Wie es kommen wird

Präsidentin Le Pen In einer realistischen Politfiktion beschreibt der Soziologe Michel Wieviorka die ersten Monate der Präsidentschaft Le Pens. Ein so lehrreiches wie amüsantes Unterfangen.
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Wie es kommen wird

Foto: Thierry Chesnot/ AFP/ Getty Images

So könnte es sein.

7. Mai 2017. 20.00 Uhr. David Pujadas hat sein übliches süffisantes Lächeln verloren, als er verkündet: "Der neue Präsident der Republik ist …eine Präsidentin."Hinter dem Präsentator erscheint das Gesicht Marine Le Pens, und in großen blau-weiß-roten Ziffern lesen wir: 51,8 %. Im Netz kursierte die Zahl natürlich schon eine Stunde früher.

Bei der Lektüre von Houellebecqs Die Unterwerfung kam dem Soziologen Michel Wieviorka die Idee seiner Politfiktion. Schließlich ist die Lepenisierung Frankreichs realistischer als die Islamisierung. Er erfand den amerikanischen Journalisten Michael W. Squirrel (Wieviorka heißt auf Polnisch Eichhörnchen), um in einer realistischen Antizipation die ersten Monate unter Marine le Pen zu beschreiben. Wieviorka schreibt als Wissenschaftler, genießt aber offensichtlich auch die Freiheiten eines Romanciers. Was also erwartet uns 2017?

François Hollande verabschiedet sich mit einigen dürren Worten. Der Abend des 7. Mai gehört Marine Le Pen. Im marine-blauen Kleid bedankt sie sich bei den Französinnen und Franzosen für das Vertrauen und kündigt unter dem Jubel ihrer Anhänger den ersehnten „Changement“ an. Gleichzeitig wird ihr Vater mit einem Herzinfarkt hospitalisiert. Junge männliche Le Pen-Anhänger lassen sich zu ersten antimuslimischen Provokationen hinreißen. Es werden nicht die Letzten sein.

Nachdem die Börse am Montag „aus technischen Gründen“ geschlossen blieb, kommt es am am 9. Mai 2017 zum „Schwarzen Dienstag“: die Aktienwerte stürzen ab, der Euro verliert deutlich an Wert. Schlangen bilden sich vor den Bankschaltern. An den Grenzen werden Geldkoffer konfiziert. Hamsterkäufe sorgen für Chaos. Wahrlich kein guter Start. Und doch findet Marine Le Pen nach den Parlamentswahlen im Juni eine Mehrheit. Zum einen kommt die Sozialistische Partei gerade einmal auf 15 Prozent (noch weniger als die SPD bei den Bundestagswahlen im selben Jahr), zum anderen finden sich natürlich (?) genügend Überläufer von der Partei Sarkozys, „Les Républicains“. Marine Le Pen kann ein Kabinett der „harten“ Rechten bilden. Ihr „Zweiter“, der smarte Florian Philippot, wird erwartungsgemäß Premierminister, ein Freund des „Alten“, Bruno Gollnisch, Außenminister, Marion Le Pen Kulturministerin und – Wieviorka nimmt sich die Freiheit, bestimmte Medienstars als Bouffons einzusetzen – Eric Zemmour Unterrichtsminister.

Innenpolitisch setzt die neue Regierung schnell neue Akzente. Die Parteiideologen haben schließlich Gramsci (oberflächlich) gelesen. Sie wissen: nur über die Medien können sie die Zivilgesellschaft kontrollieren. Schnellstens werden die Führungskräfte der öffentlichen Medien ausgetauscht (es gibt genug junge postenhungrige Wölfe). Der dadurch ausgelöste Streik der Journalisten wird nur zum Teil befolgt. Der Regierung gelingt es überdies, populäre Diskussionen in ihrem Sinn zu entfachen. Im Oktober 2017 wird es eine Volksabstimmung über die Frage geben: Sind Sie für die Wiedereinführung der Todesstrafe für besonders verabscheuungswürdige Verbrechen und terroristische Akte? Vorbereitet wird sie durch Fernsehserien und Talkshows. Der Ausgang ist schon vorher klar.

Auch außenpolitisch werden Akzente gesetzt, und was für welche! Marine Le Pens erster Auslandsbesuch Anfang September gilt nicht, wie bisher, Deutschland, sondern Russland. Das Publikum bekommt die Bilder einer Yachtexkursion nach Odessa und eines Galadiners, bei dem Le Pen angeregt mit Putin, aber auch mit Gérard Dépardieu und Edward Snowden plaudert. Man scheint sich zu verstehen. Wichtiger ist natürlich die Akquise von milliardenschweren Aufträgen, auch im Rüstungssegment. Marine Le Pen und Putin stellen zudem einen franko-russischen Kooperationsvertrag für 2018 in Aussicht. Auch bezüglich des Nahen Ostens stellt man Interessengleichheit fest. In den Medien wird verstärkt an die Epoche 1892 bis 1917 erinnert. Und wieder einmal wird der Natoaustritt diskutiert.

Zweiter Paukenschlag: Noch im selben Monat empfängt Paris Benjamin Netanjahu als ersten ausländischer Staatschef, und zwar mit großem Pomp. Damit wird der FN des permanenten Vorwurfs des Antisemitismus ledig. Le Pen und Netanjahu verbeugen sich am Grab des von Muslimen ermordeten Ilan Halimi und begeben sich in die Schule, an der Mohammed Merah seine Opfer tötete. Le Pen bringt vor Journalisten Alain Finkielkraut als Botschafter in Israel ins Gespräch, der lehnt dies jedoch in einer Talkshow ab, geschmeichelt und wortreich.

Mit der „Rentrée“ erhebt sich im September aber auch der erwartete Protest. Er beginnt an der Universität Nanterre. Der Ort und der Slogan: „Wir sind alle Muslime“ erinnern an 68 und den damals auf Cohn-Bendit bezogenen Spruch: „Wir sind alle deutsche Juden.“ Man plant eine große Demonstration vor der Sorbonne. Übrigens bekommen die Studenten solidarischen Besuch von Carla Bruni. Ein Manöver Sarkos?

Die Regierung zieht ihr Programm durch, mal gemäßigt, mal radikal, konsequent und widersprüchlich zugleich. Frankreich verbleibt in der EU und zieht sich symbolisch aus der NATO zurück. Der Unterrichtsminister Zemmour stellt einen Schulplan vor, der „Autorität, Laizität und nationale Priorität“ als Ziele setzt, inklusive eines Dienstes, bei dem die Eltern Lehrerversagen melden können. Dies ruft die Lehrerverbände auf den Plan. Am 26. Oktober 2017 tritt Unterrichtsminister Zemmour völlig unerwartet zurück. Die Kulturministerin Marion Le Pen nimmt Mitte November an einem Kolloqium zu Ehren der legendären Rechtsintellektuellen Charles Maurras, Maurice Barrès und Charles Péguy teil. Sie plädiert in ihrer vom Fernsehen übertragenen Rede für einen „kulturellen Patriotismus“. Neben vielen Akademikern ist auch Houellebecq anwesend, nicht aber Alain Finkielkraut, dem ein einstündiges Referat über Péguy vorenthalten wurde. Ebenfalls im November findet die Ausweisung von 12 gemäßigten und republikanischen Imamen statt. Wer eine doppelte Staatsbürgerschaft muss sich entscheiden, ob er die französische oder eine andere Nationalität will. Cohn-Bendit erkennt dies nicht an – und findet sich auf einem Pariser Kommissariat wieder.

Das mediale Ereignis des Herbstes 2017 ist jedoch das Begräbnis von Jean-Marie Le Pen. Er bekommt ein „Hommage de la nation“, mit einer feierlichen Messe in Notre-Dame. In den Panthéon wird er aber nicht überführt. „Wir können als Familie die Idee nicht akzeptieren, dass seine Asche neben der von Voltaire, Jean Zay oder Germaine Tillion ruhe“, erklärt Marion Maréchal-Le Pen. Mehrere Zehntausend Anhänger folgen dem Sarg, der von sechs Fallschirmjägern des Zweiten Regiments der Fremdenlegion getragen wird. Auch Putin und Orbán sind unter den Trauergästen. Der Place de la Concorde wird wird zum Place Jean-Marie Le Pen. Hier mag man dem Autor weniger folgen, wohl aber bei der Meldung, dass es am Abend zu heftigen Auseinandersetzungen mit demonstrierenden Studenten kommt, die wie 1934 rufen „Le fascisme ne passera pas!“

Was alle noch nicht wissen können: Anfang Dezember 2017 tritt die Seine als Naturgöttin ex machina aus Zorn oder Mitleid über ihre Ufer. Hunderttausende Bewohner müssen evakuiert werden. Es kommt zu Panikszenen. Die Regierung zeigt sich völlig überfordert. Gegen die massiven Plünderungen bilden sich Bürgerwehren. Allerorten herrscht Verunsicherung. Verschwörungsideen blühen. Die Wirtschaftslage verschärft die Situation. Moscheen werden attackiert. Die Regierung zieht sich nach Versailles zurück. Dort war sie schon einmal. Sie ist zwiegespalten. Während die eine Fraktion eine Öffnung zu anderen bürgerlichen Parteien erwägt, fordert die andere eine klare harte Linie. Gerüchte kursieren. Der Verteidigungsminister habe hohe Militärs gefragt, ob sie zu Ausnahmemaßnahmen bereit wären. Diese stünden aber weiter zur Republik. Am 23. Dezember 2017 tritt die Philippot-Regierung zurück. Die Abrünningen der „Républicains“ werden in ihrer alten Partei wieder aufgenommen, wie ein sichtlich zufriedener Sarkozy verkündet.

Zum Jahreswechsel 2017/18, nach einem halben Jahr Le-Pen-Herrschaft, befindet sich das Land in einer tiefen Krise. Wird Le Pen zurücktreten? Wird sie mit einer Sarkozy-Regierung „kohabitieren“? Allgemeine Ratlosigkeit.

Die Berichte Michael W. Squirrels zeigen eine erschreckende nahe Zukunft. Aber diese liegt in der Logik der Programme und der Protagonisten, deren Potential Wieviorka mit voltairianischer Ironie maliziös entwickelt. Er verdeutlicht zugleich die beiden falschen Haltungen gegenüber dem FN: die Schockstarre gegenüber einem vermeintlichen harten Faschismus à la 30er Jahre und die durchsichtige Instrumentalisierung durch ständigen Verweis auf eine … Vogelscheuche. Wieviorka zeigt die Möglichkeit einer Realität, die schlimm genug ist. Vielleicht trägt er mit seinem Buch ein wenig dazu bei, dass sein Szenario doch unwirklich bleibt. Es würde ihn freuen.

Michel Wieviorka, Michael W. Squirrel. Le Séisme. Marine Le Pen Présidente. Paris 2016 (Robert Laffont)

10:41 18.05.2016
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