Youtuber Papacito will nur spielen

Faschosphäre Jüngste Angriffe auf Politiker und ein Gewaltvideo zeigen: die extremen Rechten Frankreichs agieren immer unbefangener. Für sie ist Youtubia schon gewonnenes „Blanc-Land“
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Youtuber Papacito will nur spielen
In der Mehl-Attacke auf Jean-Luc Mélenchon zeigt: Der Stimmungsmache aus der rechten Youtube-Szene in Frankreich folgen Taten

Foto: Imago/Le Pictorium

Eine Woche im Juni.

Sonntag, 6. Juni 2021. Eric Zemmour, der rechtsextreme Quotenbringer des kommerziellen Infosenders Cnews (im Besitz des Milliardärs Vincent Bolloré), deutet seine Kandidatur für die Präsidentenwahl 2022 an. Endgültig wird er sich jedoch erst nach im Herbst entscheiden (pünktlich zum Erscheinen seines nächsten Bestsellers).

Montag. 7. Juni 2021. Jean-Luc Mélenchon hat eine kurzfristige Pressekonferenz angesetzt. Nicht die x-te Medienkampagne gegen die France insoumise ist Gegenstand, sondern ein Mordaufruf, so der Präsidentschaftskandidat. Papacito, ein einflussreicher YouTuber der extremen Rechten und Freund Zemmours, habe in einem Video zum Mord an Wählern der France insoumise aufgerufen. Die präsentierten Ausschnitte zeigen in der Tat extreme Gewalt. Zwei martialisch gekleidete Männer simulieren an einer lebensgroßen Puppe die brutale Exekution eines Linken. Am Ende sticht einer der Mörder unter lustvollem Stöhnen mit einem langen Messer auf die Puppe ein. Deren Unterleib bricht ab. Mélenchon kündigt – durchaus verständlich – individuelle und kollektive Klagen an.

8. Juni. Emmanuel Macron setzt seine „Tour de France“ fort. Beim üblichen Bad in der „Menge“ wird der Präsident von einem langhaarigen Mann geohrfeigt. Die gar nicht klammheimliche Schadenfreude klingt schnell ab, als bekannt wird, dass der Täter, ein Kampfsportler, in royalistischen Gruppen verkehrt und Abbonnent rechtsextremer YouTuber ist, darunter Papacito. Der 28-Jährige wird im Schnellverfahren zu 18 Monaten Gefängnis (davon vier ohne Bewährung) verurteilt.

Am Morgen des 11. Juni überschüttet eine Frau den wegen der „Hummeraffäre“ zurückgetretenen ehemaligen Parlamentspräsidenten de Rugy mit Mehl. Dabei ruft sie: „Gib den Hummer zurück!“. Die 24-jährige, in den Regionalmedien später als „ultralinks“bezeichnete Frau wird sofort verhaftet. Ihr Gerichtsverfahren wird für den 28. Juli angesetzt.

Samstag, 12. Juni. Am frühen Nachmittag trifft es Jean-Luc Mélenchon. Während einer Demonstration gegen die extreme Rechte wird auch er vor laufenden Kameras „enfariniert“(mit Mehl bepudert). Ebenso sein Kollege Eric Coquerel, dem schon 2018 ein Mitglied der Action française eine Torte ins Gesicht geknallt hat.Keiner der zahlreich anwesenden Polizisten greift ein. Der sichtlich zufriedene Täter kann noch ausgiebig Interviews geben. Er sei „links“, behauptet er (und die bürgerlichen Medien nehmen es gerne auf), „doch diese Leute (die Demonstranten?) sind die wirklichen Faschisten“.

Sie sagen, dass man mehr Frauen und Schwarze in die Nationalversammlung wollen. Und warum sagen sie nicht, dass man mehr Arbeiter will in der Nationalversammlung will?

Mélenchon habe er „enfariniert“, weil er die „Schnauze voll“ habe:

Mélenchon spricht nicht vom Arbeiter. Seine Wähler sind Banlieusards und Lehrer, sehr progressistische Leute. Die wollen nicht von den Arbeitern sprechen.

Zwei Polizisten in Zivil nehmen die Personalien des „Enfarineurs“ auf, lassen ihn aber unbehelligt. Erst am späten Nachmittag wird er verhaftet und verhört. „Sehr freundlich“, wie er später sagen wird. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass „Til“ ein YouTuber von mittlerer Reichweite ist (mit ca. 18.000 Abonnenten). Seine Spezialität: lange Interviews mit erfolgreichen „YouTubern“ der rechten Szene.

Man hat den Eindruck einer Eruption. Aber was bricht da auf? Und warum jetzt? Die im Juni anstehenden Regionalwahlen entfachten wahrlich keine Leidenschaften, wie die enorme Wahlenthaltung zeigt. Die anstehende Lockerung der Ausgangssperre mag auch Gewaltgesten „befreien“, ist aber keine hinreichende Erklärung. Warum werden vor allem die Rechten handgreiflich? Vielleicht gibt eine andere Episode einen Hinweis.

Am Morgen des 12. Juni kommt es im nordfranzösischen Péronne zu einem heftigen Disput zwischen dem Justizminister Dupont-Moretti (im Norden aufgestellt, um der Rechten und dem Rassemblement national Stimmen abzujagen) und dem RN-Kandidaten (und Identitären) Damien Rieux.

Rieux (auf einer Café-Terrasse) zum vorbeieilenden Dupont Moretti:

Hier gibt es keine Gefängnisinsassen, die Ihnen Applaus spenden! Allez! Führen Sie Ihre Rolex spazieren,

De Minister dreht sich um:

Das ist keine Rolex!

Rieux;

Das ist nur eine Bréguet. Die ist noch teurer.

Es folgt ein Austausch von Invektiven, bei dem Moretti – trotz seiner berühmten Eloquenz – nur unterliegen kann. Schließlich gibt er mit einem

Sie sind eine Karikatur!

auf, was Rieux mit einem Händeklatschen kommentiert:

Auf geht’s! Sie sind Minister. An die Arbeit! Schützen Sie die Franzosen!

Natürlich ist Morettis erbärmliches Wahlergebnis nicht nur auf diese schlechte Performance zurückzuführen. In Péronne gewinnt übrigens der RN (und damit Rieux) die Wahlen. Aber die Hilflosigkeit des Ministers, der nach dieser Szene in den sozialen Medien regelrecht zerlegt wird, zeigt: die extreme Rechte ist dem Ziel „kultureller Hegemonie“ ziemlich nah gekommen. Die User des Netzes erleben, dass ein Rechtsextremer den Minister der Justiz ungestraft demütigen kann. In den sozialen Medien Frankreichs geben die Faschos, die „Fafs“, tatsächlich den politischen Ton an. Wie ist dies möglich?

Zurück zum Gewaltvideo. Das Online-Magazin Médiapart verfügt über die Protokolle des Verhörs des YouTubers Papacito durch die Pariser Staatsanwaltschaft. Es gewährt einen Einblick in die „Methode Papacito“: Er ver-vieldeutigt das doch Eindeutige. Mélenchon habe mit seiner Montage die Botschaft des Videos ins Gegenteil verkehrt. Es sei kein Aufruf zum Mord an Wählern der France insoumise. Es soll vielmehr Schaden abwehren.

Das Video hat das Verdienst, die Schwächen des laxistischen Diskurses zu zeigen, die realitätsferne Anhänger (der Linken) oder junge Menschen in wirkliche Gefahr bringen können.

Hat Mélenchon also in typisch linker Manier die faschistische Gefahr übertrieben? Hat er aus politischen Gründen die Gelegenheit am Schopf gepackt? Beruht Papacitos Erfolg auf der künstlerischen Qualität seiner Werke? Schließlich ist Kunst immer mehrdeutig. „Ceci n'est pas un appel au meurtre?“ Ist alles nur ein Sturm im Wasserglas? Schauen wir genauer hin.

„Cucks“ und „Wildschweine“

Einige Tage vor Erscheinen des Videos stellt Papacito eine Vorankündigung ins Netz:

Gestern war ich bei Code Reinho. Ich glaube, das ist das gewalttätigste Video, das ich in meinem Leben gedreht habe. Es ist mega-mega-mega-faschistisch.

Will Papacito mit dem Adjektiv „faschistisch“ die zarten Bobos erschrecken? Wieder einmal nur spielen? Zu Beginn des Videos stellen Papacito (in Tarnuniform, und wie oft mit Barett, die Augen durch die übliche coole Sonnenbrille verdunkelt) und sein Kollege, der Blogger und Waffenexperte „Code Reinho“ (in kugelsicherer Weste) ihr „pädagogisches Anliegen“ vor: Sie wollen testen, „ob ein Linksextremer, ein „Gauchiste“, ein guter Kugelschutz ist“. Schließlich wollen sie „den Leuten helfen, die Jean-Luc Mélenchon wählen (statt „Luc“ hören wir einen Pfeifton, wahrscheinlich sagt er „Cuck“). Für diesen guten Zweck untersuchen sie zunächst den Rucksackinhalt eines typischen „linken Cuck“ und finden amüsiert ein Paket Tampax, vegane Obstriegel („rote Früchte“), Zigarettenpapier und Tabak, eine Tüte trockene Aprikosen von den „Hurensöhnen“(„Fils de pute“, Papacitos Bezeichnung für linke Bourgois), eine Packung Bulgur und Zeitungen (Yoga-Magazine, Libération, Inrocks). Den Rucksack binden sie dem Mannequin vor die Brust, die Zeitschriften vor den Unterleib. Die Figur trägt ein Tee-Shirt mit der Aufschrift „Mediacuck“, darunter „Dhimmi“ und „Ich bin Kommunist“. Alles, was für die Szene einen „Islamo-gauchiste“ ausmacht. Die beiden Menschenfreunde lehnen die Figur an eine Wand mit einem großen Che-Guevara-Bild. Sie schaffen das Dekor einer traditionellen militärischen Exekution.

Bevor sie zu ihrem „wissenschaftlichen ballistischen Test“ schreiten, stellen sie diverse Schusswaffen vor und empfehlen bestimmte Kaliber. Interessant ist eine Art Werbepause, während der Papacito, ein Langschwert über der Schulter, Produkte des Online-Unternehmens „Terre de France“ anpreist (so wie auch die rechtsextreme Zeitschrift „Valeurs actuelles“: „Ein Projekt des Made in France, mit patriotischen Werten und für die nationale Solidarität“).

Beim als Test bezeichneten Tötungsakt schießen sie die Magazine leer und besichtigen dann ihr Werk:

Oh! Er hat keinen Kopf mehr. Kann man fair gehandelten Kaffee ohne Kopf kaufen?

Als Suspense folgt eine Reflexion über „Sangliers“ (Wildschweine):

Jahr für Jahr nimmt die Population der Wildschweine zu. Sie zerstört die landwirtschaftliche Kultur

Natürlich wissen die Videogucker, dass die „Wildschweine“ für die so genannten „illegalen Migranten“ stehen und die „landwirtschaftliche Kultur“ für die französische Zivilisation. Was hilft gegen die „wilden Eindringlinge“? Ein gutes Jagdgewehr (schon für 150 Euro zu haben, wie Code Reinho erklärt) und ein gutes langes Messer für das Abstechen des Tiers. Die beiden Jäger raten auch zum Tragen der entsprechenden Jagdkleidung (Barett und kugelsichere Weste). Das Messer kommt im Finale, der endgültigen Erledigung des „Gauchiste“, zum Einsatz. Ein erleichterter Papacito wischt nach vollbrachter Tat - symbolisch – das Blut ab. Er lächelt vielsagend in die Kamera und sagt: „Rein wissenschaftlich“.

Der identitäre Fernsehmoderator Christopher Lannes („TV Libertés“) hat die Linie vorgegeben:

Wir müssen mit den Worten spielen, mit den Untertönen, der Ironie. Zwischen den Zeilen lesen, Dinge sagen, ohne sie zu benennen. Das ärgert das System und erlaubt es, Botschaften zu verbreiten.

Papacito und Code Reinho spielen mit eben diesem Spiel. Ihr "wissenschaftliches Experiment" ist (auch im 2. Degré) völlig un-sinnig. Sie massakrieren zu „Testzwecken“ - eine als „Gauchiste“ bezeichnete Puppe. Sie töten diese Puppe mit Jagdwaffen für Schwarzwild, töten also in ihrem Verständnis „eigentlich“ Migranten, gegen die die „Gauchisten“ ihrer Vorannahme gemäß wehrlos sind. Das Ganze ist vollkommen widersprüchlich, es sei denn, Papacito ist dumm (was nicht stimmt) oder die Botschaft lautet: Entledigt euch der Muslime und der „Gauchisten“.

Ob das Video ein justiziabler direkter Aufruf zum Mord ist, wie Mélenchon annimmt, ist zu diskutieren. Das macht das Werk aber nicht erträglicher. Man stelle sich vor, Papacito und sein waffenverliebter Compagnon hätten ein derartiges Massaker an einen schwulen Macronisten, dem Präsidenten selbst oder an seiner Gattin simuliert. Um dann zu behaupten: „Das Video hat das Verdienst, die Schwächen des Regierungsdiskurses zu zeigen.“ Aber während ein aufgepiekter Pappmaschee-Kopf mit dem Foto Macrons auf einer Gelbwesten-Demo im Januar 2020 für großes Entsetzen sorgte, hält sich die Empörung diesmal in Grenzen. Wie ist dies zu erklären? Resignation? Akzeptanz des doch nicht zu Verhindernden? Oder einfach nur Gewöhnung an die täglichen medialer Dosen fiktiver oder realer Gewalt?

Papacito - eine Karriere

Papacito (Jahrgang 1986) heißt im realen Leben Ugo Gil Jimenez. 2010 beginnt der Toulouser seine Karriere als YouTuber mit dem Blog „Fils de pute“. Zu der Zeit ist der virile Kraftprotz Möbelpacker. Einer, der manchmal sogar Plakate der Kommunisten oder des Parti de gauche klebt. Doch er ändert sich schnell. Dem Journalisten Paul Conge vertraut er 2020 an:

Ein Wähler des RN, das ist ein Kommunist, bei dem zweimal eingebrochen wurde. Es reicht, dass der Scheiß nicht mehr von der Bank, sondern von Jean-Abdel kommt.

Bis 2010 hat Papacito als Wachmann, Werftarbeiter, Rausschmeißer und Sicherheitsagent gearbeitet. Man darf seine Bildung und Intelligenz jedoch nicht unterschätzen. Er hat Bücher von Nietzsche gelesen, kennt Gramsci. Und die Meisterdenker der Neuen Rechten. Sein Lieblingswerk ist allerdings das „Cyrano de Bergerac“. Papacito versteht es virtuos, die Sprachregister zu wechseln.

2017 schreibt er das Skript des Comics „FDP (fils de pute de la mode“). Die Illustrationen liefert der bekannte Zeichner der Faschosphäre Camille Marsault. Die Bobos, Veganer, Feministen bekommen hier buchstäblich handfeste „Lektionen“. Eine Episode sei kurz beschrieben: „Mamadou“ (ein junger Mann aus den „Vierteln“, Kapuze, Sonnenbrille, Zigarette auf der dick gezeichneten Unterlippe) sitzt seiner Sozialarbeiterin (als hässliche Dicke dargestellt) gegenüber. Er beschimpft sie („Halt die Schnauze, schmutzige Hure!“), worauf sie antwortet: „Du musst überlegen, warum so viel Gewalt in dir ist. Gemeinsam werden wir Lösungen suchen.“ Mamadou beleidigt sie hemmungslos weiter.

Auf der zweiten Seite erscheint „Eugène“, ein älterer ehemaliger Sergeant (leichter Bierbauch, Obelixgesicht, muskulös). Er geht die Sozialarbeiterin an („Du gehst mir mit deinem Schwuchtel-Geschwätz auf die Eier! Der Junge scheißt auf deine Pädagogik. Erziehung muss schnell, hart, trocken und heftig sein.“). Auf den nächsten Seiten schlägt er Mamadou brutal zusammen, bricht seinen Widerstand, trotz der sanften Proteste der Sozialarbeiterin, nimmt sich aber dann Mamadous an: „Der Junge braucht eine faschistische Betreuung“, also Kampfsport und militärischen Drill. Im folgenden wird der Leser Zeuge der physischen und moralischen Veränderung Mamadous. Letzte Seite: Ein junger "Weißer" (ansonsten mit den densleben Attributen versehen wie Mamadou zu Beginn) beleidigt dieselbe Sozialarbeiterin mit denselben Worten. Plötzlich erscheint Mamadou, militärisches Képi, muskulöse Virilität: „Du gehst mir mit deinem Schwuchtel Geschwätz auf die Eier! Der Junge scheißt auf deine Pädagogik!...“

Das Ganze ist natürlich sehr grob gestrickt, aber wieder mit diesem bestimmten „Humor“. Die Produzenten des Comics transgredieren locker die linken Lachtabus und machen scheinbar spielerisch Leser und Betrachter zu ihren Komplizen ihrer Sicht der Dinge. In diesem Fall wird die hilflose Sozialpädagogin zum Lachobjekt, die sich von einem Militärveteran belehren lassen muss, was echte Pädagogik ist: männliche Härte, körperliche Bestrafung, Gehorsam und Führung, kurz: „faschistische Betreuung“. Anscheinend verschafft dieser „Humor“ nicht wenigen (auch ästhetischen) Genuss. Jedenfalls sind die Comics und Videos (oft mehrere Millionen Views) ein sehr erfolgreiches Business-Projekt. Und ein politisches. Sowieso.

Papacito scheint von der Hilflosigkeit der Pädagogik (und der Laxheit der Richter) geradezu besessen zu sein. Am 9. Juni, zwei Tage nach dem Eklat, gibt er der ebenfalls sehr erfolgreichen Videoseite „Valeurs actuelles+“ ein langes Interview. Nachdem er mit knirschender Coolness eine Tütenfüllung Chips verspeist hat, spricht er über sein „sehr provokantes, sehr lustiges Video“, das absolut kein Aufruf zum Mord sei. Die Pressekonferenz Mélenchons habe ihn an seine Schulzeit erinnert.

Du machst einen Witz, einen zweiten, einen dritten. Die Klassenlehrerin heult und schickt dich zum Schuldirektor. Du machst den vierten Witz, den Witz zu viel. Der Direktor heult und verordnet dir eine Klassenkonferenz. Genauso war die Pressekonferenz von Jean-Luc Mélenchon.(lacht) Mélenchon ist der Schuldirektor. Ein Meeting der France insoumise ist eine Klassenkonferenz (lacht zusammen mit dem Interviewer).

Interessant ist, dass seine Follower sich befleißigt fühlen, eben dieses Bild pädagogischer Hilflosigkeit in ihren zahllosen Kommentaren aufzunehmen. Die „humoristischen“ Influencer der extremen Rechten haben ein Gespür für die Schwächen von Pädagogen, die in der Praxis neoliberaler Schul- und Sozialarbeit nur scheitern können und nutzen diese gnadenlos aus. Lehrer und „Islamogauchistes“ werdenzu Synonymen, und die Muslime sind ihr „bewaffneter Arm“, behauptet Papacito in einem anderen Video von „VA+“. Die „laxistische“ linke Pädagogik habe den heutigen Generationen die Widerstandskraft ausgetrieben. Wenn Jean-Luc Mélenchon an der großen Demonstration gegen den islamistischen Mord am Lehrer Samuel Paty teilnimmt,

kehrt der Mörder an den Ort seines Verbrechens zurück (lacht). Die Linke hat das Feuer gelegt und kommt nun zurück, um das Resultat zu sehen (lacht und wechselt ins grob-humoristische Register) Wer in der Natur scheißt, kommt auch nach einer Zeit zurück, um die Kaka zu sehen...

Weiße Männer – authentisch, patriotisch

Papacito spielt (und akkumuliert sein Kapital) in der ersten Reihe rechtsextremer Influencer, zusammen (und z.T. gegen) Figuren namens Valek, Raptor Dissident, El Rayhad, Oleg de Normandie, Stéphane Edouard, Baptiste Marchais und Daniel Conversano. Es ist die Generation der in der Mitterand-Ära Geborenen., die sich seit 2015 allmählich vom Übervater Alain Soral und dessen Indoktrinationsmethode (der zynische, scheinbar antikapitalistische, manchmal antisemitische Vortrag vom roten Sofa aus) befreit hat. Der Feind ist nicht mehr das Judentum und der Finanzkapitalismus. Es geht um ein „weißes Europa“. Der ehemalige Frontist und Soralist Daniel Conversano ist 2018 mit seiner rumänischen Frau nach Bukarest ins „Exil“ gegangen. Seit 2019 führt er das Projekt „Eine Heimstätte bauen“ (bâtir un foyer“), mit dem Ziel,

authentisch patriotische, rechte und identitäre Franzosen mit osteuropäischen Frauen „weißer europäischer Rasse“zu verbinden, „um das Glück zu finden, fern von der französischen Postmoderne.

Als „geistigem Sohn“ Sorals war es Conversano vorbehalten, den Vatermord zu versuchen, ökonomisch formuliert: das digitale Kapital zu vermehren.

2016 kommt es bei einer Diskussion zum in der Community so beliebten „Clash“. Der Streitpunkt: Conversano wirft Soral „islamophilen Antizionismus“ vor. Der damals 55-jährige Alain Soral spricht von „muslimischen Patrioten mit französischem Stolz“ und wirft Conversano Identarismus vor. Der bezichtigt Soral des „islamophilen Antizionismus“ (Antisemitismus). Er wisse, was es bedeute, unter Arabern zu leben. Soral sei ein „Bourgeois“, ein Vorwurf, der ihm eine blutige Nase einbringt. Auch Papacito löst sich im Konflikt von Soral. Wieder geht es um den „wahren“ Feind und die Rolle des Antikapitalismus. Auch hier fliegen die Invektiven hin und her, nicht jedoch die Fäuste. Der von vielen ersehnte Kampf unter Männern findet nicht statt. Mittlerweile postet Soral wieder Videos von Papacito auf seiner Website.

Virtuos benutzen die rechtsextremen „neuen Youtuber“ die narrativen Elemente des Videospiels, die Methode des „Nudging“ und vor allem das, was sie und ihre Followers unter Humor verstehen. Sie alle sind eloquent und gebildet, weit entfernt vom Stereotyp des tumben Skinheads. Der Vordenker der (alten) Neuen Rechten, Alain de Benoist, muss sich bestätigt sehen: Es gibt offensichtlich einen „Gramscismus von rechts“. Er gibt sich revolutionär anti-(neo)liberal (wenn man nicht genauer hinschaut) und anti-68.

Überdeutlich sind die ideologischen Gemeinsamkeiten dieser „organischen Intellektuellen“. Gemäß der omnipräsenten „Theorie des Großen Austausches“ ist alles dem Kampf (auf Leben und Tod) gegen die „muslimisch-arabische Invasion“, untergeordnet. Sie propagieren eine entschlossene Nation von „Stammfranzosen“ („Français de souche“), organisiert in einem autoritären Staat (gerne auch eine Monarchie), in der Tradition der großen Kriegsführer (von Vercingetorix über Karl Martell, die Kreuzritter, Napoléon bis Pétain), gesegnet durch die Sinn gebende Christenheit und gestählt mit Werten wie Patriotismus, Vertrauen, Kameradschaft, Wehrbereitschaft, Männlichkeit etc. Das Ganze ist so schlicht wie überkommen. Inhaltlich gilt: In der Faschosphäre nichts Neues.

Darüber hinaus haben diese YouTuber der ersten Klasse ihre (im Feld ökonomisch notwendigen) Alleinstellungsmerkmale. Oleg de Normandie zum Beispiel setzt den Akzent auf den „Esprit viking“ der „Hyperboräer“ (auch das hatten wir schon öfter), andere „entdecken“ nach einer „paganistischen“ Phase den traditionellen Katholizismus, wie der Papacito-Freund Baptiste Marchais. Es hat schon fast etwas Rührendes, wenn dieser auf den ersten Blick etwas naiv wirkende hypermuskulöse Kraftsportler im rechtsalternativen Sender „LibertésTV“, vor einer Bücherwand sitzend, einem verstehend lächelnden Priester des Vatikan erklärt:

Das Christentum ist die Tradition, das Gesetz. Als ich mich während der traditionellen Messe hinkniete, verstand ich plötzlich: Man ist Teil eines Ganzen, so wie Karl der Große, die Ritter, das französische Volk. Und das fehlt der modernen Kirche. Warum werden so viele junge Leute vom Islam angezogen? Es ist die Tradition. Es sind die Riten.

Immer profitabel scheint die Bedienung maskulinistischer Bedürfnisse. Der Nietzescheaner Julien Rochedy verbreitet auf Libertés TV die Thesen seines neuen Buches über den „ideologischen Feminismus“, der nichts als eine „Metastase des Marxismus“ sei. Der smarte Stéphane Edouard, Science-Pro-Absolvent in Soziologie, produziert Videos zu aktuellen Events. Er arbeitet mit der „Methode Nadelstiche“ und „trüffelt“seine Kommentare mit elegant vorgetragenen antimuslimischen und sexistischen Kommentaren. Daneben unterrichtet er als Video-Coach die Kunst der Verführung, ebenso wie der Soralist Jean-Marie Corda, der (für 500 Euro pro Stunde) „echte Männer“ coacht, um das „Abendland zu re-virilisieren“.

Zurück zum Papacito-Video. „Das Wesentliche findet auf YouTube statt“. Dieser Befund des Journalisten Paul Conge bestätigt sich auch in diesem Fall. Zwar sperrt YouTube das Skandal-Video nach einer gewissen Zeit. Aber die Inhalte werden natürlich weitergetragen. Und hier kommt vor allem „Le Raptor“ ins Spiel. Der 27-jährige ehemalige Schüler der Militärschule von Saint-Cyr disponiert momentan über 710.000 Abonnierte. „Valeurs actuelles“ nennt ihn „den einflussreichsten YouTuber der Rechten 2.0“. Le Raptor verkauft dieselben Inhalte wie die anderen Genannten. Auch er löst sich irgendwann von Soral, wirft diesem „Marxismus“, Antisemitismus“ und Verharmlosung des Islamismus vor. Auch er fordert den weitaus Älteren zu einem MMA-Fight heraus, der nicht stattfindet, aber seinen Markwert steigert. Des Raptoren Spezialität sind verletzende „Punchlines“ (gegen Bobos, Schwule, Feministinnen, Linke, die Einwanderer), präsentiert vor einem permanent wechselnden Bildermix im Hintergrund. Kaum jemand entgeht seinem Spott, abgesehen von einigen rechten „Influencern“ und Politikern (darunter Papacito und Marsault sowie der alte Le Pen und – eh oui – Erich Zemmour).

Seine Videos, vor allem „Raptor News“, haben oft mehrere Millionen Views. Das letzte, „Papacito versus Mélenchon“, ist ein Beispiel seiner „Culture LOL“: Unter ständigem ironischem Kichern beschreibt er ausführlich das Massaker-Video (weil es „zensiert“ sei), bezeichnet es als „lobenswerte Initiative“ (quasi pädagogisch wertvoll), „sehr lustig und komisch“ und ridikulisiert dann die Pressekonferenz Mélenchons. Diese sei an seine Wähler adressiert, nämlich die „Boomer, Beamten und Gewerkschaftler, die denen den Schwung nehmen, die in unserem Land arbeiten und schaffen wollen.“ Die Aussagen wiederholen sich. Die „Punchlines“ sitzen im Karussell. Papacitos Video als Mordaufruf zu interpretieren, ist natürlich ... „lustig“. Dass dieser „Humor“ nicht ermüdend wird, ist eigentlich erstaunlich, aber für dieses Genre wohl bezeichnend. Nicht fehlen darf dieses:

Jean-Luc, der Millionär, glaubt, dass er die Zielscheibe ist (Lachen).

Tilou M., der Mann, der Jean-Luc Mélenchon enfarinierte, youtubt eher am Rand der „Faschosphäre“. Seine Videos ähneln denen der Meister. Er macht Interviews mit einigen Großen der Szene: mit Stéphane Edouard, dem Royalisten Thibault Devienne und dem extrem rechten Rapper Croq-Blanc (veröffentlicht am 15. März 2021). In dessen Interview bekennt Tilou M.:

Ich bin mit Dieudo (Dieudonné) und Alain Soral in die Dissidenz gegangen.

Um fortzufahren:

Mit Conversano teile ich die Ideen über den Kommunitarismus (der „Afro-Araber“).

Er erklärt auch, wie er seine Haltung des „weder links noch rechts“ versteht:

Die Linke haut auf das Pack oben ein, die Rechte auf das Pack unten. Was muss man unternehmen, um auf beide einzuhauen?

Kroc-Blanc ist diesbezüglich pessimistisch. Die extreme Linke bestehe sowieso zumeist aus „Untermenschen“, wie Usul („Til“ spielt unvorteilhaftes Bild dieses Bloggers ein). Da ziehe er doch echte Männer wie Papacito und Le Raptor vor. Überhaupt sei es ein Naturgesetz, dass es Herrschende und Beherrschte gebe. Ein Mélenchon lebe wie ein rechter Bourgeois, würde aber ständig „Oh, die Armen, die Armen!“ rufen. Mélenchon sei Millionär. „Til“ lacht zustimmend: „Proletarier aller Länder...!“

Opfer oder Täter

Im Jahr 2020 haben die meisten rechtsextremen Youtuber ihre Views verdoppelt, manche sogar verdreifacht. Die „neue Generation“ (von Le Raptor bis Papacito) verbucht die größten „Marktgewinne“, ohne die eingesessenen Seiten (Soral, Français de souche) völlig zu verdrängen. Ihre Fans sind die (männlichen) „petits Blancs“ in den Zwanzigern. Jeder Fünfte der Alterskohorte von 25-29 Jahren ist weder in Anstellung noch in Aus- oder Weiterbildung. Jeder Zehnte lebt in Armut. Die Coronakrise hat ihre ökonomische Situation verschärft. Der 27-jährige „Til“ hat seine prekäre Arbeit in einem Café verloren. Nun lebt er von 930 Euro im Monat... und von den kleinen Beiträgen seiner Abonnenten, deren Zahl sich nach der Enfarinade auf über 22.000 erhöht hat. Til und viele andere sehen sich mit einem gewissen Recht als Opfer von Globalisierung und Deregulierungspolitik. Oft sind sie die Kinder von Kommunisten oder Sozialisten und sehen sich gerade von der Politikern der Linken „verraten“. Daher ihr Hass auf das „Pack“(„racaille“, wie Til es nennt) oben und unten und auf das „System“, das ihnen keine Aussicht bieten kann. Zum Hass kommt eine (mentale) Kampfbereitschaft (entsprechend der Konkurrenzsituation bei der Jobsuche). Papacito & Co. ernten die Früchte dieses Zorns auf dem digitalen Feld, mit den „Phrasen von gestern“ (Bloch), aber dem Entertainment von heute. „Die Punchline entthront die Idee“, so der Philosoph Mickaël Fœssel.

Die Papacitos locken natürlich nicht nur potentielle Rechte. Ihre bestimmte Art Humor ist attraktiv. Paul Conge zitiert einen makronistischen Anhänger von Le Raptor, einen „Gamer“:

In den Videospielen schicken wir uns manchmal diese Art Punchline, aber das ist nicht wörtlich zu nehmen. Das ist Troll, „Laming“. Für jemanden, der nicht daran gewöhnt ist, ist das natürlich schrecklich.

Aber es ist ein rechter Humor, den man, wie die Beispiele zeigen, besser in Anführungszeichen setzt. Es ist ein „Humor“, mit dem das „Overton-Fenster“ immer weiter nach rechts geöffnet wird. Es ist das Lachen der Häme, der Diffamierung, der Gewalt gegenüber den angeblich oder wirklich Schwachen. Es ist auch das „männliche“ Lachen, dessen Lautstärke Überlegenheit suggerieren und den einsam vor seinem Schirm sitzenden (Post-)Adoleszenten anlocken soll. In der Warenästhetik unterscheiden sich die rechten YoutTuber kaum von ihren „normalen“ Konkurrenten. Perfekt beherrschen sie den „Style Mainstream“. Wie sonst soll es möglich sein, die ranzigen Ideologeme der französischen Faschisten als süße Früchte an den jungen Mann zu bringen? Der wird allerdings wahrscheinlich nicht Le Pen wählen, sondern überhaupt nicht. Vielleicht wird ihn Marion Maréchal (Le Pen) 2027 mehr überzeugen. Vielleicht wird er aber auch einer dieser „einsamen Wölfe“, die es dem „Pack von oben und dem Pack von unten“ mal so richtig zeigen wollen. So wie „Til“, der mit seiner Aktion ausgerechnet einen der Politiker trifft, dessen Programm seine Situation tatsächlich ändern will.

Dass „Til“ wieder einmal das Falsche tut, indem der die „Spielereien“ seiner Vorbilder in die eine (noch) eher harmlose Tat umsetzt, liegt auch an der Propagandaschwäche („Propaganda“ im Sinne des Vatican) der Linken. Ihre (wenigen) Youtuber verfügen nicht über die technische Virtuosität der Raptoren. Fatal wirkt das politisch richtige Verbot, sich über andere Menschen zu mokieren. Die Papacitos nutzen diese objektive Schwäche gnadenlos aus (sie kennen diesbezüglich halt keine Tabus). Permanent betreiben sie die libidinöse Transgression des Anständigen. Da das Lachen aber die Lachenden verbindet (und die Verlachten ausschließt), kann dies zu einer so wirksamen wie entsetzlichen Waffe werden. Nun ja, noch spielen sie ja nur mit den Waffen. Aber, so Ernst Bloch 1937:

Das ist kein Scherz, es gibt keinen Scherz aus solchem Munde. Man hat gelernt, das Lächerliche ernst zu nehmen.

Eine Woche im Juni 2021.

Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt 1973 (erstm. 1935)

Paul Conge, Les Grands-Remplacés Enquête sur une francture francaise, Paris 2020

Die Youtubevideos der zitierten "Vidéasten"

11:47 14.07.2021
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