Ist die Idee weltfremd oder die Ablehnung?

Grundeinkommen Wer nach neuen Lösungen für unser gesellschaftliches Zusammenleben sucht, muss sich zunächst einmal der speziellen Ablehnungshaltung stellen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Die Fruchtbarkeit des Stoffwechsels der Menschen mit der Natur, die aus dem natürlich gegebenen Überschuss an Arbeitskraft, über den ein jeder verfügt, herauswächst, gehört zu dem Überschuss und der Überfülle, die wir überall im Haushalt der Natur beobachten können. Der Segen der Arbeit, den man neuerdings "Arbeitsfreude" nennt, ist die menschliche Art und Weise, der Seligkeit des schier Lebendigen teilhaftig zu werden, die wir mit allen Kreaturen teilen. Und ein in der Arbeit sich verbrauchendes Leben ist der einzige Weg, auf dem auch der Mensch in dem vorgeschriebenen Kreislauf verbleiben kann, zwischen Mühsal und Ruhe, zwischen Arbeit und Verzehr, zwischen Lust und Unlust mit derselben ungestörten und unstörbaren, grundlosen und zweckfreien Gleichmäßigkeit, mit der Tag und Nacht, Leben und Tod aufeinanderfolgen. Den Lohn für Mühe und Arbeit zahlt die Natur selbst, der Lohn ist Fruchtbarkeit; er liegt in dem stillen Vertrauen, dass, wer in Mühe und Arbeit sein Teil getan hat, ein Teil der Natur bleibt in Kindern und Kindeskindern. Den Menschen des Alten Testaments, denen, anders als der klassischen Antike, das Leben heilig war, galt weder Arbeit noch Tod als Übel, und sie wären nicht auf den Gedanken gekommen, in ihnen einen Einwand gegen das menschliche Leben zu sehen."
Hannah Arendt, aus "Vita Activa", 1958

Vor ein paar Wochen, als es anlässlich der Abstimmung in der Schweiz um das Grundeinkommen ging, konnten wir es wieder beobachten: Sehr schnell – daher könnte man sagen schon reflexartig – kommt der Hinweis, diese staatliche Leistung sei sowieso nicht zu bezahlen; was die "Kritiker" in die komfortable Lage versetzt, dass sie sich mit dem Thema gar nicht erst zu befassen brauchen. Das Ganze sei eben Quatsch, eine Schnapsidee, komplett weltfremd. Wer sich bemüht, den Gedanken des bedingungslosen Grundeinkommens zu erläutern, sieht sich meist unvermittelt in die Position dessen versetzt, der auf "Gegenargumente" reagieren muss, noch bevor er Gelegenheit bekam, seine Idee vorzutragen. Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser Auffassung aber blanke Denkfaulheit; und zugleich spielt die Angst vor Veränderungen eine gehörige Rolle, wenn Vorschläge für Neues ungeprüft in die Tonne getreten werden. Diese Haltung der affektartigen Ablehnung von Unbekanntem ist leider sehr "menschlich", offenbar im Genom unserer Spezies angelegt, und besonders wirksam, wenn wir aufgefordert werden, Veränderungen in unserem gewohnten Umfeld zu akzeptieren. Wer also interessiert ist, nach neuen Lösungen für unser gesellschaftliches Zusammenleben zu suchen und diese auch einer echten kritischen Prüfung zu unterziehen, der muss sich zunächst einmal dieser speziellen Ablehnungshaltung stellen. Es ist deshalb ratsam, die Bedingungen, die diese Eigenart des menschlichen Wesens bestimmen, ein wenig auszuleuchten, um zu erklären, warum der Reflex "bloß keine Neuerungen" so schwer zu unterbinden ist. Das soll hier zunächst geschehen, bevor dann Gedanken zum bedingungslosen Grundeinkommen vorgestellt werden.

Menschen ohne einen inneren Richtungsweiser, ohne ein "Gerüst", nach dem sie sich orientieren und an dem sie sich entlanghangeln können, reagieren auf unbekannte Umwelteinflüsse meist ängstlich bis panisch und werden zuweilen sogar irre. Was wir Menschen brauchen ist anschaulich gesprochen das "Weltbild", das Bild, das wir uns von der Welt machen, von allem, was um uns und in uns "sichtbar" wird und dadurch Bedeutung erlangt. Da das erforderliche Stützsystem jedoch nicht bei der Geburt mitgegeben wird, sondern nur als Möglichkeiten und in "Bauteilen" im genetischen Pool angelegt ist, muss es "installiert" werden. Dabei hilft es zu wissen, dass unser Weltbild das "Produkt" der drei Hauptregionen unseres Gehirns ist, die miteinander wechselwirken und deren Einfluss auf die Gestaltung des Weltbildes unterschiedlich groß ist, je nach Situation, aber auch von Individuum zu Individuum verschieden. Da wirkt zunächst das Stammhirn, das sozusagen für die Grundversorgung unseres Organismus zuständig ist und etwa das Atmen oder die Verdauung aber auch reflexartige Bewegungen steuert; dann das Zwischenhirn (limbisches System), wo die im Verlauf der Menschheitsgeschichte in unser Genom aufgenommenen Erfahrungen das Sagen haben und zum Beispiel Aggressionsbereitschaft erzeugt wird; und schließlich das Großhirn (Vorderhirn), das uns zum Denken befähigt und wo unsere Gefühle mitmischen. Das Gehirn funktioniert aber nicht, indem es mal das eine Areal und mal das andere nutzt, sondern die drei Bereiche sind in ständiger Wechselwirkung miteinander verbunden. In diesem "Konzert" entwickelt sich unser Weltbild, das folglich viele Ähnlichkeiten mit dem anderer Menschen aufweist, das aber auch sehr individuelle Züge trägt. Viele "Module" unseres Weltbildes (jedes Menschen) werden vom Zwischenhirn "eingespeist“, stammen quasi von "Alters her" und sind als "Vorgaben" im Weltbild verankert, sodass es uns in deren Wirkungsfeld besonders schwerfällt, Korrekturen zuzulassen, selbst wenn neue Erkenntnisse dies eigentlich erzwingen.

Die Konsequenz davon ist, dass ein an sich erforderlicher Wechsel in unserer Weltsicht einfach unterbleibt

Zudem laufen seine Installation während der Zeit des Heranwachsens und sein späteres Wirken vorwiegend unbewusst ab, werden nur selten wahrgenommen, mit der Folge, dass vielen Menschen gar nicht klar ist, dass sie über ein "Gerüst" verfügen, in dessen Rahmen sie sich in der Welt aufhalten und bewegen. Da wir Menschen ohne Weltbild wahrscheinlich gar nicht existieren können und da Menschen den Vorgaben ihres Weltbildes zu folgen gedrängt werden, leiten sie hieraus die Gewissheit ab, dass ihnen die Art, wie sie die Welt anschauen, ein wahres Bild vermittelt. Nunmehr im "Besitz der Wahrheit" – einer sehr individuellen Wahrheit allerdings, die sich zwar meist an den "Wahrheiten" anderer orientiert, aber in jedem Menschen selbst entsteht und wirkt –, verteidigen wir unser Weltbild und die von ihm vorgegebenen Werte gegen jeden Angriff automatisch, "instinktgesteuert" und mit Zähnen und Klauen. Dabei übersehen wir allerdings häufig, dass es zwar auf die Existenz eines Weltbildes ankommt, aber nicht unbedingt das Weltbild "herrschen" muss, das wir uns einmal angeeignet haben. Wir brauchen dringend folgende Einsicht: Weltbilder sind entsprechend der Entwicklung fortschreitender Erkenntnis anzupassen! Dennoch findet in der Praxis des Alltags die Aufforderung zur Einsicht in diese Zusammenhänge kaum Anklang, weil ein Verständnis komplizierter Zusammenhänge nur mit viel Aufwand zu gewinnen ist; die Konsequenz davon ist, dass ein an sich erforderlicher Wechsel in unserer Weltsicht einfach unterbleibt. Aus diesem Mangel an Einsichtsfähigkeit wird übrigens der sogenannte Konservativismus gespeist und von manchen Zeitgenossen sogar zu einer Ideologie überhöht mit dem Anspruch, konservativ denken sei ein Wert an sich. Das können wir derzeit zunehmend in ganz Europa beobachten, wo man dem Zwang, anzuerkennen, dass wegen der gewaltigen Umbrüche auf dem Globus grundlegende Veränderungen des Weltbildes erforderlich sind, durch eine konservative Grundhaltung zu entkommen meint.

Das Mindeste sollte doch die Bereitschaft sein, sich Ideen, auch wenn sie einem zunächst fremd erscheinen, erklären zu lassen

Da ergibt sich eine zudem fast paradox erscheinende psychische Gemengelage, in der die "Kritiker" neuer Ideen zu der Behauptung neigen, wer grundlegend Neues vorschlägt, sei "weltfremd", während doch gerade die im konservativen Denken verhafteten "Bewahrer" die eigentlich "Weltfremden" sind, da sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihre Umgebungsbedingungen sich verändern. Das Mindeste, was zu erwarten ist, sollte doch die Bereitschaft sein, sich Ideen, auch wenn sie einem zunächst fremd erscheinen, erklären zu lassen, und dann zu prüfen, ob sie unter Berücksichtigung der zu erwartenden Entwicklung unserer Lebensverhältnisse positiv oder negativ wirken. Dass dies aber so häufig unterbleibt, wird auch mit dem Hinweis begründet, große Neuerungen und Umwälzungen, also revolutionäre Veränderungen hätten in der Geschichte der Menschheit mehr Unheil als Fortschritt erzeugt. Diesem gedanklichen Ansatz sind zwei Argumente entgegenzuhalten: Erstens zeugt es von einer falschen Einschätzung der historisch belegten Revolutionen, wenn daraus geschlossen wird, ihre regelmäßigen Fehlschläge lieferten den Nachweis für ihr Unheil. Denn bei näherer Betrachtung der Geschichte ist zu erkennen, dass zwar unhaltbare Zustände zu Umstürzen führten, nicht immer aber zu "richtigen" Revolutionen, weil meist keine allgemein nachvollziehbare Idee davon vorherrschte, welche Verhältnisse anstelle der abzuschaffenden gesetzt und vor allem welche Neuerungen konkret eingerichtet werden sollen. Es gab zwar meist ein paar schlagwortartige Proklamationen wie etwa "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"; doch gerade mit Blick auf die Französische Revolution ist zu erkennen: Solche Allgemeinplätze genügen nicht, um eine Überführung der Gesellschaft in den gewünschten neuen Zustand zu erreichen. Regelmäßige Folge war allerdings die "Machtergreifung" von Cliquen, die sich zwar die Sorgen der Leute auf ihre Fahnen schrieben, tatsächlich jedoch ausschließlich eigene Machtgelüste befriedigten. Napoleon, Stalin, Mussolini, Hitler, Mao, Pol Pot und viele ihresgleichen waren die Nutznießer sogenannter revolutionärer Bewegungen. Es fehlte ein Plan, der praktische Schritte steuern konnte; und es fehlte an der Aufklärung derjenigen, die sich gegen die unerträglichen Zustände auflehnten, darüber, was sie ganz konkret als Verbesserung in ihrem Umfeld erwarten durften.

Die Naturwissenschaftler haben dafür den Ausdruck "mehr ist anders" geprägt

Zweitens muss behutsamer mit historischen Vorbildern umgegangen werden, als dies bisher schon angebracht war. Dazu zwingt uns allein schon das exponentielle Wachstum der Erdbevölkerung, die inzwischen eine kritische Größe erreicht hat, wo – um ein Bild aus der Physik zu benutzen – ein Phasenübergang zu befürchten ist, der den "Aggregatzustand" der Menschheit zu verändern droht (Aggregatzustand nennt man die Erscheinungsform eines Stoffes, der unter bestimmten Bedingungen seine innere Struktur verändern kann – in verschiedene Phasen als Feststoff, Flüssigkeit, Gas oder Plasma). Wir wissen beispielsweise alle aus Erfahrung, dass die regelmäßige Zugabe von Wärmeenergie ins Wasser zu dessen Erhitzung führt, bis, und zwar ganz plötzlich, sich der Aggregatzustand ändert und beim Erreichen des sogenannten Siedepunktes aus der Flüssigkeit Gas (Dampf) wird, das sich völlig anders als "gewöhnliches" Wasser verhält, obwohl es sich chemisch weiterhin um H2O handelt. Gleiches gilt für Metalle, die zu fließen beginnen, oder für den elektrischen Widerstand, der bei sehr tiefen Temperaturen schlagartig "verschwindet" (Dann herrscht Supraleitung). Die Naturwissenschaftler haben für die allgemein geltende Regel der Phasenübergänge den Ausdruck "mehr ist anders" geprägt. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass die mengenmäßige Zunahme von einzelnen Komponenten innerhalb eines Systems ab einer bestimmten Größenordnung zu einer drastischen Veränderung der Beschaffenheit des gesamten Systems führt. Sobald dies geschieht, spricht man vom Phasenübergang, nach dessen Eintritt Zustände herrschen, die aus den vorher geltenden nicht direkt abgeleitet werden können. Wir können erst durch die Erfahrung lernen, damit umzugehen; die Regel, dass nichtlineare Entwicklungen "sprunghafte" Veränderungen erfahren und zu völlig neuen Qualitäten führen können, gilt für alle Bereiche der Natur, also auch für die Entwicklung der Menschheit.

Danach herschen Zustände, die aus den vorher geltenden nicht direkt abgeleitet werden können

Da dieser Zusammenhang für die Beurteilung des Zustandes, in dem sich unsere Gesellschaft befindet, von großer Bedeutung ist, soll hier zum besseren Verständnis ein in der Mathematik die Erklärung exponentieller Entwicklungen erleichterndes Gedankenmodell eingefügt werden: Wenn in einen Teich eine Seerose gepflanzt wird und diese Rose sich so vermehrt, dass zukünftig täglich die doppelte Zahl Rosen verglichen mit dem Vortag auf der Wasseroberfläche schwimmt, so wird in nicht ferner Zukunft der Teich komplett von Seerosen bedeckt sein (den Zuwachs kann man vom zweiten Tag an mit der einfachen Exponentialfunktion 2n berechnen, wobei "n" die Tage symbolisiert). Dann allerdings wird das gesamte Biotop Teich in einen völlig anderen Zustand versetzt, weil unter anderem die Sauerstoffzufuhr aus der Luft ins Wasser unterbrochen ist – der Teich kippt, sagt man, und alles Leben darin stirbt ab. Bei der Betrachtung dieses Modells ist es aber vor allem nützlich, folgende Erscheinung zu beachten: Eine Konsequenz der Tatsache, dass sich die Anzahl der Seerosen täglich verdoppelt, ist nämlich, dass vier Tage vor seiner völligen Bedeckung der Teich erst zu ein Achtel der Wasseroberfläche zugewachsen war, und noch "erstaunlicher": Am letzten Tag vor dem vollständigen Zuwachsen war noch die Hälfte frei! Die exponentielle Zunahme bewirkt, dass wir mit unserem gewöhnlich linear denkenden Verstand am Tage vor der Katastrophe wahrscheinlich noch völlig unbesorgt sind und wir den nun schon kaum noch aufzuhaltenden Phasenübergang des Systems Teich nicht einmal befürchten.

Wir blicken völlig ungerührt auf – wie wir
meinen – genügend freie Flächen des freundlich im Sonnenlicht glitzernden Teichs

Dieses Beispiel auf "globale Verhältnisse" übertragend können wir Folgendes ableiten: Das Wachstum der Erdbevölkerung wird, fällt uns nichts grundlegend Neues ein, eines Tages eine Größenordnung und Geschwindigkeit erreicht haben, durch die trotz gewaltiger technischer Fortschritte der Lebensraum für uns Menschen auf der Erde vollständig ausgeschöpft sein wird. Allein wegen der Tatsache, dass sich die Oberfläche der Erdkugel (wie die des Teichs) nicht erweitern lässt, ist dies zwangsläufig; denn Mond und Mars werden wohl doch nicht wohnlich genug sein. Um im Bilde zu bleiben: Wir sind die auf dem Wasser schwimmenden Blätter der Seerose und blicken noch am Tag vor der Katastrophe, die nach vollständiger "Besiedlung" der Erdoberfläche eintreten wird, völlig ungerührt auf – wie wir meinen – genügend freie Flächen des freundlich im Sonnenlicht glitzernden Teichs. Befassten wir uns jedoch mit den Folgen des ständigen exponentiellen Wachstums, wozu uns einfache Regeln der Mathematik behilflich sein können, dann würden wir in der Lage sein, das völlige Zuwachsen des Teichs noch rechtzeitig zu erkennen.

Zwei Schlussfolgerungen haben wir aus diesen Zusammenhängen zu ziehen. Die erste ist, direkte und eng gefasste Vergleiche mit geschichtlichen Erfahrungen zu vermeiden, da sich aus ihnen nicht ableiten lässt, welche zukünftige Entwicklung zu erwarten ist. Das heißt, was sich in der Vergangenheit als "gut" oder zumindest als erträglich herausgestellt hat, kann nur dann beibehalten werden, sollten die für das Bewährte maßgeblichen "historischen" Bedingungen auch noch gelten. Da wir aber bereits einige Andeutungen hinsichtlich der auf uns einstürzenden Veränderungen kennen, vor allem als mögliche Folgen des fulminanten Bevölkerungswachstums der vergangenen Jahrzehnte, ist die Wahrscheinlichkeit vernachlässigbar gering, die Bewahrung des historisch "Guten" werde uns nun helfen, die Gefahren zu meistern, die aus den neuen Verhältnissen herrühren. Vielmehr gehört das "Bewährte" auf den Prüfstand, ist grundsätzlich zu hinterfragen. – Es existiert dennoch eine "historische Konstante", das Wesen der Spezies Mensch nämlich, wodurch Schlussfolgerungen aus der Geschichte trotzdem erlaubt sind. Der Mensch hat sich in den vergangenen Jahrtausenden nämlich nur vernachlässigbar gering verändert. Das ist die "geschichtliche Konstante", die zumindest so lange Gültigkeit behält, wie die Veränderung des menschlichen Genoms nur ein geringfügiges Ausmaß zeigt, was sicher noch länger der Fall sein wird. So lässt sich unter Ansatz dieser Konstanten vorstellen, wie Menschen reagieren, wenn sie bestimmten psychischen Drucksituationen ausgesetzt sind. Dazu ein Beispiel: Aus steinzeitlicher Prägung stammt ein Reflex, der Menschen, wenn sie unter dem Eindruck stehen, sie befänden sich in schwieriger Lage, förmlich zwingt, jeden hinzukommenden Fremden als ihren Feind einzuordnen. Als der Mensch ausschließlich von dem leben musste, was ihm die Natur anbot und dies stets eher karg ausfiel, war jeder Hinzukommende "ein Esser zu viel". Der Fremde war also immer ein Eindringling, den es zu verjagen galt. Daraus ist ein leicht zu aktivierender "Automatismus" entstanden, der auch heute noch wirkt, wenn tatsächlich oder auch nur vermeintlich Knappheit herrscht. Es genügt dann, wie wir gerade beobachten, einfach zu behaupten, die Flüchtlinge nähmen uns Arbeitsplätze und Sozialleistungen oder gar die eigenständige Kultur weg, um ihnen gegenüber Feindseligkeit zu schüren, und zwar auch ohne jeglichen Beleg dafür.

Dann müssen wir die herrschenden Zusammenhänge so unvoreingenommen wie irgend möglich untersuchen

Einerseits können wir also, wenn Phasenübergänge zu erwarten sind, die geschichtlichen "Vorgaben" nicht nutzen; doch andererseits lassen sich Schlüsse daraus ziehen, indem wir die allgemeinen Verhaltensmuster der Menschen aufspüren und mit den aktuellen Verhältnissen abgleichen. Wollen wir die Möglichkeiten zukünftiger Richtung der Entwicklung unseres Daseins wenigstens näherungsweise erkennen und ihre Wirkung auf unsere gesellschaftlichen Strukturen abwägen, um daraus Verhaltensanweisungen zu bestimmen, dann müssen wir die herrschenden Zusammenhänge so unvoreingenommen wie irgend möglich untersuchen. Dabei ist die geistige "Mitgift" der Menschheit in Betracht zu ziehen, und zwar, indem ihr der Einfluss auf das Urteil streitig gemacht wird. Gerade, weil zu viele Leute dazu neigen, den Vorgaben ihres Weltbildes folgend, Veränderungen auszublenden, selbst wenn klare Signale die bereits ankündigen, ist es unabdingbar, zunächst das Bewusstsein einer Mehrheit der Mitbürger für eine Gefahr zu schärfen, bevor wir versuchen, konkrete Schritte zur Abwendung künftigen Schadens zu beschließen.

Eine zweite wichtige Schlussfolgerung ist folgende: Wir können mögliche Veränderungen nur dann hinreichend richtig einschätzen, wenn wir den Verlauf von Prozessen als nichtlineare Funktionen verstehen. Die Beobachtung des Geschehens in der Welt, auch dessen, an dem Menschen beteiligt sind, lässt eigentlich genügend Beweise für die Richtigkeit dieser wichtigen Grundlage aller Entwicklungen erkennen. Aber unser Hang zum linearen Aneinanderketten von einzelnen Ursachen und deren direkten, für uns sichtbaren Wirkungen scheint so stark ausgeprägt zu sein, dass es erheblichen Aufwandes bedarf, diese Schwäche auszugleichen. Es bleibt uns jedoch nichts anderes übrig, als solche Anstrengung auf uns zu nehmen, wollen wir verhindern, dass uns der nächste "Phasenübergang" in eine Lage führt, die uns existenzbedrohende Zustände beschert. Denn das jetzige Wachstum der Bevölkerung führt dazu, dass sehr bald nur unzureichender Lebensraum für eine weiter steigende Zahl Menschen zur Verfügung stehen wird. Doch als sei dies noch nicht schwindelerregend genug, wirkt ein sich ebenfalls exponentiell beschleunigender sogenannter "technischer Fortschritt" noch verstärkend in Richtung Phasenübergang. Wir meinen zwar, gerade die Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten helfe uns, die Gefahren infolge der Überbevölkerung zu bannen, während aber genau die gegenteilige Wirkung eintritt. Denn es wird nur solcher technische Fortschritt vorangetrieben, der dem Sog, dem Zwang zu ständig sprudelnden Renditen folgt (die wichtigste Voraussetzung für kapitalistische Wirtschaft). Doch das ist ein Trend, der zu ungleicher Verteilung von Erträgen und zu einer Abnahme von auf Erwerb gerichteten Beschäftigungsmöglichkeiten fördert. Dies stellt im Verbund mit der weiter steigenden Bevölkerungszahl eine derzeit sträflich unterschätzte Gefahr für die gesamte Menschheit dar. Wir können aber, so wir aufmerksam hinsehen, gut erkennen, wie ausgerechnet in den bevölkerungsreichsten Regionen der Welt bereits jetzt Arbeitslosigkeit zum Hauptproblem geworden ist, und müssen auch die "Flüchtlingsströme" dieser Tendenz zuordnen. Alle damit verbundenen Zusammenhänge unterliegen nichtlinearen und komplex verschränkten Prozessen, die sich zwar unserer "normalen" Verstandeskraft verschließen, die aber unter Anwendung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aus den vergangenen hundert Jahren "sichtbar" gemacht und in die Planung unserer Zukunft eingeflochten werden können. Es bedarf lediglich der "politischen Köpfe", die das akzeptieren; denn das Wissen steht zur Verfügung – weitgehend sogar öffentlich zugänglich im Internet!

Es bleibt uns jedoch nichts anderes übrig, als solche Anstrengung auf uns zu nehmen

In Europa hört man häufig, das Bevölkerungswachstum sei leicht zu stoppen, wofür doch eine sinkende Bevölkerungszahl bei uns den Beweis liefere. Diese Sichtweise zeugt aber von einer höchst oberflächlichen Einschätzung, da erstens der Geburtenrückgang hierzulande Ergebnis einer rasanten Wohlstandsmehrung ist, die obendrein wesentlich auf der Ausbeutung der Ressourcen in den ehemaligen Kolonien beruht – uns geht es in dem Maße besser, wie es den Menschen anderswo in der Welt schlechter geht! Und zweitens übersehen wir die steigende Abnahme von Beschäftigungsmöglichkeiten durch die Einführung automatischer Arbeitsprozesse (Stichwort Roboter), die in alle Bereiche der Arbeitswelt eindringen und deren "Fortpflanzung" exponentiell erfolgt. Um das Bild noch mal aufzunehmen: Die Wasseroberfläche unseres Teiches ist erst zu einem Achtel bedeckt, weshalb wir annehmen, wir müssten uns keine Sorgen machen. Tatsächlich ist es aber allerhöchste Zeit, wenigstens die bereits erkennbaren Folgen dieser Entwicklung in politische Entscheidungsprozesse einzuführen, und nicht "weltfremd" darauf zu hoffen, dass sich die Geschehnisse von allein "irgendwie" zu unseren Gunsten wenden werden. Unter Ansatz solch falscher "Denkweise" gelingt es scheinbar, die europäischen Grenzen dichtzumachen und die herrschenden Cliquen in den "Herkunftsländern" mit ein paar Milliarden Schmiergeld zu überzeugen, nun ihre fluchtbereiten Bürger bei sich festzuhalten. Doch damit verringern wir das Problem nicht, sondern wir verstärken es sogar erheblich, weil sich Druck und Gegendruck in einer positiven Rückkoppelungsschleife "aufschaukeln". Der eingeengte Blick auf die schöne Welt bei uns trübt das Bild von der realen Welt, mit der wir "global vernetzt" sind und deren Verhältnisse auf die unseren rückwirken. Das zu erkennen ist oberstes Gebot der Stunde.

Gerade der Umstand, dass es uns in Europa und erst recht in Deutschland "ja noch gold geht", sollte uns zu der Überzeugung führen, dass wir diesen Zustand zu nutzen haben, wenn es um die Einführung grundlegender Neuerungen geht, und dass wir uns nicht, wie es gerade geschieht, mit unerhörter Arroganz auf die faule Ausrede zurückziehen dürfen, die "übrige Welt" möge sich nach unserer Lebensweise richten, wenn sie am Wohlstand teilhaben will. Doch die an sich selbstverständliche Haltung, dass wir Verantwortung für das Elend auf unserem Globus zu tragen haben, ja, dass uns ein gerüttelt Maß Mitschuld daran trifft, müssen wir derzeit schmerzlich vermissen. Dabei brauchen wir gar nicht an "ethische Werte" zu appellieren, weil bereits die Einsicht genügt, dass wir, nehmen wir keine Rücksicht auf die nahenden Gefahren, selbst die ersten sein werden, denen das Wasser bis zum Halse steht. Aber der Anblick der noch zu 87,5 Prozent freien Wasserfläche täuscht wohl die meisten Menschen über die eigentlich zu treffende Feststellung hinweg, dass nur noch "vier Tage" Zeit verbleiben, um den Prozess Richtung Katastrophe aufzuhalten. Der riesige blinde Fleck im Blickfeld der hiesigen Wohlstandsbürger ist Ausdruck einer fatalen "Weltfremdheit". Eingedenk der herrschenden Bedingungen ist es daher angezeigt, einzelne Problemfelder unter Beachtung ihrer Verbindung zum "globalen Ganzen" und mit der Erkenntnis, dass alle Entwicklungen nichtlinearen Regeln folgen, daraufhin zu untersuchen, wie wir mit ganz konkreten Maßnahmen zur Verhinderung der schlimmsten Folgen des kommenden unausweichlichen Phasenübergangs beitragen können.

Menschliche Leistung wird dann nur noch für die Erstellung und Pflege von Computer-Software gebrauch

Um damit zu beginnen, was eigentlich angebracht ist, nämlich vor der eigenen Tür zu kehren, sollten wir uns jetzt, da noch Zeit und Einkommen zur Verfügung stehen, mit der Frage beschäftigen, wie wir verhindern können, dass unsere Gesellschaft kollabiert, weil die Mehrheit der Bevölkerung keine auf Erwerb ausgerichtete Beschäftigung mehr finden kann. Wer dies als unwahrscheinlich einstuft, möge sich mit den Konsequenzen all dessen befassen, was unter dem Rubrum "digitalisierte Produktion" firmiert und im Klartext formuliert bedeutet, dass fast alle Tätigkeiten, die heute noch Menschen erledigen, von "intelligenten" Automaten ausgeführt werden. Beim Friseur wird es dann so aussehen wie in Selbstbedienungswäschereien, und sämtliche Transportleistungen werden von Geisterhand geführte Verkehrsmittel übernehmen, die nicht einmal mehr über einen Führersitz verfügen. Sicherlich 90 Prozent der industriellen und handwerklichen Produktion verrichten sogenannte 3D-Drucker, und die Abwicklung des gesamten Finanzgeschäftes läuft über vollständig automatisierte Buchungsvorgänge, ohne dass ein Mensch auch nur einen Blick darauf werfen muss. – Menschliche Leistung wird dann nur noch für die Erstellung und Pflege von Computer-Software gebraucht, wofür wenige bestens ausgebildete Spezialisten eingesetzt werden. Es bedarf keiner überdurchschnittlichen Fantasie, um sich vorzustellen, dass sich dann die allermeisten Menschen nur noch ihren Hobbys widmen können, was ihnen allerdings sehr schwer fallen dürfte, da sie aus Mangel an Erwerbsbeschäftigung mittellos sein werden. – Wir reden hier nicht über Zustände, die in einen postmodernen Jules-Verne-Roman gehören, sondern wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es alle für die vollständige Automatisierung wirtschaftlicher Prozesse notwendigen Technologien bereits gibt.

Auf diese Weise entstünde ein "richtiger" Arbeitsmarkt

Vor dem Hintergrund dieser Feststellungen erlangt die Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen eine herausragende Bedeutung. Sie soll deshalb hier kurz zusammenfassend dargestellt werden: Jeder Bürger wird "von der Wiege bis zur Bahre" ein "Gehalt" beziehen, das die Gemeinschaft, der Staat, aus Steuermitteln zur Verfügung stellt. Dieses "Gehalt" soll so bemessen sein, dass allen Menschen ein zwar einfaches aber auskömmliches und selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird und es ihnen erlaubt, derjenigen Beschäftigung nachzugehen, die den eigenen Vorstellungen entspricht, wobei es unerheblich bleibt, ob die Beschäftigung vergütet wird oder nicht. Auf diese Weise entstünde ein "richtiger" Arbeitsmarkt, da es dem abhängig Beschäftigten möglich wird, unter von ihm für nicht zumutbar gehaltenen Bedingungen den Dienst abzulehnen. Markt setzt zu seiner Existenz nämlich voraus, dass Anbieter und Nachfragender auf ein Geschäft auch verzichten können, eine Bedingung, die auf dem heutzutage herrschenden "Arbeitsmarkt" nicht erfüllt ist. Arbeitnehmer sind in der Regel auf die Übernahme einer Beschäftigung angewiesen, im Grunde also erpressbar; und sie werden in dem Maße noch erpressbarer, wie die Automatisierung weitere Arbeitskräfte "abbaut". Nachdem ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt wird, ist Arbeit jedoch von dem Zwang befreit, der dadurch entsteht, dass der Verlust des Arbeitsplatzes zu einer Existenzbedrohung geraten kann.

Lohn-, Einkommen- und Unternehmenssteuern müssen abgeschafft und die daraus bisher gewonnenen Einnahmen des Staates durch eine entsprechende Erhöhung der Umsatzsteuer ersetzt werden

Allerdings darf das neue "Entlohnungssystem" nicht losgelöst von einigen anderen Änderungen der Organisation des Allgemeinwesens eingeführt werden. Auf die wichtigsten sei hier hingewiesen: Lohn-, Einkommen- und Unternehmenssteuern müssen abgeschafft und die daraus bisher gewonnenen Einnahmen des Staates durch eine entsprechende Erhöhung der Umsatzsteuer ersetzt werden. Dabei muss eine neue Gliederung der Umsatzsteuer vorgesehen sein, die sicherstellt, dass die lebenswichtigen Produkte und Dienstleistungen gering und die luxuriöseren höher besteuert werden. Es muss eine gesetzliche Krankenversicherung installiert werden, die allen eine Grundversorgung gewährt und wofür alle einen Beitrag leisten. Da das Grundeinkommen "bis zur Bahre" gezahlt wird, kann auf eine Rentenversorgung verzichtet werden. Wer meint, er müsse im Alter über höhere Einkommen verfügen, mag private Vorsorge betreiben, die aber anders als derzeit nicht vom Staat gefördert wird. Arbeitslosenversicherung, Pensionszahlungen und andere Sozialleistungen können ersatzlos gestrichen werden, und von der "Förderung" von Arbeitsplätzen, wie sie heute in erheblichen Umfang betrieben wird, ist gänzlich abzusehen. Neben den eher finanztechnischen Neuregelungen gilt es einige wichtige politische Grundsatzentscheidungen zu fällen. Der Staat, alle seine Organe, muss beispielsweise auf Subventionen für Wirtschaftszweige oder einzelne Unternehmen vollständig verzichten; denn dieses Unwesen führt nachweislich stets zu Schieflagen im Konkurrenzkampf, und meist erzwingt eine Subvention an einer Stelle eine weitere anderswo. Der Verzicht auf Subventionen wird allerdings nur deshalb vertretbar, weil nun im Falle der Schließung von "marktuntüchtigen" Unternehmen keine Arbeitslosen ohne auskömmliches Einkommen auf der Strecke bleiben. Außerdem sind gesetzlich vorgeschriebene Kündigungsregelungen nicht länger erforderlich, da der derzeit durchaus angebrachte Schutz vor wirtschaftlich nicht zu verkraftenden kurzfristigen Entlassungen unnötig wird. Arbeitgeber und Arbeitnehmer können die Bedingungen der Anstellung von Mitarbeitern frei vereinbaren, wobei gar nicht zu befürchten ist, dass diese Freiheit zu Lasten der Interessen von Arbeitnehmern ausgenutzt wird; denn die Sicherung des Existenzminimums durch das Grundeinkommen wird die Unternehmensführungen zwingen, attraktive Regelungen anzubieten. Gleiches gilt im Übrigen für den Mindestlohn, der deshalb wieder abzuschaffen ist. – Der wichtigste Vorteil der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist aber, dass damit die katastrophalen Folgen der unabwendbaren Einschränkung der Beschäftigungsmöglichkeit, die wir zu erwarten haben, "sozialverträglich" abgefedert werden können. Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Unruhen entstehen werden, wenn bei uns womöglich mehr als die Hälfte der "Arbeitsfähigen" ohne Job und ohne auskömmliche Einkünfte "auf der Straße stehen". Ganz sicher wird eine Welle der Gewalt übers Land rauschen, und es wird eine politische "Radikalisierung" um sich greifen, die die Verhältnisse unter den Nazis in den Schatten stellt. Auf diese Gefahren heute wirksam hinzuweisen, fällt allerdings sehr schwer, weil die "Seerosenplage" noch nicht ins Auge springt.

Die katastrophalen Folgen der unabwendbaren Einschränkung der Beschäftigungsmöglichkeit können "sozialverträglich" abgefedert werden

Und nun ein Blick auf die mögliche "Finanzierung" des Grundeinkommens: Dazu müssen wir allerdings ein wenig vorausschauen, und zwar auf die Verhältnisse, die wir höchst wahrscheinlich antreffen, wenn der Prozess der Automatisierung den Phasenübergang erreicht hat. Dann wird nämlich die einzig nennenswerte Erwerbsquelle, vor allem aber diejenige, die die Erzielung von hohen Renditen ermöglicht, der Verkauf von Software sein, also Produkte geistigen Schaffens und nicht mehr industrieller oder handwerklicher Erzeugung (Das erledigen die "3D-Drucker"). Daraus ist zu folgern, dass die Gewinne wirtschaftlicher Aktivitäten auf nur sehr Wenige entfallen werden, die ihr Werk aber sehr Vielen verkaufen müssen. Die Masse der notwendigen Konsumenten verfügt dann jedoch nicht über das Einkommen, um als Abnehmer der Produkte den wirtschaftlichen Kreislauf in Gang zu halten. Der schöne technologische Fortschritt würde zum Stillstand führen! Es muss also eine "Geldquelle" gefunden werden, die den Konsum speist, und diese Quelle muss mit der wirtschaftlichen Aktivität der "Software-Hersteller" verbunden werden. – Das gelingt jedoch nur, wenn die verbleibenden "Gewinner" von ihrem Überschuss etwas abgeben, oder anders formuliert, wenn ihr Umsatz so hoch besteuert wird, dass die Gewinne deshalb etwas geringer ausfallen. Denn der Konsument kann nur Preise im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten akzeptieren mit der Folge, dass die Anbieter teurer Software nur sehr knapp kalkulieren dürfen. Die Umsatzsteuer, die zwar die Abnehmer zu zahlen haben, muss nämlich im Preis enthalten sein – wie jetzt auch. Folglich werden die Renditen, die Gewinne auf das eingesetzte Kapital, schmaler ausfallen, als es sich die Software-Hersteller wünschen. Es wird also ein Rückkoppelungsprozess erzeugt, der dafür sorgt, dass Preise und Profite sich einem ausgewogenen Verhältnis zu den Einkommen der Konsumenten nähern. Die Umsatzsteuer speist das bedingungslose Grundeinkommen, und dies wiederum versetzt die Masse der Bürger in die Lage, den Wirtschaftskreislauf aufrechtzuerhalten. Diese selbstverständlich sehr verkürzte Darstellung soll als Hinweis darauf gelten, dass die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens grundsätzlich möglich ist; über Einzelheiten, übrigens auch hinsichtlich der Höhe des Grundeinkommens, ist dann zu diskutieren, wenn ernsthaft erwogen wird, die Idee umzusetzen.

Die angeblich zwangsläufigen Kopplung von Arbeit mit Geldverdienen und übersieht, dass schon jetzt eine Menge "Arbeit" unentgeltlich geleistet wird

Bleibt noch ein Einwand gegen die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, den es zu entkräften gilt, die Befürchtung nämlich, die meisten Menschen würden sich "auf der faulen Haut ausruhen", wenn sie nicht mehr gezwungen sind, für ihren Unterhalt zu arbeiten. Diese Behauptung lebt von der angeblich zwangsläufigen Kopplung von Arbeit mit Geldverdienen und übersieht, dass schon jetzt eine Menge "Arbeit" unentgeltlich geleistet wird, beispielsweise im Haushalt, bei der Erziehung der Nachkommen und in vielen sogenannten ehrenamtlichen Beschäftigungsverhältnissen. Niemand wird ernsthaft zu behaupten wagen, das sei keine Arbeit. Dennoch wird in der öffentlichen Diskussion stets nur dann von Arbeit gesprochen, wenn sie gegen Lohn erfolgt und im Übrigen meist gezwungenermaßen abgeleistet wird. Hannah Arendt hat die Bedeutung des übergeordneten Begriffs von Arbeit dargestellt und weist uns die Richtung, in die wir denken müssen, wenn wir uns vorstellen, dass zukünftig Arbeit geleistet wird, ohne dass dafür ein Entgelt gezahlt wird. Sie formuliert das besonders eindrücklich, indem sie schreibt: "Den Lohn für Mühe und Arbeit zahlt die Natur selbst, der Lohn ist Fruchtbarkeit; er liegt in dem stillen Vertrauen, dass, wer in Mühe und Arbeit sein Teil getan hat, ein Teil der Natur bleibt in Kindern und Kindeskindern." – Vor dem Hintergrund der exponentiellen Entwicklung müssen wir aber bereits jetzt darauf drängen, dass wenigstens über die Grundsätze von Maßnahmen diskutiert wird, die die Chance bieten, den Eintritt eines Kollapses zu vermeiden. Alle, die sich dieser Aufforderung widersetzen, sind "Weltfremde".

Beitrag auch im Blog zeitbremse.wordpress.com erschienen

11:13 04.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

zeitbremse

Mein zentrales Thema: die direkte Demokratie, dazu: "Die Pyramide auf den Kopf stellen", Norderstedt 2008.
Schreiber 0 Leser 2
zeitbremse

Kommentare 13