Ärzte und Folter

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Ich lese gerade den Roman „Zweimal Juni“ von Kohan, in dem er sich mit der Rolle der Ärzte in Verbindung mit der Folter während der Militärdiktatur in Argentinien beschäftigt.

Immer noch und immer wieder taucht das Thema zwar in den Medien auf und verhallt nach einiger Zeit, insbesondere, so scheint es mir, weil die Aufmerksamkeit auf die politischen Ebene gelenkt wird und die Verantwortlichen hauptsächlich dort gesucht und gefunden werden.

Ich denke, dass auch die Vergegenwärtigung der Rolle der Ärzte als Mittäter , einer gesonderten Betrachtung unterliegen sollte.

Die Folter kann nur erfolgreich sein,wenn der Gefolterte nicht gleich seinen Verletzungen erliegt und wenn sie so lange fortgesetzt werden kann, bis Informationen herausgepresst werden können. Um das zu erreichen, brauchen Folterer die Mithilfe von Ärzten.

Die Folter ist ohne die Mitwirkung von Ärzten nicht zufriedenstellend durchführbar. Denn eine Folter ohne das Wissen um die Funktion eines Organismus, über die Grenzen seiner Belastbarkeit, um die Wirkung von Medikamenten oder deren Absetzung ist viel weniger zielführend für die Folterer.

Von dem Moment der Inhaftierung ist die Anwesenheit des Arztes wünschenswert, weil die ärztliche Untersuchung des Gefangenen darüber Aufschluss gibt, ob ein Häftling „folterfähig“ ist oder nicht. Der Schein der Ordnungsmäßigkeit wird durch die Präsenz eines Arztes aufrechterhalten, legitimiertdie Folter und entlastet gewissermaßen die Folterknechte ihrer Schuld.

Während der Folter überprüfen Ärzte die Vitalfunktionen der Gefolterten, entscheiden den Zeitpunkt und den Einsatz von lebenserhaltenden Maßnahmen und den Zeitpunkt, an dem die Folter abgesetzt oder fortgesetzt werden kann, erhöhen den Druck und das Leiden derGefolterten durch Verweigerungvon ärztlichen Maßnahmen.

Der Arzt, selbst wenn er in einer Foltersituation seine Rolle darin sieht, den Tod des Gefolterten zu verhindern, wird zum Ausbilder der Folterer, zum Mittäter.

Die Fälschung von Totenscheinen und die damit verbundene Verschleierung der Todesursache ist ohne die Mitwirkung von Ärzten nicht möglich.

Für die Folterer ist der Arzt, der seinen Beruf als einen rein technischen Prozess versteht, der allein von den erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten abhängt oder der Arzt, der Foltermethoden unter dem rein wissenschaftlichen Aspekt begreift, als einen Forschungsgegenstandwelcher der Untersuchungund Verbesserung von lebenserhaltenden Methoden versteht und diese in keinen moralischen Rahmen einbindet, der ideale Mitarbeiter.

Dem Berufsethos zufolge, soll derArzt allein die Not der Mitmenschen lindern. Kein höheres Wohl, auch nicht das eines Staates darf dem Grundsatz entgegenstehen.

16:41 18.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Yola

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