Wider die Bespaßung - nicht nur im Wahlkampf

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Wenn niedrer Himmel schwer wie Deckeln Last/ Den Geist erdrückt, den lang Verdruss beficht,/Des Horizontes ganzen Kreis umfasst,/Und Tag noch schwärzer als die Nacht erbricht

(Charles Baudelaire, Spleen, übersetzt von Carlo Schmidt, prominenter Sozialdemokrat, auch das noch!)

Ja, ich stehe dazu! Die schwarze Galle bedrückt mich schwer. Ich leide an gravierender Melancholie. Die starren Augen auf die Tastatur gesenkt. Und auch die ist schwarz! Wie die Zukunft.

Früher lachte ich gern ("gern" - wenn ich dieses Wort schon höre! "Danke!" - "Gern!"). Mit Bachtin lachte ich gegen den herrschenden Stachel - solange er mich nicht stach, natürlich. Meine Freunde nannten es "Humor", die Indifferenten "Ironie", die Angepassten "Spott" und meine Gegner "Stänkerei" - die Nazis (auch die unbewussten) und bestimmte rechte Sozis "Miesmacherei". Whatever! Ich lachte gern.

Vergesst es! Humor zeigen, heißt einverstanden sein. Sagt Adorno. Und der hat auch diesmal recht. Die Welt ist schlecht. Und mir ist schlecht.

Mir ist schlecht, wenn ich im Radio angebliche Satire höre: "Ullallala Schmidt!" oder "Die von der Leyens!!!" Wie kritisch!

Ich schalte aus, wenn sich im Fernsehen Kabarett oder Comedians ankündigen. Den Geist erdrückt, den lang Verdruss beficht. Ich meine nicht nur den Nerventöter Richling, diesen kreischenden Kleinbürgergeist. Wie der Munchsche Mann auf der Brücke stehe ich da und rufe "Hilfe! Der Spass verfolgt mich!" Gelächter aus allen Fenstern ist die Antwort!

Ich schüttele langsam mein Haupt, das Kinn auf die Hand gestützt, und schaue entsetzt auf das Treiben der Spassparteien im Wahkampf, der realen und der fiktiven. Was ist das!? Ein ehemaliger Komiker und schlechter Schauspieler macht eine Marketingkampagne für seinen gut getimeten Film - und die BRD-Intelligenzia philosophiert über das Phänomen "Schlämmer". Weil der angeblich in seinem Film einige Politikerkollegen als die Krampfhasen aussehen lässt, die sie sind.

Und wie - bitte schön, soll man angesichts eines Idioten wie Schlämmer als reflektierter Mensch reagieren - wenn nicht verkrampft? Haben Sie schon mal versucht, mit Spaßern wie Kerpeling oder Otto ernsthaft - ich scheue mich, "seriös" zu schreiben, weil Sie dann schon wieder grinsen - zu diskutieren? Geht nicht! Und das ist Kalkül! Vogelsteller sind am Werk/das Heitere in meinem Leben einzufangen (Werner Lutz).

Da breitet sich wie selbstverständlich "Die Partei" medial aus. Ein Produkt der Titanic, die bekanntlich von Autoren mit Oberprimanerhumor für Unterprimaner geschrieben wird, also furchtbar "witzig" ist - und intelligente Menschen finden das "lustig" oder "kritisch" oder "notwendig". Denn: "Die Partei" "entlarvt". Man muss doch nicht alles so "bierernst " sehen! Die Galle überkommt mich!

"Piratenpartei"! Allein der Name! Nach den Unterprimanern die männlichen Pubertärlinge! Wir entern das Gesellschaftsschiff, die Netze sind gespannt! Ekelt mich vor euren Gaukeltänzen! (Carl Philipp Conz).

Irgendein Komiker, hörte ich im Radio, talkt seine Politgäste auf sächsisch an. ich habe einen Ausschnitt hören müssen. Dumme verbale Anmache. Die Gäste waren hilflos (was sie ehrt). Das Publikum lachte sich zu Tode. Der Radioreporter bewunderte diesen kritischen Geist. O vanitas!

Und diese Spasslinge sind überall!Was sind das für Zeiten, in denen wir leben! Dabei gilt weiterhin: Das Leben ist kein Scherz, so nimm es ernst (Hikmet). Also nehme ich es ernst und frage nach den Gründen. Warum also dieses permanente Scherzen? Die Antwort ist einfach: Wer genauer hinschaut, erkennt die Verzweiflung eines Kerkeling, eines Richling. Ich sag's mit Eichendorf:

So lassen Nachtigallen,/Spielt draußen Frühlingsluft,/Der Sehnsucht Lied erschallen/Aus ihres Käfigs Gruft.

Auch wenn wir statt von "Nachtigallen" besser von "Papageien" und "Krähen" sprechen sollten. Des "Käfigs Gruft" aber bleibt wie die "Sehnsucht" nach einem besseren Leben - aber bitte ohne "Bespaßung".

16:03 25.08.2009
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meisterfalk | Community