Luft holen

Einblicke Nach drei Jahren kreativer Pause verabredeten sich Sänger David Draiman und Gitarrist Dan Donegan zum Abendessen – und fingen plötzlich an, wieder gemeinsam Songs zu schreiben
Luft holen
Foto: Warner Music

Vor jedem Sturm kommt die Ruhe. Dieses Innehalten ist notwendig, um zu gegebener Zeit die richtige Energie zu finden, mit der die Elemente für einen Sturm neu entfacht werden. „Die Idee war, zu gehen, wenn es am schönsten ist – genau das haben wir getan – und zurückzukommen, wenn die Zeit reif ist“, betont Sänger David Draiman. „Es war alles strategisch durchdacht. Wir wollten eine Möglichkeit schaffen, durchzuatmen – für uns selbst und unsere Fans – und der Kultur die Chance geben, sich weiterzuentwickeln. Jetzt ist es soweit. Das Umfeld fühlt sich richtig an. Die musikalische Landschaft fühlt sich richtig an. Wir sind bereit.“

„Wir waren im Grunde seit 1998 nonstop auf Sendung“, erklärt Schlagzeuger Mike Wengren. „Wir mussten uns einfach mal unseren eigenen Dingen widmen. Es dauerte jedoch nicht lang, bis es uns wieder juckte“. „Wir wollten zurückkehren, wenn wir gemeinsam wieder dieses Feuer in uns spüren“, fügt Gitarrist Dan Donegan an. „Wir haben es so sehr vermisst, dass wir die rückgewonnene Energie sogleich wieder anzapfen und das richtige Album abliefern konnten. Wir haben nach unseren eigenen Regeln gearbeitet.“

Dieses Album, „Immortalized“ [Reprise] war anfangs das bestbehütete Geheimnis in der Karriere der Band. 2013 veröffentlichte Draiman ein Top-15-Album mit dem selbstbetitelten Debüt von Device , während Donegan und Wengren Fight or Flight mit „ A Life By Design?“ ins Leben riefen. Im Anschluss an die jeweiligen Erfolge entschieden Draiman und Donegan im Januar 2014, sich zum Abendessen zu verabreden. Ohne ihre Familien, Freunde oder das Label in Kenntnis gesetzt zu haben, weckten sie in diesem Moment den schlafenden Riesen. Anstatt sich danach schlicht Emails mit Ideen zu schicken, flogen sie für jede Schreibsession zwischen ihren jeweiligen Homestudios hin- und her. Zum ersten Mal seit 2001 schrieben sie auf diese Weise wieder gemeinsam Songs.

„Als die Band sich gegründet hat, lebten wir alle in der selben Stadt“, erinnert sich Mike. „Wenn wir schrieben, konnten wir also immer gemeinsam im selben Raum sein. Das änderte sich später, weil wir nicht mehr in den selben Bundesstaaten leben. Ohne Frage ist die Chemie und Interaktion eine andere, wenn wir uns gegenseitig befruchten. Wir gaben uns einen Ruck, dies wiederaufleben zu lassen.“

„Wir wollten zurückkehren an den Punkt, bevor die Technologie es möglich machte, von überallher her im Land etwas zu kreieren“, merkt David an. „Wir waren wieder in diesem Bewusstseinszustand, spielten Ideen hin und her und gaben ihnen Raum, sich an Ort und Stelle zu entwickeln. Für dieses Album wurde alles in ein- und demselben Raum geschrieben. Es war ein wunderbares Erlebnis zu spüren, wie es sich früher einmal für uns anfühlte. Das merkt man auch dem Material an, von der Leidenschaft in der Performance über die gebündelte Kraft bis hin zu den von uns heraufbeschworenen Gefühlen. Wir alle spürten den Unterschied.“

Um diesen „Unterschied“ auf Band zu haben, begaben sie sich zu Hideout Recordings in Las Vegas, um mit Produzent Kevin Churko [Ozzy Osbourne, Five Finger Death Punch] zu arbeiten. Es ist ihre erste Zusammenarbeit, und Churko pushte die Musiker, neue musikalische Gefilde zu erkunden.

„Wir waren uns einig, dass es an der Zeit war, einem unbeteiligten Ohr zu vertrauen und zu schauen, ob jemand etwas aus uns herausbekommen könnte, was wir selbst nicht konnten“, fährt Donegan fort. Das Ziel war es, einen Produzenten zu finden, mit dem wir uns alle kreativ wohl fühlen, der uns zugleich aber auch herausfordern und eine neue Entwicklung entfachen konnte. Churko tat genau das. Die Chemie stimmte von Anfang an. Wir waren bereit, Dinge zu verändern.“

Im Juni 2015 wagt sich die Band mit einem großen kreativen Knall aus der Deckung – der ersten Single „The Vengeful One“. Disturbed sind damit offiziell zurück. „The Vengeful One“ ist der perfekte Weckruf für dieses nächste Kapitel: Beginnend mit einem bombastischen Drumbeat und einem durchdringenden Riff, fletscht es seine Zähne mit einem kompromisslosen Metal-Refrain, der einen augenblicklich packt.

„’The Vengeful One’ ist im Grunde die Personifizierung von ‚The Destroyer’, der Engel des Todes, Gabriel, oder die Hand Gottes, die über die Menschheit wacht“, erklärt Draiman. „In dem Song ist das Ende der Welt nah. Die Dinge verschlimmern sich, und wir werden immer selbstzerstörerischer. Die Medien spielen jeden gegeneinander aus und plagen die ganze Welt. Es ist der Jüngste Tag. Es ist die Stimme der Allgemeinheit, die spricht und ein Urteil fällt.“

„Ich wollte einen großen, weitläufigen Beat vorlegen, der uns allen Raum zum Spielen lässt“, fährt Wengren fort. „Es ein wenig ungewohnt für uns, doch der Song hat die charakteristische Synkopierung, die wir lieben.“

„Musikalisch hat es diesen Old-School-Metal-Sound“, lächelt Donegan. „DAS ist definitiv Disturbed!“

Der instrumentale Opener „The Eye of the Storm“ geht in den hochgradig ansteckenden und aufrührerischen Titeltrack über, der von schnellen Rhythmen und brütenden Leads getragen wird. Mitten auf dieser Achterbahnfahrt mischt „The Light“ ein eindringliches Keyboard mit robusten Gitarren und einem turmhohen Gesang.

„Die Message von ‚The Light“ ist eine positive“, betont Draiman. „Die meisten Menschen fürchten sich vor den ‚dunklen’ Phasen und Erlebnissen in ihrem Leben. Doch genau diese dunklen Phasen sind manchmal der notwendige Weg, den wir wählen müssen, um gewissermaßen ’The Light’ zu sehen.

In ihrer Tradition unkonventioneller Cover nahmen sich Disturbed für „Immortalized“ den Simon & Garfunkel-Klassiker „The Sound of Silence” vor. Anstatt es jedoch einfach zu verstärken, entschieden sie sich für eine andere Richtung, bei der sie sich von Draimans klassischer Ausbildung und Donegans Hang für Arrangements leiten ließen. Mit seiner orchestralen Weite, den akustischen Leads und dem packenden Vortrag sticht es aus dem gesamten Katalog der Band heraus.

„Wir wollten nicht einfach Davids Gesang mit lauten, aggressiven und verzerrten Gitarren übertünchen“, so Donegan. „Wir wollten seine Verletzlichkeit zeigen und einen anderen Zugang finden. Die Streicher und Geigen geben ihm viel Tiefe. Es könnte die Leute schockieren, weil wir einen komplett neuen Weg beschreiten. Doch wir haben getan, was sich richtig anfühlte und haben unsere Vision durchgezogen.“

Disturbed sind sich seit ihrer Gründung stets treu geblieben. Ihr vierfach Platin-veredeltes Debüt „The Sickness“ (2000) markierte offiziell ihre Ankunft als führende Hard-Rock-Band. Im Laufe ihrer Karriere haben sie eine Grammy-Award-Nominierung in der Kategorie „Best Hard Rock Performance” für „Inside The Fire“ (2009) erhalten und neun No.1-Singles im Active Rock Radio gelandet, zugleich verkauften sie weltweit mehr als 12 Millionen Alben. „Immortalized“ wird seinem Titel gerecht werden und dieses Erbe weiter festigen.

„Ich denke, die Fans werden spüren, dass sich das Warten gelohnt hat“, befindet Donegan. „Wir haben das Album das letzte Jahr über geplant und geheim gehalten, so dass wir es jetzt kaum abwarten können, die Reaktionen zu erfahren. Ich hoffe, die Fans merken, dass wir noch eine Menge mehr in uns haben. Für mich stellt dieses Album ganz klar den Beweis dar. Fast 5 Jahre weg zu sein, sich dann in einen Raum zu begeben, zu schreiben und dieses Feuer zu verspüren, ist fantastisch. Ein Teil von mir wollte gar nicht mehr raus aus dem Studio! Und wir haben noch so viel mehr zu sagen, so viel mehr zu tun. Wir kehren stärker denn je zurück. Ich denke, das zeigt "Immortalized" sehr deutlich.“

„Ich kann es kaum erwarten, dass es jeder hört“, sagt auch Wengren. „So viele Fans haben danach verlangt und ich hoffe, ihre Antwort wird sein: ‚Genau darauf haben wir gewartet!’“

Draiman sagt abschließend: „Ich will einfach nur, dass die Leute rausgehen und IMMORTALIZED ihnen Kraft gegeben hat. Das ist alles. Dafür haben wir dieses Album geschrieben.“

Rick Florino , Mai 2015

12:57 02.12.2016

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