Pankow »Paule Panke«

Protestsong Die Geschichte hinter dem Song »Paule Panke« von Pankow
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Anfang der achtziger Jahre schreibt die DDR-Band Pankow mit 14 Songs Musikgeschichte. In ihrem Rocktheater »Paule Panke« schildern sie eigentlich nur einen Tag aus dem Leben eines Schlosserlehrlings. Weil die Band aber ohne Rücksicht auf Zensur über die Bevormundung, Langeweile und Gleichförmigkeit im DDR-Alltag redet, erreicht das Bühnenstück schnell Kultstatus unter Jugendlichen und treibt damit nicht nur den Kulturfunktionären den kalten Schweiß auf die Stirn

Im Jahre 1982 wird die DDR von einer Clique alter Männer regiert. Das Durchschnittsalter der Politbüromitglieder liegt bei 60 Jahren. Erich Honecker, der mächtigste Politiker des Staates, ist bereits 70 Jahre alt.
Alle bis auf sieben sind seit mindestens acht Jahren im Amt. Trotzdem versteht sich die DDR als »Staat der Jugend« und offiziell gelten Jugendliche als die »Hausherren von morgen«. Doch im wirklichen Leben hat die junge Generation nichts zu sagen.
Ihr Wunsch nach Selbstbestimmung und persönlichen Freiräumen stößt auf Ignoranz bei den Parteifunktionären. Die Begeisterung für englische Musik, die Vorliebe für westliche Mode oder das Tragen von langen Haaren sehen sie als »dekadent« an. Nicht zuletzt führt die DDR-Elite solche Phänomene auf die »psychologische Kriegsführung« des Westens zurück. Mehr als andere Gesellschaftsgruppen gilt ihr die Jugend als »widerspenstig«, »politisch unsicher« oder »ungeduldig«.

Doch die Regierenden brauchen die junge Generation dringend für den politischen und wirtschaftlichen Aufbau der DDR. Anfang der 1980er Jahre machen junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren fast ein Fünftel der DDR-Bevölkerung aus. Sie stellen zwischen einem Viertel und einem Drittel der Belegschaften in den Betrieben. Deswegen versucht die Staatsführung mit Macht, die Kontrolle über die Jugend zu behalten. In nahezu allen Bereichen, mit denen Jugendliche in der DDR in Berührung kommen, will der lange Arm der Bürokratie das Geschehen dominieren. Über die einzige staatlich anerkannte und geförderte Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) soll die Freizeitgestaltung der Jugendlichen gestaltet werden. Sie leitet Club- und Kulturhäuser, führt das Reisebüro »Jugendtourist«, organisiert Kultur-, Sport- und Freizeitveranstaltungen und strahlt in Hörfunk und Fernsehen ein eigenes Jugendprogramm aus.
Mitglied in der FDJ zu werden, ist zwar eine freiwillige Entscheidung, doch für diejenigen, die sich dagegen entscheiden, ist eine normale schulische oder berufliche Laufbahn kaum denkbar. Im Jahr 1981 hat die FDJ 2,3 Millionen Mitglieder, das sind fast 75 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren.
Das Gefühl einer verplanten Zukunft stellt sich bei vielen aber vor allem wegen der eingeschränkten sozialen Perspektive ein. Jeder, der vor dem Abitur von der Schule abgehen will, muss sofort eine Lehre beginnen oder als »Ungelernter« in einem Betrieb anfangen. Nach dem Schulabschluss erst einmal ein Jahr auszusetzen, zu jobben oder ein Praktikum zu absolvieren, ist nicht möglich.
So gehen bis zu 80 Prozent eines Jahrgangs nach der 10. Klasse direkt in die Berufsausbildung. Eine freie Berufswahl und damit die Möglichkeit zur persönlichen Lebensplanung existiert für die Mehrheit der Jugendlichen in der DDR nicht. Viele sind gezwungen, einen Beruf zu ergreifen, der sie gar nicht interessiert.
Anfang der 1980er Jahre verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage in der DDR. Schon im November 1979 notiert der Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski in sein Tagebuch: »Auf keinem Gebiet haben wir eine Konzeption. Wir leben von der verwelkten Hand in den zahnlosen Mund«.
Die junge Generation in den Betrieben macht zu dieser Zeit die Erfahrung mit Mangel und wirtschaftlicher Desorganisation. Das lässt sie in Widerspruch geraten zu dem in der Schule, den Medien und bei FDJ-Versammlungen vermittelten Bild der »erfolgreichen« DDR. Der permanenten Disziplinierung und sozialen Kontrolle durch Lehrer, Polizei und Vorgesetzte ausgesetzt, wächst Anfang der 1980er Jahre unter den Jugendlichen zunehmend der Zorn über die herrschenden Verhältnisse.

In ihrem Rocktheater »Paule Panke« thematisiert die Band Pankow diese Erfahrung. Wie kaum eine andere Band spricht sie ohne Rücksicht auf die Zensur aus, was eine ganze Generation erlebt. Der Alltag des Schlosserlehrlings Paule Panke steht für viele andere: Von den Schwierigkeiten, morgens aufzustehen, über die Monotonie bei der Arbeit bis zur Tristesse in der Freizeit.
Hauptdarsteller ist der Sänger der Band, André Herzberg. Die Bühne verwandelte sich mit wenigen Requisiten zum Schlafzimmer, zur Werkstatt oder zur Disco.
Das Stück beginnt mit einem Paukenschlag: André Herzberg mimt einen Kulturfunktionär und kündigt in geschwollener Sprache die Band Pankow an. Als er bekannt gibt, vor dem Konzert noch »einen dreistündigen Einführungsvortrag über die Geschichte der Beatmusik« halten zu wollen, wird er von der Bühne verjagt und das Rocktheater beginnt mit dem ersten Song »Frühstückswalzer«. Im Morgenrock gekleidet liegt André Herzberg in einem armseligen, klapprigen Eisenbett. Dann singt er:

»Ich komm nicht hoch, / Ich komm nicht hoch, / Noch einmal umdrehen, / Die Gedanken sind grau, / der Magen ist flau, / die Spucke schmeckt bitter, / im Arsch ist Gewitter, / ich fühl mich so leer, / die Brust ist aus Teer.
Los, jetzt aufstehen, / nicht mehr umdrehen, / Zähne putzen, Seife benutzen, / Kohlen holen, Schuhe besohlen, / Ofen heizen, nicht Muttern reizen.
Das ist kaum zu schaffen, / ich fühl mich so schwach, / das gibt Krach, / das gibt Krach.«

Danach folgt der »Werkstattsong«. Ein gehetzter Rhythmus mit Originalgeräuschen aus der Maschinenhalle treibt die Band an. Frontmann Herzberg singt: »Wann kommt denn mal ‚ne Pause, / Hab Durst auf so ‚ne gelbe Brause, / Doch feil ich immer weiter wie ‚ne Eule, / Auf dieser hyperdicken Eisenbeule / Nun schon wochenlang herum, / Das macht mich ganz heiß und krumm.«

Diese ungeschminkte neue Wahrheit kommt an: Die Band entwickelt sich zum Geheimtipp unter Jugendlichen. Mehrere hundert Mal wurde das Stück aufgeführt. »Paule Panke« tourt durch den »Arbeiter- und Bauernstaat« und erreicht in den Kulturhäusern und auf den Freilichtbühnen der DDR bis zu Hunderttausend Zuhörer, die teilweise am Ende zwanzig Minuten lang applaudieren. Nach dem Konzert fragen die Besucher: »Dürft ihr das? Ham‘se euch das erlaubt?« Ham‘se. Aber der Erfolg des Stückes macht nicht nur den Kulturfunktionären Angst.
Eine Plattenveröffentlichung wird daher abgelehnt. Für Amiga, die Schallplattenfirma für »zeitgenössische Unterhaltungsmusik«, sind die Geschichten um den Lehrling Paule, der sich durch den DDR-Alltag kämpft, »nicht realistisch«. Die Hauptfigur sei ein »chronischer Miesmacher, Nörgler und Muffel«. Außerdem habe das Stück »weltanschauliche Schwächen«.
Gerade mal zwei Lieder des »Paule Panke«-Spektakels darf die Band auf ihre Debüt-LP »Kille Kille« packen. Pankow-Frontmann Herzberg erinnert sich: »Die Selbstverständlichkeit, mit der es abgelehnt wurde, war auch klar. Das findet nicht statt. Das Verbot ist eine tiefe DDR-Erfahrung, da kannst du nichts machen, das ist wie Beton!« Die gleichnamige Singleauskopplung ist dennoch schnell vergriffen, das Album geht 120.000 Mal über den Ladentisch. Ein außergewöhnlicher Start für eine DDR-Rockband. Erst im Wendejahr 1989 erscheint »Paule Panke« bei Amiga – wie so oft in der DDR das Ergebnis zäher Zickzack-Kurse in der Kulturpolitik.

Mit Pankow beginnt ein neuer Abschnitt der DDR-Popmusik. Die Gruppe, die sich vordergründig nur nach einem Berliner Stadtbezirk benennt, in dem die Villen vieler Regierungsmitglieder stehen, wird für Teile der DDR-Jugend zum Inbegriff für Protest gegen die herrschenden Verhältnisse. Der Name ist eine Anspielung auf den Begriff des »Pankow-Regimes«, wie die DDR-Führung unter Wilhelm Pieck in den 1950er-Jahren abschätzig im Westen genannt wurde. Aber auch das ähnlich klingende Wort »Punk« steht bei der Namensfindung Pate. Das »Pankow«-Quintett mit Jürgen Ehle (Gitarre; siehe Foto), Hans-Jürgen Reznicek (Bass), Frank Hille (Schlagzeug), Rainer Kirchmann (Keyboards) und Leadsänger André Herzberg punktet mit einer Musikmischung von Punk, Rock und dem, was im Westen einige Jahre später »Neue Deutsche Welle« genannt wird. In ihren Texten ist die Band nah dran an den realen Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen der »kleinen Leute«. Sie spricht eine verständliche Sprache. Es ist die ihres Publikums. Der ältere Bruder des Sängers, Wolfgang Herzberg, alias Frauke Klauke, ist bis Mitte der Achtziger für die meisten Texte verantwortlich. Von Beginn an lotet die Band mit provokanten Texten und leidenschaftlichen Livekonzerten die Grenzen des Kulturbetriebes in der DDR aus.
Immer wieder gibt es Verrisse im »Neuen Deutschland«, Eingriffe der Zensurbehörden und sogar Auftrittsverbote. So wirbeln die fünf Musiker die DDR-Musik-Szene ordentlich auf und werden bald die »Stones des Ostens« genannt. Dabei ist Frontman Herzberg eher ein Anti-Macho: Auf der Bühne spielt er mal den Ahnungslosen, Kindlichen, Sentimentalen, der die Perversionen seiner Umwelt durch seine Ehrlichkeit entlarvt. Mal ist er wütend, rotzig und laut und singt, als wäre er auf einer Barrikade im Kampf für Gerechtigkeit.

Die Ehrlichkeit und Brisanz, mit der die Band arbeitet, bleibt bis zum Fall der Mauer ihr Markenzeichen. Auch wenn Pankow nie ein Teil der sich Anfang der 1980er Jahre entwickelden Underground-Szene der DDR sind, sondern zu den etablierten Größen im DDR-Kulturbetrieb zählen, arrangieren sie sich nicht mit dem System. Im Gegenteil: Pankow entwickeln sich zu einem Sprachrohr der jungen Arbeitergeneration und nutzen ihre Popularität für Attacken gegen das Establishment. Rückblickend meint André Herzberg: »Um die Band verstehen zu können, muss man wissen, sowohl Ehle als auch ich, wir sind im Grunde genommen … also, eigentlich sind wir Kommunisten! Richtig Linke von der Erziehung her. Also er hat ja in einer Singegruppe gespielt, um Gottes Willen! Und ich komme aus einem kommunistischen Elternhaus. Wir hatten Illusionen, wir hatten etwas vor mit unserer Kunst: Wir wollten die DDR verbessern, die Menschen, alles. Wir wollten das Gute. Das hat die Funktionäre zur Wut gebracht«.
Im Jahr 1988 erscheint »Aufruhr in den Augen«, das letzte Vorwendealbum der Band. Im Song »Langeweile« heißt es: »Dasselbe Land zu lange geseh‘n, dieselbe Sprache zu lange gehört, zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt. Ich bin rumgerannt, ich bin rumgerannt, zuviel rumgerannt, ist doch nichts passiert.«
Nur ein Jahr später passiert dann doch etwas: Vor allem die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter sind es, die in einer Abstimmung mit den Füßen ihren Überdruss gegenüber dem SED-Saat zum Ausdruck bringen. Es ist der Beginn einer Massenbewegung, die das SED-Regime zum Sturz bringen wird. Die Clique alter Männer hat den Kampf um die Köpfe der jungen Generation verloren. Die Songs von Pankow lieferten den Soundtrack dazu.

Der Song: »Paule Panke« von Pankow erscheint 1989 auf dem Album Paule Panke Live 1982. (LP, MC, CD / Amiga)

Die Künstler: Pankow ist eine 1981 in der DDR gegründete Rockband. Die Band entwickelte sich zu einem Sprachrohr der jungen Arbeitergeneration und nutzte ihre Popularität immer wieder für Kritik an der Politik der SED.

08:18 03.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

YPA

äh wie jetzt...
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YPA

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