Harter Fall

Einblicke Liam Gallagher spricht über die ein wenig schwierige Zeit nach der Auflösung seiner letzten Band "Beady Eye" und die schließlich dann doch darauf folgenden Arbeiten an seinem ersten Soloalbum
Harter Fall
Foto: Warner Music

Rock’n’Roll ist, anders als Boxen, nicht für großartige Comebacks bekannt. Ein paar Fehltritte und dann heißt es für gewöhnlich: Leb wohl, ein schönes Leben noch, wer warst du noch gleich? Von Zeit zu Zeit jedoch verliert ein musikalischer Schwergewichts-Champion eine Runde, nur um später noch stärker wieder zurückzukommen. David Bowie beispielsweise durchlief vor seiner Wiedergeburt eine lange Brachzeit. Paul Weller hatte einige holprige Jahre, bevor er als Solokünstler Fuß fasste. Nun gesellt sich eine dritte epochemachende Stimme in die Liste von Champions, die zurückkehrten, um ihren Gürtel zurückzuerobern: Liam Gallagher.

Nachdem sich Beady Eye 2014 offiziell aufgelöst hatten, fand sich Liam zum ersten Mal seit 20 Jahren außerhalb der Blase einer organisierten Rockband mitsamt dem dazugehörigen Management-Apparat wieder. Er fiel hart. Plötzlich einfach nur noch ein normaler Typ („einfach nur eine normale absolute Legende“, stellt er klar), galt es zu erwägen, was er nun tun sollte. Für eine Weile spielte er mit dem Gedanken, nach Mallorca zu ziehen und den „’Sexy Beast’-Style“ irgendwo am Pool in der Sonne zu leben. Er fuhr ein paar Mal in den Urlaub. Er ging viel joggen. Er gönnte sich einige Bierchen. Und er ließ sich scheiden. Und als all das vorüber, warf er einen tiefen Blick in den Spiegel und erinnerte sich, wer er ist und was er tut. Er ist Liam Gallagher, Sohn von Peggy Gallagher aus Burnage, Manchester, der beste Sänger und Frontmann seiner Generation. Und so entschied er sich, wieder mit dem Singen und Songschreiben zu beginnen. Mallorca konnte warten.

Als er wenig später zu Hause in London in seinem eigenwilligen Stil auf einer Gitarre herumspielte, überraschte er sich selbst damit, dass er einen Song schrieb. „Ich bin definitiv kein Profi darin“, sagt er, ganz bescheiden. „Es ist eher so der Frankenstein-Ansatz. Aber ich vermute mal, jeder hat so seinen Weg. Selbst Paul McCartney setzte sich nicht einfach hin und schrieb auf Anhieb ‚Hey Jude’.“

Der Song, den er schrieb, war ein gewichtiger Klumpen aus Soul-Rock mit dem Titel „Bold“ – und stark genug, um ihm einen Plattenvertrag bei Warner einzubringen. Der Anfang war also gemacht. Schließlich hatte er einen ganzen Schwung Songs beisammen, die er zunächst als Demos mit einem Multi-Instrumentalisten namens Dan McDougall in London aufnahm, bevor er begann, Producer und Co-Schreiber zu treffen. „Warner Bros. fragte mich: ‚Wärst du offen für ein bisschen Co-Writing?’ Ich entgegnete in etwa: ‚Hab ich noch nie gemacht, wieso nicht?’“. Er flog nach L.A., traf einige der Kandidaten, so richtig klickte es dann jedoch mit Greg Kurstin. „Greg Kurstin spielte mir ein paar Ideen vor, wir unterhielten uns, tauschten einige Ideen aus, ordneten sie, und bevor wir es uns versahen, hatten wir weitere Songs im Kasten. Ich bin so überrascht wie alle anderen, dass es funktionierte, aber die Songs, die wir machten, sind top.“

Zu diesen Stücken gehört auch Liams erste Single als Solokünstler, „Wall Of Glass“. Wenn man eine Gleichung all jener Elemente aufstellen sollte, die die frühen Oasis-Singles so apokalyptisch gut machten, also gewaltige Wellen von Gitarren-Hooks + eine Melodie, die man ewig nicht mehr abschütteln kann + ein donnernder Rhythmus + Liam Gallaghers Stimme, die einen eingängigen Refrain abliefert –, so fügt sich „Wall Of Glass“ nahtlos in diese Reihe. Man kann sich nur schwer auf eine Zeit besinnen, in der Liam jemals besser gesungen hätte – es ist, als hörte man ihn zum ersten Mal, dieselbe sehnsuchtsvolle Drohgebärde, die am Ende des Refrains von „Supersonic“ Millionen von Herzen gewonnen hatte. Seine Stimme ist definitiv auf den Punkt.

„Nun ja“, stimmt er fast zu. „Ich bin ein guter Sänger, Mann! In neun von zehn Fällen sitzt das Ding. Im Studio erst recht. Da hab ich noch nie eine Note verkackt.“

Die Aufnahmen für das Album fanden an zwei Orten mit zwei Produzenten statt: In L.A. mit Greg Kurstin, der auf den vier von ihm produzierten Songs zudem sämtliche Instrumente spielte („Wall Of Glass“, „Paper Crown“, „Come Back To Me“ und das poppig-psychedelische Sausen von „It Doesn’t Have To Be That Way“). Und in London mit Dan Grech-Marguerat. Zu den Musikern der London-Sessions bei Snap in Finsbury Park gehörten Mike Moore an der Gitarre, Keyboarder Martin Slattery und Dan McDougall an den Drums. Moore und McDougall werden auch in seiner Liveband spielen, neben Bassist Drew McDonnell.

Der Sound, den sie in diesen Sessions zusammenbrauten und die am Ende sein Soloalbum „As You Were“ ergeben sollten, sind exakt wie man gehofft hätte, dass ein Soloalbum von Liam Gallagher klingen würde: die klassischen 60er/70er-Einflüsse, denen er wie eh und je ein Update für das Hier und Jetzt verpasst hat. Liam stimmt zu. „Ich wollte nie etwas neu erfinden oder auf eine Space-Jazz-Odyssee abdriften. Es ist der Lennon-‚Kalter Entzug’-Vibe, The Stones, die Klassiker. Aber eben jetzt und auf meine Weise interpretiert.“

Einer der Aspekte der Songs, die sein Debütalbum ergeben, ist, dass sie allesamt eine Bestimmung haben. Es gibt kein Speckpolster, nichts zum Wegschneiden. Sie scheinen allesamt an jemanden oder etwas gerichtet, um Dinge richtigzustellen oder seine Seite der Geschichte zu erzählen, sei es das schwungvolle, Bo-Diddley-artige „Greedy Soul“, das jemanden einäschert, der der „ungrateful dead” ist, oder die Mega-Ballade „For What It’s Worth“, die Liam mit Simon Aldridge von Cherry Ghost schrieb und die mit dem rauschendsten Refrain von „As You Were“ aufwartet. „Ich wollte eine Abbitte schreiben“, sagt Liam. „Nicht an eine Person, sondern an jeden, weil ich nicht gut darin bin, mich zu entschuldigen. Dieser Song ist eine Haltung.“

„Einige der Songs haben ein bisschen was von ‚fuck you’“, fährt er fort. „Ich weiß, wovon ich schreibe. Einfach Schwachköpfe im Allgemeinen. Abgesehen von dem einen, der aus der Reihe fällt und von Leuten handelt, die ich mag. Davon gibt es allerdings nicht allzu viele.“

Liam scharrt bereits mit den Hufen, die Songs öffentlich zu singen. „Ich bin bereit. Ich bin mehr als bereit. Ich will wieder da rausgehen und allen zeigen, was sie vermisst haben. Ich dachte, es würde jemand des Weges kommen und die Dinge regeln, während ich damit beschäftigt war, nichts zu tun. Aber nein: kein einziger. Ich vermute mal, dann ist es wohl an mir ... wieder einmal.“

15:34 06.10.2017

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