Flavia, das licht auf tausend

Gras und wein Zu wenig cracks im sport und zuvil crack im leben, das sind die probleme Brasiliens.
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Rato (die Ratte, vermutlich nur spitzname) hatte noch den tipp gegeben, bei a typ im sertao vorbei zu faren, der eine bergmine in seim haus hat, ein risenloch in seim wonzimmer, 100 meter tif - sagt er zumindest. Da grabt er seit jaren, und hat schon alles mögliche gefunden, gold inclusiv. Der hat ein einzigen zan und trinkt ein schnaps, eine cachassa mit a schlangi drin - tot natürlich. Jede gasti muss das zeug trinken, wenn li als gasti bei ihm aufgenommen werden will, und sei es für 10 minuten. Rato erzält, es war das harteste culinar erlebu, das er je hatte. Die mine scheint ein interessante geschichte zu sein, aber weder Pagé, mein gute freund und a ser helle typ, noch ich sind so richtig scharf auf den schlangischnaps.

Bahia is der südlichste und gröszte bundesstat im nordosten. Die guverno heisst Jaques Wagner, a judo, der warscheinlich nix gegen Wagner hat, zumindest nich gegen den namen. Die hauptstadt Salvador war in der colonialzeit die hauptstadt von Brasil, is heute die drittgröszte gemeinde des landes und hat den sibtgröszten balluraum mit 3,5 milionen wonis. Es is die hauptstadt mit die groszte schwarze bevölker. Ich weiss nich, ob es solche schilder noch gibt, es gab aber zimlich originelle straszenschilder in der stadt, zum beispil stand bei banüberquerus das schild "Pass auf, der zug is stärker!" Hir is auch die hauptstadt von el afrobrasiliano religionen umbanda und candomblé - sozusagen vudu auf brazilian. Und die hauptstadt der capoeira, die famose mix aus danz und kampf. Wobei a braziliano freundo mir einmal in Deutshland anvertraute: "Jetz bin ich schon 3 jare in Deutshland, und hab immer noch kein capoeira gelernt..."

An jeder ecke stand bis vor wenigen jaren a bahiana mit irem langen weissen kleid und machte acarajé, das sind croketten aus bonen und krabben, im dendê-öl gebraten, wonach es in der ganzen stadt roch - nich jedi verträgt die riech, auch vile südbrasilis wird es irgendwann mal übel davon. Aber die gesundheitsbehörden lassen so was nich mer zu, die fraun ham heutzutage ire läden oder propper und nett decorierte baraken. Sind aber auch seltener geworden.

Weder Pagé noch ich wollen uns in der groszstadt stressen, wir faren schnurstracks in den süden. Wir erreichen Jequié und beschliszen hir zu übernachten. Wir finden ein hotel, gen dann was essen, sitzen auf der terasse eines restaurants, gegenüber auf der verkersinsel is ein trailer-kiosk mit stülen. Keini is da, dann setzt sich ein mädel mit einer gitarre hin und fängt an wie a berserka zu spilen und singen. Das muss ich fotografiren, ich ge mal rüber und will sie fragen ob das mit dem fotografiren OK is.

"Sag mal, ich schreib ein buch über Brazil und..."

"Setz dich doch", sagt sie einladend, als hätte sie grade eine fe geseen. Oder eer ein feo, eine männliche fe. Wobei das widerum 'hässlich' auf espanian heisst, also doch liber nich.

"Also wie gesagt, ich schreib ein buch über Brazil und"

"Zalst du uns ein wein? Wir können mal ein joint rauchen - hab ich dabei! - und dann ein wein trinken!"

"Ja, eigentlich ham wir schon was geraucht - ich natürlich nich inhalirt, wie der Clinton - und..."

"Jetz sei doch kein spilverderbo, mann, komm wir machen das!"

"OK, wir können schon was organisiren, wir könnten auch ein interviu machen, aber jetz wär erstmal die frage, ob ich dich fotog-"

So leicht wird es nich, mein fragu zu vervollständigen, irgendwann fängt sie wider an zu singen und ich mach die fotos one sie zu fragen. Dann organisiren Pagé und ich ein wein und sie setzt sich zu uns. Flavia Luz, Flavia das Licht, hat grosze augen, is dunkelbraun, schön, hat lange krause hare - ein urgroszmama war sclava und hielt noch den schirm für madam. Das mädel is dauernd "a mil", auf tausend, das heisst auf tausend stundenkilometer, so nennt man es wenn jemand aufgedreet is, nich aufhören kann zu denken, nich weiss wohin mit seiner energie. Sie mag ir groszeltis, vorfaris im allgemein und überhaupt mag sie olis, und würde gerontologa werden wenn ma nich die ganze scheisse entsorgen müsste. Vom mapapo (papo der mutter, also groszvater mütterlicherseits) weiss sie nix und weiss keini was, die mamama (mama von die mama) hat vil gesoffen und die mama blib so irem schicksal überlassen und wurde von familienmitglid zu familienmitglid rüber gereicht und oft misshandelt. So war die mam immer schockiert, wenn die tochta Flavia besoffen nach hause kam. Also wurde die mam evangelicala, die schwesta get sogar zur Universellen Kirche vom Bispo Macedo, der papo war inteligent und blib ein ateist, berichtet sie. Flavia hat nix gegen die religionen, sie waren doch nützlich für die völker, für die sie kreiert wurden, aber besser is das cristentum warlich nich - Mahatma Gandhi war kein crist und trotzdeem a groszartige menschi, nich war? Und der Kaiser Constantinus, war der nich ein crist und gleichzeitig ein arschloch? Ganz zu schweigen von David, eigentlich a mordo, der von Gott so geliebt wurde!

Als sie 9 war, ham sich die eltis getrennt. Das war kein spass, beidi kämpften mit harten bandagen, um die zwei tochta zu behalten. Die mama warnte, wenn sie bei ihm bleiben, werden sie auch so versoffen wie er, der papo warnte, wenn sie bei ir bleiben, werden sie noch so fromm wie sie!

Flavia orientirte sich liber nach Nietzsche, der immer gerne den satz zitirte, "Sei wer du bist". Das war aber dann in der schule nix gut, sie hatte ser schlechte noten, und zu allem überfluss hat sie sich in die portugaliano-lera verschaut. Mann, war das a heisse has! Die noten ham sich nach einigen jaren gebessert, auch wenn Flavia vile jare in psichiatrische behandlu blib. Die sexuell orientiru blib dieselbe. Wie sie's selber ausdrückt, sie liebt mösen, sie sind die crönu vo die schöpf. Tja, das wird nix mit uns beidi heut abend, so was hab ich bei die beste willu nich zu biten.

Pagé get schlafen, Flavia und ich gen noch ein wein am busbanhof holen und setzen uns im kleinen park direct davor hin. Der park is menschileer, bald aber kommt a virzigo und fragt ob wir eine zigarette für ihn ham. Wir geben ihm eine zigarette, er setzt sich auf die kleine mauer gegenüber und versucht mit uns zu reden. Flavia erklärt ihm wie eim kind, das wir ein interviu füren, er get dann, kommt aber ein par minuten später wider, setzt sich wider hin, one uns anzusprechen. Er schaut irgendwie komisch, hat glasige augen. Flavia sagt, sie hat erfaru mit solche typos, sie arbeitet ja täglich mit inen. Da sie mir vorher gesagt hat, das sie in eim junki-heim für crack-suchtis arbeitet, wird mir clar, was sie meint. Ein par minuten später kommt noch eino und fragt ob ich 2 real für ein schnäpsle hab. Hm, na gut, heute hab ich noch nix gegeben, kann ich auch mal was geben. Der get wider, ein par minuten später kommen 2 typos und fragen ob ich auch für sie ein schnäpsle zalen kann. Hey hey, das wird jetz hir ungemütlich, plötzlich sind insgesamt 5 typos da, und wir gen. Wir müssen durch die gruppe, und auf der andren straszenseite, vor dem busbanhof, check ich mal mein rucksack ob mir nix geklaut wurde, und tatsächlich is die maus von meim laptop wek. Wir schaun rüber, und eino von denen, dem ich das geld verweigert hatte, streitet sich mit en andro. Er holt sich die maus vo die raubo und bringt sie mir. Und bittet mich dann, die 2 real für ein schnaps zu geben, immerhin hat er meine maus gerettet. Vileicht war das allu nur inszeniert, aber nu ja, ich hab meine maus wider und geb ihm doch noch die 2 real. Die crackis sind jetz all im kleinen banhof verteilt, irgendwie wirken sie wie die hund in der schiszerei. Die leuti werden all etwas nervös. Flavia meint, wir sollen geschwind verschwinden, und wenn sie das sagt und sie en experta is, will ich mit ir nich discutiren. Wir machen uns aus dem staub, ich werd zimlich aufgereegt, mein gott, im rucksack is der laptop und mein smartfone mit dem ganzen buchproject, dem ganzen material, wenn ich das allu verlir, bin ich nich mer glücklich! Wir gen vorne raus, die pension is direct hinterm banhof und wir müssen um das banhofsgelände laufen. Als wir ankommen, kommen die crackis - von der andren seite. Wir läuten hektisch, die recepciono macht auf. Ich will rein, natürlich mit Flavia, er will sie nich reinlassen. Das sit nach prostitucion aus, wir erclären das wir von die crackis verfolgt werden, schau, da sind sie ja! Die wacho weigert sich trotzdeem. Ich bin bereit, für sie ein zimmer zu zalen, is warlich nich teuer, der mann bleibt aber stur wie a japano. Ja, verdammt noch mal, was machen wir jetz? Flavia meint, sie get jetz nach hause, nein, du kannst doch jetz nich aleine nach hause gen, bei die ganze typos, ach was, das is gleich um die eck, ich kann sie aber nich alein in diser situacion lassen. Also ge ich mal curz rein, lass mein rucksack und allu, was etwas wert is, im zimmer, wir rennen dann rüber zum busbanhof, die crackis hinter uns her, wir steigen in ein taxi, das 2 oder 3 blocks färt, sie bei die freunda rauslässt, wo sie grade wont, und mich zurück bringt.

In den 80er und 90er jaren war Brazil der gröszte schnapskonsument der welt, sowol in absoluten zalen wie auch prokopf. Da haben inzwischen die osteuropis alle top ten plätze übernommen. Brazil is jetz zweite liga, eine schand.

Aber im cola- und im crack-consum sind wir immer noch auf dem zweiten platz, nach den USA, und wenn die USA nich aufpassen, zeigen wir es inen! In Brazil lebt jetz die "gerassao saúd", die gesundheitsgeneracion!

23:53 22.10.2014
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Geschrieben von

Zé do Rock

ich bin brasilianer, trampte um die welt, hatte vil ärger mit räubern, polizei und fraun, schrib bücher, drete filme, nu ge ich wider auf tur.
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Zé do Rock

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