Einhundertdreiundzwanzig Zeilen

Angst als Konsens Ein Versuch den derzeitigen Status quo in lyrischer Form zu beschreiben: anstatt Law–and–Order–Politik, wäre eine Selbstreflexion der westlichen Demokratien bitter nötig.
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https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a9/D%C3%BCrer-Apokalypse_Hure_Babylon.png/640px-D%C3%BCrer-Apokalypse_Hure_Babylon.pngDie Hure Babylon aus dem Apokalypsen-Zyklus von Albrecht Dürer (1498).

Ich habe Angst vor morgen,
immer nur Sorgen,
Morden?
Angst vor dem neuen Morgen.

Assassin oder liberal sein,
bedeutungslos und klein,
Suizid oder Sein?
Das muss die Frage derjenigen sein:
in dieser Gesellschaft leben? Nein.

Djihadisten im kollektiven Gedächtnis anfang Januar,
Drei Millionen in ganz Frankreich auf dem Trauermarsch.
Verblendet von ihrer Ideologie,
Liebe und Anerkennung gab's für sie - wahrscheinlich nie.

Keine Akzeptanz, hinter allem stecken dunkle Mächte,
geprägt durch Minderwertigkeitskomplexe.
Ewiggestrige verschließen ihre Augen, wollen es nicht wahrhaben:
Blut klebt an den Händen ihrer Vorfahren.

In Ghettos der Neuzeit sie 'reinverfrachten;
von der Politik als elendes Gesindel bezeichnet.
Es mal von einer anderen Seite betrachten,
nie dazugehört: von diesen täglichen Erfahrung gezeichnet.

Pluralismus:
für viele ein Fremdwort.
Von ihren Wurzeln beraubt,
Opfer des Kolonialismus,
im Namen Gottes: der Freitod.
Mit den Maximen der Aufklärung nicht vertraut.

Goebbels skandierte damals den totalen Krieg für den Endsieg?
Ob als orthodoxer Jude, frommer Christ oder Buddhist,
Zusammenleben mit Ignoranz und Überheblichkeit? So nicht!
So viele Flüchtlinge weltweit wie '45 und immer wieder Krieg.

Die Nutte beglückte ihr leben Lang viele, erntete immer nur Sühne.
Kämpfte gegen die Gesellschaft an, vergeblich, wie Don Quijote gegen diese eine Mühle.
Ob halal, koscher oder das Fleisch essen wie die „ewigen Sünder“,
das was wir von uns geben, das Entscheidende, kommt nicht nur aus unseren Mündern.

Auge um Auge, Zahn um Zahn,
sich selbst reflektieren geht natürlich nicht im Wahn,
Die AK und der Koran in der Hand,
oder die US-Flagge und die M16 – nur im ander'n Gewand.

Eine Krise des Liberalismus könnte man meinen -
mehr Eigenkritik üben? Weniger ankreiden?
Der Umgang mit den Anderen nur ein gutgemeinter Gesetzestext;
Unsicherheit, Perspektivlosigkeit und Verzweiflung.
Wann wird das zarte Pflänchen der Liebe in allen Köpfen keimen?
Zu komplex die Welt – der Hass setzt sich fest.
Den bärtigen Braunhäutigen geißeln. Nächstenliebe? Sei's drum.

Flucht in ein Leben der Askese und der Nostalgie,
„so schlimm wie heut' war's noch nie!“,
wo bleibt die Philosophie?
Für Viele so weltfremd wie die Zahl Pi.

Mitnichten wird heute darum gekämpft sich Werte zu bewahren,
kann es sein, dass wir vor dem Gesellschaftsvertrag auch schon glücklich waren?!
Freiheit, ewige Jugend, endloser Konsum prasselt auf uns nieder wie ein Monsum?
Mammon der Vater, sein Sohn der vergötterte Wachstum - was nun? was tun?

Die Systemfrage stellen!
Warum gibt es bei so viel Wohlstand trotzdem so viel Arbeitslosigkeit?
Die Wenigsten (können) erkennen,
der neue Benz als Statussymbol erweckt doch nur Neid.

Imperialismus und Profitmaximierung,
logische Notwendigkeit unseres Systems,
Gläubigerschutz und Privateigentum,
der Zinsenszins, Fiat, Money! - kaum einer versteht's.

Täuschung und Heuchelei,
moralische Instanzen? Nirgendswo ein Konterfei.
Fluchen, als letzte Rettung das Ferne suchend,
die günstigsten Flüge buchend.
Ihn finden, den Sinn des Lebens? -
Aufgegeben, alles vergebens.

Die Dialektik hat es gezeigt:
Laizität war zwangsläufig an der Zeit.
1789, damals: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!
Forderungen nach Rache wie in archaischen Gesellschaften;
mit noch mehr Kriegen im Nahen Osten und Afrika die „Feinde“ aus der Welt schaffen?
„1984“, heute: Sklaverei, Ungleichheit, Eigennützigkeit.

„Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“,
so die große Rosa Luxemburg,
was macht man damals wie heute mit den Provokateuren und Aneckenden?
Ab in den Knast: alles Lug und Betrug!

Was darf Satire? „Alles“, sagte der alte Kurt T.
Doch nicht so in Frankreich mit dem Herren Dieudonné.
Ich bin Charlie“ – universaler Satz der Verständigung,
Ich bin Koulibaly“ Urteil der Justiz: Peinigung.

Anspruch auf rechtliches Gehör?
Anwaltliche Hilfe – kam sie diesen Bürgern zu Gute?
Hat der Staat wieder „seine faschistische Fratze“ offenbart?
Bitte wenigstens ein Kreuzverhör!
Asymetrische Machtverhältnisse kommen nur den Wenigsten zu Gute.
Verantwortung wird mit tödlichen Patronen zum Ausdruck gebracht - eiskalt.

Ein Satz wird glorifiziert,
Kritik wirkt daran blasphemisch - wie zu Zeiten der Inquistion,
Kritisch reflektiert? - Verzweifelte Resignation.
Rebellen des Staates werden Exempel statuiert.

Diagnose: paranoid-schizophren!
Terrorwahnstufe: auf Stufe zehn.
Alles versteh'n? Stoisches Ablehnen.
Cui bono? Nur noch dieser Frage nachgeh'n.

Im Nebel der Ungewissheit:
kollektiver, notorischer Angstzustand.
Freiheit ersetzt durch Sicherheit -
ab sofort jeder Einzelne auf dem Prüfstand ...

Konditionieren der Masse durch primitive Rhetorik:
Reden wie mit einem Kleinkind: du darfst alles, aber sei gehörig!
So was gab es noch nie?
Bist du auch Charlie?
Ja! schreien die Nachfahren der NSDAP bis zur KPD.
Die Presselandschaft wirkt affektiert und zu bemüht,
ein Missbrauch der Meinungsfreiheit. Die muslimische Welt: erzürnt.
Das IG-Farben-Haus als Mahnung für das Zyklon B.

Feindbild: lange Nase, dicke Lippen, geldgeil und Locken:
der Moslem als der neue Jude – neue Feindbilder in neuen Epochen.
Wenn die Bücher wieder brennen,
sollte man die Orte der Moscheen als Moslem schon mal kennen ...

Das gleiche Leben in einer Gesellschaft wie vor fast 4000 Jahren?
Nicht ohne Grund emigrierten die Israeliten aus der „Hure Babylon“:
Hedonismus in der Großstadt, Terrorismus wie in der Kabylei; das gab es damals schon.
Freiheit über alles!, der einzige Zweck unseres Daseins ist sich zu paaren?

„Liebe und tue was du willst“, so Augustinus.
Dieser Grundsatz könnte herrschen, wenn man sich vertrauen würde,
alle Gesetze wären entbehrlich und man hätte ein Leben in Würde.
Unvorstellbar: im Jahre 2015 nach Christus.

Ich habe Angst vor morgen,
immer nur Sorgen,
Morden?
Angst vor dem neuen Morgen.

00:41 26.01.2015
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Geschrieben von

ypsilon

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