Zinslos in Rente? – Das ist möglich!

Strafzinsen Zinsen erweisen sich gerade als die tönernen Füße, auf denen die private Rentenvorsorge steht. Was Zinsen sind und wie eine neue gesetzliche Rente aussehen kann:
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"AUF EINER KLEINEN BANK
VOR EINER GROSSEN BANK

Worauf mag die Gabe des Fleißes
die der Deutsche besitzt, beruhn?
Deutsch sein heißt (der Deutsche weiß es)
Dinge um ihrer selbst willen tun.

Wenn er spart, dann nicht deswegen,
dass er später was davon hat.
Nein, ach nein! Geld hinterlegen
findet ohne Absicht statt.

Uns erfreut das bloße Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut ihr's uns ja sowieso.

Nehmt denn hin, was wir ersparten!
Und verludert's dann und wann!
Und erfindet noch paar Arten,
wie man pleite gehen kann.

Wieder ist es euch gelungen.
Wieder sind wir auf dem Hund.
Unser Geld hat ausgerungen.
Ihr seid hoffentlich gesund.

Heiter stehn wir vor den Banken.
Armut ist der Mühe Lohn.
Bitte, bitte, nichts zu danken!
Keine Angst, wir gehen schon.

Und empfindet keine Reue!
Leider wurdet ihr ertappt.
Doch wir halten euch die Treue.
Und dann sparen wir aufs neue,
bis es wieder mal so klappt."

Erich Kästner, 1931

Zinsen gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht für den gewöhnlichen Sparer, der sein Geld zur Bank bringt, damit es dort Früchte trage; denn selbst die zurzeit sehr geringe Inflationsrate übersteigt die mageren Haben-Zinsen, die die Bank für Einlagen zu zahlen verspricht. Ja, der brave Sparer muss sogar damit rechnen, dass ihm demnächst Gebühren für die Einlagerung von Geld berechnet werden. Die Frage ist also: Müssen wir uns auf eine längere Periode der Zinslosigkeit einstellen, und verflüchtigt sich dadurch die private Rentenvorsorge? Denn die privaten Rentensysteme können nur funktionieren, solange es für die am "Kapitalmarkt" angelegten Prämien der Versicherten ordentliche Zinsen gibt! – Oder handelt es sich um eine vorübergehende leichte Übelkeit, deren Überwindung dem Verdauungsapparat der Weltwirtschaft keine größere Mühe bereitet? Die Situation auf den "Finanzmärkten" erscheint zwar sehr unübersichtlich (zum Teil auch, weil das so gewollt ist), ein konzentriertes Hinsehen verschafft aber doch einigen Durchblick und erlaubt eine Prognose. Da diese Erkenntnis aber nicht offen zutage tritt, soll zur Förderung eines besseren Verständnisses der entsprechende "Sachverhalt" vorab kurz beschrieben werden, wozu hier ein Zitat aus einem in der ZEITBREMSE veröffentlichten Artikel zum Thema Strafzins dienen mag ("Strafzins – Irreführung der Bürger durch Politik und Banken", 28.11.2014):

„Zinsen soll jemand erhalten, der für eine bestimmte Zeit auf die Verwendung seines Geldes verzichtet und es für eine festgelegte Dauer anderen zur Verfügung stellt, die ihrerseits mit seinem Geld Geschäfte betreiben wollen. Und weil dies natürlich kaum praktikabel ist, wenn jeder, der Geld verleihen will, sich den zeitweisen Nutzer seines Geldes selbst suchen muss, hat sich seit Jahrhunderten eingebürgert, für die Vermittlung der Beziehungen von Sparern und Kreditsuchenden gesonderte Institute einzusetzen, die Banken nämlich – es handelt sich bei deren Geschäft also um eine Art Partnervermittlung. Folglich ist es nicht die Bank, die Geld verleiht, sondern sie ist nur Erfüllungsgehilfe derjenigen, die ihr Geld bei ihr anlegen. Und logischerweise ist es der Kreditnehmer, der für die Überlassung des Geldes zur Zahlung von ,Gebühren‘ (Zinsen genannt) verpflichtet wird und nicht die Bank. Die tritt lediglich als Treuhänder für die Sparer einerseits und die Geldleiher andererseits auf und berechnet eine Art Provision für ihre Maklerleistung; üblicherweise, indem sie vom Zins, den die Kreditnehmer zahlen, nur einen geringeren Teil an die Sparer weiterreicht. Die Tatsache aber, dass der einzelne Sparer gar nicht weiß, wer mit seinem Geld welche Geschäfte tätigt, und dass die Bank ihm die Zinsen in ihrem Namen gutschreibt, während der eigentliche Zahler anonym bleibt, erzeugt den Eindruck, es seien die Banken, die für die Sparzinsen sorgen. Tatsächlich ,entsteht‘ Zins aber nur, wenn Kreditnehmer durch den Einsatz des geliehenen Geldes einen zusätzlichen Ertrag bei ihren Geschäften erzielen können, von dem sie dann einen Teil als Zins an die Kreditgeber abtreten. Das regeln die Banken, die Kreditverträge mit den Darlehensnehmern schließen, und zwar ,stillschweigend‘ im Auftrage der Gemeinschaft der Sparer. Wenn also über die Höhe der Sparzinsen diskutiert wird, dann muss berücksichtigt werden, dass nicht die Banken bestimmen (jedenfalls nicht allein), wie hoch der Betrag sein kann, der demjenigen zu zahlen ist, der auf die unmittelbare Nutzung seines Geldes verzichtet, sondern dass die Teilnehmer am ,realen Wirtschaftsprozess – Produzenten, Dienstleister und Konsumenten – den Zins zunächst ,erwirtschaften‘ müssen. Auf dem sogenannten Kredit-Markt spielt sich also Folgendes ab: Immer wenn die Wirtschaft ,brummt‘, wenn gute Gelegenheit für noch mehr gutes Geschäft besteht, werden viele Teilnehmer am Wirtschaftsprozess Kredite suchen, um an dem zukünftigen ,Mehrgeschäft‘ zu partizipieren. Und immer wenn Unternehmen oder Privatleute mehr Geld einnehmen, als sie unmittelbar ausgeben können oder wollen, werden sie es einer Bank zeitlich begrenzt zur Verfügung stellen, damit die ihr Geld ,zinsbringend‘ anlegt. In Zeiten, wo beide, das Angebot von Geld und die Nachfrage von Geld, in etwa gleichem Umfang aufeinandertreffen, wird sich eine Zinshöhe ,einpendeln‘, die dadurch bestimmt ist, wie viel ein Kreditnehmer zu zahlen bereit ist (entsprechend seiner Geschäftslage) und welche Zinshöhe ein Sparer mindestens verlangt. Wenn jedoch – wie derzeitig – die Gelegenheit, zusätzlichen Gewinn zu erzielen, sehr gering ist und die Menge Geldes, das nicht unmittelbar gebraucht wird, sehr groß ist, dann wird es sich ergeben, dass die Banken den Sparern nur äußerst niedrige Zinsen zahlen können; denn dann sinken die entsprechenden Zinseinnahmen anteilig, da sie ja auf das gesamte Sparvermögen „verteilt“ werden müssen. Und wenn die Einnahmen der Banken aus Kreditgeschäften so schlecht ausfallen, dass nach Abzug der Kosten kein Zins für den Sparer verbleibt, dann sind die Kreditinstitute nur ,Lagerhalter‘ für Geld, wofür eine Gebühr zu entrichten ist. In der Banksprache nennt man diese Gebühr Strafzins – ein Ausdruck, der die Sachlage aber nicht richtig wiedergibt; besser ist der seltener benutzte Begriff ,Negativ-Zins‘ oder, aus dem Schifffahrtsgeschäft stammend: ,Liegegeld‘ – englisch ,Demurrage‘. Wir müssen daher ganz nüchtern feststellen, dass das Erheben von Strafzinsen lediglich eine mögliche Folge der Bedingungen am Kredit-Markt ist, also ein durchaus übliches Ergebnis bei geringer Nachfrage und hohem Angebot von Geld.“

Gäbe es den "Homo Oeconomicus", den in Wirtschaftsangelegenheiten nach Vorgaben der Vernunft handelnden Menschen, wir brauchten keine Krisen zu befürchten

Diese eher "technischen" Zusammenhänge sind zwar nicht sonderlich schwer zu verstehen, sie finden seltsamerweise aber kaum Beachtung, weshalb viele sich über den "Strafzins" empören, obwohl er nur die zwingende Konsequenz aus mangelnder Gelegenheit zum Einsatz von Geld in der Wirtschaft ist. Das liegt sicherlich auch daran, dass Geld ein Begriff ist, der im Gegensatz zu seinem Anschein von Nüchternheit (durch nackte Zahlen ausgedrückt) ganz und gar nicht emotionslos benutzt wird, sondern dass er mystische Symbolik ausstrahlt und die meisten Menschen in seinen Bann schlägt. Die von vielen Wirtschaftswissenschaftlern zur Erklärung des Geldes präsentierten rational entwickelten Beschreibungen der Finanzen beleuchten regelmäßig nur Teilaspekte des Phänomens und bleiben deutlich hinter einer befriedigenden Erklärung des "Mythos Geld" zurück. Denn, gäbe es den "Homo Oeconomicus", den in Wirtschaftsangelegenheiten nach Vorgaben der Vernunft handelnden Menschen, wie ihn die Ökonomen so gern in ihre "Rechnungen" einsetzen, wir brauchten keine Krisen ähnlich der von 2008 zu befürchten. Doch wir mussten erleben, wie die wirtschaftswissenschaftlichen Koryphäen in der Welt gemeinsam mit den "Spitzenmanagern" der Finanzindustrie einer Mär aufsaßen, die ihnen einflüsterte, sie hätten mit ihren mathematisch ermittelten Risikovorsorgemaßnahmen das System Geld im Griff, während ihnen tatsächlich der "schnöde Mammon" seine diabolische Fratze zeigte, ohne dass sie das bemerkten. Wahrscheinlich vermag nur eine "tiefenpsychologisch" begründete Erklärung in der Lage zu sein, den Widerspruch zwischen der rational bestimmten Nutzung von Geld und seiner verwirrenden Steuerung aus dem Unbewussten aufzulösen. Der Drang der "bösen Geister" des Geldes muss jedenfalls eine ungeheure Kraft besitzen; denn nicht einmal das Desaster der Finanzkrise von 2008 konnte die "Experten" zu der Einsicht zwingen, dass ihnen ihr fundamentales Unverständnis ein Bein gestellt hatte. Und die Heerschar von Politikern und Bankern, die unmittelbar nach Ausbruch der Krise eine wirksame Kontrolle des Finanzgebarens in den Kasinos der "Geldindustrie" ankündigten, haben tatsächlich keine Regeln einführen können (oder wollen), die zu verhindern helfen, dass sich eine Krise wie 2008 wiederholt. Ja, es gelingt den "Finanzaufsehern" der Regierungen und der Zentralbanken nicht einmal, die nur zögerlich eingeführten und im Ernstfall sicher nicht ausreichenden Maßnahmen im Rahmen der "Banken-Union" durchzusetzen, auf die man sich zwischenzeitlich nach mühsamer Kompromisssuche verständigt hatte. Soeben wird uns dafür wieder ein Beispiel präsentiert: Die "Schieflage" des Bankensystems in Italien soll nun doch abermals durch den Einsatz von Steuergeldern geradegerückt werden, obgleich eines der unmittelbar nach der Krise 2008 wortgewaltig vorgetragenen und seitdem ständig wiederholten Versprechen lautete, der Steuerzahler solle zukünftig nicht mehr zur Kasse gebeten werden, wenn Bankgeschäfte Verluste produzieren. Ob es sich bei der "realexistierenden" Finanzpolitik um das Ergebnis von Unvermögen handelt oder von Arglist, bleibt hinsichtlich seiner Auswirkung auf den betroffenen Steuerzahler jedoch bedeutungslos; er wird im Unklaren gehalten, nicht gefragt und zur Kasse gebeten. Obendrein muss er tatenlos zusehen, wie sein mühsam Erspartes dahinschmilzt und seine private Vorsorge für den Lebensabend diesen Namen nicht mehr verdient.

Die Missachtung dieser Bedingung aber entspringt dem Glauben, es existiere jederzeit ein Anspruch auf den Erhalt von Zinsen für hinterlegtes Geld

Könnten wir feststellen, dass lediglich die Masse der "dummen Steuerzahler" unwissend im Umgang mit Geld ist, dass die Fachleute in Politik und Wirtschaft aber über ein klares Bild von den bereichsweise komplizierten Zusammenhängen des Finanzwesens verfügten, wir dürften uns beruhigt zurücklehnen; denn wir wüssten, am Ende wird alles ordentlich gerichtet sein. Leider aber zwingt die Beobachtung, dass offenbar keine zu unserer Beruhigung beitragenden Rezepte entwickelt und angewendet werden, zu der Feststellung, wir sollten doch eher besorgt sein. Deshalb bleibt uns "Normalbürgern" nicht erspart, den Ursachen für die Gefahr eines erneuten Auftretens von Finanzkrisen, möglicherweise sogar von globalen Katastrophen, nachzuspüren, um zu verhindern, dass wir fortgesetzt "für dumm verkauft" werden. Sobald nämlich eine nicht mehr überhörbare Menge Menschen den Akteuren auf der politischen Bühne zurufen kann, dass sie ihr Spiel durchschaut, wird die Furcht der Funktionäre vor dem Verlust ihrer Posten stark genug sein, um die Parteipolitiker aufzuschrecken. Aber das tief im Unterbewusstsein verankerte Scheinbild vom Geld, das schon durch die Art auffällt, wie mit großer Selbstverständlichkeit sein Besitz dem Eigentum an "Sachwerten" gleichgestellt wird – obwohl es sich um etwas Abstraktes handelt, dessen Existenz maßgeblich vom Glauben an eben diese Existenz abhängt –, dieses Bild erschwert es vielen Menschen, der "Wirklichkeit" des Geldes auf die Spur zu kommen, wenn es das nicht sogar verhindert. Ausschließlich unter der Annahme nämlich, dass es genügend "realwirtschaftliche" Aktivitäten gibt, womit zusätzliche Überschüsse zu erzielen sind, die es ihrerseits ermöglichen, daraus Zinsen zu zahlen, ist die Forderung nach einer gesicherten Verzinsung von Geldbesitz berechtigt. Die Missachtung dieser Bedingung aber entspringt dem Glauben, es existiere jederzeit ein Anspruch auf den Erhalt von Zinsen für hinterlegtes Geld, der im Augenblick zwar von den "zinspolitischen" Maßnahmen der Notenbanken (bei uns der Europäischen Zentralbank) eingeschränkt werde, sich aber bald wieder realisieren lasse. Indem wir diesen Anspruch für "rechtens" halten, verlassen wir aber festen Grund und gleiten in den Sumpf einer lediglich gedachten Welt. Eine vom Wunsch nach stetiger, automatischer Geldvermehrung geprägte Betrachtungsweise der Finanzzusammenhänge erweckt tatsächlich den Eindruck, Geld sei eine Kuh, die man täglich melken könne, um von ihr wieder Geld (Zins) zu bekommen. Oder anders formuliert: wir klammern uns an die Vorstellung, Geld sei eine Produktionsmaschine, bei der wir eine bestimmte Leistung abrufen können, wozu uns der feste Glaube an ihre dauerhafte, ortsungebundene Einsatzfähigkeit verführt (häufig zu hören ist, Geld müsse arbeiten, ohne dass hinzugefügt wird: arbeiten müssen andere, und zwar mit wirtschaftlichen Erfolg).

Johann Wolfgang von Goethe hat im "Faust" ein Weltbild des Menschen beschrieben, dem die meisten heutigen Zeitgenossen immer noch anzuhängen scheinen, obwohl sie sich als aufgeklärte Wesen der Moderne von der Zauberwelt der Mythen befreit wähnen. So lässt Goethe im ersten Akt der "Tragödie zweiter Teil" seinen Faust beim Anblick eines im Sonnenlicht glitzernden Wasserfalls träumen: "Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend, / Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, / Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, / Umher verbreitend duftig kühle Schauer. / Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. / Ihm sinne nach, und du begreifst genauer: / Am farbigen Abglanz haben wir das Leben." – Und auch das Geld haben wir nur "am farbigen Abglanz", der uns betört und daran hindert, unsere Umgebung richtig einzuschätzen. (Der belgische Wirtschaftswissenschaftler und Finanzexperte, Bernard A. Lietaer, liefert in seinem Buch "Mysterium Geld" umfassende und vor allem allgemeinverständliche Erklärungen, die jedem an der "Wunderwelt" des Geldes Interessierten zum Lesen empfohlen sind.) – Mit der "menschlichen Schwäche", dass wir immer dann dem bloßen Schein trauen, wenn uns der Durchblick fehlt, müssen wir also rechnen, sobald wir in Geldangelegenheiten Klarheit zu schaffen versuchen und sobald wir so vielen Menschen wie möglich ein realistisches Verständnis vom Geld vermitteln wollen. Das wiederum ist erforderlich, um den Zusammenhang von Zinsen und und "privater Altersvorsorge" darzulegen; denn es ist wahrscheinlich nur dem Missverständnis über die "Entstehung" von Zinsen zu verdanken, dass so viele Leute auf die Propaganda von Politikern und Versicherern für den Abschluss einer privaten Zusatzrente hereinfielen.

Kein Wunder, dass die "Spitzenfunktionäre" die Rentenpolitik zu einem herausragenden Wahlkampfthema erkoren haben

In der Bundesrepublik Deutschland wird nach der parlamentarischen Sommerpause ein Jahr lang hauptsächlich Wahlkampf betrieben werden; denn die Bundestagswahlen im Herbst 2017 zwingen die Schausteller des politischen Geschäftes schon jetzt in den Ring, von wo aus sie, Scheinkämpfe und Schattenboxen betreibend, ihre Wählbarkeit demonstrieren wollen. Besonders beliebt ist dann auch die Präsentation von Wahlgeschenken, die zur Stimmabgabe für die Wohltäter verführen sollen. Und bei der Überlegung, welche lohnenswerten Gruppen von potentiellen Geschenkempfängern es gäbe, fällt der Blick auf die sogenannte Alterspyramide und lenkt fast zwangsläufig besondere Aufmerksamkeit auf die Rentner, deren Zahl im Jahre 2014 bereits 25 Millionen betrug – mit steigender Tendenz. Subtrahiert man von der Gesamtbevölkerung (81 Millionen) die 14 Millionen noch nicht wahlberechtigten Kinder und Jugendlichen, so ergibt sich ein Anteil der Rentner an den Wahlberechtigten von 37 Prozent! Grund genug, sich den Wünschen dieser Wählergruppe verstärkt zu widmen, zumal diese Leute gemeinhin recht einfach zufriedenzustellen sind. Sie haben, ein wenig überspitzt formuliert, mit dem Leben bereits abgeschlossen und richten ihre Gedanken eher auf die Bewahrung des Vergangenen denn auf die Vorsorge für die Zukunft. Sie kennen eigentlich nur zwei Wünsche: In ihrer Umgebung möge sich möglichst nichts ändern, und die Renten mögen regelmäßig steigen. Ansonsten ist ihnen das politische Geschehen herzlich egal (Selbstverständlich gilt dies nicht für alle "Seniorinnen und Senioren"; wohl aber für die große Mehrheit). Kein Wunder also, dass die "Spitzenfunktionäre" fast aller Parteien die Rentenpolitik zu einem herausragenden Wahlkampfthema erkoren haben – übrigens schon seit den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Vielen älteren Bundesbürgern wird noch der Wahlslogan des einstigen Sozialministers Norbert Blüm in Erinnerung sein, der 1986, auf großen Wahlplakaten an Straßen und Plätzen der Republik abgebildet, ausrief: "Die Rente ist sicher", als nämlich erste Bedenken im Hinblick auf die problematische Struktur der Alterspyramide geäußert wurden. Berücksichtigt man dann noch den Umstand, dass die jungen Menschen, deren Interesse naturgemäß auf längerfristig wirkende Prozesse gerichtet ist, bei Wahlen deutlich unterrepräsentiert sind, so wird die Tendenz, die "Alten" zu begünstigen noch erheblich verstärkt.

Ein steuerfinanziertes System, das der Versicherungswirtschaft ein gutes Geschäft verspricht

Die seit über 30 Jahren gut erkennbare Gefahr, dass das herrschende Rentensystem den steigenden Anforderungen der vielen zusätzlichen Rentner zukünftig nicht gerecht werden könnte, brachte einige "Rentenpolitiker", übrigens aller im Bundestag vertretenden Parteien, auf die Idee, eine sogenannte private Zusatzrente einzuführen (Zu Beginn der SiebzigerJahre gab es knapp 10 Millionen Rentner, heute sind es über 25 Millionen! – Klammert man die ex-DDR-Bevölkerung aus, bleiben noch 21 Millionen, was mehr als eine Verdoppelung der Rentnerzahl in 40 Jahren bedeutet). Man stritt zwar lange über die Modalitäten, beugte sich dann aber den massiv vorgetragenen "Wünschen" der Versicherungswirtschaft und schuf ein staatlich unterstütztes Gebilde, das wesentlich auf folgender Basis ruht: Erwerbstätige zahlen regelmäßig Prämien in eine private Versicherung, und der Staat, der Steuerzahler, leistet dazu einen Beitrag in Form von Vergünstigungen und direkten Zuschüssen. Die Lobbyisten der Versicherungswirtschaft drängten auf diese Konstruktion, da sie sehr genau wussten, dass der Abschluss einer ausschließlich von den Erwerbstätigen finanzierten Versicherung kein nennenswertes Zusatzgeschäft bringen würde, zumal es die kapitalbildende Lebensversicherung ja bereits gab, deren Prämienhöhe aber den Normalverdiener eher abschreckte. Das heißt, tatsächlich entpuppt sich die neue Rentenform als teilweise steuerfinanziertes System, das der Versicherungswirtschaft ein gutes Geschäft verspricht. Allerdings hatte dieses Geschäft einen Haken, den man bei der Einführung der "Riester-Rente" und ihr verwandter Gebilde freundlichst übersah: Die eingezahlten Prämien sollen von den Versicherungsunternehmen "am Kapitalmarkt angelegt" werden, was bedeutet, dass nur dann, wenn "anständige Zinsen" gezahlt werden, eine Zusatzrente entsteht! – Heute jedoch, wo eher mit "Strafzinsen" statt mit "Haben-Zinsen" zu rechnen ist, droht das schöne Gebäude Zusatzrente einzustürzen. Und selbstverständlich sind bereits Politfunktionäre zu hören, die fordern, der Staat müsse "nachbessern". Dazu werden wir im Wahlkampf noch einiges hören. – Die entscheidende, eingangs bereits erwähnte Frage ist jedoch: Gelingt es "der Wirtschaft", die Flaute der Zinsen so rechtzeitig zu überwinden, dass das Zusatzrentensystem nicht kollabiert? Und weiter: lässt sich der zu erwartende Mehraufwand an Steuermitteln so weit begrenzen, dass er nicht das Gefüge der Staatsfinanzen zerstört?

Zinsen wird es also so bald nicht geben

Zunächst haben wir uns daran zu gewöhnen, dass wirtschaftliche Entwicklungen zukünftig noch mehr als bisher von der weltweiten Lage bestimmt werden (auch der politischen – siehe Naher Osten, Türkei oder auch Brexit), was insbesondere für eine Volkswirtschaft gilt, die wie die deutsche in erheblichem Umfang von Exporten abhängig ist. Betrachten wir vor diesem Hintergrund die "globale Lage", dann erkennen wir, dass die kapitalistischen Strukturen in den "wichtigsten Ländern" wie etwa die G-20 in "Finanzkrisen" dahindümpeln und dass in den "Armenhäusern" der Welt eher wachsendes Chaos denn geordnete Entwicklung zu beobachten ist. Dies, gepaart mit dem "technischen Fortschritt" hin zu noch mehr Automation und entsprechender Abnahme von erwerbsmäßigen Beschäftigungsmöglichkeiten, lässt wenig Hoffnung aufkommen, in absehbarer Zeit könne eine Trendwende zum Guten eintreten. Und als reichten die Gründe für eine eher pessimistische Haltung noch nicht, wird das Ganze überlagert von einer Unsumme "gedruckten" Geldes, das lichtgeschwind um den Globus rast, keine zinsbringenden Anlagen findet und durch die gewaltigen Gelddruckaktionen vieler Zentralbanken weiter vermehrt wird (Zur Erinnerung: derzeit "kursiert" bis zu 300-mal mehr Geld durch die Welt, als die Summe aller realwirtschaftlichen Leistungen ergibt!). Wir sind also gut beraten, wenn wir davon ausgehen, dass eine Wirtschaftslage mit realistischen Aussichten auf "ordentliche" Zinsen in absehbarer Zukunft nicht zu erwarten ist. Vielmehr müssen wir schon deshalb mit neuen "Finanzkrisen" rechnen, weil die Geldhäuser sich praktisch gezwungen sehen, ihre Erträge im Wege von Spekulationen in ihren "Kasinos" zu erwirtschaften, und als dessen Folge eine dann wohl nicht mehr zu beherrschende Welle von Zusammenbrüchen großer Finanzinstitute höchst wahrscheinlich wird! Zinsen wird es also so bald nicht geben, weshalb Geschäftsmodelle, deren Erfolg auf der Erzielung von Zinsgewinnen basiert, zum Scheitern verurteilt sind. Das trifft aber genau auf die privaten Rentensysteme zu und verbietet das Weiterleben dieser Einrichtungen zur Altersvorsorge.

Zu dieser Einsicht zwingt allein das "hautnahe Beieinander"

Nun gibt es Leute, die darauf erwidern, der Staat (Achtung: sobald vom Staat die Rede ist und es ums Geld geht, ist dies stets der Steuerzahler!) müsse entsprechende Garantien abgeben, dann könne das System erhalten bleiben. Das ist jedoch keine erfolgversprechende Maßnahme, da sie davon ausgeht, dass eben doch nach einer Phase der Niedrigzinsen bald wieder wachsende Erträge aus Kapitalanlagen erwartet werden dürfen. Sonst nämlich ist die Garantie nichts anderes als eine Zahlungsverpflichtung. – Eine hinreichend präzise Analyse der wirtschaftlichen Gegebenheiten lässt nur folgende Prognose zu: Die weltwirtschaftliche Entwicklung, von deren Auf und Ab heutzutage alle Wirtschaftsregionen wenn auch in unterschiedlicher Eindringlichkeit abhängen, wird sich nur dann anhaltend in positive Richtung bewegen, wenn grundlegende Änderungen der gesellschaftlichen Strukturen erfolgen, weil ein Herumdoktern am Detail nicht ausreicht. Zu dieser Einsicht zwingt allein das "hautnahe Beieinander", das durch die rasant gestiegene Bevölkerungszahl und durch die elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten entstanden ist. Wir können das gerade an den sogenannten Flüchtlingsströmen ablesen, weil Menschen in Not sich nicht mehr einfach ihrem Schicksal ergeben, sondern sich auf den Weg machen dorthin, wo sie genau wissen, dass es deutlich bessere Umgebungsbedingungen gibt. Zum notwendigen Strukturwandel gehört daher vorrangig, dass die Bewohner der sogenannten Ersten Welt von ihrem Reichtum abgeben müssen. Das ist schon deshalb einsichtig, weil sie ihren Reichtum obendrein in erheblichem Maße dem Umstand verdanken, dass die Schwachen den Starken ihre Leistung unter Preis verkaufen müssen (Stichwort: billige Textilien aus Kambodscha oder Bangladesch). Da jedoch wenig Grund zu der Annahme besteht, dass die "Reichen" zu solcher Einsicht gelangen, bevor physischer Druck sie dazu zwingt, und da zu erwarten ist, dass sich das Vermögensgefälle und die daraus resultierenden Spannungen noch weiter vergrößern, müssen wir wohl noch geraume Zeit mit Krisen, Terror und Kriegen leben. Und auch aus dieser "Gemengelage" folgt zwangsläufig, dass wir auf ansteigende Zinsen noch geraume Zeit warten müssen; der Boom der Waffenindustrie wird nicht für einen "Zinssprung" sorgen.

Die "Riester-Rente" und ihre Verwandten sind deshalb wieder abzuschaffen

Die Probleme des Rentensystems sind aber gar nicht so gewaltig, wie sie bei erstem Ansehen wirken. Die private Zusatzversicherung, die, wie man sehen kann, gar nicht "wirklich" privat ist und die auf Zinsen hoffen muss, die nicht erwirtschaftet werden, war der gescheiterte Versuch, von den Schwierigkeiten, denen sich die gesetzliche Altersversicherung gegenübersah, abzulenken, indem man ein paar Pflaster auf die Wunden klebte, die darunter aber nicht heilen konnten. Die "Riester-Rente" und ihre Verwandten sind deshalb wieder abzuschaffen. – Die gesetzliche Rente folgt dem Prinzip des sogenannten Generationenvertrages, der ihre Regeln bestimmt. Dieses System ist eigentlich ziemlich genial und lässt sich zusammengefasst wie folgt beschreiben: Die Gesellschaft besteht "rententechnisch" aus drei großen Gruppen, erstens den Kindern, Heranwachsenden und Auszubildenden, zweitens den Erwerbstätigen und drittens den Ruheständlern. Die erste und die dritte Gruppe können oder sollen zu ihrem Unterhalt nichts beitragen (in Form von Geld), weshalb die zweite Gruppe, die Mitte der Alterspyramide, für deren materielle Lebensgrundlage sorgen muss. Da jeder Mensch, wenn er es bis ins Rentenalter schafft, alle drei Gruppen "durchläuft", erhält er zu Beginn und am Ende seines Lebens einen Ausgleich dafür, dass er während der Dauer seiner Erwerbstätigkeit "Nettozahler" ist. Da wir zumindest wohl noch für einige Zeit annehmen dürfen, dass diese gesellschaftliche Struktur erhalten bleibt, kann man sagen: "Die Rente ist sicher". Allerdings müssen zur reibungslosen Anwendung dieses Systems einige Justierungen vorgenommen werden. Zunächst einmal muss sichergestellt werden, dass alle Erwerbstätigen gemessen an der Höhe ihres Verdienstes einzahlen und dass nicht wie derzeit ausgerechnet die "Besserverdiener" wenig oder gar keine Beiträge leisten. Sodann sollte der Prozentsatz vom Einkommen, der dem Rentensystem zuzuführen ist, per Gesetz festgelegt werden, der danach regelmäßig daraufhin zu überprüfen ist, ob er noch angemessen erscheint. Aus dem so gefüllten "Topf" wird allen Rentnern ihr Ruhegeld in gleicher Höhe ausgezahlt; denn der Gesetzgeber darf nur eine, allerdings ausreichende, Grundversorgung festlegen, die für alle Bürger gleichermaßen gelten muss. Die bisher geübte Praxis, dass die Rentner entsprechend der eingezahlten Beiträge unterschiedliche Zahlungen erhalten und dass ihnen eine Art Inflationsausgleich zusteht, der, sollten die Einnahmen der Rentenversicherung dafür nicht reichen, aus Steuermitteln bezuschusst wird, muss allerdings aufgegeben werden. Dieser Nachteil dürfte jedoch weitgehend kompensiert sein, wenn die Rentenversicherung nicht länger für allerlei Leistungen "angezapft" wird, die mit den Renten gar nichts zu tun haben; deren Anteil beträgt derzeit ca. 30 Prozent des Beitragsaufkommens! Eines muss allerdings verstanden sein: Sollte das gesamtwirtschaftliche Ergebnis gegenüber dem davor liegenden Zeitraum schlechter ausfallen, beispielsweise in einer Phase der Rezession, dann müssen auch die Rentner mit einer Kürzung rechnen. – Erst wenn hierüber grundsätzliche Übereinkunft erzielt wurde, sollten Einzelheiten diskutiert und beschlossen werden, damit nicht wie so häufig bei politischen Diskussionen Probleme in Einzelbereichen als Ausrede genutzt werden, um das Grundlegende gar nicht überdenken zu müssen. Sonst nämlich sitzen wir wie Erich Kästner 1931 abermals mittellos auf einer Bank vor der Bank und müssen zugeben:

"Und dann sparen wir aufs neue,
bis es wieder mal so klappt."

Wollen wir jedoch eine möglichst weit in die Zukunft reichende Neuregelung der Altersversorgung einführen, wozu eigentlich genügend Anlass besteht, so müssen wir berücksichtigen, dass unabhängig von weltwirtschaftlichen Schwächen die nicht mehr aufzuhaltende Automatisierung aller wirtschaftlichen Leistungen die Gruppe der Erwerbstätigen erheblich "ausdünnen" wird. Das heißt, der Topf, aus dem die Rentner gespeist werden sollen, lässt sich nicht mehr füllen. Es empfiehlt sich daher, über die einzige derzeit bekannte diesem Problem gewachsene Sozialordnung nachzudenken: das bedingungslose Grundeinkommen. Dazu wurden kürzlich (am 04.07.2016) in der ZEITBREMSE einige Gedanken vorgestellt: "Grundeinkommen – weltfremd?".

Lesetipp: Bernard A. Litaer: Mysterium Geld: Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus, München 2000.

Veröffentlicht auch auf: zeitbremse.wordpress.com

16:37 29.07.2016
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zeitbremse

Mein zentrales Thema: die direkte Demokratie, dazu: "Die Pyramide auf den Kopf stellen", Norderstedt 2008.
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