Wie wollen wir arbeiten?

Onlinejournalismus Impressionen vom 10. Frankfurter Tag des Onlinejournalismus (ftoj). Mit gaaaaanz vielen guten Links
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Wie wollen wir arbeiten?

Bild: Zylvia Auerbach

Gestern hatte ich mir frei genommen. Der offizielle Teil meines Tages endete mit »Kommt, Geister« von Daniel Kehlmann, einer Poetikvorlesung der Frankfurter Goethe Uni. Der neue extralarge-xxl Hörsaal war zum bersten gefüllt als Kehlmann seine Überlegungen zu Shakespeares Sommernachts Traum und Geistern in der Literaturgeschichte vortrug. Begonnen hatte ich acht Stunden zuvor einige huntert Meter entfernt, im Hessischen Rundfunk. Unter dem Titel »Das Ende vom Anfang« fand dort der 10. Frankfurter Tag des Onlinejournalismus« (ftoj) statt.

Fazit: Geister, überall. Gute. Vor und hinter den Maschinen, drinnen und draußen. Nur an den Lösungen muss noch gearbeitet werden. Keiner weiß so recht wie mit geistiger Arbeit noch Geld verdient werden kann. Wobei Geld vielleicht ja der allergrößte Geist von allen ist.

10 ftoj // Was sagen die Experten über den Stand des Onlinejournalismus?

Die Spanne zwischen kritischem Investigativ- und Roboterjournalismus war wahrscheinlich nie größer. Die Vorträge auf dem 10. Frankfurter Tag des Onlinejournalismus wurden von Vertretern der Big Player deutscher Medien – ARD, ZDF, Stern, Welt Gruppe (Axel Springer) – gehalten. Alle zogen Bilanz. Sprecher waren Martin Giesler (ZDF Redakteur und Blogger), Anita Zielina (Stern), Karsten Lohmeyer (Lousy Pennies, Blogger und Hagen & Pollmeier), Nea Matzen (Tagesschau), Holger Schmidt (Focus, Blogger) und Jakob Augstein, der mit dem kleinen Freitag in dieser Runde fast schon anarchisch wirkte.

Mit jeweils 20 Minuten pro Speaker war die Redezeit kurz gehalten, dafür aber vollgepackt mit Informationen, Erfahrungsberichten und Überlegungen. Für alle Interessierten lohnt es sich denn auch die Reden der Referenten anzusehen. Jan-Eric Peters beispielsweise gab Einblicke in die Arbeitsabläufe – Redakteure der Welt arbeiten mit CCI-Newsgate – und platzte fast vor Begeisterung über seinen neuen Newsroom. Bei der Weltgruppe findet jetzt alles in einem Raum satt, in dessen Mitte – dem (allsehenden) Auge, einem Panoptikum gleich –, die Ressortleiter sitzen. Martin Giesler vom ZDF sagte, dass News Plattformen wie Upworthy auf Reddit Feeds zurückgreifen, also bestehende Informationen mit Aggregatoren weiterverwerten.

Unserer Freitags Community lege ich die Rede von Anita Zielina ans Herz. Sie spricht über Blogger, Userverhalten, Mechanismen der Steuerung innerhalb digitaler Diskurse und der Bedeutung von Socialmedia für den Alltag. Sie sagte, wir alle beschäftigen uns im Netz – ebenso wie in der Schule – viel zu sehr mit den wenigen »Bad Users«. Dabei sollten die anderen den Diskurs bestimmen. Ändern ließe sich dies zum Teil durch Steuerung der Redaktion, durch Fragen und kurze Kommentare zu Anfang einer Diskussion, um die Richtung vorzugeben.

In seiner Keynote »Frisst die Medienrevolution unsere Kinder? 20 Jahre Onlinejournalismus in Deutschland« hielt Jakob Augstein ein leidenschaftliches Plädoyer für innovative Formate und mutige, journalistische Experimente. Dieser irgendwie schon literarische Vortrag war ein Feuerwerk an zitierfähigen, pointierten Sätzen und wurde – statt von drögen Powerpoint-Charts – von prägnanten Bildern aus Kunst- und Kulturgeschichte begleitet. Wahrscheinlich das witzigste, das vom rosa Feenland, kommentierte er mit dem Satz, dass »dort Journalisten leben, die mit ihrem beruflichen Leben spielen«. Augstein endete bei der Revolution, mit der er begonnen hatte: »Die Revolution frisst ihre Kinder, aber sie frisst nicht alle.« … Und, auf eine Frage aus dem Publikum. »Die mutigen, die frisst sie nicht.«

Meine liebsten Augstein-Zitate: »Ich glaube an Paid Content aber nicht an Paywalls«. Über die Krautreporter Crowdfunding Aktion: »Diese ganzen Faulpelze und Phantasieleichen, die in ihrem Leben noch nie eine Idee hatten machen sich über die anderen her, die wenigstens was auf die Beine stellen wollen. Das nervt toootaaal.«

Also, unbedingt anhören. Schon weil darin eigentlich alle aktuellen Themenkomplexe und problematischen Entwicklungen der Medien angerissen und von unterschiedlichen Positionen beleuchtet werden.

Für die Community und das User/Redaktionsverhalten ist der Vortrag von Anita Zielina ein Muss. Also ansehen, dann diskutieren wir.

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Eine Zusammenfassung des Tages gibt es hier.



Eine Zusammenfassung des 10. Frankfurter Tag des Onlinejournalismus (ftoj10) gibt es hier

Jakob Augsteins Vortrag

Martin Gieslers Vortrag

Anita Zielinas Vortrag

Jan-Eric Peters Vortrag

alle Vorträge im HR-Blog zum nachhören

Im Twitterfeed zur Veranstaltung gibt es auch einige interessante Kommentare.

Was Reddit ist; und die webseite >> http://www.reddit.com/

11:59 18.06.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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