Interessanter Mix

Biographie Als Kind einer multikulturellen Musikerfamilie scheinen sowohl die Affinität zur Musik selbst wie auch die Neigung zum Beschreiten neuer kreativer Wege dem Multitalent in die Wiege gelegt zu sein
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Foto: Universal/Alex Sturrock

Jamie Cullum wurde im Jahr 1980 in Malmesbury in der britischen Provinz Wiltshire geboren. Er stammt aus einer multikulturellen Familie – der Vater kommt aus Jerusalem, die Mutter aus Burma, die noch dazu eine große Affinität zur Popmusik hat. Denn die Eltern, der Onkel und der Großvater spielen gemeinsam in einer Coverband mit den Namen "The Impact" und der kleine Jamie darf sich bald dazu setzen und selbst ein paar Akkorde am Klavier drücken. Allerdings ist er, wie die meisten Teenager, kein Freund von langen Übungen und Proben und so wendet er sich erst einmal vom Klavier ab, um das vermeintlich coolere Element Gitarre zu spielen. Im Kopf schweben ihm Soli wie das von Eddie van Halen auf Michael Jacksons "Beat It" herum. Cullum ist 13 Jahre alt.

Allerdings muss er bald feststellen, dass auch das Piano einiges zu bieten hat. Vor allem Oscar Petersons swingende Geläufigkeit hat es ihm angetan. Auf der einen Seite also hört er den Grunge von Nirvana und den Rock von Soundgarden, auf den anderen durchstöbert er die Plattensammlung seiner Eltern nach wirklich lässigen Aufnahmen der Vergangenheit. Er beginnt, von neuem Ehrgeiz angespornt, eifrig zu üben, steigt dann während seiner frühen Universitätsjahre bei Oldtime-Combos in Oxford ein und ist bald in Bars und Kneipen, Hotels und auf Hochzeiten, ja sogar auf Kreuzfahrtschiffen zu hören. Cullum lernt durch die Praxis und entwickelt in rasantem Tempo seine eigene Vorstellung von Entertainment.

Schließlich hat er das Geld zusammen, um eine eigene CD zu produzieren, nimmt Heard It All Before auf und vertickt die Auflage von 700 Stück erfolgreich bei Konzerten. Eines dieser Alben landet darüber hinaus auf dem Tisch des britischen Candid-Labels, das durchaus beeindruckt von dem Potential des Jungen anno 2001 sein Debüt Pointless Nostalgic in größerem Rahmen produziert. Cullum, gerade mal 20 Jahre alt, arrangiert sich mühelos mit den Forderungen des großen Business, eigene Songs wie "I Wanna Be A Popstar" setzen sich ironisch mit seinen Träumen auseinander.

Schließlich schafft er es tatsächlich, in die Hitparaden zu gelangen. Im Jahr 2003/4 veröffentlicht die Universal Cullums drittes Album Twentysomething und es trifft den Geschmack der Menschen. Ungemein authentisch covert er Songs vom Broadway bis Jimi Hendrix, vermischt sie mit seinen eigenen Klangvorstellungen und macht daraus einen musikalischen Cocktail, der sich vom Songwritertum und dem Pop der Gegenwart ebenso inspirieren lässt wie von den swingboppenden Stimmungen der Old Lions.

Cullum wird zum Jungstar des Business, von manchen als männliches Gegenstück zu Norah Jones, von anderen wieder als neuer Frank Sinatra gepriesen. Er selbst sieht sich dabei in keine Schubladen gepresst. Denn er hat mit den Oldtimer in Oxford ebenso gespielt wie mit jungen Rockkollegen, die Kategorisierungen sind ihm schnuppe. Sein Ziel ist ein durchaus jugendliches: Er will Spaß haben und der lässt sich nicht auf irgendeinen Stil beschränken.

Als 2009 dann The Pursuit erschien, hatte sich seine Liebe zur Musik endgültig verselbständigt, denn er tourte nun wirklich unablässig um die ganze Welt, begeisterte mit seinen Konzerten die Leute selbst in den hintersten Ecken. Kurzum: Die Musik war sein Leben. Und sein Leben war spannend, es war gut. Und dann: wurde er Vater. Ein glücklicher, strahlender Vater. Als seine Frau Anfang 2011 die erste Tochter der beiden zur Welt brachte, war der Multiinstrumentalist und Sänger zunächst einmal aus dem Häuschen, überwältigt, sprachlos. Er hatte Sophie Dahl, bekannt als Autorin und Model, im Jahr davor geheiratet, und schon hatten sie also Familienzuwachs zu verzeichnen: Wie bitte kann einen ein derartig einschneidendes Erlebnis nicht inspirieren und auf neue Ideen bringen?

Auf seinem sechsten Album Momentum begegnet man einem Jamie Cullum, der offensichtlich mit sich im Reinen ist – aber auch ganz verspielt und neugierig unterschiedliche Einflüsse auslebt und austestet. Vieles ist neu: Er hat zum ersten Mal gemeinsam mit seiner Live-Band Aufnahmen gemacht; er hat zum ersten Mal den Großteil der Songs selbst geschrieben, wobei auch sein Bruder Ben teilweise dabei mitgewirkt hat. Und er hat sich zum ersten Mal auf die locker aufgenommenen Home-Recordings verlassen, als es um die Fertigstellung der finalen Versionen ging. Dazu waren Kassettenrekorder und iPhone-Apps zwischenzeitlich seine wichtigsten "Instrumente". Und so ist es wohl auch das erste Cullum-Album, das größtenteils im Schlafanzug entstanden ist.

11:42 10.05.2013

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