Spider Murphy Gang »Skandal im Sperrbezirk«

Protestsong Die Geschichte hinter dem Song »Skandal im Sperrbezirk« von Spider Murphy Gang
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Im Jahr 1981 komponiert die bayrische Rock-’n’-Roll-Band Spider Murphy Gang das Lied »Skandal im Sperrbezirk«. Im Sog der Neuen Deutschen Welle stürmt der Song ein Jahr später die Hitparaden, just zu der Zeit, als die CSU die Münchner City zur No-go-Area für Linke, Homosexuelle, Obdachlose und Prostituierte erklärt. Der Song wird zum Politikum, weil er die spießige Doppelmoral der bayerischen Provinzhauptstadt aufs Korn nimmt – ungewollt wird die Band zum »enfant terrible« der Münchner Szene.

Im Jahr 1982 wird der Christdemokrat Peter Gauweiler Chef des Kreisverwaltungsreferats in München und damit Zuständiger für die öffentliche Sicherheit der Millionenstadt. Der CSU-Mann ist ein Ziehsohn von Franz Josef Strauß und der Star in seiner Partei: jung, ultra-konservativ und voller Tatendrang. Für Gauweiler ist München kurz davor, ein Ghetto zu werden. Die »Harlemisierung« und Entartung zu einer »muselmanischen Gemeinde« will er verhindern und gegen die Zerstörung und Verwüstung der Städte durch die »zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz vielfältigster Verwilderungserscheinungen« vorgehen. An erster Stelle steht für den selbsternannten Saubermann die Verbannung des »scharfen Sex« aus der Alpenmetropole.

Dass im damaligen München bereits die bundesweit restriktivsten Gesetze für Prostitution herrschen, interessiert ihn nicht. Im Gegenteil: Kaum im Amt, setzt Gauweiler eine erhebliche Ausweitung des 1972 eingerichteten Sperrbezirkes durch – mit fatalen Auswirkungen für die Arbeitsbedingungen der Prostituierten. Ab sofort ist fast im gesamten Stadtgebiet jegliche Form der Prostitution verboten, nicht nur auf der Straße, sondern auch in Wohnungen oder Hotels. Die Polizei setzt das Verbot mit aller Härte durch. Entsprechende Annoncen in Tageszeitungen werden ausgewertet, Razzien sind an der Tagesordnung. Männer und Frauen, die der Prostitution trotzdem nachgehen, werden zu hohen Bußgeldern oder gar zu Gefängnisstrafen verurteilt. Beamte aus Gauweilers Abteilung schwärmen sogar zum Nachtdienst in die Bars der City aus, um verbotenen Sex im Münchner Sperrgebiet aufzuspüren. Ausgestattet mit umfangreichen Spesen geben sie sich als Scheinfreier aus. Zusätzlich lässt Gauweiler ein Bordell nach dem anderen schließen und verfügt ein generelles Verbot von Peepshows. Gauweilers Maßnahmen verdrängen zwar die Prostitution aus den Innenstadtbezirken. Sie treiben die Frauen aber verstärkt in den Untergrund, mit allen Gefahren, die das mit sich bringt: Frauen werden vermehrt überfallen, viele müssen die Selbstständigkeit aufgeben und für Zuhälter arbeiten.
Doch Gauweilers Law-und-Order-Politik trifft nicht nur Prostituierte. Als Herr über 3000 Beamte des Kreisverwaltungsreferats ordnet er an, »soziallästige Personen aus dem Stadtbild zu eliminieren« – gemeint sind Obdachlose, die fortan ein Aufenthaltsverbot in der Münchner Fußgängerzone, dem Stachus-Untergeschoss und den Grünanlagen haben. Gauweiler spricht offen aus, die schwule Infrastruktur in München zerschlagen zu wollen. Mehrere Lokale werden geschlossen und in Saunen, die hauptsächlich von Homosexuellen benutzt werden, lässt er die Türen aushängen, um zu verhindern, dass dort Sex stattfinden kann. In öffentlichen Pissoirs werden die Lichter auf- und die Heizung zugedreht – damit es »da drin nimmer so g’müatlich is«. Von nun an gilt in der Münchner City in Sachen Öffentlicher Ordnung das Gauweiler-Prinzip: Alles, was nicht erlaubt ist, ist verboten.

Der Song »Skandal im Sperrbezirk« ist eine smarte Attacke auf Gauweilers Politik. In einem Interview erinnert sich der Sänger Günter Sigl: »Vor der Olympiade hat die Stadt gesagt, man müsse den Leuten eine saubere Stadt präsentieren und haben den Sperrbezirk eingeführt und die Etablissements in der Bahnhofsgegend mussten umziehen. Die Damen haben dagegen protestiert«. Im Text verstößt die Prostituierte Rosi gegen das Sex-Verbot und verursacht damit einen »Skandal im Sperrbezirk«. Das Lied beginnt furios: Der Synthesizer wummert die Titelmelodie, aber Schlagzeug und Gitarre setzen nur am Taktanfang mit ein. Nach dem siebten Break schaltet sich der Bass dazu und treibt den Song unhaltbar vorwärts. Der Sänger steigt ein: »In München steht ein Hofbräuhaus, doch Freudenhäuser müssen raus, damit in dieser schönen Stadt das Laster keine Chance hat.« Spätestens beim Chorus kann niemand mehr stillsitzen. Das Lied ist trotz des Themas ein Party-Hit. Zum Schluss skandiert die Band: »Skandal – Moral – Skandal um Rosi«.

Die Gruppe gründet sich 1977. Doch zu Beginn will niemand die selbst finanzierten Demokassetten der jungen Kapelle anhören. Erst als im Fasching 1978 eine Band im Schwabinger »Memoland« ausfällt, wird die Truppe für drei Gigs und 800 Mark Gage engagiert. Die Spider Murphy Gang entwickelt sich zur Hausband des Musikladens und steht bald jeden Sonntag vor ausverkauftem Haus auf der Bühne. Noch covern sie hauptsächlich Rock-’n’-Roll-Klassiker und singen dementsprechend auf Englisch. Als die Newcomer für die neue Show »Rockhouse« im Bayrischen Rundfunk angefragt werden, ändert sich das. Für den Titelsong der Show schreibt Günther Sigl seinen ersten bayerischen Text. Das »Rockhouse« wird schnell zur Institution und plötzlich kennt ganz Bayern die Spider Murphy Gang. 1979 unterschreibt die Band ihren ersten Plattenvertrag. Nach dem Debut-Album »Rock ’n’ Roll Schuah«, erscheint 1981 das zweite Album »Dolce Vita«.
Doch zu Beginn läuft es nicht rund. Die Radiosender zensieren die Single-Auskopplung »Skandal im Sperrbezirk«. Also reagiert die Band, veröffentlicht schnell die zweite Single »Schickeria« und löst damit eine Lawine aus – die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt.

Denn jetzt wollen alle beide Singles haben und das Album »Dolce Vita« ebenso. Im Frühjahr 1982 ist »Skandal im Sperrbezirk« auf Platz eins der Single-Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz, 750.000 Singles werden verkauft. Das Album »Dolce Vita« steht mit einer Million verkaufter Exemplare konkurrenzlos an der Spitze der deutschen LP-Hitlisten. Die Platte wird zum kommerziellen Startschuss für die Neue Deutsche Welle, mit der die Band aber eigentlich überhaupt nichts zu tun hat. Doch mit alltagsnahen, häufig auch regionalen Themen in den Texten, die oft von notorischen Pechvögeln und Verlierern handeln, kann sie punkten.
Als 1984 Peter Gauweiler ein Reggae-Konzert des jamaikanischen Künstlers Peter Tosh verbietet, weil dieser sich in seinem Song »Legalize it« für die Legalisierung von Marihuana ausspricht, schreibt die Gang das Lied »No Reggae in Munich«. Günter Sigl erinnert sich: »Das ist komisch für die Bierstadt München, wo der Alkohol mehr Schaden anrichtet als Marihuana. Da machen sie aber einen Aufstand und verbieten das. Man muss sich nur mal auf dem Oktoberfest umsehen, wo die Alkoholleichen rumliegen – was da alles passiert, was der Alkohol anrichtet. Da verdient die Stadt aber mit und dann ist das natürlich wieder okay.«

30 Jahre nach der Veröffentlichung von »Skandal im Sperrbezirk« rockt die Gang immer noch und ihr Song bleibt aktuell: Gauweilers Verbote, polizeiliche Überwachung und Bestrafung haben die Prostitution nicht stoppen können. Heute arbeiten in München viermal so viele Prostituierte wie Anfang der 1980er Jahre – deutschlandweit sind es 400.000 Menschen, die mit dem Verkauf von Sex ihr Geld verdienen müssen.
Das Gauweiler-Prinzip aber hat trotzdem Hochkonjunktur. Anstatt die wirtschaftliche Not zu bekämpfen, die Menschen in die Prostitution treibt, wird ein Sperrbezirk nach dem nächsten eingerichtet und werden kommunale Gesetze verschärft – zuletzt in Hamburg und Dortmund. Nur bei der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006 war plötzlich alles anders: In Köln stellte die Stadt auf einer Brache extra Boxen auf, wo Prostituierte legal arbeiteten konnten. Nach der WM wurden die Frauen abgeschoben. Skandal-Moral.

Der Song: »Skandal im Sperrbezirk« von Spider Murphy Gang erscheint 1981 (12" / EMI Electrola)

Die Künstler: Die Spider Murphy Gang ist eine Rock 'n' Roll Band aus München. Ihr Song »Skandal im Sperrbezirk« wurde zum kommerziellen Startschuss für die Neue Deutsche Welle, mit der die Band aber eigentlich überhaupt nichts zu tun hat. Doch mit alltagsnahen, häufig auch regionalen Themen in den Texten, die oft von notorischen Pechvögeln und Verlierern handeln, kann die Band bis heute punkten.

15:13 25.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

YPA

äh wie jetzt...
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YPA

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