Gierige Deutsche heraus, Flüchtlinge hinein!

Flüchtlingspolitik Ob Deutsche bleiben dürfen, sollte der durch veröffentlichte social-media-Daten von außen konstatierte ökologische Fußabdruck entscheiden, wie bei der Plagiatsprüfung.
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Die Debatte über die richtige Flüchtlingspolitik ist bisher falsch geführt worden. So ging es um Fra­gen, ob bereits richtig in die Herkunftsstaaten der Mittelmeerflüchtlinge eingewirkt worden sei, um dort die Armut und Korruption zu senken und die Wirtschaft zu befördern. Andere diskutieren, in­wieweit den Grenzschutzkräften von Frontex oder der italienischen Asylpolitik eine Verantwortung zukommt. Wieder andere, insbesondere in den unzensierten Leserbriefspalten und am rechten Rand des politischen Spektrums, halten die Informationen für ungeeignet, die aus den europäischen Ein­wanderungsmilieus in Richtung der noch zurück gebliebenen Landsleute entsandt würden.

Tatsächlich aber haben Beziehungen zwischen zwei Weltregionen immer zwei Seiten. Da ist die eine Seite, aus der es manche Menschen – künftige Flüchtlinge – heraus drängt. Aber dann ist da auch die andere Seite, die offenbar einen Sog entwickelt. In diesem Beitrag soll über den Sog reflektiert wer­den, den Länder wie in Europa erzeugen, und ob sich nicht etwas an diesem Sog ändern lässt.

Unabhängig davon, ob die in afrikanischen Bevölkerungen kolportierten Berichte aus der EU über Höhe und Zugänglichkeit von Sozialleistungen sowie der Arbeits- und Aufstiegsmöglichkeiten stimmen, was auf jeden Fall aber stimmt, ist, dass es hier einer Menge von Leuten möglich ist, viel Geld und Energie zu verschwenden. Nicht umsonst kommt bislang undiskutiert eine große Gruppe von Milli­ardären und wohlhabenden Ruheständlern für ihren Lebensabend nach Europa. Und da in Europa kritisch über Konsum gesprochen und die Energieerzeugung immer nachhaltiger organisiert wird, könnte und soll demnach auch künftig nach Herzenslust – guten Gewissens – Geld und Ener­gie ver­braucht werden. Diese Signale erzeugen den Sog.

Leider ist das weder international noch interkulturell fair, noch nachhaltig, noch intergenerationell haltbar. Europa ist auf Grund seiner Lage trotz Golfstroms als ein Kontinent mit kalten Wintern von gedämmten und daher teuren Häusern und erhöhtem Energieverbrauch in den Kälteperioden abhän­gig. Hier sind menschheitsgeschichtlich die Verfeinerungen der Vorratsbewirtschaftung, der Elitenb­ildung und des geballten Energieeinsatzes entstanden. Das Problem besteht in der überzeugten Ur­banität, dem Exportschlager Europas: „Ausgeprägte Territorialität, kriegerische Eroberung und Ver­teidigung von Landbesitz, Förderung der Vermehrungsrate, arbeitsteilige Tätigkeitsdifferenzie­rung und Entstehung rangmäßig gegliederter Herrschaftsverhältnisse seit dem Beginn der Agrikul­tur im Neolithikum“ (Hubert Markl, "Wie unfrei ist der Mensch? Von der Natur in der Ge­schichte", in: ders. (Hrsg.) Natur und Geschichte, München - Wien: Oldenbourg 1983, S. 11-50, hier S. 39f.).

Lange vor der Pax Americana postete Europa in die Welt: Kommt her! Gier lohnt sich bei uns! Das ist bis heute so geblieben. Das macht den Charme oder eben den Sog dieses Kontinentwurmfortsat­zes aus.

Gingen wir aber dazu über, jedem einzelnen die errechnete Summe aus seinem anteiligen kollekti­ven und seinem „persönlichen Ressourcenverbrauch .. wie eine Dreckschlep­pe an .. [zu] heften, dann wür­den die ökologischen Verbrechen der Erwachsenen zum Stigma wer­den“, fabulierten lange vor Facebook Götz Eisenberg und Reimer Gronemeyer 1993 (in ihrem Buch „Jugend und Gewalt. Der neue Generationenkonflikt oder Der Zerfall der zivilen Gesellschaft, Reinbek bei Ham­burg: Rowohlt TB, S. 205f.) und spekulierten: „Vorläufig bleibt das alles unsichtbar – aber es könn­te der Tag kommen, an sich der Kontostand des Ressourcenverbrauchs und der verursachten Umweltvers­chmutzung individuell ausweisen lässt.“ Dieser Tag ist – auch Dank 'timeline' – nun da. Weil jeder durch gepostete Urlaubsfotos oder Karriereschritte sowie Fernbeziehungen öffentlich damit angibt, wie viele Flugkilometer er gerade wieder hinter sich gebracht hat, lässt sich der ökologische Fuss­abdruck der meisten auch ohne ihr Zutun bestimmen. Es sollten – viel berechtigter als die Plagiats­sünden in Dissertationen – online die Verbrauchswerte unterhalb von Portraitfotos eingestellt wer­den – oder eben als Stigmata auf ihrer Stirn auf diesen Fotos. Das könnte die Grafik der Schulden­standsuhr des Bundes der Steuerzahler haben. Bei Unternehmensvorständen würde diese Uhr auf Grund ihrer jährlichen miles-and-more Flugkilometer nur so rasen, bei Kommunenbewoh­ner in Projekten ohne Strom dagegen praktisch stillstehen, allerdings auf hohem Niveau, weil auch diese wie alle zwangsläufig den rechnerischen Anteil der Gesamtenergiekosten und des Ressourcen­verbrauchs der Bundesrepublik und Europas mittragen (für Militär, staatseigene Energieinfrastruk­tur, Straßen, Bahnen, usw.). Daher sollte man die Höhe des Fussabdrucks in einer Hintergrundfarbe des Porträtfotos darstellen – für Europäer in üblem Dunkelrot. Ab einer gewissen Höhe der Zahl müssten die Leute sich unsicher und zur Emigration ermutigt fühlen, weil sie den Gesamtverbrauch ihrer Ortschaft nach oben treiben und zu Sanktionen auch gegen Sparsame am Ort Anlass geben. Dann endlich würden große Teile afrikanischer Provinzbewohner in die­ser globalen Fotogalerie in leuchtendem Grün erstrahlen, in ihren Wohnorten könnten Einwohner diese als Pilgerstätten der zukunftsverträg­lichen Lebensweise anspruchslosen Ökotouristen kostenpflichtig vorführen und ein Exodus würde im Gefolge fliehender Vorstandsvorsitzender aus Europa in wärmere Regionen einsetzen. In afrikanische Staaten empfinge man das Signal aus Europa: Gier hat sich überlebt, Gierige haben hier keinen Platz mehr. Bescheidene dagegen sind willkommen.

So ließe sich das Flüchtlingsproblem auch lösen.

769 Wörter, 5647 Zeichen

18:32 23.10.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Zweifel

für offene (Spezies-)Grenzen und Politik ohne Repräsentationsfaktor für die nächsten Jahrhunderte
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