Die ersten Krabbelversuche intellektueller virtueller Kommunikation.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ist ein fruchtbarer kritischer Diskurs im Netz möglicherweise absehbar , eine Blog- Twitter- und Chat-Kultur die relevante psychologische, soziale, philosophische und politische Impulse auf breiter gesellschaftlicher Ebene erzeugt?

Einen schlechten Abklatsch von einem positiven Impuls dieser Art habe ich auf privater Ebene vor einigen Jahren, bei der WM 2006 erlebt, als ich mit Freunden ein Video-Chat mit superbem Live-Streaming mit Bekannten aus Übersee geführt haben. Der Witz war, das wir uns bis dato nur über Myspace Kommentare geschrieben hatten und dort recht salopp miteinander umgegangen waren.

Als wir uns dann aber während dieses Live-Chats hörten und agieren sahen, lag die Sache gleich ganz ganz anders. Zu Anfang oszillierten die Reaktionen auf beiden Seiten zwischen Überraschung, Schüchternheit, Befremdung und später entwickelte sich eine zarte aber völlig anders geartete Annährung, als sie mittels der statischen Kommentare bei Myspace stattgefunden hat.

Will sagen:
Ich denke, wir sind in der etwas mißlichen Lage, daß wir erst am Anfang der virtuellen Kommunikationskultur stehen, wir erleben die sprichwörtlichen ersten Robb- und Krabbelversuche.
Es ist fast als müsste uns noch irgendetwas wachsen, am Vorderstirnlappen o.s.ä., damit wir eine Art telepathisches Organ besäßen und wir die Intention des Anderen "erspüren" können.:)

Sehen Sie sich doch bitte nur an, wie sozial schwerfällig und sauber infantilisiert wir hier untereinander im Freitag.de teils miteinander kommunizieren. Und hier versammelt sich einiges an intelligenten Menschen.
Dagegen sind früher sämtliche nervige Proseminar-Bequackeleien und angeschlossene Feindseligkeiten ein Scherz gewesen.
Die wenigsten Diskussionen hier erfüllen meine Vorstellung davon, wie es laufen würde, wenn die Blogger sich tatsächlich gegenübersäßen.

Mit Sicherheit wäre der Ton viel sachlicher, milder die Perspektiven, humoriger, neutraler wenigstens die Stimmung, denn vis a vis ist es unmöglich, unberührt vom Aussehen und der Art des Anderen zu sprechen zu bleiben. Die vom persönlichen Gefühl und Geschmack evozierte Sympathie bzw. Antipathie - Diesem Effekt kann sich kein Mensch entziehen.

Aber gerade deshalb gibt man sich allerdings auch mehr Mühe, dem Anderen seine persönlichen privaten Gefühle nicht direkt aufs Auge zu drücken. Jenes gilt nämlich unter den Schlaueren von uns als primitiv und aggressiv, wahnsinnig, Borderline etc..
Aber gehen Sie mal auf GoogleVideos.com und bloggen dort kontrovers z.B. zum Thema Antisemitismus. Dort befindet sich die virtuelle Kommunikation noch im Pleistozän.

Die Anonymität, das Fehlen der Stimme und des Körpers ist fatal für uns. Wenn, werden wir uns nur sehr langsam daran gewöhnen.

Für Kant ist der Körper das Andere der Vernunft.
Und darin stimme ich Kant nicht zu; man kann den Körper nicht von der Vernunft trennen.

Diese Trennung dialektisch als Notwendigkeit für eine aufgeklärte Gesellschaft abzuleiten, durch die Unterdrückung von expressiven emotionalen Momenten, Gefühlen wie Depression, Wut, Angst, Lust; die erzwungene emotionale Selbstkasteiung, den Verzicht auf kindliche Reflexe und Begehrlichkeiten, dafür Form, Routine, Disziplin - da muss das Rohr doch verstopfen.

Und umgekehrt läßt der disziplinierte formsteife Mensch dann die Sau raus, wenn er ganz eins und allein mit seinem Körper ist: allein vorm PC, wenn er nicht beschaut, nicht bewertet wird, sich völlig frei dünkt.
Und doch nur von seinem steifem Verstand verführt wird, daß Leibliche des Anderen zu hassen.

Aber wer es nicht fühlt, kann es nicht erjagen - Emma

00:32 18.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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