Ärzte und ihre Sprachmanierismen

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Karl Kraus sagte sinngemäß, dass Kritik an der Sprache, auch Kritik an der Sache selbst sei.

Der gedankliche Inhalt wird auch von der Form des Ausdrucks geprägt. Ein klarer Gedanke läßt sich auch problemlos in eine klare Form bringen, wenn die Dürftigkeit der Aussage nicht in wohlklingenden und hochtrabenden Worten verbrämt werden soll.

Wenn Ihr Arzt folgende Begriffe benützt, dann hat er vielleicht das Bedürfnis, wichtig und gebildet, sachkundig und würdig, überlegen und bewunderungswürdig zu erscheinen.

Die arterieller Hypertonie ist einfach eine Hypertonie, weil es keine venöse Hypertonie gibt. das wäre dann ein venöser Stau.

Die Beschwerdensymptomatik ist, unaufgeblasen, eine Symptomatik, weil Beschwerden Symptome sind.

Ein akuter Schlaganfall ist ebenfalls ein Pleonasmus, da es keinen chronischen Schlaganfall gibt und im 'Anfall' schon das 'akute' drinsteckt.

Nicht anders verhält es sich auch beim akuten Hörsturz.

Bei der Pareser beider Beine zeigt der Plural schon an, dass es sich um beide handeln muss, denn mehr davon haben wir nicht.

Ein diskreter Ausschlag soll einen kaum sichtbaren Ausschlag meinen. Ungünstig nur, dass 'diskret' im Deutschen verschwiegen, taktvoll bedeutet.

Mit neurologischen Defiziten meint der Doktor Ausfälle, Störungen. Da klingt doch so ein Defizit, sprich: Fehlbetrag doch gleich viel eloquenter.

Die depressive Erkrankung gibt's gar nicht. Eine Erkrankung kann rheumatisch sein (wenn sie sich auf die Erkrankung der Gelenke bezieht) oder kardial, wenn sie sich auf das Herz bezieht. Die Depression bezieht sich aber auf den gesamten Menschen.

Wenn der Arzt sagt, dass Krankheiten abgeklärt werden, meint er keine abgeklärte Person. Abklären bedeutet in der deutschen Sprache, eine trübe Flüssigkeit klar werden, sich setzen lassen. Er könnte eine Krankheit klären, aber das wäre vielleicht doch etwas zu einfach für ihn.

Wenn Patienten ein Medikament fürderhin oral verabreicht werden soll, dann heißt das: Patienten werden oralisiert . Bei Zäpfchen heißt es dann wohl 'analisiert' ?

Mein persönlicher Favorit (und das der Ärzte ;-)) ist die evidenzbasierte Medizin. Haben Ärzte, da sie des Amerikanischen selbstverständlich mächtig sind, gedankenlos nachgeplappert. Blöd nur, dass 'Evidenz' in der deutschen Sprache das bedeutet, was NICHT bewiesen werden muss, weil es augenscheinlich ist. Also das Gegenteil dessen, was es im Amerikanischen bedeutet.

Wenn Präparate histologisch aufgearbeitet werden, ist damit nicht gemeint, dass nachgearbeitet, nachgeholt oder Liegengebliebenes erledigt wird - was das Wort 'aufarbeiten' im Deutschen meint.

Die chronische Lumbago meint eigentlich die chronische Lumbalgie. Lumbago ist der akut auftretende Kreuzschmerz, der Hexenschuss. Lumbalgie ist der Kreuzschmerz. Die lumbago kann zu einer chronischen Lumbalgie werden, niemals jedoch selbst chronisch sein.

Delir bei Alkoholabusus, Arrythmie bei Vorhofflimmern meint immer 'durch'. Weil 'bei' keinen kausalen Zusammenhang herstellt.

18:51 15.02.2012
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Geschrieben von

Yola

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