Verleumdung – aber bitte recht freundlich!

Ahmadiyya Die Publizistin und Islamkritikerin Necla Kelek sieht sich mit einer Klage der Ahmadiyya-Gemeinde unter anderem wegen eines Sektenvorwurfs konfrontiert.
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Jüngst fühlte ich mich an die schockierende Szene aus dem Film «12 years a slave» erinnert, in der der Plantagenbesitzer Edwin Epps auf seine Sklavin Petsy – gespielt von der talentierten Lupita Nyango - einprügelt. Sich gegen die Peitschenhiebe auf dem nackten Rücken wehren konnte sie sich ohnehin nicht. Epps regt sich zu dem auf, dass sie sich über die ihr zugefügten Schmerzen beklagt, schreit sie dafür an und fügt ihr weitere Hiebe zu. Auslöser dieses Kopf-Kino-Moments war der Feuilleton Beitrag von Daniel Haas, dem Berlin-Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung NZZ. In seinem Beitrag mit dem Titel «Bitte recht unfreundlich - Ahmadiyya-Gemeinde verklagt die Islamkritikerin Necla Kelek» echauffiert er sich darüber, wie eine muslimische Gemeinschaft ihr Recht in Anspruch nimmt, sich gegen Verleumdungen seitens selbsternannter Islam-Experten zu wehren und argumentiert, wieso ein Diskurs besser wäre als der Rechtsweg. Was war geschehen? Nachfolgend eine persönliche Chronologie und ein Kommentar, wieso der eingeschlagene Weg doch der richtige ist.

Hat sie das jetzt wirklich gesagt?

Am 23. August 2017, ein sonniger Mittwoch, war ich auf der Autobahn unterwegs und in Deutschlandfunk DLF lief ein Beitrag über Islam. Erfreut stellte ich fest, dass es dabei um die Ahmadiyya Gemeinde ging. Ja, die Glaubensrichtung im Islam der ich angehöre. «Toll!», dachte ich mir, «Das muss ich mir anhören.». Die Freude verflog schnell, als ich die Stimme der befragten «Expertin» erkannte. Es war die Necla Keleks, in ihrer unvergleichlichen Art, wie immer hart an der Grenze des Populismus und pauschal gegen den Islam und Muslime aller Couleur polternd. Auf die Eingangsfrage der Moderatorin Susanne Fritz «Was halten Sie von dem Vorwurf, die Ahmadiyyas seien keine Muslime?» antwortet sie: «Ich kann nur dazu sagen, dass es auch innerhalb der islamischen Welt einen Richtungsstreit gibt über die Deutungshoheit. Und die Ahmadiyya-Gemeinde gehört zu einer bestimmten – ich würde sie als Sekte beschreiben wollen – zu einer islamischen Sekte, die aus dem späteren Pakistan hervorgegangen ist und sich als eine religiöse, aber politische Bewegung durchsetzen wollte. Und von der arabischen Welt wird dieses nicht akzeptiert. Also es ist ein innerislamischer Streit.». Gleich zu Beginn im Interview trat sie also kräftig aufs Pedal und ich legte bei voller Fahrt eine geistige Vollbremsung hin. «Hat sie die Ahmadiyya Gemeinde tatsächlich als Sekte bezeichnet und gesagt, dass sie aus Pakistan hervorgegangen ist», fragte ich mich irritiert. Ja hatte sie und beides war falsch! Was dann folgte war eine aneinander Reihung von Antworten, die meine Infragestellung ihrer Fachkompetenz nur noch untermauerten. Ein Paar Fragen weiter im Gespräch trat sie nochmals nach und diffamierte die einzige islamische Gemeinschaft Deutschlands mit Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts als eine Sekte. Zu meiner totalen Verwunderung kam kein Vertreter der Ahmadiyya Gemeinde in der Sendung zum Wort und konnte zu den bodenlosen und verleumderischen Behauptungen Stellung nehmen. Von Fachkompetenz, journalistischer Sorgfaltspflicht, sowie ausgeglichener Berichterstattung fehlte jede Spur. Hier kann das Interview in Wortlaut nachgelesen werden.

Ahmadiyya - Refrorm-Gemeinde oder doch Sekte?

Der landläufige Begriff «Sekte» beschreibt eine Gruppe oder Gemeinschaft, die dem einzelnen Mitglied seine Autonomie nimmt. Der Austritt aus einer solchen Gruppe ist nicht möglich und hat vielfach negative Konsequenzen. Sind nun die Ahmadis etwa Scientologen der muslimischen Welt?

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat hat ihren Ursprung in der indischen Kleinstadt Qadian. Der Gründer der Gemeinde – Hazrat Mirza Ghulam Ahmad (Friede sei auf Ihn)– beanspruchte für sich im Jahre 1889 auf Geheiss Gottes, der von allen Religionen (metaphorische Wiederkunft von Jesus für Christen, Krishna für Hindus, Budha für Budhisten, etc.) und speziell der durch die Prophezeiung des heiligen Propheten Muhammad (Friede sei auf Ihn) von allen Muslimen erwartete Messias und Reformer (Mahdi) zu sein. Während Land auf und ab alles nach Reform des Islams schreit, besteht eine der Hauptunterschiede zu Mainstream-Muslimen in der Annahme des messianischen Anspruchs des Gründers der Ahmadiyya. Ahmadis argumentieren, dass die Notwendigkeit eines Reformers gegeben ist und die Prophezeiungen zum Erscheinen eines Reformers in Erfüllung gegangen sind. Die orthodoxen Muslime hingegen sind der Ansicht, dass ihr Zustand gemäss der Prophezeiung des heiligen Propheten Muhammad (Friede sei auf Ihn) noch nicht mies genug ist, dass ein Reformer notwendig wäre und daher Hazrat Mirza Ghulam Ahmad als vorausgesagter und von allen Seiten erwarteter Messias und Mahdi nicht in Frage komme und abzulehnen sei. Sie lehnen zudem die Prophetie Hazrat Ahmads ab, warten aber selbst auf die leibliche Wiederkunft des heiligen Propheten Jesus (Friede sei auf Ihn) – als einen Propheten nach dem heiligen Propheten Muhammad (Friede sei auf Ihn). Ahmadis sehen sich in aller Selbstverständlichkeit als Muslime und dies im Einklang mit der vom heiligen Propheten des Islams gegebener Definition eines Muslims. Daher halten sie fest an den sechs Glaubensartikeln und befolgen die fünf Säulen des Islams. Der Eintritt in die Gemeinde erfolgt, nach eingehendem Studium und Befassen mit den Lehren des Islams, durch ein Treuegelübde. Genauso freiwillig wie man in die Gemeinde eintritt, kann man sie auch verlassen. Sie lehnt die Todesstrafe für Apostasie als unislamisch ab. Dies, die transparente Finanzierung und Organisationsstruktur der Gemeinde, sowie offene und für jedermann und jedefrau einsehbaren Lehrinhalte (www.ahmadiyya.de) widersprechen konsequent dem Sekten-Vorwurf. Deutschlandweit sind tausende Besucher der alljährlich mehrmals stattfindenden Tage der offenen Moschee zeugen dieser Offenheit und Transparenz.

Verfolgte wehren sich gegen Verleumdung

In islamischen Ländern werden die Gemeinde und ihre Anhänger aufgrund des messianischen Anspruchs ihres Gründers verfolgt. Im Westen kämpft sie an zwei Fronten: Auf der einen Seite die Muslime an die ursprünglichen friedlichen Lehren des Islams erinnern und reformieren. Auf der anderen die verunsicherte Bevölkerung aufklären, die teils durch die Gräueltaten im Namen des Islams verunsichert ist, aber auch teils aus Mangel an Wissen um die eigentlichen friedlichen Lehren des Islams, die Wurzel allen Übels darin sieht.

Gemäss Haas ist dieser Rechtsstreit aus drei Gründen von weitreichender Bedeutung: «Dass ausgerechnet diese von Dogmatikern gegängelte Glaubensgemeinschaft nun mit juristischen Mitteln gegen eine Kritikerin vorgeht, anstatt vorerst den offenen Austausch zu suchen, ist schon bemerkenswert.». Dass Haas mit seiner Aussage keinen Unterschied zwischen sachlicher Kritik an z.B. Lehrinhalten einer Gemeinde und der Diffamierung derselben durch verleumderische und unsachgemässe Behauptungen macht, ist verblüffend. Genau das hat Kelek trotz mehrmaligen Bemühen der Gemeinde um Dialog und Richtigstellung ihrer Behauptungen wiederholt getan, jedoch leider ohne Erfolg. Dawood Majoka -der Sprecher der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland - stellt indes klar: «Wir finden jede Art der Islamkritik zulässig, sofern sie auf wahren Tatsachen beruht, mit sachlichen Argumenten geführt wird und dem Kritisierten dieselbe Möglichkeit und Plattform der Entgegnung geboten wird wie dem Kritiker».

Maulkorb und Leinenpflicht

Mit Verweis auf den Islamunterricht den die Ahmadiyya Gemeinde an den Schulen anbietet und für «das pädagogische Image» wäre gemäss Haas ein auf Austausch basierter Umgang mit Kritik wünschenswerter als der Versuch, auf dem Rechtsweg einen Maulkorb zu verpassen. An dieser Stelle sei auf die Stellungnahme des Sprechers der Ahmadiyya Gemeinde in Deutschland verwiesen:

In der immer hitziger werdenden Debatte rund um Islam und den offenen Anfeindungen gegenüber Muslimen die als säuberlich verpackte «Islam-Kritik» daherkommen, ist es wichtig sich gegen Unrecht auf rechtsstaatlichen Wegen zu wehren. Aus der Sicht der Betroffenen ist es trotz der vorweihnachtlichen Zeit ein zu frommer Wunsch, das wiederholte hinhalten der anderen Wange zu verlangen. Ein Sprichwort besagt: «Hunde die bellen, die beissen nicht». Sie können aber durch das Gebell schon mal andere Artgenossen dazu verleiten zum Angriff über zu gehen. Dabei können unschuldige Kleinkinder, Jogger oder Fahrradfahrer zu Schaden kommen. Daher besteht für gewisse Arten eine Maulkorb- und für andere die Leinenpflicht. Das ist gut so und zum Wohle aller.

Expansionsgeplapper versus Realität

Als dritten Punkt erwähnt Haas, die Ende November stattfindende Islamkonferenz in Berlin, das offizielle Forum der Bundesregierung für den Dialog mit Muslimen im Land. Die Ahmadiyya Gemeinde sei mit ihrem Vorhaben «der Errichtung von einhundert Gotteshäusern in Deutschland» auf Expansionskurs. Gemäss einer Studie des BAMF gibt es in Deutschland ca. 1813 Moschee für die 4.5 Mio. Muslime im Land. Das ergibt im Schnitt 1 Moschee für 2482 Muslime. Unter den 4.5 Mio. befinden sich ca. 40000 Ahmadi Muslime die bisher 50 der geplanten 100 Moscheen in Betrieb genommen haben, was ein Schnitt von 800 Gläubige pro Moschee ergibt. Im Vergleich gibt es 45000 Kirchen und 130 Synagogen. In der Realität bedeutet der Bau der Gotteshäuser, den Gläubigen einen angemessenen Raum für ihre Andacht anzubieten.

In Bezug auf die erwähnte «Expansion» sagt Haas weiter: «Dies geht am besten mit Unterstützung der Politik. Sich bei der Konferenz als quasi liberale Gruppierung zu zeigen, ist deshalb essenziell. Das Label Sekte wäre geschäftsschädigend.». Die Ahmadiyya versteht sich als wertkonservative aber liberale islamische Gemeinde. Die AFD sitzt bereits im Bundestag und schiesst mit Giftpfeilen aus den Köchern solcher wie Ahmad Mansour, Hamed Abdel Samad oder Necla Kelek um sich. Sie vergiftet das gesellschaftliche Klima zunehmend und der Ton wird im rauer. Resultat ist wachsende Spaltung der Gesellschaft. In dieser Situation ist der Versuch, die reine Weste des verlässlichsten Gesprächspartners der Bundesregierung mit Sekten-Vorwürfen zu beflecken, nichts anders zu werten als eine fahrlässige Untergrabung der durch die DIK in Gang gesetzte Debatte mit Muslimen.

Eingebetteter Medieninhalt

So traf sich eine Delegation der Ahmadiyya-Vertreter am 15. November 2018 mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue. Der Präsident bedankte sich dabei für das Engagement und ihren konstruktiven Beitrag in der DIK.

Als letztes mahnt Haas die Ahmadiyya Gemeine: «Noch geschäftsschädigender aber wirkt ein Feldzug gegen eine einzelne Intellektuelle». Vorausgesetzt, die ganze Debatte ist gesteuert von Interessen, sei hier die Gegenfrage erlaubt, welches Geschäftsinteresse Keleks denn hinter der Verleumdung der Ahmadiyya Gemeinde stecke. Wenn es sowohl geschäftsschädigend ist, als Sekte genannt zu werden, als auch eine einzelne Intellektuelle anzugehen und die Ahmadiyya Gemeinde das eine zu vermeiden sucht, das andere jedoch provoziert, kann Geschäft nicht der verfolgte Zweck sein, sondern schlicht und einfach Gerechtigkeit und Wahrheit. Jeder ist eingeladen seinen Intellekt zu bemühen und die unwahren Behauptungen Necla Keleks auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen.

Leise Hoffnung

Wer Kelek kennt, der weiss, dass sie sich über ihre Islam-Kritik profiliert hat. Ob die Kritik wirklich sachlich und fundiert ist oder nur der selbstvermarktung dienlich ist, sei dahin gestellt. Wenn im Namen der Kritik jedoch Unwahrheiten verbreitet werden, ist schnell Feuer unter dem Dach. Im digitalen Zeitalter verbreiten sich Fake-News wie Lauffeuer. Das erste Opfer ist der gesellschaftliche Friede. Daher ist es wichtig sich zu wehren. Deutschland ist ein Rechtstaat, der mit dem Grundgesetz seinen Bürgern Freiheiten garantiert. Was aber leider geschieht ist, dass eine Freiheit dazu misbraucht wird die andere zu torpedieren. Dieser Rechtstaat bietet auch die Möglichkeit sich im Rahmen des Gesetzes gegen solche Angriffe zu wehren. Das Zusammenleben der Muslime mit ihren Mitbrügern leidet besondern unter dem medialen Dauerbeschuss. Daher ist es von immenser Bedeutung, dass Fakten dargelegt werden und hierzu der Rechtsweg eingeschlagen worden ist. Es besteht die leise Hoffnung, dass die symbolischen Auspeitschungen auf dem nackten Rücken des Islams ein Ende finden.

23:19 22.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Zahid Butt

IT Spezialist mit Interesse an Religion und Politik, Kritiker der sogenannter Islam-Kritiker!
Zahid Butt

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