PEGIDA als Angriff auf die Freiheit

Risiken und Nebenwikungen Das Ergebnis von PEGIDA wird nicht die Eindämmung von Flüchtlingen, noch die Verhinderung der Islamisierung des Abendlandes sein, es ist die Aufgabe der Selbstbestimmung.
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Das gegenwärtige Europa befindet sich historisch in einer eigentlich sehr angenehmen Lage: im Zuge der Aufklärung wurden in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr individuelle Freiheitswerte als Grundbedingung für eine funktionierende Gesellschaft erkannt und - mit Schwierigkeiten, aber dennoch - nach und nach eingeräumt. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, hat aber einige durchaus überraschende Ergebnisse hervorgebracht. Zum Beispiel die erst kürzlich erfolgte Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Irland; noch vor 30 Jahren war dies völlig undenkbar. Die Prämisse “lasst die Leute machen, was sie wollen, solange sie andere nicht schädigen” - eine freie Auslegung des Kant’schen Imperativs - ist inzwischen in vielen Bereichen einigermaßen verankert.

Kurz gesagt: es gilt die Annahme, das eine stabile Gesellschaft auf Dauer am besten durch die Gewährung eben jener individuellen Freiheitsrechte funktioniert, und es Aufgabe der staatlichen Gewalt sei diese zu bewahren und zu schützen.

Dies bedeutet auch, dass eine stabile Gesellschaft niemals statisch sein kann. Denn die Bedürfnisse des Einzelnen verändern sich und eine statische Gesellschaft kann auf Dauer diesem Druck nicht standhalten, zumindest nicht ohne einen entsprechenden Gegendruck aufzubauen. Wenn aber ständig Druck aufgebaut wird, so wird der Kessel explodieren.

PEGIDA ist hier in der Rolle des Gegendrucks - sie lehnen eine Veränderung der Gesellschaft ab. Zu Recht halten diese sich für die wahren Bewahrer; aber letzten Endes sind es Menschen, denen die stetige Änderung nicht behagt. Denn Änderungen sind nicht immer positiv, was viele auch selbst erlebt haben. Nicht zuletzt dadurch, dass hier auch oft genug von den Regierungen der oben erwähnte Kant’sche Imperativ ein wenig einseitig ausgelegt wurde. Das Betreiben einer Politik, welche einer Lobbygruppe nutzt und die allen anderen noch nicht so sehr wehtut, dass diese Aufbegehren, zum Beispiel. Man sehe sich die Einfältig- und Einseitigkeit der neoliberalen Programme an.

Unter den Eindrücken dieser Erfahrungen ist die Angst vor weiteren Veränderungen in der Gesellschaft, in der man so gerade sein Auskommen hat, ausgesprochen nachvollziehbar; sogar unausweichlich. Sublim wird dies einem weit größeren Teil der Bevölkerung in den Knochen stecken als derzeit allwöchentlich in Dresden aufmarschieren.

Anstelle aber diese Ängste zu formulieren werden diese auf andere übertragen. Das primäre Ziel ist der Islam, aber im Nachgang sind es letztlich alle, welche nicht in das PEGIDA-Schema passen. Der potentielle Schaden, zu dessen Anrichtung hier die Vorbereitungen getroffen werden, ist aber weitaus größer: beendet wird damit die Religionsfreiheit, beendet die freie Presse, beendet die Selbstbestimmung der Menschen. All diese Rechte müssen weichen um den Status Quo zu bewahren.

Denn nur ohne “fremde” Einflüsse lässt sich eine gewisse Stabilität bewahren. Das Ziel - alles soll so bleiben wie es ist - ist niemals darstellbar. Eine Pflanze so zu bewahren, wie sie ist, bedeutet ihr die Wurzeln zu kappen und in Acryl zu gießen; vielleicht für kurze Zeit schön anzusehen, aber innerlich verrottet und tot. Das ist das Ergebnis, wenn alles so käme wie von Pegida gefordert: eine Gesellschaft, eingekerkert in unsichtbaren Fesseln und innerlich bereits gestorben.

13:06 27.10.2015
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Geschrieben von

zenlike

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