Der maritime Kontinent

Leseprobe "Dabei wären die geographischen Voraussetzungen für eine dezidiert europäische 'maritime domain awareness' durchaus günstig, denn Europa ist der maritime Kontinent schlechthin."
Der maritime Kontinent
Foto: Deutsches Historisches Museum/Siesing

„Da liegt von langen Kais eingefaßt, wie die Indianerinseln von Korallenriffen, unsere Inselstadt der Manhattoes. Über die brandende See nimmt der Handel seinen Weg. Rechts und links laufen die Straßen nach dem Meere zu. Betrachte dir die Massen von Menschen, die ins Wasser starren! Mache an einem langweiligen Sonntagnachmittag einen Bummel durch die Stadt! Wenn du von Corlears Hook nach Coenties Slip und von da über Whitehall nach Norden gehst, siehst du nichts als Tausende von Menschen, die wie schweigsame Posten dastehen und traumverloren in das Meer hinausstarren. Sie haben sich gegen die Holzpflöcke gelegt, sie sitzen auf den Molenköpfen, sie sehen über die Bollwerke der Schiffe, die von China kommen, und wieder andere sehen hoch über die Takelage hinweg, um einen möglichst weiten Blick auf das Meer zu haben. Alle sind Landratten. Wochentags haben sie mit Holz und Mörtel zu tun, da sind sie an Ladentische gebunden, an Bänke genagelt oder an Pulten befestigt. Was soll das bedeuten? Sind denn die grünen Felder nicht mehr da? Was tun sie hier? Aber es kommen noch mehr Menschen. Sie gehen dicht an das Wasser heran, als wollten sie hineintauchen. Seltsam! Keiner begnügt sich mit einem Platz, wenn es nicht die äußerste Landseite ist; im Schutz der schattenspendenden Warenspeicher zu hocken, würde ihnen nicht gefallen. Sie müssen so nahe wie möglich an das Wasser heran, nur gerade, daß sie nicht hineinfallen. Von Straße und Promenade, von Gasse und Allee kommen sie von allen Himmelsgegenden herangeströmt. Hier versammelt sich alles. Bewirkt das die magnetische Anziehung der Kompaßnadel auf den Schiffen oder woher kommt es?“

ZUR EINFÜHRUNG

Europa, das Meer und die Welt.
Reflexionen über einen neuen Zugang zur Europäischen Geschichte

Jürgen Elvert

Das obenstehende Zitat aus dem ersten Kapitel von Herman Melvilles „Moby Dick“ zeigt, dass das Meer ebenso wie Häfen und Hafenstädte die Zeitgenossen bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts faszinierten. Und Melville erinnerte seine Leser daran, dass maritime Dinge die Menschheit schon immer in ihren Bann gezogen hätten: „Warum war den alten Persern das Meer heilig? Warum schufen die Griechen einen besonderen Gott des Meeres und ließen ihn den Bruder von Zeus sein?“ Dafür, dass das Meer mitsamt seiner Hafenstädte und Häfen der Menschheit seit jeher als von großer Bedeutung erschien, gibt es zahllose Beweise in der Literatur, in der Malerei, in der Musik oder in der Architektur. So stehen immerhin zwei der sieben Weltwunder in der Antike in enger Verbindung mit Hafenstädten – Der Koloss von Rhodos und der Leuchtturm von Alexandria. Hafenstädte waren die Ausgangspunkte der Reisen antiker Seefahrer und Kaufleute, auf denen sie den europäischen Küstenverlauf erschlossen und so den Kontinent entdeckten. Im Mittelalter war Europa umgeben von einem dichten Netz maritimer Handelswege, die maßgeblich zur Sicherung von Wohlstand und Fortschritt des europäischen Kontinents beitrugen. Das Rückgrat der spanischen, portugiesischen, niederländischen, französischen und britischen Imperien war das Meer als Brücke von Europa nach Außereuropa sowie die an den Küsten gelegenen Hafenstädte als Anker- und Umschlagplätzen nicht nur für Waren, sondern auch für Information und Wissen. Dieser Befund gilt bis heute: Ohne das Meer und die Häfen würde auch die heutige Weltwirtschaft nicht funktionieren.

Trotzdem waren die Befunde, die auf einer Hamburger Konferenz zum Thema „Maritime Defense and Security“ getroffen wurden, eher ernüchternd. Einer der Referenten brachte die Problematik auf den Punkt, als er feststellte: „Sadly there isn' t much credit given for waters, people or vessels protected and violence deterred at sea. Out of sight at sea means out of mind ashore and as a consequence the man in the street does not recognize his maritime dependency.“ Diese Diagnose scheint auch auf unser heutiges Verständnis von der Bedeutung von Meer, Häfen und Hafenstädten für unser tägliches Leben zuzutreffen. Bestenfalls lässt sich ein freilich zumeist gering ausgeprägtes Verständnis für die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung des Meeres sowie von Häfen und Hafenstädten feststellen. Aber wenn es darum gehen sollte, die verschiedenen Ebenen der Bedeutung von Häfen für die jeweilige Geschichte, Gesellschaft, Kultur oder Architektur von Städten, Regionen oder Nationen zu bestimmen, tendiert unser einschlägiges Wissen gegen Null, von der gesamteuropäischen Bedeutung des Meeres und der Häfen ganz zu schweigen.

Unbestritten ist, dass es heute bereits in großem Umfang Hafenforschung gibt. Allerdings ist diese zumeist beschränkt auf bestimmte Einzeldisziplinen wie Ortsgeschichte, Soziologie, Ökonomie oder Verkehrswissenschaften. Interdisziplinäre Forschungsansätze auf diesem Gebiet sind dagegen rar gesät, sowohl als Einzelfallstudien als auch als breiter und komparativ angelegte Untersuchungen. Sicher gibt es immer Ausnahmen von der Regel, auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaften freilich zählt dieses Thema bis heute zu den so gut wie gar nicht erforschten Themen, schon gar nicht im europäischen oder globalen Kontext. Dabei kann beispielsweise die Geschichte Europas auch vom Meer her geschrieben werden. Hier wäre Hafenstädten die Rolle von Knotenpunkte eines europäischen und globalen maritimen Netzwerks beizumessen. Denn wie Flughäfen oder Bahnhöfe sind auch Häfen weit mehr als bloße Ballungsräume von Menschen und Waren. Sie sind vielmehr kulturprägende Orte, die nicht nur persönliche Identitäten stiften, sondern auch grenzüberschreitende Begegnungen und Erfahrungen beispielsweise auf sprachlichem oder sozialem Gebiet ermöglichen.

In den Kulturwissenschaften hat sich in den letzten drei Jahrzehnten in Folge des sog. „Cultural Turns“, der kulturwissenschaftlichen Wende eine Art Diskursgemeinschaft entwickelt, in der lebhaft über neue Wege und neue Erkenntnispotentiale gestritten wird. Dieser Diskurs ist auch in den Geschichtswissenschaften auf ein deutlich hörbares Echo gestoßen, die Zahl der einschlägigen Arbeiten in den letzten Jahren beachtlich angewachsen. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick hat in ihrer Studie über Cultural Turns sieben verschiedene Richtungen und einen Meta-Turn ausgemacht, die sich in den Kulturwissenschaften etablieren konnten: den Linguistic Turn als Meta-Turn, weil mit ihm gleichsam alles begann, dann den Interpretive Turn, den Performative Turn, den Reflexive bzw. Literary Turn, den Postcolonial Turn, den Spatial Turn sowie den Iconic Turn.

Aus der Perspektive der Geschichtswissenschaften erscheinen zwei Ansätze von besonderem Interesse: der Postcolonial Turn und der Spatial Turn. Seit Edward Saids provokativer Orientalismus-Studie aus dem Jahre 1978 konnten Arbeiten aus dem Bereich der Postcolonial Studies viele neue Erkenntnisse zutage fördern und mit den Subaltern oder Regional Studies neue Forschungsbiete eröffnen, neue Perspektiven aufzeigen und insgesamt zumindest in den daran beteiligten Wissenschaften eine größere Aufgeschlossenheit für globale Zusammenhänge wecken. Aber trotz des „Hype“ um Said oder auch Dipesh Chakrabarty, der, von den Subaltern Studies kommend, sich wohl als derzeit wichtigster Vertreter des Postkolonialismus etabliert hat, haben kritische Analysen gezeigt, dass die argumentative „Unterfütterung“ sowohl der „Orientalismus-“ als auch der „Provinzialisierungs“-Thesen eher schwach waren. Said hatte einige ausgewählte französische und britische Orientalisten als „Kronzeugen“ angeführt, um zu zeigen, dass „der Westen“ (also Europa und die USA) Orientalismus-Forschung primär als Instrument zur Etablierung westlicher politischer Macht im Orient genutzt hätten. Chakrabarty nutzte eine regionale Studie aus Bengalen, um Differenzen zwischen europäischem Denken und außereuropäischer Erfahrung mit diesem Denken aufzuzeigen. Damit wollte er seine These von der Relativierung des europäischen Einflusses im globalen Rahmen untermauern.

So gesehen, haben zwei eher gewagte Forschungsthesen aus den Kulturwissenschaften die europäische Geschichtsschreibung in die Defensive gedrängt, indem sie die Rolle Europas im globalen Kontext auf reine Machterhaltungsstrategien reduzierten bzw. mit Hilfe des Provinzialisierungstopos relativierten. Damit jedoch wird ein schiefes Bild von der Rolle gezeichnet, die Europa und die die Europäer im globalen neuzeitlichen Kontext gespielt haben. Der postkoloniale Ansatz läuft Gefahr, verzerrte Bilder und Erkenntnisse zu produzieren, insbesondere im Hinblick auf den europäischen Einfluss bei der Gestaltung der modernen Welt. Ich bin der Ansicht, dass ein großer Teil der postcolonial Studies heute die Bedeutung außereuropäischer Faktoren überschätzen und dabei den komplexen Prozess außer Acht lassen, der den europäischen Ausgriff nach Übersee seit dem 15. Jahrhundert kennzeichnet. Dessen Besonderheit sind die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen europäischen und außereuropäischen Ebenen, die einerseits den nicht-europäischen Raum geprägt haben, andererseits aber auch deutlich sichtbare Rückwirkungen auf die Gestalt Europas und die europäische Zivilisation hatten.

Eine dem gegenwärtigen Forschungsdiskurs entsprechend angemessene Analysemöglichkeit dieser Faktoren bietet der akteursorientierte Ansatz (agency-approach), der unter anderem vom indischen Soziologen Homi Bhabha und seinem US-amerikanischen Kollegen Stephen Greenblatt und anderen entwickelt wurde. Agency bedeutet hier die selbstbestimmte Aktivität des Einzelmenschen, aber auch von Gruppen und Gemeinschaften. Hierbei wird der Aspekt der Selbstbestimmtheit solcher Aktivitäten betont und damit die Gefahr der Produktion von deterministischen Bildern und teleologischen Prozesses ganz erheblich reduziert, in denen die Akteure, also die Menschen, als bloße Erfüllungsgehilfen übergeordneter Prozesse in Erscheinung treten. Allerdings gilt es, den agency-Ansatz durch neuere Erkenntnisse zu ergänzen. Da nämlich Bhabha das Prinzip der Zufälligkeit zu einem Kernelement menschlicher Aktionen und Reaktionen erklärt – er spricht in diesem Zusammenhang von der activity of the contingent, der Aktivität des Zufälligen –, wäre sein Ansatz, für sich genommen, als Maßstab für den europäischen Einfluss auf die Welt und den Einfluss der Welt auf die Entwicklung der europäischen Zivilisationen ungeeignet.

Wenn wir jedoch mit Dietmar Rothermund den agency-Ansatz ergänzen mit neueren Erkenntnissen aus den Natur- und Gesellschaftswissenschaften, denen zufolge jedes im Prinzip offene System dazu tendiert, sich selber zu organisieren, dann bietet sich m. E. ein methodisch und hermeneutisch vielversprechender Zugang zu unserem Betrachtungsgegenstand. In diesem spielt auch der europäische Griff nach der Welt seit dem 16. Jahrhundert als ein Spiegel für die Entwicklung der europäischen Gesellschaft(en) unter dem Einfluss der Kontakte mit nicht-europäischen Zivilisationen eine bedeutende Rolle. Die europäische Expansion seit dem 16. Jahrhundert und die damit verbundenen Folgen für Europa und die Welt erscheinen hier als ein prinzipiell offenes System, in dem nicht nur die „Anderen“ verändert, sondern Europa und die Europäer selber grundlegend verändert wurden.

So wäre Europas Griff nach der Welt und dessen Konsequenzen in der Tat als eine activity of the contingent zu verstehen, freilich verbunden mit einem inhärenten Selbstorganisationsprinzip, die in einem komplexen und dynamischen Prozess sowohl Europa als auch weite Teile der Welt ständig verändert haben. Es gilt also, die Grundmuster dieses Prozesses herauszuarbeiten und dessen Mechanismus zu erklären, da dieser die Welt von heute geformt hat. Mit diesem Ansatz dürfte es in der Tat gelingen, unser heutiges Verständnis vom globalen Einfluss Europas in der neuzeitlichen Geschichte angemessen zu erklären. Darüber hinaus eignet sich dieser Ansatz ausgezeichnet dazu, um die Selbstentdeckung Europas seit der Antike herauszuarbeiten, schließlich verlief dieser Prozess ähnlich wie der der Entdeckung der Welt.

Ich komme damit zum zweiten, für die Geschichtswissenschaften im Allgemeinen und unser Vorhaben im Besonderen wichtigen Zweig des Cultural Turns, dem Spatial Turn. Ein kurzer Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses neuen Raum-Paradigmas zeigt, dass der Begriff Spatial Turn erstmals im Jahre 1989 eher zufällig und vergleichsweise unspezifisch in einem Buch des nordamerikanischen Humangeographen Edward Soja auftauchte. Aber auch wenn gerade in der Geographie auch weiterhin heftig die Nutzung des Spatial Turn als Forschungsparadigma kritisiert wird – schließlich handelt es sich bei der Geographie um die Raumwissenschaft par excellence – erlebte der Begriff seither eine Erfolgsgeschichte in den Kulturwissenschaften und hat zwischenzeitlich sogar die Theologie und Organisationslehre erreicht. Aus der Sicht der Geschichtswissenschaften kann diese Erfolgsgeschichte nicht überraschen, schließlich stellt der Raum doch neben der Zeit eine der zentralen Kategorien geschichtswissenschaftlicher Forschung dar, die freilich infolge des Missbrauchs der Geopolitik durch den Nationalsozialismus lange Zeit tabuisiert war. Das änderte jedoch nichts daran, dass die Geschichtswissenschaften den Raum benötigen, um aussagekräftige Ergebnisse zu präsentieren. Als ein gutes Beispiel für die Bedeutung des Raumes für die Historiographie sei hier Karl Schlögels „Im Raum lesen wir die Zeit“ angeführt. In diesem und in anderen Werken hat Schlögel maßgeblich dazu beigetragen, das Raumparadigma für die deutsche Geschichtswissenschaft wieder hoffähig zu machen, indem er es vom Ballast des nationalsozialistischen Missbrauchs befreite und ihm eine gänzlich andere Bedeutung verlieh. Umso verblüffender ist es, dass er dem größten Raum der Erde, dem Meer, der immerhin mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche bedeckt, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Zwar beginnt Schlögel mit Reflexionen über Alexander von Humboldts Schiff und Navigation, allerdings beziehen sich seine Ausführungen hauptsächlich auf die Schiffsausrüstung, die Ausstattung von Humboldts Kabine und die Schwierigkeiten, wissenschaftliches Neuland zu erschließen.

Hier sind nun die für unser Vorhaben wichtigen Begriffe eingeführt: die Methode, der zeitliche Horizont und der Raum – in unserem Fall führt das zu der Frage, welche Bedeutung das Meer in der europäischen Geschichte und für die Stellung Europas in der Welt gespielt hat und weiterhin spielt.

Warum plädiere ich überhaupt für die Nutzung der maritimen Perspektive, für einen Maritime Turn in den Geschichtswissenschaften? Etwa 70% der Erde sind von Wasser bedeckt, 80% der Weltbevölkerung lebt an oder in der Nähe von Meeren (bei steigender Tendenz) und ca. 90% des Welthandels wird über See transportiert. Diese 70-80-90-Faustregel dient dem Pentagon als Begründung für die globale Präsenz der US-Navy, also dem Schlüsselwerkzeug, das seit etwa einem Jahrhundert wesentlich zur Sicherung der globalen Macht der USA beiträgt. Sie ist Ausdruck einer ausgeprägten maritimen domain awareness zumindest der amerikanischen politischen, militärischen und wissenschaftlichen Eliten im Sinne eines hochentwickelten Verständnisses für das das Meer, dessen Spezifika und dessen Bedeutung in geopolitischer, strategischer und ökonomischer Hinsicht für die USA. Dieses ausgeprägte Meereswissen ist begründet im fest im amerikanischen kollektiven Gedächtnis verankerten Wissen um die Bedeutung des Meeres in der eigenen Geschichte und für die eigene Kultur. Schließlich war es der Atlantik, über den seit der Entdeckung des Kontinents Millionen von Menschen mehr oder weniger freiwillig von Europa und Afrika fuhren, um dort seit dem 16. Jahrhundert die heutige US-amerikanische Gesellschaft zu formen. Und spätestens seit dem 19. Jahrhundert war es dann der Pazifik, den es, zunächst als „frontier“, zu erreichen und anschließend, im Zeitalter des Hochimperialismus, zu beherrschen galt.

Ein vergleichbar weit verbreitetes Wissen um die Bedeutung des Meeres für Europa insgesamt sucht man hierzulande bis heute vergebens. Die nationalstaatliche Ordnung des Kontinents bestimmt auch weiterhin die kollektive Selbstwahrnehmung der Europäerinnen und Europäer als Angehörige einer bestimmten Nation mit einer jeweils eigenen Geschichte und Kultur. Dabei wären die geographischen Voraussetzungen für eine dezidiert europäische maritime domain awareness durchaus günstig, denn mit einer Küstenlänge von über 110.000 km bei einer Grundfläche von rund 10,5 Millionen qkm ist Europa der maritime Kontinent schlechthin. Diese simple geographische Tatsache steht freilich in einem erstaunlichen Missverhältnis zu einer ausgeprägten sea blindness vieler Europäerinnen und Europäer im Sinne einer Indifferenz in Bezug auf die Bedeutung des Meeres für sie, für ihre Geschichte, ihre Gegenwart und auch die Zukunft des Kontinents, unabhängig davon, ob es um die nationale oder eine europäische Wahrnehmung der See geht. Diese sea blindness spiegelt sich auch in den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Hier dominiert bis heute, dem spatial turn zum Trotz, die Sichtweise vom Land her. Es scheint so, als ob gerade die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften nach wie vor „festen Boden unter den Füßen“ brauchen, um belastbare Erkenntnisse gewinnen zu können.

Diese Feststellung ist umso erstaunlicher, als die Natur-, Geo- und Wirtschaftswissenschaften schon seit Längerem die Bedeutung des Maritimen für die menschliche, also auch für die europäische Zukunft erkannt haben. Ob als Rohstoff-Vorratslager, als Hort schier unerschöpflicher regenerativer Energie, als Nahrungsmittelreservoir einer weiter wachsenden Weltbevölkerung, als Haupttransportwegenetz des Welthandels: Die Bedeutung des Meeres erscheint in einschlägigen Spezialuntersuchungen beinahe ebenso grenzenlos wie das Meer selber. Freilich sind Spezialuntersuchungen meist etwas für Spezialisten, sie werden von einer breiteren Öffentlichkeit daher kaum zur Kenntnis genommen. Auch ist in diesem Zusammenhang der Begriff „grenzenlos“ nur noch unter Vorbehalt zu verwenden. Er spiegelt die von Hugo Grotius im 17. Jahrhundert geprägte Auffassung vom Mare liberum und muss daher heute schon fast als Anachronismus betrachtet werden, weil, wie weiland von Selden in seiner Antwort auf Grotius empfohlen, weltweit Staaten versuchen, ihren Einfluss auf Meeresräume jenseits der 12- oder 200-Meilenzonen auszudehnen.

Im Gegensatz zur Politik stehen die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften maritimen Dingen bis heute mit einer bemerkenswerten Indifferenz gegenüber. Insofern sei an dieser Stelle die Forderung gestellt, dass sich auch die Kulturwissenschaften im Allgemeinen und die Geschichtswissenschaften im Besonderen stärker mit maritimen Fragestellungen befassen sollten – und zwar von vornherein aus einer dezidiert europäischen Perspektive. Nur so, denke ich, lässt sich auf Dauer das allgemeine gesellschaftliche Wissen um die Bedeutung des Meeres erweitern und vertiefen und, damit einhergehend, eine größere gesamtgesellschaftliche Aufgeschlossenheit gegenüber entsprechenden Fragestellungen erreichen.

Für die Geschichtswissenschaften bietet die Nutzung der maritimen Perspektive eine Vielzahl neuer Perspektiven. Dabei kann und darf es nicht nur um bereits heute zumindest von Spezialisten bearbeitete Themenfelder wie Schifffahrts- oder Werftengeschichte gehen. Auf diesem Gebiet sind schon in der Vergangenheit respektable Arbeiten vorgelegt worden. Hier wären insofern lediglich neuere Forschungsansätze zu berücksichtigen, die, im räumlichen Sinne, komparatistisch angelegt sind, oder, im methodischer Hinsicht, verstärkt trans- und interdisziplinäre Aspekte berücksichtigen. Schon damit wäre eine „Europäisierung“ entsprechender geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis gewährleistet. Schließlich nimmt „das Meer“ gleichsam die Rolle eines Bindeglieds zwischen Europa und der Welt ein, denn von Europa aus wurde die Welt von See her erschlossen, zum anderen wurden die in Übersee gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen über See nach Europa transportiert, um hier wiederum wirksam zu werden und die „alte Welt“ und ihre Bewohner selber zu verändern. So gesehen, begann die „Amerikanisierung“ Deutschlands in der Tat nicht 1945, sondern schon im 18. Jahrhundert mit der Verbreitung der Kartoffel, die ja bekanntlich über See nach Europa transportiert wurde.

Darüber hinaus gilt es, neue Perspektiven aufzuzeigen und daraus neue Fragestellungen zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sei beispielsweise auf die Bedeutung von Hafenstädten und Häfen aus geschichtswissenschaftlicher Sicht verwiesen, und zwar im europäischen Vergleich. Hafenstädte müssen als „Knoten“ oder „Relaisstationen“ in einem globalen Netzwerk verstanden werden, in dem es um Handel, um Kommunikation, um Wissenstransfer, um Kulturaustausch, aber auch um politische und ökonomische Macht geht. Am Beispiel von Hafenstädten lassen sich so kurz-, mittel- und langfristige Entwicklungsprozesse und räumliche wie sachliche Zusammenhänge herausarbeiten, die zugleich der Bedeutung des Maritimen angemessen Rechnung tragen. In Bezug auf die Geschichte Europas wird dies unser entsprechendes Wissen zwar nicht revolutionieren, freilich in einer bislang so nicht gekannten Weise neu ordnen und damit neue Sichtweisen eröffnen, neue Zusammenhänge aufzeigen und so zugleich einen Beitrag leisten für eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber der Bedeutung des Meeres in der und für die europäische Geschichte. Freilich wird es dabei keine eindeutige Antwort geben, die Geschichtswissenschaften sollten jedoch vor der Vieldeutigkeit der Erkenntnisse nicht zurückschrecken.

Denn zweifellos kann die Geschichte der europäischen Expansion, des Kolonialismus und des Imperialismus sich erst dann in vollem Umfang zeigen, wenn sie als ein europäisches Phänomen verstanden wird. Die nationale Perspektive verstellt den Blick auf die innereuropäischen Wechselwirkungen, auf die gesamteuropäische Dimension des Kolonialismus und somit letztlich auch auf dessen globale Dimension. Globalgeschichtliche Themen haben in den letzten Jahren in den Geschichts- und Kulturwissenschaften eine deutliche Aufwertung erfahren, eine Vielzahl neuer Perspektiven und Forschungsansätze wurde erprobt. Mittels Disziplinen übergreifender Fragestellungen wird versucht, ein ganzheitlicheres Bild von unserer Vergangenheit zu zeichnen, als dies bisher innerhalb der jeweils eigenen Disziplin möglich war. Analog dazu wird innerhalb der Geschichtswissenschaften der Suche nach inter- und transnationalen Zusammenhängen, nach Erklärungsansätzen für menschliches Verhalten und Handeln und nach der Bedeutung von Raum und Zeit für unsere Gegenwart wachsende Bedeutung beigemessen. Die Tragweite dieses Paradigmenwechsels wird dann besonders deutlich, wenn wir uns daran erinnern, dass insbesondere die Geschichtswissenschaft lange Zeit als eine Art „Legitimationswissenschaft“ des Nationalstaats galt. Eine Erklärung hierfür ist wohl in der Entwicklungsgeschichte des Fachs selbst zu finden. Die geschichtswissenschaftliche Methodik wurde gewissermaßen parallel zum modernen Nationalstaat europäischer Prägung erarbeitet, lange Zeit diente die Nation der Historiographie als Hauptreferenzrahmen, die ihrerseits den Nationalstaat historisch legitimierte. Demzufolge ließe sich das Konzept Benedict Andersons von den „Nationen als gedachter Gemeinschaften“ (imagined communities) durchaus zu „Nationen als gedachter und historisch legitimierter Gemeinschaften“ erweitern, zumal die historische Legitimation von Nationen trotz gegenläufiger Tendenzen auch heute noch tagtäglich stattfindet. Ich denke hier beispielsweise an Formen der Geschichtsvermittlung in Ausstellungen und Museen. Nationalmuseen müssen sich schon ex officio mit der Vergangenheit der jeweils eigenen Nation befassen, schließlich liegt ihr Auftrag in der Bewahrung, Pflege und Präsentation des kulturellen Gedächtnisses von Nationen. Damit jedoch prägen sie das Geschichtsbewusstsein ihrer Besucherinnen und Besucher, die ihrerseits wohl mehrheitlich von den Ausstellungen erwarten, dass sie ihr jeweiliges Vorwissen um die Besonderheiten der nationalen Geschichten bestärken und erweitern. Dieser Aufgabe gerecht zu werden und zugleich die jeweils präsentierte nationale Geschichte in einen trans- oder internationalen Kontext einzubetten, um zu zeigen, dass Nationen keineswegs isoliert handelnde Entitäten sind, sondern ihre Geschichte jeweils vor dem Hintergrund ihrer Einbettung in den internationalen Kontext betrachtet werden sollte, stellt eine schwierige Gratwanderung dar. Historische Phänomene werden auch heute noch üblicherweise als nationale Meistererzählungen präsentiert und tragen so zu einer weiteren Verfestigung eines primär am Nationalstaat ausgerichteten Geschichtsbewusstseins bei. Mangels alternativer Blickwinkel verlangt eine historisch interessierte Öffentlichkeit daher nach weiteren Narrativen aus der nationalen Perspektive, was wiederum eine Verfestigung des in erster Linie nationalstaatlich orientierten Geschichtsbewusstseins nach sich zieht. Die Rolle des Nationalstaates als primärer gesellschaftlicher Referenzrahmen bleibt damit unhinterfragt, obwohl in Zeiten allgemeiner Globalisierung dessen Öffnung für internationale Zusammenhänge dringend notwendig wäre. Die Aufgabe der Wissenschaft hingegen liegt darin, nach solchen alternativen Blickwinkeln zu suchen.

Die in diesem Band versammelten Beiträge möchten dazu beitragen, unseren Blick auf die Interdependenzen zwischen Europa und der Welt zu schärfen. Das Meer diente dabei seit den ersten europäischen Entdeckungsfahrten nach Übersee als Brücke zwischen der Alten und den Neuen Welten in Übersee, es war sogar die Voraussetzung dafür. In ihnen spiegeln sich die folgenden Prämissen, die während der Diskussionen über das Narrativ der gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin von den hier versammelten Autorinnen und Autoren entwickelt wurden:

1. Die Geschichte der europäischen Nationalstaaten kann nur vor dem Hintergrund ihrer internationalen Verflechtungen angemessen und verständlich dargestellt werden. Jede Form nationaler Geschichtsschreibung sollte somit immer auch ein Stück weit europäische bzw. Globalgeschichte sein.

2. In der Moderne, in etwa seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert, wurden die Geschichten der europäischen Staaten wie die Geschichte des europäischen Kontinents insgesamt entscheidend durch ihre globalen Verflechtungen geprägt.

3. Die globale Dimension der modernen europäischen Geschichte ist zum einen die Geschichte des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Sie muss zum anderen genauso jene Rückwirkungen erfassen, die von den Begegnungen zwischen Europäern mit jeweils „Anderen“ ausgingen.

4. Die ersten Begegnungen mit „Anderen“ waren anfangs mangels besseren Wissens zwangsläufig seitens der Europäer von Unverständnis geprägt. Die ersten Urteile über „Andere“ wurden daher üblicherweise auf der Grundlage des jeweils in Europa verfügbaren Wissens gefällt und gingen zumeist mit einer Abwertung des „Anderen“ einher. Diese buchstäblichen Vor-Urteile sind jedoch eher als Gradmesser europäischer Wissensdefizite zu verstehen denn als sachgerechte Urteile über Angehörige anderer Zivilisationen. Das gilt gleichermaßen auch für die „Anderen“. So erschienen den Chinesen jahrhundertelang alle Zivilisationen jenseits des eigenen Herrschaftsbereichs als „barbarisch“.

5. Diese Defizite im Urteilen wurden schon von Zeitgenossen erkannt, die ihrerseits Methoden entwickelten, um das bzw. die „Andere/n“ besser verstehen zu können. Die Entwicklung der europäischen Wissenschaftslandschaft und damit letztlich auch der europäischen Zivilisation der Moderne insgesamt ist somit von der Notwendigkeit stark beeinflusst, wenn nicht geprägt worden, die zahlreichen neuen, infolge der Begegnungen mit dem nicht-europäischen „Anderen“ nach Europa gelangten Informationen zu verstehen. Dies betrifft die Ausdifferenzierungen der Wissenschaften in Europa, ebenso die Aufnahme bestimmter nicht-europäischer Stilelemente in die neuzeitliche europäische Malerei oder Architektur.

6. Diese Begegnungen wurden ermöglicht und konnten nur gepflegt werden, weil es in Europa genügend Expertise im Hinblick auf Seefahrt und Schiffbau gab. Dieses maritime Know-How ist wiederum das Ergebnis eines weit in die europäische Antike zurückreichenden Entwicklungsprozesses. In dessen Verlauf entdeckten und vermaßen Seefahrer und Kaufleute die meisten europäischen Küstenlinien und -regionen. Sie lernten, durch gezielte Beobachtung natürlicher Verhältnisse oder durch Nutzung von eigens zu diesem Zweck entwickelten Instrumenten, sich in unbekannten Gewässern zurechtzufinden und zu bewegen. Überdies entwickelten sie neue Techniken zum Bau von Schiffen, die groß und stabil genug waren, um den Herausforderungen von langen Überseereisen standhalten zu können.

7. Im 15. Jahrhundert waren das notwendige geografische und navigatorische Wissen ebenso wie die technischen Voraussetzungen gegeben, um mit den überseeischen Entdeckungsfahrten beginnen zu können. Diese unterschieden sich von den vorangegangenen, eher zufälligen Kontakten einzelner Europäer mit nicht-europäischen Zivilisationen in aller Regel dadurch, dass ihnen ein – wenngleich vergleichsweise wenig ausgefeilter – Plan zugrunde lag, welcher die Erlangung ökonomischer Vorteile, die Erweiterung jeweils eigener politischer Einflußsphären und schließlich auch die Fortsetzung des Kampfes gegen den Islam vorsah.

8. Infolgedessen überzogen die Europäer die Welt mit einem dichten Netzwerk aus maritimen Handels- und Verkehrswegen zum Zwecke des Transports von Menschen, Gütern und Informationen. Über dieses Netz wurden europäische rechtliche Normen und moralische Werte in alle Teile der Welt transferiert, welche die weitere Entwicklung der davon betroffenen Regionen nachhaltig und bis in die Gegenwart beeinflussten. So wurden Eroberungen in Übersee üblicherweise nach europäischem Vorbild gestaltet. Das betraf nicht nur die räumliche Ordnung der unterworfenen oder neugegründeten Siedlungen und Städte, sondern bezog sich auch auf das geltende Recht und die christlich geprägten moralischen Maßstäbe, im Guten wie im Bösen.

9. Umgekehrt wurden, ebenfalls über das Meer, Informationen, Güter und Menschen aus Übersee nach Europa oder in andere Teile der Welt verbracht. So sorgte der Import von Nutzpflanzen in Europa nicht nur für eine Veränderung der Ernährungs- und Konsumgewohnheiten, sondern auch für eine nachhaltig veränderte europäische Kulturlandschaft insgesamt. Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die verschiedenen Formen des Orientalismus als Modeerscheinung, an die Entwicklung der europäischen Tee- oder Kaffeehauskultur oder an die mit dem Tabakkonsum verbundenen kulturgeschichtlichen Folgen, von der Einführung entsprechender Salons über die Erfindung der „Zigarettenlänge“ als neuer Zeiteinheit bis hin zur Verbannung aus dem öffentlichen Raum.

10. In diesem globalen Netzwerk bildeten und bilden Hafenstädte die zentralen Knotenpunkte. Hafenstädte waren und sind nicht nur Umschlagplätze von Menschen und Gütern, sondern auch Zentren maritimen Wissens, bezogen auf Schiffbau und Seefahrt und die damit verbundenen Voraussetzungen und Folgen. Hafenstädte sind die Orte, in denen Informationen aus dem Hinterland gesammelt wurden, wo man sie diskutierte, und gegebenenfalls auch modifizierte oder sogar transformierte, bevor diese dann in alle Teile der Welt weiterverbreitet wurden. Umgekehrt trafen Informationen aus Übersee zunächst in den europäischen Hafenstädten ein, wo sie ausgewertet werden konnten, bevor sie ins Hinterland weitergeleitet wurden. Sie konnten daher insbesondere in Hafenstädten ihre erste Wirkung entfalten. Und auch wenn deren Bedeutung als Schnittpunkte globaler Kommunikationslinien durch die Einführung moderner Kommunikationstechniken wie Telefon, Fax und Internet zurückgegangen ist, treffen Import- und Exportgüter weiterhin in Hafenstädten direkt aufeinander. Die typisch hafenstädtische Infra- und Sozialstruktur, die sich im Zuge der Entwicklung der europäischen Moderne herausgebildet hatte, bietet nach wie vor den am besten geeigneten Rahmen für den Umschlag dieser Güter und profitiert so weiterhin erheblich von dieser Rolle. Schon von ihrer Funktion her müssen Hafenstädte weltoffen angelegt sein. Diese Weltoffenheit spiegelt sich auch im Verhalten der hafenstädtischer Bevölkerung. Deren Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und dieses in vorhandene Strukturen, Denk- und Verhaltensmuster zu integrieren, in der Regel ausgeprägter ist als im Hinterland. Nicht von ungefähr haben sich zuvorderst Hafenstädte in der Geschichte immer wieder als Keimzellen intellektueller und kultureller Avantgarden erwiesen.

11. Soweit möglich, muss dem Handeln von Akteuren besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Waren es doch die Akteure, die mit den intendierten und nicht-intendierten Folgen ihres Handelns den Verlauf der europäischen und globalen Geschichte bestimmt hatten. Sicher handelten diese in ihrem jeweiligen zeitlichen und sozialen Kontext und standen somit unter dem Einfluss eines bestimmten und anerkannten Normen- und Wertekanons. Doch war dieser wiederum das Ergebnis vorangegangener, von Menschen geführter Diskurse, genauso wie deren Denken und Handeln spätere Wert- und Normensysteme prägen sollte. Die Fokussierung auf menschliches Handeln ist zudem dazu geeignet, den Verlauf der europäischen und Weltgeschichte der Moderne nicht als vorgezeichneten oder gar pfad-abhängigen Prozess anzusehen, sondern als von Zufälligkeiten geprägt. Akteure können Individuen sein, ebenso aber auch Gruppen von Individuen, die sich zur Verfolgung gemeinschaftlicher Interessen zusammengeschlossen oder einen institutionellen Rahmen gegeben haben.

12. Die Menschen und ihr Handeln formten die europäische Zivilisation, wie wir sie heute kennen. Ebenso nachhaltig beeinflussten sie den Verlauf der Weltgeschichte, jedoch nicht im Sinne einer „Europäisierung“ der Welt, sondern als Akteure in einem jahrhundertelangen und zumeist über das Meer geführten Austauschprozess. Dieser erscheint als eine Art Dialog zwischen Europa und der Welt, welcher die Gestalt der Welt dabei ebenso formte und prägte wie die Europas, und dergestalt Europa und die Welt in ein neues Verhältnis zueinander stellte, einander näher brachte. Das Meer diente dabei als das verbindende Element, welches die ehemals räumlich weitgehend voneinander getrennten Erdteile vernetzte und das Schicksal der auf ihnen lebenden Menschen miteinander verknüpfte. Dieser Globalisierungsprozess lässt nicht nur die europäische Zivilisation, sondern alle daran beteiligten Zivilisationen auf der Erde als maritime Zivilisationen erscheinen. Freilich scheint diese Erkenntnis anderswo auf der Welt heute deutlicher präsent zu sein als in Europa selbst.

15:42 05.07.2018

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Biographien Jürgen Elvert ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität zu Köln. Seine Frau Martina Elvert ist als Projektleiterin am Lehrstuhl für Europäische Geschichte ebendort tätig
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Einblicke Trotz seines mannigfaltigen Einflusses auf die Leben seiner Anrainer ist die tatsächliche Bedeutung des Meeres kaum im Bewusstsein der meisten Europäer verankert. Versuch einer Sammlung zum Thema
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Netzschau Stimmen aus dem Netz: "Man macht es sich meistens nicht klar, aber: Europa ist ein maritimer Kontinent. Mit 70.000 Kilometern Gesamtküstenlänge hat kein anderer Erdteil mehr Berührungspunkte mit dem Meer."