Freunde oder Feinde?

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Nun haben wir hier schon ganz heftige Auseinandersetzungen wegen des Nahost-Themas und ich bin sicher, wir werden sie weiterhin haben.

Was mich dabei umtreibt ist die Frage, ist man wirklich ein Feind Israels, wenn man seine Politik kritisiert?

Ich weiß, einige sehen in den Juden, verkörpert in dem Staat Israel, einfach nur Opfer. Opfer von Jahrhunderten von Vertreibung, Verfolgung, Mord, Diskriminierung und schließlich dem gottseidank misslungenen Versuch der kompletten Vernichtung.

Andere sehen unsere - deutsche - Rolle in diesem grausamen Gemetzel und glauben, es stehe uns Deutschen nicht gut an, heute an Israel Kritik zu üben.

Es mag auch diejenigen geben, die Juden und hier wieder verkörpert in dem Staat Israel grundsätzlich kritisch gegenüberstehen. Sicherlich ein Vorurteil und nicht akzeptabel, aber haben wir nicht alle irgendwelche Vorurteile? Warum wird man für dieses Vorurteil härter geahndet als für jedes andere? Ich hab Vorurteile gegenüber Ostasiaten: ich verstehe ihre Denke nicht, ich trau ihnen nicht über den Weg, bin grundsätzlich misstrauisch ihnen gegenüber, andererseits sehe ich ihre kulturelle Bedeutung , ihren Fleiß, ihre Stärke im Ertragen größter Nöte und im Wiederaufstehen aus dem Elend. Aber niemand verdammt mich für dieses Vorurteil.
Vielleicht ist in Antisemiten auch ein bißchen Hochachtung vor den Leistungen, die Juden in den Jahrhunderten ihrer Heimatlosigkeit und in den Jahrzehnten seit ihrer Staatsgründung erbracht haben?

Ich würde mich als kritischen Freund Israels bezeichnen. Ich betrachte den Staat Israels als ein Faktum, das unumkehrbar ist. Vielleicht hätte man 1947 auch eine andere Lösung finden können als diesen Staat dort zu gründen wo er sich seither befindet, aber es ist geschehen und er besteht und ist vielen Menschen eine Heimat und eine Hoffnung für die Zukunft.
In den ersten 20 Jahren seiner Existenz hatte Israel hart zu kämpfen gegen eine Phalanx von Feinden ringsum und auch in der Weltpolitik, der ganze Ostblock zählte ja auch mit dazu. Dann kam 1967 und ich meine, das war der Zeitpunkt, als Israels Politik anfing sich auf einen Pfad zu begeben, der immer mehr in die Irre führte. Israel galt jetzt als stärker als alle seine Nachbarn. Es hatte also kaum mehr mit Angriffen seiner Nachbarn zu rechnen. 1973 hat Ägypten nochmals versucht, Israel anzugreifen. Es hat seine Lehre daraus gezogen. Heute ist Ägypten eines der wenigen Nachbarländer, das seinen, wenn auch fragilen, Frieden mit Israel geschlossen hat.
Israel hätte sich nun aus seiner Position der Stärke heraus fähig zeigen können, seine Nachbarn für sich zu gewinnen. Es hätte auch Wege finden können, mit den Palästinensern zu einem Einvernehmen zu kommen, sei es durch eine Zweistaatenlösung oder auch durch einen gemeinsamen Staat. Es hat es nicht getan. Statt dessen hat es angefangen, gegen alle Regeln des Völkerrechts, die besetzten Gebiete zu besiedeln, die Bewohner der besetzten Gebiete zu drangsalieren, ihnen bei Protest und Widerstand mit unverhältnismäßiger Härte zu antworten. Gleichzeitig hat es auch dafür gesorgt, daß die kulturelle und geistige Trennung zwischen dem jüdischen und dem arabischen Bevölkerungsteil immer tiefer und unumkehrbarer wurde.
In den letzten 3 Jahren nun wurde es auch für den Rest der Welt, selbst für bisher eher ambivalente Beobachter der Nahost-Szene offensichtlich, daß es Israel völlig egal ist, was die Welt über seine Politik und seine militärischen Aktionen denkt. Den halben Libanon in Schutt legen mit Streubomben, wobei es auch grade mal einen Posten der UN eliminiert, egal. Gaza, weil es falsch gewählt hat, umzingeln und austrocknen von allem, was über Grundnahrungsmittel hinaus geht und wenn es aufbegehrt, auch hier in Schutt legen unter Einsatz von Phosphorbomben und auch hier Schulen, Krankenhäuser der UN gleich mit erledigen, auch egal. Wenn dann einer kommt und sagt, hier ist einiges schief gelaufen, wird er diffamiert und übelst beschimpft.
Und dann schließlich erst kürzlich eine völlig überzogene Aktion gegen einige unbewaffnete Schiffe, wobei es zu Toten und Verletzten kam und auch hier zweifelhafte Beweise, die wohl noch geklärt werden.

Man hat zu recht darauf hingewiesen, daß es in Internetforen und Communities wie Twitter oder Facebook zu übelsten Beschimpfungen in Richtung Israel und Juden kommt. Aber hat man sich auch schon mal das Forum von z.B. Hagalil angesehen oder mal reingeschaut in die "Achse des Guten". Man bleibt sich nichts schuldig. Es wird hüben wie drüben Übelstes abgesondert.

Ich denke, es ist Zeit, daß in Israel die Stimme der Vernunft erhoben wird. Bisher werden diejenigen Israelis, die Israels Politik kritisieren, entweder totgeschwiegen wie z.B. Avnery oder Grossmann oder man diffamiert sie, manchmal sogar als jüdische Antisemiten - ein Anachronismus. Wo ist der israelische Mandela? Wo ist der große Versöhner, der es fertig bringt, einen radikalen Wandel herbei zu führen ohne Blutvergießen, nur mit der Macht seines Wortes? Es wäre Israel so sehr zu wünschen.

Denn ich befürchte, daß Israel sich sonst in eine Situation hineinmanövriert, die zu seinem Untergang führen könnte.

Darf man als Freund Israels sowas sagen? Oder muß man es nicht sogar sagen. Wer würde einen Freund sehenden Auges in sein Verderben rennen lassen?

Ich hoffe, die Freunde und Kritiker Israels hier in unserer Community werden mir diese Worte verzeihen. Ich denke, wir sollten versuchen dieses Thema durchaus kontrovers aber mit Verständnis füreinander weiter zu diskutieren. Beleidigtes Abtauchen, weil man zuviel Widerstand spürt, halte ich nicht für den richtigen Weg.

Zenzi

11:18 12.06.2010
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Geschrieben von

zenzi

Tja, was soll man denn hier schreiben.
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