präfekten:

Der Boden von Paris ist mit ihren Kadavern übersät. Dieses schreckliche Schauspiel wird den Aufständischen, die es wagten, sich als Anhänger der Commune zu erklären, hoffentlich als Lektion dienen.

Gaanz in diesem Sinne befindet Zola:

Gerechtigkeit ist einer großen Zahl von Elenden widerfahren. Millière, Martin, Vidal, Vallès, Amoureux, Vaillant, Lefrançais, Jourde und andere, deren Namen ich vergessen habe, sind gestern erschossen worden. Man kündigt auch den Tod von Courbet an, der sich im Gefängnis vergiftet haben soll. Courbet war ein dicker, eitler und dummer Mann ...

Nach all den „schrecklichen Tableaus“, die sich vor den Augen des „erzählerischen Ichs“ Zola darboten, darf am letzten Tag des Krieges der Besuch des Ortes des letzten Massakers, des Friedhofs Père-Lachaise, nicht fehlen. Es ist ein langer Weg für den (fiktiven?) Promeneur, bis sich das riesige Amphitheater der Bestattung auftut. Zola erinnert sich seines ersten Besuchs des Grabs Mussets, an den strahlenden Morgen, die Sonne, die schwere Freude... und dann:

Welch ein Kontrast mit dem Heute. Die Grabsteine sind gebrochen, die Blumen starben unter den Absätzen der Kämpfer ... Von hier aus haben die Fédérés ihre Petroleumbomben auf die Mitte von Paris geschossen.

Für ihre Barrikaden haben die „Insurgés“ Grabsteine genommen. Auf einem liest Zola den Namen eines siebzehnjährigen Mädchens: Marie-Louise Maurin.

Diese Barrikade aus Grabsteinen wird in meinem Gedächtnis als Gipfel des schrecklichen Unglücks bleiben und als Bild dieser „Emeute“, die die Stadt in Brand setzte und die Toten weckte, um sie der ewigen Ruhe zu entreißen, bevor sie selbst starb und in der ewigen Verdammnis verschwand.


Nein, lieber Leser, liebe Leserin, kein „Amen“. Noch nicht. Denn die Communarden sind teuflisch, auch nach dem Tode. Am 29. Mai muss Zola Schreckliches verkünden:

Die Banditen, die, als sie noch lebten, die Stadt anzündeten, werden sie mit ihren Kadavern verpesten. Man befürchtet, dass diesem entsetzliche Massaker die Cholera folgt. Bis in ihre Verfaulung tun uns diese Elenden das Böse an (Nach der gerechten Strafe durch die erzürnten Soldaten) liegen die Kadaver fast überall herum. Sie zersetzen sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit, ohne Zweifel wegen des Zustandes der Trunkenheit, der diese Männer befallen hatte.

Die Leichenobsession (wohl auch der Leser) bringt Zola zu Überlegungen zur Entsorgung:

Vor allem in großer Anzahl brennen die Menschenkörper nur schwer. … Ich glaube, es wäre gut, die ganze Menge Petroleum zu benutzen, um diejenigen zu Asche zu machen, die mit diesem modernen griechischen Feuer Paris zerstören wollten. Zumindest würde dieses verfluchte Öl einem nützlichen Werk dienen...

Immerhin kann Zola schon am 30. Mai das Erwachen der Hauptstadt aus dem Albtraum verkünden.

Das Wetter ist superb. Die Frauen lächeln schon wieder. Sie spazieren mit ihren Kindern... Das Blutbad, das Paris nehmen musste, war vielleicht schrecklich, aber notwendig.

Auch politisch ist Hoffnung angesagt:

Ich vertraue M. Thiers. Er liebt Paris in echter Liebe, und er weiß wohl, wann die Lektion für die große Stadt zur reinen Grausamkeit würde.

Ein halbes Jahr nach der „Blutwoche“ bedauert Zola jedoch im „Sémaphore“ das „unnütz vergossene Blut“ und beklagt:

Der geringste Anflug von Humanität macht Sie zum wildesten Communeux (6.10.1871).


Auch Zolas evidenter Hass auf die Kommune erspart nicht die Kritik der alten Reaktionäre. Der Monarchist Barbeay d'Aurevilly urteilt z. B.im bonabartistischen „Constitutionnel“ (8.11.1871):

Zola hat in „La Cloche“ einen Roman mit dem Titel „La Curée“ (Die Beute) veröffentlicht .Er musste die Publikation einstellen, weil der Procureur de la République ihm Immoralität signalisiert hat. In der Literatur gehört M. Zola zu der Bande von Vallès, der sich für einen Realisten hält ud nichts als schmutzig ist. Wir wissen, was diese Schule, die Mutter der Commune, in der Politik angerichtet hat.

Bis zum Ende seines Lebens wird Zola im literarischen Feld die Position des unmoralischen un-französischen Vaterlandverächters einnehmen. Der Vorwurf der Commune-Nähe gilt als triftiges Argument. Ein Vorwurf, den Zola wahrlich nicht verdient hat, auch wenn er sich in den späten 1870er für die Amnestie einsetzen wird. In Zolas Riesenwerk wird die Commune zweimal expliziter Gegenstand, in der Novelle „Jacques Damour“ (1883) und in dem Roman „La Débâcle“ (1892). Im letzteren trennt der deutsch-französische Krieg 1871 die großen Freunde Jean und Maurice. Jean bleibt bei der Armee, und Maurice wird Communard. Wie der Zufall es will, verletzt Jean bei der „Befreiung“ von Paris Maurice schwer. Er bringt den Moribunden zu dessen Schwester, die er heimlich liebt. Maurice stirbt.

Jean hatte sich dem Leichnam von Maurice genähert. Er betrachtete ihn, hätte ihn gerne umarmt, seinen lieben Kleinen, so wie er es oft getan hatte, und wagte es nicht. Er sah sich von Blut bedeckt ... Der Arme war seinen Weg gegangen, hungrig nach Gerechtigkeit, in dieser höchsten Konvulsion des großen schwarzen Traums, dieser grandiosen und monströsen Vorstellung der alten zerstörten Gesellschaft, des brennenden Paris, des gepflügten und gereinigten Feldes, auf dass dort das Idyll eines neuen goldenen Zeitalters wachse ... (Eine ganze Seite später erscheint sie dann, die Hoffnung) Es war die Verjüngung der ewigen Natur, der ewigen Menschheit, die Erneuerung, die dem versprochen ist, der hofft und arbeitet, der Baum, der, nachdem man einen verfaulten Ast abgeschnitten hat, dessen Saft die Blätter vergiftete, einen neuen mächtigen Zweig austreibt ...

Dieser kurze Ausschnitt soll reichen und (mir) eine genauere Analyse ersparen. Bis zu seinem Tod (1902) wird Zola die Commune de-politisieren. Die Communards sind Verrückte, die „aufsässigen“ Arbeiter und Arbeiterinnen sind „schlechte“ Arbeiter , verführbar und libidogesteuert. Sie folgen politischen Parolen, die sie nicht verstehen, mit denen sie aber ihre Kameraden indoktrinieren. Gemäß dem Vererbungsprinzip hat sich der Alkoholkonsum ihrer „Rasse“ kontinuierlich vermehrt. Ihre Frauen sind, natürlich­, hysterisch „Furien“. Selbst der große Roman „Germinal“ (1885) weicht von diesem Schema nicht ab. Es ist ein „Roman antipeuple“, so die Feministin Paule Lejeune.

Aber da ist dieses großartige „J'accuse“ vom Januar 1898, das die rechten Politiker und Journalisten zum Schäumen bringt – und die französische Republik einen großen Schritt weiter. Zola wird angeklagt und zu Gefängnis verurteilt. Er zieht das Exil in Brüssel vor. Der Schriftsteller Lucien Descaves, ein Kommune-Freund, schreibt am 25. Februar 1898 im „L'Aurore:“

In dem heutigen Alter Zolas schrieb Victor Hugo die „Châtiments“. Aber es ist nie zu spät, einer sterbenden Gesellschaft zu sagen, woran sie stirbt. Jetzt kann der große Romanciers ein Werk krönen und sich dem unsterblichen Poeten gleich stellen.

Vielleicht hat Descaves deswegen Zola nicht auf seine Liste der Kommune-Hasser gesetzt.

Auch wenn Sartres Urteil 1945 historisch nicht zu halten ist, ist es bezüglich der Commune nicht doch richtig, mit Sartre unrecht zu haben? Es gibt im 19. Jahrhundert zwei große Prüfungen für die Schriftsteller: die Commune de Paris und die Dreyfusaffäre. Angesichts der Commune de Paris haben sich fast alle Schriftsteller bis zur Peinlichkeit exponiert. Auch Flaubert, auch Zola. Aber wenn einer die zweite große Prüfung bestanden hat, dann Emile Zola. Und mit ihm – in ihren Grenzen – die Republik.

Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst, Frankfurt 2001 (Suhrkamp)

Alice de Charentenay/Jordi Brahamcha-Marin (édit.), La Commune des écrivains, Paris 2021 (Gallimard)

Die wichtigsten Zeitungen von 1870/1871 und Bücher der Zeit finden sich auf "Gallica".fr

Michel Delon u.a. , La littérature francaise: dynamique et histoire, t.II. Paris 2007 (Gallimard)

Paul Lidsky, Les écrivains contre la Commune, Paris 2021 (La Découverte, erstm. 1978)

Michel Winock, Flaubert, Paris 2013 (Gallimard)

15:17 18.05.2021
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