"Zemmour denken"

Rassialisierung Zwei Medienaffären der jüngsten Zeit zeigen, dass der Rassismus in Frankreich wieder hegemonial wird. Tragen die Antirassisten dazu bei?
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Danièle Obono
Danièle Obono

Foto: Jacques Demarthon/AFP/Getty Images

Nur eine Fiktion?

Die kalkulierte Demütigung der Abgeordneten Danièle Obono durch das rechtsextreme Blatt „Valeurs actuelles“ in der letzten Augustausgabe überschritt die Grenzen des „normalen“ Rassismus. In seiner orientalisierenden Fiktion „Obono die Afrikanerin“ versetzte der Anonymus Harpalus die Politikerin als Sklavin ins 18. Jahrhundert. Von schwarzen Nomaden gequält und von arabischen Händlern verkauft, wird sie schließlich von einem französischen Missionar gerettet. Illustrationen aus schlechtester kolonialistischer Tradition garnierten die anspielungsreiche Geschichte. Die Botschaft war eindeutig: Obono, die aus Gabun stammt und sich weigert, öffentlich „Vive la France““ zu schmettern, dafür aber „einen weißen rechten Mann“ und „Ämteranhäufer“ wie den gegenwärtigen Ministerpräsidenten Castex kritisiert, sollte der Republik dankbar sein oder aber in ihre barbarische Heimat zurückkehren. Und so wurde es von der „stammfranzösischen“ Community auch verstanden.

Die zahlreichen Solidaritätsbekundungen für Obono konnten nicht verdecken, dass die historische Last der Sklaverei, der „Expérience nègre“, nicht durch feierliche Bekundungen abzuwickeln ist. Für die Historikerin Aurélia Michel ist die „Fiction nègre“ eine geradezu psychische Notwendigkeit für die Herrschenden.

Der „Nègre“ darf nicht als Gleicher akzeptiert werden. Er muss im Zustand permanenter Zivilisierung sein. Man hilft ihm gerne, er ist unser „Kumpel“, aber niemals erwirbt er die Civitas. Er muss die Nation lieben und muss dankbar sein, wenn er eine privilegierte Position erhält.

Obono verstößt – aus Überzeugung – gegen dieses „Gesetz“. Als Abgeordnete wagt sie es sogar, den Herrschenden und ihren Politikern die Leviten zu lesen, unerträglich für einen Eric Zemmour (und dessen zahlreiche Mitstreiter im Kampf um „unsere Werte“). Vehement verteidigte er (wie auch Michel Onfray) die Meinungsfreiheit der „Valeurs actuelles“ (für die er schreibt) und schritt tapfer und unwidersprochen zur Demontage der Unverschämten, mit den üblichen (nachgewiesenen) Falschbehauptungen und Halbwahrheiten, die für seine Gefolgschaft große Offenbarungen sind. Eine knappe Woche später musste sich die Angegriffene in der Sendung „Bourdin“ beim Privatsender BFMTV einem von ihr wohl nicht erwarteten peinlichen Verhör unterziehen lassen. Bourdin, die mediale Vox populi, agierte als Bernard de Gui, der seinen Gast mit permanenten Verdächtigungen überzog, Selbst die Körpersprache des einflussreichen Journalisten zeigte eine Melange von Angst und tiefer Verachtung gegenüber der Leibhaftigen. Gleich mehrmals zitierte er – zustimmend - Zemmour. Die Medienkritikerin Pauline Perrot kommentierte:

Zemmour aufwerten, auf Zemmour antworten, wie Zemmour denken.

Es scheint, dass das Kalkül der „Valeurs actuelles“ aufgegangen ist. Die lässig vorgetragenen Entschuldigungen der Chefredakteure gehörten zum Spiel. Wenig beachtet wurde, dass das der Aufmacher der betreffenden Ausgabe die „Verwilderung“ („Ensauvagement“) der Vorstädte war. Auf dem Titelblatt tanzen zwei halbnackte Afrikaner triumphierend auf einem Kleinwagen herum. „Verwilderung“, eine Vokabel der extremen Rechten, wird zunehmend von der bürgerlichen Mitte übernommen. Auch im Diskurs der Macronie regiert neuerdings die Opposition „Civilité“ vs. „Incivilité/“Ensauvagement“. Der alte Gegensatz „Wildheit“ vs. „Zivilisation“ wird zum Leben erweckt, mit allen Assoziationen. Natürlich geht es um die Präsidentenwahl von 2022. Die République en marche marschiert auf dem Weg der Lepenisation, sammelt rechte Mitwanderer und wird irgendwann den Zurückgebliebenen zurufen: Wenn ihr nicht mitgeht, landen wir alle bei Le Pen.

Rassistischer Antirassismus?

Das zweite Ereignis schlug weniger hohe Wellen, ist aber ebenso bezeichnend. Der antirassistische Medienkritiker Daniel Schneidermann erlaubte es sich in seiner Chronik vom 10. September, die Rolle der Journalistin Christine Kelly zu analysieren, die in der CNews Sendung die Stichworte zu Zemmours langen Monologen gibt. Zu dessen Invektiven gegenüber Obono schwieg sie. Kelly, auf Guadeloupe geboren, praktiziert also ein gut bezahltes „Servir la soupe“. Sie ist intelligent und eloquent, stets gut vorbereitet und hat den medienpolitischen Vorteil, dem Bild exotischer Schönheit entsprechen. Wer sie kritisiert, bekommt es mit den Zemmouristen zu tun.

Schneidermann fasst seine Kritik in diese Worte, die ich bewusst etwas länger zitiere:

Eine der Ursachen des Zemmourismus ist der Zusammenbruch des von vielen Generationen heterosexueller weißer Männer mit großem Fleiß aufgebauten Herrschaftsgebäudes, also jener Gruppe, die heute eher zu den bedrohten Arten gehört. Nun befindet sich auf dem Podium eine farbige Frau („femme de couleur“), Christine Kelly, vom Sender des Milliardärs Bolloré nicht ohne Humor mit der Präsentation der Show beauftragt. Anfangs hat sie den Meister („maître“, auch „Herr“, an Diderots „Jacques le Fataliste“ erinnernd ) nur schüchtern lanciert. Und dann ist sie geblieben: bescheiden und stumm, und trägt so zu ihrer eigenen Demütigung bei, beweist so ihre Alibifunktion, als lebende Demonstration eines perversen und sehr zynischen Spiels, ein schöner Anlass zudem, sich mit den Regeln der Quote zu amüsieren.

Ich wage einen kleinen Anachronismus: Schneidermanns Analyse lässt an die Initiative der feministischen Advokatin Camille Ballofy denken, die vor fast 100 Jahren einen Verein zur Import von Hausmädchen aus Martinique und Guadeloupe propagierte. Ihr Ziel war die Vereinbarkeit von Emanzipation und Mutterschaft bei den Damen der Bourgeoisie. Schließlich war mit Zunahme der Frauenbeschäftigung im und nach dem Ersten Weltkrieg der Hausmädchenmarkt weggebrochen. Der Generalsekretär des Vereins, ein stolzer Kommandant, hatte Präferenzen:

Die Schwarzen der Antillen haben zahlreiche Traditionen des 18. Jahrhunderts bewahrt. Sie sind sehr lernbegierig. Sie stehen unserem sozialen und familialen Leben nah und können uns wertvolle Hilfen sein. Die Sudanesen hingegen sind noch auf der ersten Stufe und haben gerade die Barbarei verlassen.

Auch wenn es wie ein ziemlich kurzer historischer Schluss wirken mag: Die mediale Behandung Obonos und die Reaktion auf Schneidermanns Kritik zeigen, dass diese rassialisierte Dichotomie (die „wertvollen“ und die „ wilden“ Exoten) noch immer im kollektiven Bewusstsein herumspukt. Und so brach schon am Tag der Veröffentlichung ein Shitstorm auf Schneidermann ein. Der Mob mag oder kann einen Text „zweiten Grades“ nicht verstehen. Angeschoben wurde der Hass jedoch von renommierten Journalisten aus dem respektablen bürgerlichen Medienfeld (Le Figaro, TF1) und einem veritablen Philosophen, Raphaël Enthoven. Die Vorwürfe: Schneidermann sei „neofeministischer Antirassist“ (ja, auch das ist ein Vorwurf), bediene sich billig aus dem „kolonialen Imaginaire“ und „essenzialisiere“ eine „schwarze Frau“ als „Dienerin („servante“) eines „weißen Mannes“. Schon der Titel „Zemmour und seine Dienerin“ sei rassistisch, vor allem die Benutzung des Possessivpronomens. Ein schwarzer Journalist des Alternativsenders Le Média TV, der den Satz „Die systemische Rolle von Christine Kelly aufzuzeigen, ist doch kein Rassismus“ wagte, wurde von Zemmours und Kellys Followern übelst beleidigt, natürlich auch rassistisch. Dieselben beschimpften Schneidermann als „dicken Rasssisten“, als „Mülleimer“, „Faschisten“, das ganze Repertoire halt, inklusive Petition mit fast 4000 Signaturen: „Christiane Kelly verkörpert den Französischen Universalismus. Ich unterstütze sie.“ Kelly selbst reagierte nicht direkt, sondern beschränkte sich auf das Retweeten der Petition und der so prompten wie triumphierenden Beiträge der „Valeurs actuelles“. Diese Gelegenheit mochte sich das Blatt nicht entgehen lassen.

Schneidermann reagierte noch am 11. September:

Ich habe über die „Dienerin“ nachgedacht. Sicher verweist das Wort auf den Kolonialismus. Und ich weiß es wohl, verdammt noch 'mal! Das Dispositiv verweist darauf! Sagt mir doch, mit welchen Worten kann ich das bezeichnen, was ihr hört und seht! Euer Diener.

Es ist fast zumVerzweifeln

Das klingt verzweifelt. Auch darüber, dass die Bollorés, Zemmours, Onfrays sich auf ihre (freiwilligen?) Hilfstruppen verlassen können. Wer, wie Schneidermann, die Logiken der Rassialisierung offenlegt, läuft Gefahr, selbst zum Rassisten erklärt zu werden. Zum mehrfachen gar, denn er diffamiert nicht nur eine „farbige Journalistin“ aus der „France-d'outre-mer“ (ist also auch noch ein antinationaler Sexist), sondern er attackiert den großen Zemmour, den populären Verteidiger der französischen Identität. Damit erweist sich Schneidermann als „antifranzösischer Rassist“, als „Anti-Blanc“, als Verräter seiner Nation. Die „ rassistische Mechanik“, so der Philosoph Pierre Tevanian, bedient sich perfider Syllogismen:

Um die Situation der Diskriminierung zu überwinden, muss man sie bekämpfen. Um sie zu bekämpfen, muss man sie denunzieren. Um sie zu denunzieren, muss man die Weißen und die Nicht-Weißen benennen. Der Nicht-Weiße, der die rassistischen Diskriminierung abschaffen möchte, kann so ganz schnell als anti-weißer Rassist qualifiziert werden.

Tevanian fügt einen zweiten Syllogismus hinzu:

Um verstanden zu werden, muss man stark sein. Um stark zu sein, muss man eine Gruppe bilden, zum Beispiel als Schwarze oder als Araber. Diesen Gruppen wird sogleich Kommunitarismus vorgeworfen (mittlerweile ziehen die Herrschenden „Separatismus“ vor), also von neuem Rassismus.

Wenn ein „Weißer“ wie Schneidermann die Argumentation dieser Gruppen übernimmt, verfällt er dem selben Verdikt – und verschärft seinen Fall mit dem „Delikt“ des Verrates an den „Weißen“, also den „Franzosen“.

Rassismus ist also Antirassismus, und Antirassismus ist Rassismus. Wer darüber nicht verrückt zu werden droht, findet es auch „normal“, dass die Kontrollen in den „Problemvierteln“ bedeutend repressiver ausfallen als in den „Beaux Quartiers“, dass es nachweislich massenhaften Rassismus bei der Police gibt und dass von heute auf morgen aus Wahlkampfgründen eine breite Kampagne gegen die Unsicherheit in den „Vierteln“ lanciert werden kann. Mühelos, denn der Boden ist bereitet. Die Feinde des „weißen“ Volkskörpers sind benannt: In erster Linie – spätestens seit dem Algerienkrieg - die Muslime und - spätestens seit der Dekolonisation - die „Afrikaner“. Schon am 19. September titelt die „Valeurs actuelles“ weiter „Migranten, Toxicos, Verrückte“, beklagt Zensur und veröffentlicht dankbar eine Videomessage eines rechtsextremen Advokaten, der befindet, dass die Justiz die Affären „VA“/Obono und Schneidermann/Kelly mit zweierlei Maß angehe. Schließlich sei der VA-Text nur eine Fiktion, die rassistische Beleidigung Kellys aber eine Realität. Und das Schuldbewusstsein der „Valeurs actuelles“ sieht mittlerweile so aus:

Diese Seite war (!) von zahlreichen Persönlichkeiten der Linken als rassistisch beurteilt worden, vor allem von den Rassialisten.

Dass der "Front populaire" Michel Onfrays in seiner Septemberausgabe einen Betrag mit dem Titel "Nicht immer sind die Rassisten, von denen man es denkt" brachte, ist in diesem Kontext keine Überraschung.

Die beiden Beispiele zeigen aber auch, wie schwer der antirassistische Kampf ist. Trotz großer, aber kurzzeitiger Solidarität wird die übel rassisierte Danièle Obono von Rechten (nur von Rechten?) als eine undankbare schwarze Rassistin und „Linksislamistin“ („Islamo-gauchiste“) perzipiert, als Beispiel für das kommunitäre „Abgleiten“ ihrer Partei, der France insoumise. Wie wird die große Zielgruppe der Nichtwähler auf diese Insinuierungen reagieren? Wie die eigenen Anhänger?

Schneidermann wird weiterhin über die Zemmours dieser Medienwelt aufklären, aber vielleicht mit weniger Verve. Andere werden durch die Beispiele eingeschüchtert, resigniert. Wie kann es angesichts der Verhältnisse anders sein?

Hätte Schneidermann seinen Text anders formulieren sollen? Wie beschreibt man ein kolonialistisches Dispositiv ohne kolonialistische Begriffe? Welches Syntagma hätte er als Ersatz für „farbige Frau“ wählen können, für „Dienerin“. Hätte beispielsweise das Wortpaar „Sekretärin“ und „Chef“ nicht anderes bedeutet? Welche Begrifflichkeit beschreibt Kontinuität und fällt nicht in ahistorischen Präsentismus? Soll man Texte in vorwegnehmender Angst aseptisieren und ihnen die kritische Schärfe nehmen? Ich meine nicht, aber sollten wir alle uns nicht an die eigene Nase fassen (sei diese weiß, rot oder was auch immer) und als erstes erkennen, dass auch „wir“ in rassistischer Kontinuität stehen. Es kann nicht anders sein. Und da hilft nicht nur die gute Absicht.

Der Soziologe Saïd Bouamama warnt zum Beispiel vor der Instrumentalisierung des Feminismus und der Arbeiterklasse durch einen „Discours républicaniste“. Den so genannten Werten der Republik (Einheit der Nation, Laizität, Befreiung der muslimischen Frauen vom Kopftuch, der Geist des 11. Januar: „Ich bin Charlie“) könne der Front/Rassemblement national mühelos zustimmen. Der „Racisme respectable“ führt ideologisch den offenen und versteckten Rassismus der 3. und der 4. Republik weiter, verwoben mit den entsprechenden sozialökonomischen und politischen Kontinuitäten. Und es ist vor allem die Ökonomie, die old-fasioned "Basis" eines Karl Marx, die zu verändern ist. Das ist unmöglich? Bouamama spricht mit Gramsci zwar vom „Pessimismus der Intelligenz“, aber auch vom „Optimismus des Wollens“. Verändern ist aber doch Gewalt. Sicher, aber was ist Rassismus?

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