"Kein Geld für Wohltaten"

"Kein Geld für Wohltaten" Die SPD hat ein Klima geschaffen, in welchem jeder sich selbst der Nächste ist.
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Jahrelang haben Union, SPD, FDP und Grüne einhellig verlautbart, es sei kein Geld für soziale Wohltaten vorhanden. Auch die teure Bankenrettung während der Finanzkrise vermochte dieses quasi religiös vorgetragene Dogma nicht mehr zu erschüttern. Wenn die Wähler über zwei Jahrzehnte hinweg von allen Parteien (außer von den „Spinnern von den Linken“), von quasi allen führenden Medien nur das hören, dann muss es doch wahr sein, oder? Selbst die SPD, vorgebliche Verteidigerin der Armen und der Arbeiter, stellte sich auf die Seite der Reichen, senkte Reichensteuern, führte keine Vermögenssteuer mehr ein und erklärte, wer nicht arbeite, solle nicht essen und platzierte in den Köpfen die Gleichung, "arbeitslos = faul". Mehr als ein Jahrzehnt später haben immer mehr Menschen Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst vor dem Stigma, Angst schon bald auf der Verliererseite zu stehen, denn Geld für Hilfe ist nicht da.

Und dann kamen in großer Anzahl Flüchtlinge und plötzlich war Geld für soziale Wohltaten da? Nein, das glauben die Wähler nicht. Die Wähler wissen, wenn kein Geld da ist, dann müssen die knappen Ressourcen mit den Flüchtlingen geteilt werden.

Wenn also Frau Merkel sagt, "Wir schaffen das", dann hört der AfD-Wähler, dass er den Gürtel enger schnallen muss, um das zu schaffen. Wenn die AfD dann verspricht, sie werde dafür sorgen, dass die Flüchtlinge weniger bekommen oder verschwinden, dann gibt die AfD das Versprechen ab, dass der Wähler seine Ressourcen nicht teilen muss. Für den AfD-Wähler ist dann auch jeder Grund Grund genug, Flüchtlinge schlecht zu machen, muss man doch mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren, dass man Flüchtlingen, trotz ihres Menschseins, nicht einmal ein Existenzminimum zugestehen möchte. Und mit der Zeit wird es dann immer einfacher, Flüchtlinge pauschal als Verbrecher, Schmarotzer und Betrüger zu diffamieren und es wird einfacher, eine Partei zu wählen, die solche Aussagen öffentlich tätigt.

Wahlumfragen der ARD bestätigen, die Wähler der AfD wählten diese zu großen Teilen nicht aus Überzeugung, sondern aus Enttäuschung über die Politik der anderen Parteien. Während das Land als solches wirtschaftlich prosperiert, haben große Teile der Bevölkerung seit zwei Jahrzehnten keinen Anteil mehr am Erfolg. Noch schlimmer: Immer mehr sorgen sich vor dem eigenen sozialen Abstieg und dem ihrer Kinder. Wenn der Glaube verloren gegangen ist, dass die eigene Lage verbessert werden kann, weil Umverteilung von den Reichen zu den Armen den Wirtschaftsstandort gefährde, dann kämpft der Verzweifelte auch mit verpönten Mitteln für die Verteidigung dessen, was ihm noch geblieben ist. Für 13 Prozent der Wähler war die AfD dieses verpönte Mittel und wenn die anderen zukünftig im Bundestag vertretenen Parteien sich weiterhin weigern, allen Menschen im Land Anteil am wirtschaftlichen Erfolg dieses Landes zu gewähren, dann wird die AfD noch größere Erfolge feiern und das Land in einer Art umkrempeln, wie es sich keiner wünschen kann.

Schon jetzt kurz nach dem Wahlerfolg der AfD bläst der Spitzenkandidat Gauland zur Jagd nach dem politischen Gegner. Wo der erlegte Gegner seinen Platz finden soll, wenn die AfD einmal eine Mehrheit in diesem Land erringen sollte, können sich vielleicht nur noch die Jahrgangsältesten dieser Gesellschaft vorstellen. Aufgabe für die nächste Legislaturperiode muss daher mehr sein als ein Reagieren. Regieren beinhaltet den Anspruch der Gestaltung, und diese Gestaltung sollte zum Ziel haben, langfristig für alle Bürger die Verhältnisse zu verbessern. Regierung und Legislative muss es gelingen, allen Menschen Hoffnung für ihre und die Zukunft ihrer Kinder und Enkel zu geben, nur dann werden alle Wähler erkennen, dass die AfD keine Alternative ist.

08:54 30.09.2017
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Geschrieben von

Yacine Ghoggal

Chefredakteur "der Hausjurist", Chefredakteur und Herausgeber "ACCEDO"
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Yacine Ghoggal

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