18.06.2012 | 15:44

Die Frage ist, worüber

Leseprobe "Die wirklich wichtige Ausbildung im Denken, um die es in Institutionen wie dieser geht, betrifft gar nicht die Fähigkeit zu denken, sondern die Entscheidung für das, worüber es sich nachzudenken lohnt."

Die Frage ist, worüber

Foto: godber/Flickr

Im Jahr 2005 wurde David Foster Wallace gebeten, vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College über ein Thema seiner Wahl zu sprechen. Es ist die einzige solche Rede, die er je gehalten hat.

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Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«

Der Rückgriff auf kleine didaktische Parabeln ist bei einer Rede vor US-amerikanischen Uni-Absolventen unentbehrlich. Dass eine Parabel vorkommen muss, ist noch eine der besseren, nicht so verlogenen Konventionen dieser Textsorte … aber wenn Sie Angst haben, ich wollte hier den weisen alten Fisch abgeben, der Ihnen erklärt, was Wasser ist, darf ich Sie beruhigen. Ich bin nicht der weise alte Fisch.

Die naheliegende Pointe der Fischgeschichte ist, dass die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten und wichtigsten Tatsachen oft die sind, die am schwersten zu erkennen und zu diskutieren sind. Als Aussagesatz ist das natürlich eine Plattitüde – Tatsache ist aber, dass Plattitüden in den alltäglichen Grabenkämpfen des Erwachsenendaseins eine lebenswichtige Bedeutung haben können. Das jedenfalls möchte ich Ihnen an diesem sonnigen Tag nahelegen.

Die wichtigste Bedingung einer solchen Rede ist natürlich, dass ich über die Bedeutung Ihrer geisteswissenschaftlichen Ausbildung spreche, dass ich Ihnen erkläre, warum der Abschluss, den Sie heute erlangen, echten Wert an sich hat und sich nicht nur materiell auszahlt. Reden wir also über das weitverbreitete Klischee der Textsorte Abschlussrede, dem zufolge ein Studium der Geisteswissenschaften Sie weniger mit Wissen vollstopft als Ihnen »das Denken beibringt«. Wenn Sie Studenten sind, wie ich einer war, ging Ihnen dieser Spruch schon immer gegen den Strich, und Sie kränkt die Unterstellung, Sie müssten das Denken noch lernen, denn schließlich sei die Tatsache, dass ein so gutes College Sie zugelassen habe, doch wohl Beweis genug, dass Sie schon denken konnten.

Ich möchte hier einmal festhalten, dass das geisteswissenschaftliche Klischee beileibe keine Kränkung ist, denn die wirklich wichtige Ausbildung im Denken, um die es in Institutionen wie dieser geht, betrifft gar nicht die Fähigkeit zu denken, sondern die Entscheidung für das, worüber es sich nachzudenken lohnt. Sollte Ihre umfassende Entscheidungsfreiheit in Bezug auf Denkinhalte Ihnen so klar sein, dass jedes weitere Wort darüber reine Zeitverschwendung ist, möchte ich Sie bitten, an Fische und Wasser zu denken und Ihre Zweifel am Wert des absolut Offensichtlichen ein paar Minuten zurückzustellen.

Ich habe da noch eine kleine didaktische Parabel.

Sitzen zwei Männer in einer Bar irgendwo in der Wildnis von Alaska. Der eine ist religiös, der andere Atheist, und die beiden diskutieren über die Existenz Gottes mit dieser eigentümlichen Beharrlichkeit, die sich nach dem, sagen wir mal, vierten Bier einstellt. Sagt der Atheist: »Pass auf, es ist ja nicht so, dass ich keine guten Gründe hätte, nicht an Gott zu glauben. Es ist nämlich nicht so, dass ich noch nie mit Gott oder Gebeten experimentiert hätte. Letzten Monat erst bin ich weit weg vom Camp in so einen fürchterlichen Schneesturm geraten, ich konnte nichts mehr sehen, hab mich total verirrt, vierzig Grad unter null, und da hab ich’s gemacht, ich hab’s probiert: Ich bin im Schnee auf die Knie und hab geschrien: ›Gott, wenn es dich gibt, ich stecke in diesem Schneesturm fest und sterbe, wenn du mir nicht hilfst!‹«

Der religiöse Mann in der Bar schaut den Atheisten ganz verdutzt an: »Na, dann musst du jetzt doch an ihn glauben«, sagt er. »Schließlich sitzt du quicklebendig hier.«

Der Atheist verdreht die Augen, als wäre der religiöse Typ der letzte Depp: »Quatsch, Mann, da sind bloß zufällig ein paar Eskimos vorbeigekommen und haben mir den Weg zurück ins Camp gezeigt.«

Diese Geschichte lässt sich unschwer einer geisteswissenschaftlichen Standardanalyse unterziehen: Ein und dieselbe Erfahrung kann für zwei verschiedene Menschen unterschiedlichen Sinn haben, wenn die beiden über verschiedene Glaubensschablonen verfügen und auf verschiedene Weisen aus Erfahrungen Sinn konstruieren. Da Toleranz und Glaubensvielfalt uns so viel bedeuten, würden wir in unserer geisteswissenschaftlichen Analyse niemals zu behaupten wagen, die Interpretation des einen Mannes sei wahr und die des anderen falsch oder schlecht. Was ja gut und schön ist, nur reden wir dann auch nie darüber, wo die jeweiligen Schablonen, der jeweilige Glaube herkommt, will sagen, wo im Inneren der beiden Männer diese ihren Ort haben. Als wäre die grundlegende Sicht eines Menschen auf die Welt und den Sinn seiner Erfahrungen irgendwie automatisch in ihm verdrahtet wie Körper- oder Schuhgröße, oder als würden sie wie die Sprache von der Kultur vorgegeben. Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung.

Hinzu kommt die Arroganz.

Der nicht religiöse Mann ist absolut und unausstehlich selbstsicher im Abtun der Möglichkeit, dass die Eskimos etwas mit seinem Stoßgebet zu tun haben könnten. Wobei es zugegebenermaßen auch viele religiöse Menschen gibt, die ihrer Interpretationen auf arrogante Weise sicher sind. Sie sind wahrscheinlich noch abstoßender als die Atheisten, zumindest für die meisten hier Anwesenden, aber Tatsache ist, dass religiöse Dogmatiker dasselbe Problem haben wie der Atheist in der Geschichte – Arroganz, blinde Gewissheit, eine Engstirnigkeit, die wie eine Gefängniszelle so absolut ist, dass der Häftling nicht mal merkt, dass er eingesperrt ist.

Ich glaube, das geisteswissenschaftliche Mantra, »das Denken zu lernen«, läuft im Grunde darauf hinaus, dass ich ein bisschen Arroganz ablege, ein bisschen »kritisches Bewusstsein« für mich und meine Gewissheiten entwickle … denn das Zeug, dessen ich mir automatisch sicher bin, erweist sich großenteils als total falsch und irreführend. Ich habe das auf die harte Tour gelernt, und ich fürchte, das werden Sie nach Ihrem Abschluss auch tun müssen.

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben für die komplette Unrichtigkeit von etwas, dessen ich mir automatisch sicher bin. Meine unmittelbare Erfahrung stützt meine tief sitzende Überzeugung, dass ich der absolute Mittelpunkt des Universums bin, der echteste, lebendigste und bedeutendste existierende Mensch. Wir denken selten über diese natürliche, grundlegende Selbstzentriertheit nach, weil sie sozial so abstoßend ist, aber im Grunde ist sie bei uns allen so ziemlich gleich. Sie ist unsere Standardeinstellung, die mit der Geburt in unseren psychischen Festplatten verdrahtet wird. Überlegen Sie mal: Sie haben nie eine Erfahrung gemacht, bei der Sie nicht im absoluten Mittelpunkt standen. Die Welt, die Sie erfahren, liegt vor Ihnen oder hinter Ihnen, links oder rechts von Ihnen, auf Ihrem Fernseher, Ihrem Monitor oder sonst wo. Die Gedanken und Gefühle anderer Leute müssen Ihnen irgendwie kommuniziert werden, aber Ihre eigenen sind unmittelbar, zwingend und wirklich. Sie wissen schon, was ich meine.

Bitte haben Sie keine Angst, ich will Ihnen hier keine Predigt über Mitgefühl, Außenorientiertheit und all die anderen sogenannten »Tugenden« halten. Es geht nicht um Tugend – es geht vielmehr darum, ob ich diese angeborene, fest verdrahtete Standardeinstellung irgendwie ändern oder überwinden möchte, diese tief sitzende und im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehende Ichbezogenheit, deretwegen wir alles durch die Linse des Selbst sehen und interpretieren. Menschen, die ihre angeborene Standardeinstellung auf diese Weise anpassen können, werden oft als »gut angepasst« beschrieben, und meiner Meinung nach ist dieser Begriff kein Zufall.

Da wir uns hier in den heiligen Hallen der Wissenschaft befinden, stellt sich nun natürlich die Frage, inwiefern diese Anpassung unserer Standardeinstellung der Bildung oder des Intellekts bedarf. Die nicht weiter überraschende Antwort lautet, dass das von der Art besagter Bildung abhängt.

Das vielleicht Gefährlichste an einer akademischen Bildung ist – zumindest in meinem Fall –, dass es die Neigung zur Überinterpretation verstärkt. Ich verliere mich in Abstraktionen, statt auf das zu achten, was sich vor meiner Nase abspielt. Statt auf das zu achten, was sich in mir abspielt. Wie Sie alle garantiert längst wissen, ist es äußerst schwer, geistig rege und aufmerksam zu bleiben und sich von dem ständigen Monolog im eigenen Kopf nicht einlullen zu lassen. Sie wissen aber noch nicht, was bei diesem Kampf alles auf dem Spiel steht. In den zwanzig Jahren seit meinem eigenen Uni-Abschluss habe ich langsam, aber sicher begriffen, wie hoch dieser Einsatz ist, und verstanden, dass das geisteswissenschaftliche Klischee, einem »das Denken beizubringen«, in Wirklichkeit die Abkürzung einer sehr tiefen und wichtigen Wahrheit ist. »Selber denken lernen« heißt in Wirklichkeit zu lernen, wie man über das Wie und Was des eigenen Denkens eine gewisse Kontrolle ausübt. Es heißt, selbstbewusst und aufmerksam genug zu sein, um sich zu entscheiden, worauf man achtet, und sich zu entscheiden, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert. Denn wenn Sie als Erwachsene diese Entscheidung nicht treffen wollen oder können, sind Sie angeschmiert.

Denken Sie mal an das alte Klischee, der Geist sei »ein ausgezeichneter Diener, aber ein schrecklicher Herr«. Oberflächlich betrachtet ist das nur ein weiteres lahmes und banales Klischee, aber auf den zweiten Blick birgt es eine große und schreckliche Wahrheit. Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken. Und ich behaupte, dass es beim wahren, nicht verscheißernden Wert Ihrer geisteswissenschaftlichen Ausbildung darum gehen sollte: Wie gelingt einem ein angenehmes, gut situiertes und respektables Erwachsenendasein, ohne dass man tot, gedankenlos und tagein, tagaus ein Sklave des eigenen Kopfes und der angeborenen Standardeinstellung wird, die vorgibt, dass man vor allem total auf sich allein gestellt ist? Das mag sich nach Übertreibung oder abstraktem Stuss anhören. Werden wir also konkret. Es ist eine schlichte Tatsache, dass Sie heute, am Tag Ihres Abschlusses, noch keine blasse Ahnung haben, was »tagein, tagaus« wirklich bedeutet. Über weite Teile des Erwachsenenlebens in Amerika spricht rein zufälligerweise kein Mensch in Abschlussreden. Teilweise besteht dieses Leben nämlich aus Langeweile, Routine und banaler Frustration. Ihre Eltern und die älteren Anwesenden werden nur zu gut wissen, was ich meine.

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