Dieses Interview erschien am 01.12.2023 im Berliner Tagesspiegel und wurde geführt von Birgit Rieger. Link zum Original: https://www.tagesspiegel.de/kultur/kunstler-tomas-saraceno-im-interview-rambazamba-ist-eine-inspiration-fur-die-welt-10856179.html
Das Theater Rambazamba und Tomás Saraceno bringen eine Karnevaleske auf die Bühne. Ein Gespräch über warme Jacken und wie man im Theater Gewohnheiten loswerden kann
„Aerocircus“ heißt ein Stück, das das inklusive Theater Rambazamba in Zusammenarbeit mit Kunst-Superstar Tomás Saraceno bei den Berliner Festspielen auf die Bühne bringen wird. „eine circensische karnevaleske mit planwagen entgegen aller linearitäten“, so der Untertitel des Stücks. Schauplatz ist die ökologisch verwüstete Erde, die der Mensch längst aufgegeben und verlassen hat. Aber – wie schön – es gibt Optionen.
Akrobaten, Clowns und Seiltänzerinnen, dargestellt von Menschen mit und ohne Behinderung, tauchen auf und schließen Freundschaft mit dem ruinierten Planeten. Tomás Saraceno, bekannt für schwebende, begehbare Sphären, Installationen in luftigen Höhen und seine Zusammenarbeit mit Spinnen, arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Ökologie und Architektur. Wie also erging es ihm im Theater?
Herr Saraceno, Sie stellen sonst in großen, internationalen Museen aus oder durchfliegen die Lüfte mit selbstentworfenen C02-freien Ballons. Ist das Ihr erstes Bühnenbild?
Nicht ganz, ich habe schon mal mit dem Ballett de Loriane in Lyon zusammengearbeitet.
Wie hat die Zusammenarbeit mit Rambazamba angefangen?
Ich habe vor einigen Jahren ein Stück von Rambazamba gesehen. Ich war begeistert und es blieb mir lange im Kopf. Der Intendant Jacob Höhne hat mich gefragt, ob ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könnte.
Das Stück heißt Aerocircus, Ihr Projekt, bei dem sie an emissionsfreien Flugobjekten forschen, heißt Aeroscene. Wieviel von Ihnen steckt in dem Stück?
Das Stück ist von Thomas Köck. Aber er war auch beeinflusst von Aeroscene. Wir haben unsere Ideen zusammengeworfen und wussten teilweise auch nicht genau, wo wir hinwollen. Es war ein lebendiger Prozess.
Was war Ihr Ziel?
Ich wollte in einen Dialog treten, mit den Schauspielern, mit dem Intendanten, mit dem Theater. Ich wollte etwas machen, was keiner von uns allein zustande bekommt. Was mich seit meinem ersten Besuch bei Rambazamba fasziniert hat, ist, dass bei ihnen die Rollen nicht klar verteilt sind, es gibt keine klare Trennung zwischen Schauspieler und Publikum. Man weiß nie genau, wer spielt und wer nicht, wer zum Publikum gehört und wer nicht. Man weiß auch nicht, ob es Theater ist oder echtes Leben. Damit wollte ich arbeiten.
Erzählen Sie von dem Prozess.
An einem Tag haben wir uns gemeinsam den Saal der Berliner Festspiele angesehen, der ja ganz anders ist als der Theaterraum von Rambazamba. Die Festspiele haben diese große, runde Drehbühne. Einige der Schauspieler haben sich bei dem Termin hingekniet, weil sie wissen wollten, was unter dieser rotierenden Bühne abging. Sie haben mich darauf hingewiesen, dass es Spinnen und Spinnnetzen im Theater gibt. Sie haben in meinem Studio zuvor die Spinnen gesehen, die dort leben und mit mir arbeiten. Wir begannen, diese losen Enden zu verweben und kamen auf die Idee, die Spinnen unter der Bühne mit in das Stück einzubeziehen.
Inwiefern?
Ich wollte Theater mit anderen Augen betrachten, mit den Augen von Rambazamba und aus vielen weiteren Blickwinkeln; etwa aus dem der Spinnen, die im Theater leben. Warum auch nicht! Sie sind schon viel länger auf der Erde als der Mensch.
Wie sieht denn das Bühnenbild aus, das Sie gestaltet haben?
Das Wichtigste ist gar nicht auf der Bühne zu finden. Es gibt keine Hauptbühne. Das Geschehen verteilt sich im ganzen Theater. Sie werden nie in der Lage sein alles zu sehen. Mag sein, Sie sind am richtigen Ort zur richtigen Zeit, oder sie verpassen etwas. Das bringt die Idee der Präsenz zurück ins Theater.
Klingt unbequem, im Sessel zurücklehnen kann man sich also nicht.
Nein, und es wird noch unbequemer, eine weitere Idee ist nämlich, dass es beim Einlass keine Garderobe gibt. Die Dinge, die sie im Winter vor der Kälte schützen, können Sie nicht einfach weglegen. Im Theatersaal denken Sie also ans Klima und an das Wetter, ihnen ist warm oder kalt. So nehme ich außerdem ganz subtil Einfluss auf das Kostüm.
Sie fungieren also nicht nur als Bühnenbildner, sondern auch als Dramaturg, als Regisseur, als Kostümbildner?
Ich habe vorgeschlagen, die Rollen zu tauschen. Die Schauspieler machen das Bühnenbild, ich werde Schauspieler, usw.. Das ist der Denkanstoß, den ich einbringe: Was würden wir machen, an der Stelle von jemand anderem? Das lässt sich auf den Klimawandel übertragen. Wir nehmen an, wenn wir unsere Gewohnheiten ändern, können wir das Klimaproblem verändern. Wir testen also in diesem Stück, wie wir Gewohntes ändern und wie wir aufmerksam werden, für die Welten von anderen, nicht nur für die von anderen Menschen, sondern auch für die von Tieren und Pflanzen. So wie ich mich für die Netze der Spinnen interessiere, spinne ich hier Netze mit anderen Menschen.
Trotzdem gibt es einiges im Raum, das an Ihre Kunst erinnert, oder?
Es wird zwar einige schöne, spiegelnde Sphären im Raum geben, aber es geht um die Art des Zusammenseins, nicht um die Objekte. Alle werden das Theater durch den Hintereingang betreten und treffen sich zu Beginn am selben Ort. Das ist großer Unterschied. Sie sind Teil der Szenografie, Sie sind das Bühnenbild. Dadurch bringen wir jeden einzelnen ins Zentrum der Szene. Jeder nimmt an der Arbeit teil, so wie wir an der Welt, an Politik, Gesellschaft, Ökologie teilnehmen und dem nicht aus dem Weg gehen können.
In dem Stück treffen sich Akrobaten, Seiltänzerinnen, Clowns und Pantomimen auf einem überhitzten Planeten. Die Truppe begreift die ökologisch verwüstete Erde als künstlerische Herausforderung. Könnten wir den Planeten besser retten, wenn wir künstlerisch rangehen?
Ich glaube nicht, dass eine Disziplin die Welt retten kann. Jeder kann etwas beitragen. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten ein Netz zu spinnen, nicht den einen Weg. Das kann man von den Spinnen lernen. Wir sollten interdisziplinär mit allen Spezies zusammenarbeiten.
Können Sie bei Ihren Installation in wichtigen Museen genauso frei denken?
Wir denken immer frei und realisieren neue Ideen, aber ich möchte etwas zum Begriff der Freiheit sagen. Der Umgang innerhalb des Rambazamba-Ensembles, der Respekt, der dort herrscht – das ist Freiheit. Das kann eine Inspiration sein für die Welt.
Was hat Sie noch inspiriert?
Das Ensemble kam zu mir ins Atelier als ich meinen Geburtstag gefeiert habe. Sie haben mir sehr hübsche Geschenke zum 50. mitgebracht.
Was zum Beispiel?
Ein sehr schönes Bild, außerdem Cremes und ein Shampoo. Ich wasche mir seitdem die Haare damit. Ein fantastisches Shampoo. Es sind Dinge, die ich niemals erwartet hätte. Sehr wahrhaftige Geschenke. Sie erinnern mich daran, dass wir frei sein können und in der zwischenmenschlichen Begegnung mit nichts hinterm Berg halten müssen.