Zeit und Wandel

Biographie Während seiner ganzen Karriere hat sich David Bowie immer wieder neu inspirieren lassen und somit auch neu erfunden, was ihn über die Zeit zu einer der einflussreichsten Figuren des Pop machte
Zeit und Wandel
Foto: Sony Music

David Bowie wurde 1947 als Sohn von Haywood Stenton Jones, genannt "John" und Margaret "Peggy" Mary Burns im Londoner Stadtteil Brixton geboren. Die Eltern hatten während der Kriegsjahre ein unruhiges Leben geführt, beide hatten bereits Kinder und suchten nun mitten in ihren Dreißigern nach Ruhe. Die Familie lebte in Brixton in einfachen, aber gesicherten Verhältnissen. Das Klima in der Familie prägte Schweigsamkeit. Bowie sagte dazu 1993 in einem Interview: "Meine Kindheit war nicht glücklich. Nicht, dass es brutal zugegangen wäre, aber ich hatte eine ganz bestimmte Art britischer Eltern: Sie waren ziemlich unterkühlt, und man nahm sich nicht oft in den Arm". David war ein schüchternes und höfliches Kind. Ab Anfang der 1950er Jahre stieg die Familie sozial auf. Im Winter 1953 zog sie in den Mittelklasse-Vorort Bromley, in dem Bowie von nun an aufwuchs. Ihn beeindruckte ein Fernseher, den man angeschafft hatte. Er selbst wurde zum Vehikel des Statusstrebens der Eltern, die auf seine ordentliche Kleidung und ein adrettes Äußeres sehr viel Wert legten. Eine besonders enge Bindung hatte David zu seinem älteren Halbbruder Terry von der Mutterseite, der ebenfalls im Haus lebte. Terry liebte seinen kleinen Bruder, David wiederum verehrte den älteren, emotionalen und rebellischen Terry. Die zwei Kinder wurden von den Eltern sehr unterschiedlich behandelt; während man David verwöhnte, wurde Terry meist nur mit kühler Freundlichkeit behandelt und oft ignoriert.

Im Alter von neun Jahren begegnete David dem Rock ’n’ Roll, durch seinen Vater, der ihm seine ersten Singles schenkte. Über die erste von diesen, Little Richards Tutti Frutti, sagte er später: "Ich hatte Gott gehört." Außer seinen Eltern förderte auch sein Bruder Terry das in David erweckte Interesse, indem er ihn mit US-Beat-Poeten und dem Jazz bekanntmachte. Terry nahm den damals 13-jährigen mit zu Konzerten im Londoner Unterhaltungsviertel Soho. 1962, im Alter von 15 Jahren, sang Bowie unter dem Künstlernamen Dave Jay in der Gruppe The Kon-Rads und spielte dort auch Saxophon. Die Band nahm im August 1963 für Decca eine von Bowie mitkomponierte Single mit dem Titel I Never Dreamed auf, das Lied blieb jedoch erfolglos und Bowie verließ die Gruppe. 1964 nahm er seine erste eigene Single Liza Jane auf, die ebenfalls erfolglos blieb. Über die 1960er-Jahre sammelte er Erfahrungen als Sänger und Musiker in verschiedenen weiteren Bands wie den Manish Boys oder den Lower Third, die alle keine größere Bekanntheit erlangten. 1967 arbeitete er mit dem britischen Pantomimen Lindsay Kemp zusammen, dessen Einfluss sich in den folgenden Jahren in Bowies Bühnenshows zeigen sollte. Der schüchterne Bowie begann durch diese Erfahrungen sehr vielseitige Ausdrucksweisen zu entwickeln, welche im Verlauf seiner weiteren Karriere in verschiedenen Images und Outfits kulminierten, zum Beispiel in den Figuren Major Tom, dem Außerirdischen Ziggy Stardust, Aladdin Sane, dem Thin White Duke oder Nathan Adler.

David Bowie hat sich Zeit seines künstlerischen Schaffens von vielfältigen Einflüssen westlicher, aber auch außerwestlicher Kultur inspirieren lassen – sowohl in Bezug auf Image als auch Musik. Zu Beginn seiner Karriere orientierte er sich vor allem an moderner Beatmusik, aber auch der britischen Tradition des Novelty-Songs. Zudem interessierte er sich für die US-amerikanische Avantgarde-Band The Velvet Underground und die Proto-Punk-Band The Stooges aus Detroit.

Durch Lindsay Kemp wurde er mit einer bestimmten Schule der Pantomime bekannt, die unter anderem auch Bezüge zum japanischen Kabuki-Theater hatte. Elemente aus diesem benutzte er in den 1970er-Jahren immer wieder für seine Bühnenshow. Ebenfalls fasziniert ist er von der Ästhetik der Transvestiten und der homosexuellen Avantgarde, besonders in der New Yorker Subkultur. Zunächst orientierte er sich an der Ästhetik von Charakteren aus dem Umfeld von Andy Warhol, an denen er seine Figur Ziggy Stardust formte. Später, 1979, förderte er die Karriere von Klaus Nomi, indem er in einer großen US-amerikanischen Fernsehshow gemeinsam mit dem bis dahin nur in Insiderkreisen bekannten Sänger auftrat.
Mit seinem Umzug in die Vereinigten Staaten 1973 begann er sich verstärkt für Soul-Musik zu interessieren, besonders für die Stilrichtung, die aus Philadelphia kam und als Phillysound bezeichnet wird. Dieser Einfluss wurde zuerst auf dem Album Diamond Dogs hörbar und prägt das Album Young Americans (1975). Spätestens seit 1974 entwickelte er auch ein starkes Interesse an deutscher elektronischer Musik von Kraftwerk und Neu! und der Musik von Steve Reich. Dieses spiegelte sich zunächst auf dem Album Station to Station wider, und kommt in der so genannten Berlin-Trilogie voll zur Geltung, die im Zusammenwirken mit Brian Eno wegweisend für die weitere Entwicklung der elektronischen Musik wurde.

David Bowie wird als einer der einflussreichsten Künstler - und bis Anfang der 1980er-Jahre auch Vorreiter - seiner Zeit im Bereich zeitgenössischer populärer Musik angesehen. Dies ist auf seine über Jahrzehnte gegebene Schaffenskraft mit großer musikalischer Bandbreite (Rock mit Ziggy Stardust und Diamond Dogs, Jazz-Stilelementen mit Aladdin Sane, Soul mit Young Americans und Black Tie, White Noise, elektronisch konzertant mit Low - wie Heroes sinfonisch vertont durch Philip Glass - und 1. Outside) zurückzuführen. Die stärkste kulturelle Wirkung erzielte Bowie mit seiner Kunstfigur Ziggy Stardust. Deren Image beeinflusste Punk-, Independent- und New-Romantic-Musiker von Steve Strange bis Morrissey. Madonna gibt an, dass ein von ihr im Alter von 14 Jahren besuchtes Ziggy-Stardust-Konzert ihr Leben veränderte.

Sein Spiel mit sexueller Identität und Geschlechterrollen in den 1970er-Jahren, das er am Image der bizarren Entourage Andy Warhols seit den späten 1960er-, frühen 1970er-Jahren entwickelt hatte, war zunächst eine treibende Kraft in der Entwicklung des Glam Rock und wurde auch von nachfolgenden Künstlern aufgenommen. Er half damit, sexuelle Uneindeutigkeit auch im Mainstream salonfähig zu machen.

Am 10. Januar 2016, zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung des Albums "Blackstar", starb David Bowie nach Mitteilung des belgischen Theaterregisseurs Ivo van Hove an Leberkrebs. Der Öffentlichkeit verschwieg er die Erkrankung, die 18 Monate vor seinem Tod bei ihm erstmals diagnostiziert wurde.

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Teile dieses Textes basieren auf dem Artikel David Bowie aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung).

12:21 08.01.2016

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