Public Enemy: »By the Time I Get to Arizona«

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Mit einem Remake des Rap-Klassikers »By the Time I get to Arizona« von Public Enemy machen Künstler aus Arizona gegen das neue Einwanderungsgesetz mobil. Ein musikalische Kampfansage mit Tradition.

Sergio Cortéz ist 32 Jahre alt. 17 Jahre lang hat er in den USA geschuftet, ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Arbeitsverträge, ohne Rechte. Als er zum fünften Mal von der Polizei geschnappt wird, schiebt ihn die US-Einwanderungsbehörde nach Mexiko ab. Mit nicht mehr als zwei Plastiktüten in der Hand wird er zurück in sein Geburtsland deportiert. So wie Cortéz kann es jedem der elf Millionen Menschen ergehen, die ohne Papiere in den USA leben. Schon jetzt sitzen Hunderttausende in den US-amerikanischen Abschiebegefängnissen. Die Zahl der Ausweisungen aus den USA hat sich zwischen 1999 (183.114) und 2008 (358.886) nahezu verdoppelt. Mexikaner sind mit 70 Prozent die weitaus größte Gruppe unter den Abgeschobenen.
Im Bundesstaat Arizona leben 460.000 Einwanderer ohne Papiere. Das sind zwar nur vier Prozent aller in den USA Illegalisierten, doch weil Arizona im Süden an Mexiko grenzt, versuchen dort jeden Tag Menschen unbemerkt über die Grenze zu kommen. Die neoliberale Wirtschaftspolitik im Zuge eines Freihandelsabkommens mit den USA hat den Auswanderungsdruck in Mexiko verstärkt. Viele Kleinbauern können seitdem der Konkurrenz des multinationalen Agrobusiness nicht mehr standhalten und werden von ihrem Land verdrängt. Sie gehen in die Städte und in die Grenzregion, wo die Maquiladoras, die Weltmarktfabriken, angesiedelt sind.
Die Arbeitsbedingungen dort sind unzumutbar: lange Arbeitszeiten, Fließbandarbeit und niedrige Löhne. Fünfzig Millionen Menschen leben in Mexiko unterhalb der Armutsgrenze. Etwa 40 Millionen haben weniger als zwei Euro am Tag zur Verfügung. Ob sie einen Job haben oder nicht, diesen Mexikanern wird keine andere Zukunft angeboten als, zu betteln, kriminell zu werden oder ihr Glück nördlich der Grenze zu versuchen.

Genau diesen Menschen hat Janice Brewer, die Gouverneurin von Arizona, den Krieg erklärt. Sie unterzeichnete ein Gesetz, wonach es strafbar ist, ohne Pass, Aufenthaltserlaubnis oder Führerschein die Straße zu betreten. Die Polizei in Arizona kann künftig jeden Menschen kontrollieren, bei dem der »begründete Verdacht« besteht, er könnte sich unerlaubt in den Vereinigten Staaten aufhalten. Gefahndet wird nach rassistischen Kriterien – ausgesucht werden Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Haare und Augen, ihrer Kleidung, Sprache und anderer Merkmale eine hispanische Herkunft haben könnten. Kann die kontrollierte Person ihren legalen Status nicht auf der Stelle nachweisen, droht ihr die Festnahme, Gefängnis und Abschiebung. Das Gesetz stellt somit alle Bürger unter Generalverdacht, die ursprünglich aus Mexiko, Mittelamerika oder anderen Regionen Lateinamerikas stammen. Schlimmer noch: Jeder US-Bürger in Arizona kann Polizisten anweisen, Menschen auf ihren Aufenthaltsstatus hin zu kontrollieren. Polizeibeamte, die dieser Gesetzespflicht nicht genügen, können verklagt werden. Für Jennifer Allen, die Leiterin des »Border Action Networks«, ist klar: »Dieses Gesetz ist ein Auftakt zur Jagd auf alle Latinos. Es ist eine Anstiftung zu Rassismus.«

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Aus Empörung über das Gesetz haben amerikanische Künstler um die Rapperin Queen Yonasda die Initiative ergriffen und einen Protestsong veröffentlicht. Ihre Vorlage: eines der angriffslustigsten Lieder der legendären Politrapper Public Enemy: »By the Time I Get to Arizona« aus dem Jahre 1991.
Im Visier von Public Enemy stand damals Gouverneur Fife Symington. Die Hauptrolle in dem Rap spielte jedoch Martin Luther King. Mit dem Song protestierte die Band dagegen, dass sich Symington weigerte, den Bürgerrechtsaktivisten mit einem Feiertag zu würdigen. Der konservative Republikaner kritisierte Kings Opposition zum Vietnamkrieg und beschuldigte ihn, den »aktionsorientierten Marxismus« zu unterstützen.
Public Emeny antworteten darauf, indem sie im Video zum Song die schwarze Bürgerrechtsbewegung wieder auferstehen ließen. Originalaufnahmen von Straßenprotesten, Sit-ins und Aktionen des zivilen Ungehorsams vermitteln durch schnelle Schnitte die Dynamik der Bewegung. Die Schlussszene sorgte für einen Eklat. Zu sehen ist die Ermordung Martin Luther Kings – in Zeitlupe. Nachdem der Bürgerrechtler in sich zusammensackt, zeigt das Video bewaffnete Guerillakämpfer, die ein Bombenattentat auf den Gouverneur von Arizona verüben. In dem Moment, in dem sein Auto in die Luft fliegt, endet das Lied. In den gesamten Vereinigten Staaten wurde das Video verboten, in Arizona auch der Song. Trotzdem verkaufte sich das dazugehörige Album »Apocalypse 91… The Enemy Strikes Black« über eine Million Mal und kletterte auf Platz eins der R’n’B/Hip-Hop-Charts.
Public Enemy treffen den Nerv einer ganzen Generation. Die Band predigt, rappt und agitiert. Für den Frontman Chuck D. ist Rap das »CNN für Schwarze«. Public Enemy rücken auf ihren Platten die Sorgen und Nöte der Menschen in den Ghettos in den Mittelpunkt. Rassismus, Polizeibrutalität, Armut, Arbeitslosigkeit, die Einseitigkeit der Medien – in den Songs der Band wird zurückgeschossen. Im Jahr 1988 produzieren sie mit »It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back« eines der einflussreichsten Alben der HipHop-Geschichte. Die Texte sind bissig, radikal, geladen und gewagt, der Sound ist hart, wütend und entschlossen.
Das musikalische Rückgrat der Band ist das Produktionsteam »Bomb Squad«. Mitte der 1980er Jahre perfektioniert Public Enemy die Technik des »Sampling«. Hierbei wird ein bestimmter Ausschnitt aus einer Ton- oder Musikaufnahme heraus kopiert, um daraus einen eigenen Song zu komponieren. Im Fall von » By the Time I Get to Arizona« ist es ein Gitarrenriff der Funkgruppe Mandrill und ein Drumloop der Jackson Five. Hank Shocklee, der Kopf des »Bomb Squad«, arrangiert mit Sampels einen Sound, der Public Enemy den Geist des Punkrock atmen lässt. Ende der 1980er Jahre steht keine andere Band so für Widerstand und Rebellion wie Public Enemy.

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Das jetzt veröffentlichte Remake des Public-Enemy-Songs bezieht sich auf diese Tradition. Ganz im Stile Chuck D.s beginnt DJ John Blaze: »Brüder und Schwestern, es ist Zeit aufzustehen und zu protestieren«. Die Rapperin Queen Yonasda übernimmt und stellt klar: »Die Regierung ist kein Gott. Wir müssen das Einwanderungsgesetz stoppen.«
Die 13 Musiker sind nicht die Einzigen, die der Regierung von Arizona den Kampf angesagt haben. Der Rapper Pitbull und die Hip-Hop-Veteranen von Cypress Hill sagten ihre Konzerte in dem Bundesstaat ab. Die Sängerin Shakira spricht bei Kundgebungen gegen das Gesetz. Bei den Billboard Latin Music Awards bekam der Popsänger Ricky Martin minutenlangen Applaus, als er aussprach, was Millionen denken: »Schluss mit dieser Diskriminierung. Stoppt den Hass. Stoppt den Rassismus.«
Chuck D. von Public Enemy rief zum Boykott von Arizona auf: »Wir fordern Musiker, Künstler, Sportler, Wissenschaftler und Unternehmen auf, ihre Arbeit in Arizona zu verweigern, bis die Behörden nicht nur dieses Gesetz aufheben, sondern auch die Menschenrechte von Migranten anerkennen. Was sie den Einwanderern zumuten, ist erschreckend, aber es wird noch schlimmer, wenn wir schweigen.«

10:06 02.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

YPA

äh wie jetzt...
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YPA

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